Izanagis Waffe

Entwicklung japanischer Lanzen / Teil 2

In der, der kriegerischen Muromachi-Zeit folgenden, friedlichen Tokugawa-Epoche (ab 1600)  fanden Yari und Naginata fast nur noch bei Prozessionen von Fürsten und militärischen Paraden Anwendung, da sich der Schwerpunkt der Kriegsführung in dieser langen Friedenszeit deutlich von Kriegs- zu Selbstverteidigungs-Systemen verschob. Einige Gruppen von Ordnungskräften praktizierten in der Tokugawa-Periode noch den Umgang mit Lanzen, jedoch nicht direkt im alten kriegerischen Sinne.

Zum Beispiel benutzten die Feuerwehreinheiten der Städte lange Hakenlanzen (Tobiguchi) zum Herunterreißen von Dachschindeln und leichter Papierverkleidung von brennenden Häusern und dem Öffnen von Brandherden. Eine der Aufgaben der Feuerwehr im Mittelalter war unter anderem die Kontrolle der einzelnen Stadtviertel bei den regelmäßig stattfindenden Plünderungen nach den in Japan recht häufigen Erdbeben. Verständlicherweise konnte man dann ein solches Instrument dann auch als Waffe einsetzen. Tobiguchi, wörtlich als „Weihen-Schnabel“ zu übersetzen, waren Lanzen bis zu 5 m Länge und einem Speerkopf, den man heute mit der Kopfform eines Bootshakens vergleichen würde. Dieser Form und der Ähnlichkeit mit dem japanischen Wort für Feuerwehrmann (Tobi) verdankt diese Lanze ihren Namen.

Die reguläre Polizeitruppen der einzelnen Provinzen führten ab dem 16. Jhdt. ebenfalls neue Formen von Lanzen für ihren Dienst ein. Besonders bedeutend wurden drei exotisch anmutende Varianten; genannt Mitsu dogu. Drei traditionelle Speere für den Einsatz gegen bewaffnete Schwertkämpfer:

Sasumata Eine Gabel mit zwei Zinken zum Niederhalten eines Aggressors. Der U-förmige Speerkopf wurde so gestaltet, daß er vorteilhaft auch als Parier- oder Stichwaffe eingesetzt werden konnte.

Sode garami (Ärmelgreifer) Eine spinnenförmige Dornenspitze, die speziell zum Erfassen und Halten der Kleidung eines Gegners geschaffen wurde.

Tsuku bo (Angreifender Stock) Ein Speer mit T-förmiger Klinge. Sie war dornenbesetzt und wurde dazu eingesetzt Gegner in Schach halten oder mit den waagerechten Haken heranzuziehen. Die Dornen sollten neben ihrem Abschreckungszweck auch verhindern, daß ein Gegner seinerseits den Speerkopf der Waffe greifen konnte.

Diese drei beschriebenen Formen waren keine Kriegswaffen im üblichen Sinne und hatten auch nicht die Aufgabe einen Menschen zu töten oder anderweitig schwer zu verletzen sondern nur ihn zu überwältigen und seine Festnahme zu erleichtern. Sie ermöglichten Wach- und Polizeipersonal einen vorteilhaften Einsatz, selbst gegen gut ausgebildete Schwertkämpfer. Zu diesem Zweck stattete man sie mit sehr langen Schäften aus, um die Reichweite zu den gefährlichen Schwertklingen möglichst weit zu überbrücken. In der Tokugawa-Epoche erfüllten diese Lanzen fast nur noch ornamentalen Dienst und wurden zum Wahrzeichen lokaler Richtbarkeit der jeweiligen städtischen Bezirke. Nur noch wenige Krieger verstanden sich zu dieser Zeit auf den Umgang mit diesen Instrumenten.

