Yoroi kumi uchi

Gut gerüstet...

Taktik und Technik der japanischen Kriegskünste unterlagen in ihrer Geschichte einem stetigen Wandel. In keiner der heute noch existenten Koryu werden die Techniken auf genau die gleiche Art und Weise wie z.B. vor fünfhundert Jahren geübt und ausgeführt.Veränderte Bedingungen auf dem Schlachtfeld, hervorgerufen durch die Einführung neuer oder verbesserter Waffen oder durch die sich ändernde Kriegsführung, machten eine stetige Anpassung notwendig.

Einen wichtigen Zeitabschnitt im Hinblick auf die Veränderung hinsichtlich eben dieser Taktik und Technik vollzog sich mit dem Übergang in die Edo bzw. Tokugawa Periode. Dieser vorausgegangen war die als Sengoku Jidai („Zeit der kämpfenden Provinzen“, 1477 - 1573) bezeichnete Periode andauernder Bürgerkriege, die sich mit dem Sieg von Tokugawa Ieyasu bei Sekigahara (1600) ihrem Ende näherte*. Dieser Sieg war es, der auch den Grundstein für die Machtübernahme durch den Tokugawa Clan in Japan legte. Eine Macht, die für eine Zeitspanne von 270 Jahren in den Händen dieses Clans bleiben sollte.

Besonders beachtenswert ist diese 270 Jahre andauernde Periode „relativen Friedens“ deshalb, weil sich in dieser Zeit die Kriegskünste auf die neuen Begebenheiten in der Art einstellten, daß die Techniken, die ehemals auf den Schlachtfeldern zum Einsatz kamen, eine z. T. grundlegende Veränderung erfuhren. Bis dato waren die Techniken so konzipiert, daß sie dem Umstand des Tragens von Rüstungen Rechnung trugen, d.h. es wurden - um zum Erfolg zu kommen - genau die Körperregionen angegriffen, die durch die Rüstung am wenigsten geschützt waren.

Durch die Einigung Japans - unter der Führung des Tokugawa Clans - gehörten die großen Schlachten verfeindeter Fürsten der Vergangenheit an. Es war nun vielmehr so, daß die meisten Auseinandersetzungen aus Zweikämpfen oder Vendettas bestanden. Dieses „nicht mehr vorhanden sein von Krieg“ und damit auch die fehlende Notwendigkeit Rüstungen zu tragen, war auch der Grund dafür, daß sich die körperlichen Techniken der Kriegskünste zu verändern begannen. Die Körperhaltung wurde höher und aufrechter und auch die Anzahl der Punkte, die anzugreifen sich lohnte, wuchs.

Für unsere Betrachtungen, die sich mit dem Yoroi Kumi-Uchi (Yoroi ist eine Bezeichnung für die jap. Rüstung), also mit dem Zweikampf in Rüstung beschäftigen, ist deshalb besonders die Sengoku Periode von Belang.

Yoroi kumi uchi

Wie oben schon erwähnt, war die Sengoku Jidai geprägt durch Streitigkeiten der einzelnen Fürsten untereinander. Kriege waren sozusagen an der Tagesordnung. Im Gegensatz zu der während der Tokugawa (Edo) Periode aufkommenden Spezialisierung, war es für die Bushi in dieser Zeit lebensnotwendig sich mit den gebräuchlichsten Waffen dieser Epoche auseinander zusetzen. Nur wer sich der Stärken und Schwächen der verschiedensten Waffen bewußt war, konnte damit rechnen erfolgreich im Kampf zu bestehen.

Die damals bestehenden Ryu hatten also ein umfangreiches Curriculum, durch welches die Krieger (jap. Bushi) optimal auf den Ernstfall vorbereitet wurden (diese „kompletten“ Systeme bezeichnet man auch als Sogo Bujutsu). Neben der Handhabung der verschiedensten Waffen (Yari, Naginata, Katana etc.) war auch das Yoroi Kumi-Uchi Bestandteil der Ausbildung, das immer dann zum Einsatz kam, wenn der Krieger, durch welchen Umstand auch immer, auf dem Kriegsschauplatz seiner Waffen verlustig wurde.

Als Nahkampfsystem wird Yoroi Kumi-Uchi von Ringkampftechniken dominiert. Tritt- und Schlagtechniken sind so gut wie nicht vorhanden, da es nicht nur ineffektiv sondern für den Ausführenden geradezu gefährlich wäre, einen bewaffneten und in einer Rüstung steckenden Gegner mittels dieser Techniken überwältigen zu wollen. Die Verletzungsgefahr läge - wie man sich leicht ausmalen kann - wohl eher auf Seiten des Angreifers.

Auch wenn im Zusammenhang mit Yoroi Kumi-Uchi von einem Nah- bzw. Ringkampfsystem die Rede ist, bedeutet dies nicht, daß wir es hier mit Techniken zu tun haben, die hauptsächlich unbewaffnet durchgeführt wurden. In Zeiten der aktiven Kriegsführung wäre der Verzicht auf Waffen ein geradezu selbstmörderischer Ansatz gewesen. Im Yoroi Kumi-Uchi war der Einsatz von Waffen also durchaus üblich, und es wurden - neben den bekannteren wie z.B. dem Kodachi - auch Waffen wie der Yoroi-Doshi, eine Klinge, die speziell im Rüstungskampf zum Einsatz kam, benutzt. Die Bushi verwendeten den Yoroi- Doshi im Zweikampf, um die durch die Rüstung nicht oder nur leicht geschützten Körperpartien anzugreifen. Getragen wurde er an der rechten Hüfte, wobei es meist die linke Hand war, die den Yoroi-Doshi mit „ins Spiel“ brachte.

Die Effektivität, die dem Yoroi Kumi-Uchi zugrunde liegt, entstand durch den starken Einsatz der Hüften, bzw. des gesamten Köpers und durch eine besondere Art des Greifens. Diese als Yotsu-Gumi bezeichnete Technik (beide Kämpfer standen sich gegenüber und benutzten eine symmetrische, vierhändige Methode des Greifens), die aus dem Sumai, dem Vorläufer des Sumo stammt, ermöglichte es dem Krieger seinen Kontrahenten zu kontrollieren, ohne ein direktes Fassen der Kleidung bzw. Rüstung vorauszusetzen.

Da es natürlich - im Vergleich zu einem nicht „gerüsteten“ Angreifer - weitaus schwieriger ist einen in voller Rüstung agierenden Gegner zu bewegen, waren Timing, Balance und Beweglichkeit besonders wichtig. Hier bot der oben schon erwähnte Griff die für den Rüstungskampf optimale Voraussetzung, seinen Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen und ihn zu Boden zu schleudern, ohne selbst seinen stabilen Stand zu verlieren.

Yoroi Kumi-Uchi ist auch heute noch - teilweise unter anderer Bezeichnung - Bestandteil verschiedenster traditioneller Ryu, wie z.B. der Sekiguchi Shinshin-Ryu, Tatsumi-Ryu, Yagyu Shingan-Ryu etc.

*- Historisch nicht ganz korrekt, da zwischen 1573 und 1600 noch die als Azuchi Momoyama bezeichnete Zeit lag, in der vor allen Dingen drei Feldherren von entscheidender Bedeutung waren: Oda Nobunaga, Toyotomi Hideyoshi und Tokugawa Ieyasu -