Izanagis Waffe

Entwicklung japanischer Lanzen

Die Waffe, welche unter den Samurai den Ruf edelster Kunst hatte, war nicht etwa, wie oft angenommen wird, das Schwert sondern der lange Speer (Yari). Dies mag auf den ersten Anblick unglaubwürdig klingen, schien das Schwert doch die ultimativste Waffe der Krieger überhaupt gewesen zu sein, ohne die man sich einen Samurai überhaupt nicht vorstellen konnte. Zur näheren Erläuterung muß man sagen, daß Schwerter als Bestandteil der täglichen Tracht eines Kriegers angesehen und von den Männern ebenso in Kriegs- wie in Friedenszeiten getragen wurden. Sie gehörten zur standesgemäßen Ausrüstung jedes männlichen Mitgliedes der Bushiklasse und liefen im System der Waffen so quasi außer Kongurenz.

Den hohen Status den nun aber der Speer inne hatte geht auf seine sehr frühzeitige militärische Entwicklung zurück, als er zusammen mit dem Bogen die Grundwaffen der Japaner stellte. Nach der Kamakura-Epoche, mit dem Aufkommen der großen Heere, als er Bogen und Naginata den Rang abzulaufen begann, wurde er hauptsächliche Ausrüstung des Fußvolkes. Seine wirklich große Zeit war dann die Muromachi-Periode mit seinem Einsatz als Infanteriewaffe. In dieser Zeit kamen eine Vielzahl von verschiedenen Speerformen in Umlauf und die Kunst des Speerkampfes erreichte ihren Höhepunkt.

Nach den Schöpfungssagen des japanischen Volkes traten einstmals die Urgötter Izanagi und Izanami in die Welt und blickten über die unendliche Weiten des ursprüglichen Chaos. Die Welt bestand nur aus Wasser und die Götter fanden kein Land, worauf sie sich niederlassen konnten. Izanagi, noch auf der heiligen Himmelsbrücke stehend, stieß daraufhin seinen kostbaren, mit Edelsteinen und Korallen verzierten Speer in die Fluten. Die herabfallenden Wassertropfen gerannen an der Klinge der Lanze, verformten sich und wurden an den Stellen, wo sie das Meer berührten, zum ersten Land der neu erschaffenen Welt, den heutigen japanischen Inseln ...Wenn auch Legende, vermittelt uns diese Überlieferung doch einen Eindruck vom hohen Ansehen des Speeres am Anfang der jungen japanischen Zivilisation. Die erste erwähnte Waffe der Menschheit überhaupt - nach Ansicht der Japaner.

Abgesehen von einigen Funden der Frühzeit, hauptsächlich broncene Klingen, wissen die Historiker tatsächlich nur sehr wenig um die Bedeutung dieser Waffe in jener frühen Epoche. Durch Funde in alten Kultstätten und erhalten gebliebene shintoistische Rituale, nimmt man an, daß der Speer vor allem in rituellen Praktiken eine Rolle spielte und anfangs neben dem Bogen nur geringe militärische Bedeutung hatte, obwohl er schon zu prähistorischen Zeiten als Waffe eingesetzt wurde. Die ersten nachweislich kriegerischen Aspekte des Speers finden wir in der Nara-Zeit. Er hatte in der Ausstattung der frühen Krieger jedoch noch eine untergeordnete Stellung neben Bogen und Schwert. Die Speerwaffen dieser Zeit waren vermutlich größtenteils kontinentalen, also chinesisch-koreanischen Ursprungs, bzw. wurden nach deren Muster gefertigt. Die Speere dieser Zeit hatten noch relativ starke, kräftige Schäfte und gerade, schlichte Klingen im Stil der alten Ken oder Tsurugi Schwerter. Diese Klingen wurden größtenteils noch aus Bronce gefertigt und die Gesamtlänge der Waffen übertraf kaum die 2 m Grenze. Speere dieser alten Form und Epoche nannte man Hoko und sie gelten als die Urform aller späteren japanischen Yari-Arten. Andere, erhalten gebliebene Lanzen dieser Periode, erinnern nach ihrem Aussehen mehr an die bekannteren europäischen Speerspitzen mit den schmalen, blattförmigen Klingen, als an ihre späteren, japanischen Verwandten.