Als weitere verwandte Version, jedoch nicht aus Lager der Mitsu dogu , war die Kumade (Bärentatze) Bestandteil der Speerwaffen. Ausgestattet mit 3 Haken fungierte sie wie die Sode garami und wurde zum Ergreifen und Ziehen eines bewaffneten Gegners eingesetzt. Warscheinlich war sie jedoch viel älteren Datums als das Mitsu dogu-Trio, denn bereits in den Schlachten der Heian- und Kamakura-Zeit wurde sie vom Fußvolk zum Bekämpfen von Kavallerie benutzt, indem man die Haken in Teile deren Rüstung schlug. Als Infanteriewaffe konnten die einfachen Soldaten mit ihr die besser ausgebildeten Bushi in ihrer vorteilhafteren Position zu Pferd bekämpfen und dann am Boden einfacher mit Schwert und Dolch kampfunfähig machen. Aus der Schlacht um die Stadt Kyoto, zwischen den rivalisierenden Clans der Minamoto und Taira im 12. Jhdt., wird folgende Begegnung mit dem Einsatz einer Kumade berichtet:

Ein Krieger des Minamoto Clans, Kamada no Masakiyo, wurde in ein Gefecht mit einem der besten Männer des gegnerischen Clans, mit Taira no Yorimori, verwickelt. Schnell stellte sich heraus, daß er seinem Widersacher nicht gewachsen war. Immer mehr wurde er von Yorimori zurückgedrängt und seine Niederlage war schon fast besiegelt als einer seiner Fußsoldaten seinem Herren zu Hilfe kam. Mit einer Kumade bewaffnet versuchte dieser den hohen Taira Krieger an seinem Helm vom Pferd zu reißen. Dies brachte nun wiederum Yorimori derart in Bedrängnis, daß er von Masakiyo lassen mußte und er entging seiner eigenen Niederlage nur, indem er den Schaft der Kumade mit seinem Schwert zerschlug und dann selbst die Flucht ergriff.

Eine der Kumade in Art und Funktion verwandte Speerform war der Uchi kagi (Schlagenden Haken). Sie waren rein von ihrem äußerlichen Erscheinungsbild leicht zu verwechseln, der Uchi kagi besaß jedoch nur 2 statt der 3 Fanghaken einer Kumade. Dieser Haken schien im Gegensatz zur „Bärentatze“ aber eher ein militärisches Hilfsmittel als eine reale Waffe gewesen zu sein (wenn man diese Katalogisierung so benutzen darf). In japanischen Darstellungen des 13. Jhdt. werden Krieger gezeigt, die mit Hilfe dieser Hakenwaffe Boote der mongolischen Invasoren arretierten und an die eigenen Schiffe heranzogen. Man verkeilte die Spitzen des Uchi kagi in der gegnerischen Bordwand und konnte so das feindliche Gefährt zum entern vorbereiten. Eine andere überlieferte Einsatzform dieses Hakens war die Belagerung und Erstürmung von befestigten Anlagen. Hier ließ er sich erfolgversprechend beim erklimmen der Mauern oder dem überwinden von Hindernissen, quasi als Kletterstange, verwenden. Als ähnliche Form der Hakenlanzen ließe sich ein Speer mit einem sichelförmigen Kopf aufführen. Diese Nagikama (Lange Sichel) setzte man, ebenso wie die Kumade) hauptsächlich gegen berittene Bushi ein. Von der Anwendung ähnelt die Technick diese Waffe jedoch eher einer Sense als einer herkömmlichen Lanze. Ebenso wie der bereits beschriebene Tobiguchi ( Feuerhaken ), der seinen festen Platz im Arsenal der Wachmannschaften und Feuerwehren von Burgen und Städten hatte.

Obwohl japanische Lanzen normalerweise keine Wurfwaffen waren und spezielle lange Wurfspeere wie auf dem asiatischen Kontinent in Japan auch keine Verwendung fanden, entwickelten die Bushi doch einige bemerkenswerte Formen dieser Gattung, welche im folgenden beschrieben werden sollen. Die verwendete Waffe, ein kurzer Speer aus Bambus mit einer kleinen Klinge, welcher eher die Form eines starken Pfeils hatte nannte sich Uchi ne. Von dieser Variante sind uns zwei Formen gleichen Namens und ähnlichen Aussehens bekannt. Der Unterschied lag hier in der Größe der Waffe und der wörtlichen Übersetzung und der japanischen Schreibweise seiner Bezeichnung. Die größere Form des Uchi ne (vom Ursprung werfen) mit einer typischen, geraden Speerklinge und im Gegensatz den kleineren Uchi ne (Innerer Pfeil) mit entsprechend stärkerem Pfeilcharakter. Es wird vermutet, daß der größere Uchi ne (vom Ursprung werfen) hauptsächlich beim Verteidigen von befestigten Anlagen und Häusern in Gebrauch war und eventuell zum mehrmaligen Einsatz mit einem langen Band und einer Schlaufe am Handgelenk des Trägers befestigt wurde. So war man in der Lage ihn nach einem Wurf wie eine Harpune wieder einzuholen und diese Funktion könnte dieser Waffe auch seinen eigentümlichen Namen gegeben haben. Durch ihr leichtes Gewicht und und die einfache Handhabung waren die Uchi ne besonders in der Tokugawa-Zeit eine beliebte Frauenwaffen, welche sie bei der Verteidigung von Hof und Herd einsetzten.

Die letzten Soldaten, die im Reich der aufgehenden Sonne noch Lanzen einsetzten, waren die Kaiserlichen Truppen der Meiji-Epoche im ausklingenden 19. Jhdt. Sie sollte als neue kaiserliche Formation die ehemaligen Bushi der Feudalzeit ersetzen und wurde sogar gegen diese in den Befriedungskriegen gegen aufständige Samurai eingesetzt. Diese Reformationsarmee wurde bereits nach französischem und, nach dem verlorenen deutsch/französischen Krieg von 1870/71, nach deutschem Vorbild mit Uniformen und Gewehren ausgerüstet und strukturiert, während die japanische Kavallerie noch traditionelle gerade Lanzen benutzte. Deren Anwendung gleicht jedoch mehr der Tradition europäischer Ulanen (mit Lanzen bewaffneter Kavallerie) als den Überlieferung der japanischen Kriegskünste und wird als solche von Verfechtern dieser Kampfsysteme nicht dem zuerkannt.

Tampo yari

Speere mit gepolsterten Spitzen werden noch heute von den Ryu zu Übungszwecken eingesetzt. An dieser Illustration erkennt man sehr gut die im Text beschriebene Technik des „Tsuki“.

Die Yari des klassischen Mittelalters waren Speere ausgesuchter Qualität und ihre Entwicklung entsprach den gemachten Erfahrungen der Bushi auf dem Feld der Ehre.

Durch häufiges Ausbrechen der Klinge bei starken Konfrontationen verlängerte man das Heft (Nakag-o) der Speerspitzen in der Kamakura-Zeit, so daß man sie tiefer im Schaft (Naka-e oder E) versenken konnte. Zur zusätzlichen Verstärkung wurde besonders dieser vordere, klingennahe Teil der Waffe noch mit metallenen Bändern und Ringen (Sujigane) umfaßt. War er im Kampf doch der meistbeanspruchte Schaftabschnitt (Tachi uchi), bedingt durch den Kontakt mit gegnerischen Klingen bei Abwehr- und Angriffsaktionen. Den Abschluß des Tachi uchi, zum Schaft hin, bildete meist eine Dogane genannte dicke Metallzwinge, welche die Funktion eines Schutzbügels übernahm. Eine ähnliche Aufgabe hatte eine Kabura maki (Rübenbindung) genannte Verdickung unterhalb des Sujigane, welche allgemein aus lackierter Schnur oder später auch aus Holz bestand. Diese beiden Elemente sollten verhindern, daß eine abgleitende Schwertklinge die Hand des Speerträgers verletzte und bildeten praktisch die letzte Verstärkung des Speerkopfes vor dem eigentlichen Griff.

Den unteren Teil des Schaftes verstärkten die Waffenschmiede mit einer speziellen Kappe aus Stahl, welche extra noch mit einem Dorn oder einer kurzer Klinge versehen wurde. Diese Ishi zuki (Steinzerschmetterer) wurden bei einer Vielzahl von traditionellen Langwaffen angebracht, welche beidseitig eingesetzt werden konnten, wie z.B. Schwertlanzen, Standarten und ähnlichem. Andere beliebte Formen von Ishi zuki Kappen waren verschiedene Arten von Bügel oder Bolzen. So konnte man auch mit dem passiven Ende des Yari ungenügend gepanzerte Rüstungsteile durchschlagen und dem Feind durch Stöße (Tsuki) schwere Verletzungen beibringen.

Die wertvollen Klingen der Speere schützte man, ebenso wie bei Schwertern und Dolchen, mit Scheiden (Saya) aus Holz oder Leder vor Verunreinigungen und vor Feuchtigkeit. Diese wurden, zur Verschönerung und zusätzlichen Verstärkung, ebenso wie die meist eichenen Schäfte der Lanzen, noch mit schmückenden Lackierungen überzogen. Die Art und zusätzlichen Dekorationen dieser Lackierung unterlag meist der gerade üblichen Mode, die häufigste Form war jedoch eine Verzierung durch Familienwappen (Mon) des jeweiligen Clans welche neben ihrer Zuordnungsfunktion auch ausgesprochen dekorativen Charakter hatte. Die Verwendung von Tsuba (Stichblättern) war im Gegensatz zu Schwertern und Schwertlanzen bei Yari eher untypisch. Ebenso, wie die Verwendung von Paßstücken (Habaki), welche den Scheiden (Saya) einen festen Sitz verschaffen sollten, bei Speerwaffen nicht üblich.

Im Training und der Ausbildung der Krieger ersetzte eine lange Holzstange mit einer lederumwundenen Spitze die scharfen Speere der Schlachtfelder. Diese Tampo yari genannten Speerattrappen gestatteten den Übenden die Erlernung der Techniken und Taktiken ohne die Gefahr einer schwerwiegenden Verletzung. Je nach der Art des Speeres besetzte man diese Übungsgeräte mit seitlichen Parierstangen um die Eigenheiten der einzelnen Klingenformen, z.B. eines Jumonji- oder Katakama yari, im Training noch besser herauskristalisieren zu können.

Der gerade Stich (Tsuki) war die gebräuchlichste und hauptsächlichste Angriffsform mit dem Yari. Lange Zeiten des Übens mit Hauptaugenmerk auf Treffsicherheit, Kraft, Distanzüberbrückung und Schnelligkeit prägten das Speertraining. Eine der verbreitetsten Arten des Tsuki war die Variante den Speer aus einer zum Boden parallelen Haltung nach vorn zum Ziel zu stoßen. Bei endgültiger Ausführung des Stiches klemmte der Übende den Schaft in die Achselhöhle ein und gab der „kopflastigen“ Waffe somit noch eine größere Stabilität was dem Kämpfer ermöglichte, zusätzlich seinen Körper als Stoßunterstützung einzubringen. Der Nachteil des Speers lag jedoch darin, daß er nach jedem Angriff erneut wieder zurückgezogen werden mußte um eine erneute Vorwärtsbewegung vorzubereiten. In diesem „toten“ Augenblick bestand für den Speerträger die Gefahr, daß ein Gegner mit einer kürzeren Waffe, wie etwa dem Schwert, seinen Aktionsradius unterlief und ihn so überwinden konnte. Während die Ashigaru, als aus der Bevölkerung rekrutierte Fußkrieger, ihre langen Lanzen mehr zum Stechen auf längerer Distanz gebrauchten, handhabten die adligen Bushi ihre Waffen extrem professionell. Wie im Schwertkampf setzten sie die Yari für Angriffe, Paraden, Verteidigung und Konter-Attacken ein - so entwickelte sich mit der Zeit ein komplexes System von Speertechniken. Für den Speerkampf war bereits die anfängliche Position (Kamae) als Ausgangsstellung für alle folgenden Bewegungen von großer Bedeutung. Jede der heute bekannten japanischen Ryu pflegte hier ihre eigenen Geheimnisse als Garant für ihren Erfolg. Die Kunst des japanischen Speerfechtens, das So jutsu, basierte im Gegensatz zu allen anderen europäischen und asiatischen Speerkampf-Systemen auch auf schneidenden Bewegungen (Kiri) mit der Klinge, als auf bloßem Stechen und Stoßen.

Einige dieser Schulen überlieferten die Techniken des So jutsu nicht nur für die Infanterie sondern in der Muromachi-Zeit verstärkt auch für Reiter und den Einsatz vom Sattel aus. Dies erforderte die Koordinierung von Waffentechnik und Reitkunst (Ba jutsu) und setzte ein hartes und langwieriges Training voraus. Speerkampf zu Pferd war eine der Hauptkünste der Bushi im Mittelalters und gehörte zum Grundtraining aller Krieger. Die bevorzugten Waffen für diese Kampfweise waren Lanzen bis zu 3 m Länge mit mittleren und kurzen Klingen. Die im 15. Jhdt. gegründete Otsubo ryu war die wohl bekannteste Schule für diesen Kampfstil und erfreute sich unter den Kriegern höchster Beliebtheit. Für die Benutzung der Lanzen vom Pferd aus wurde am Sattelzeug ein spezieller Yari ate (Speerhalter) angebracht. Der in Steigbügelhöhe befestigte Halter nahm die Waffe auf und entlastete so die Ritter beim Reiten.

Wie in allen anderen japanischen Systemen überlieferte man die Kunst des Yari in Übungsformen (Kata), ähnlich denen des Ken jutsu, als Partnertraining. Die Krieger konnten so ihre Geschicklichkeit im Kampf gegen andere Waffen, wie Schwert, Stock und Lanze, und die verschiedenen damit verbundenen Distanzen (Maai) austesten und sich so auf den wirklichen Ernstfall vorbereiten. Die Speere wurden nach Größe und Gewicht individuell dem jeweiligen Vermögen und Anforderungen des Kämpfers angepaßt.

Erst Ende der Tokugawa-Epoche führte man auch in der Kunst des So jutsu die vom Ken jutsu bekannte Schutzrüstung ein. Anfänglich noch aus Holz- oder Bambusblättchen und Leder nahm sie in kürzester Zeit die Form der heutigen Ken do Rüstungen an. Bis dahin trainierten die Schüler das Lanzenfechten ohne einen wirklich wirksamen Schutz und es kam in Laufe des Trainings immer wieder zu Verletzungen, wobei selbst bleibende Schäden nicht ausblieben.

Mit der Entwicklung der Kriegskünste über die Jahrhunderte veränderte sich auch die Technik und die Form der Speere. Die Bushi glichen das So jutsu, genau wie alle anderen Kampfsysteme, ständig den jeweiligen Umständen der Zeit an. Die historischen Künsten waren also keine dogmatisierten, starren Systems. Flexibilität und Anpassung war für die Krieger Garant des eigenen Überlebens.

Der Yari für die Bushi von ihrem Status her die höchst beachtete Waffe schlechthin. Dies drückte sich vor allem in Bezeichnungen des kriegerischen Alltags aus, in dem man verdienstvolle Kämpfer respektvoll mit dem Namen „Speer“ auszeichnete. Der erste Krieger vor dem Feind „Ichi ban yari“(Erster Speer) und die „Sichi hon yari“(Sieben Speere), also die tapfersten Sieben der Schlacht, waren durchaus gebräuchliche Auszeichnungen innerhalb der japanischen Heeresstruktur. Die bekanntesten Beispiele waren die berühmten „Sieben Speere“ der Schlachten von Azukizaka und Shizugatake.

Einer der „Sieben Speere“ der Begegnung von Shizugatake (1583) war ein junger Krieger namens Kato Kiyomasa (1562 - 1611):

Er war ein junger Gefolgsmann des Generals Toyotomi Hideyoshi (1537 - 1598) und kämpfte hier gegen die Krieger des Fürsten Sakuma Morimasa (1554 - 1583). Wärend der Kämpfe gelang es ihm, einen hohen General des Feindes zu überwältigen und gefangenzunehmen. Diese Tat brachte ihm, neben 6 anderen tapferen Kriegern des Clans, den begehrten Titel Sichi hon Yari ein. Ein weiterer Meilenstein Kiyomasa´s war einige Jahre später die Ernennung zum Oberbefehlshaber der Koreafeldzüge (1592 - 1598) unter Hideyoshi. Auch dort führte er, wie bei Shizugatake, eine Lanze als seine favorisierte Waffe. Sein Yari war ein Speer mit einer 33 cm langen Klinge im Katakama Stil und mit Perlmut besetzten Schaft. Eine ältere, aber ebenfalls wertvolle Version fürte er vor diesem Krieg. Es war eine Klinge des bekannten Schmiedes Sukesada, aus der Provinz Bizen mit einer enormen Spitze von 60 cm Länge. Beide Lanzen gehören heute zu den Nationalheiligtümern Japans und verdeutlichen das hochentwickelte Kunsthandwerk japanischer, mittelalterlicher Schmiedekunst.

Ein anderer berühmter Krieger des 16. Jhdt. war Honda Tadakatsu (1548 - 1610), ein General des späteren Shogun Tokugawa Ieyasu (1543 - 1616). Neben seiner, unter allen Kriegern der damaligen Zeit bekannten schwarzen Rüstung und dem Hirschgeweih auf dem Helm, war ein Speer namens Tombogiri (Drachenflugschneider) sein persönliches Markenzeichen. Diese Waffe hatte eine gerade Klinge mit einer Länge von 44 cm. Sie zählt heute, zusammen mit der Nippongo (Symbol der aufgehenden Sonne) Lanze des Kuroda Clans aus der Provinz Chikuzen (heutiges Fukuoka) mit einer 80 cm Klinge in Sasako Form, zu den bekanntesten Speeren Japans.

Wie bereits erwähnt hing die Entwicklung des Yari und des damit verbundenen So jutsu eng mit der Einführung und Verbreitung der Feuerwaffe im 16. Jhdt. zusammen. Traditionell bestand die kleinste Einheit eines japanischen Heeres, bis Anfang der Muromachi-Periode aus 5 Personen: dem adligen Bushi als 2 Schwerter-Samurai, 1 Lanzenträger (Yari mochi) als kämpfende Unterstützung in Form der europäischen Knappen, 2 Träger für Rüstung und Gepäck und einem Pferdeknecht. Beritten war ausschließlich der Samurai. Der Yari mochi hingegen hatte die Aufgabe nachts zu wachen und im Gefecht andere Fußsoldaten von seinem Herren fern zu halten. Doch das alles änderte sich mit dem Einsatz von Feuerwaffen.

Die Arkebusen, auf japanisch Tanegashima, benannt nach der Insel ihres ersten Erscheinens im Inselreich, erlaubte große Verbände von relativ gering ausgebildeten Bauernkriegern, welche sich mit dieser neuen Waffe ohne Bedenken jedem noch so erfahrenen und gefürchteten Bushi stellen konnten. Die mit ihren langen Speeren ausgerüsteten Ashigaru (Fußkrieger) folgten in Formationen den Schützenverbänden und griffen dann vereint Einzelne der überlebenden Krieger an und töteten sie. Dieses neue Kampfsystem führte als erster Fürst Oda Nobunaga (1534 - 1582) in der Schlacht von Nagashino (1575) ein und errang damit einen sprichwörtlich durchschlagenden Erfolg. Dies war der Beginn des Aussterbens dessen, was man im Westen unter dem Begriff „Samurai“ versteht. Die Zeit der Heldentaten und Duelle um Ruhm und Ehre war vorbei. Auch für die professionellen Bushi wurde das Schlachtfeld Inbegriff des bloßen Überlebens. Politische Interessen und strategisches Kalkül agierten von nun an vor den traditionellen Werten und Überlieferungen ritterlicher Kriegführung...