In der Heian- und Kamakura-Periode hatte sich der Speer bei den Kriegern noch immer nicht ganz durchsetzen können, es beherrscht immer noch die Naginata (Schwertlanze) das Reich der Langwaffen, welche vor allem von den Kriegermönchen (Sohei) in das japanische Militärwesen eingebracht wurden. So wurden auch die Hoko dieser Zeit noch im Stil dieser verwandten Waffenform gefertigt, was sich auf die Ausstattung eines gebundenen Schaftes (Himomaki) und der Form der Klinge im Stil der Schwertlanzen bezieht (siehe auch Artikel Naginata). Diese frühen Lanzenklingen waren meist noch einschneidig wie man es von Schwertern, Dolchen oder eben den Naginata kennt. Die Hoko waren bis zu jener Zeit fast ausschließliche Ausrüstung der unteren Kriegerränge und kam dort verstärkt als Infanteriewaffe zum Einsatz.

Erst Ende der Kamakura-Zeit, im ausklingenden 13. Jhdt, wurden die Japaner auf den Speer als wichtige Kriegswaffe aufmerksam. Es wäre möglich, daß die zwei gescheiterten Mongoleneinfälle von 1274 und 1281 den Anstoß dafür gegeben haben könnten. Bei der Invasion der Mongolen und ihrer chinesisch/koreanischer Hilfstruppen, wurden Speere mit in der Ausrüstung ihrer Heere geführt und dementsprechend auch in großer Stückzahl einsetzten. Für die Japaner war der Umgang mit Speerwaffen in solchem Umfang jedoch noch unbekannt und sie mußten, nicht nur durch die feindlichen Speere, schwere Verluste verzeichnen. Obwohl die Bushi die Mongolen immer wieder ins Meer zurücktreiben konnten, blieb die Angst vor erneuten Invasionsversuchen. Die Auswertung der beiden zurückgeschlagenen Landungsversuche und die Erfahrung mit der mongolischen Kampfweise reformierte so die Auffassung von Krieg unter den Bushi grundlegend; auch zum Vorteil des Speers in Japan: Bis dahin bestanden die Armeen der japanischen Ritter aus einigen hundert berittenen Kriegern, die sich mehr oder wenigen persönlich im Zweikampf auf dem Feld duellierten. Für diese Zwecke waren Bogen als Fernwaffe und das Schwert im Nahkampf die bevorzugten Waffenformen. Das gemeine Fußvolk hatte bis zu diesem Zeitpunkt eher Knappendienste, wie das Tragen der Waffen und Ausrüstung zum Schlachtfeld oder militärische Hilfe bei Verwundung des Herren zur Aufgabe. Reine Infanteriegefechte wie im hohen Mittelalter waren zu dieser Zeit noch nicht üblich. So wurden die größten Schlacht im 12. Jhdt. mit einer geschätzten Anzahl von 4000 Kriegern ausgetragen. Nach den Mongoleneinfällen mit einer Stärke von fast (nach jap. Quellen) 30.000 und zum zweitenmal sogar mit 140.000 Invasionssoldaten stockten auch die Japaner ihre Heere unter Zuwendungen von rekrutierten Bauern auf. Diese Fußsoldaten (Ashigaru) waren wesentliche Triebkraft für den schnellen Aufschwung der Speerwaffen. Die neue Taktik in der Schlacht bestand im zahlenmäßigen Überrennen der gegnerischen Truppen durch die eigene Infanterie - vornehmlich mit Speerwaffen.

Am Beispiel der Heeresstärke des Shimazu Clan der südjapanischen Provinz Satsuma soll diese Entwicklung kurz illustriert werden. Im Jahr 1411 zählte die Shimazu Armee noch 3000 Männer. Nur 70 Jahre später auf 5000 Krieger verstärkt, sprechen historische Quellen 1576 schon von 115.000 Angehörigen (allerdings hatten sich mit der Zeit auch die Einflußgebiete des Shimazu-Clans vergrößert). Dies ist, wenn auch als repräsentatives Beispiel, jedoch nur die Armee eines einzigen Clans, einer einzigen Provinz. Es ist anzunehmen, daß jeder Mann im kampffähigen Alter in Krisenzeiten unter Waffen stand.

Einige der größten Heerführer der Kamakura-Zeit, also der Epoche des Aufkommen der Speere, erkannten sehr schnell die Bedeutung des Yari als vorteilhafte Kriegswaffe. Eine Begebenheit der inner-japanischen Genko-Kriege, Kämpfe um die rechtmäßige Trohnfolge des damaligen Kaiserhauses, nur 50 Jahre nach den Mongoleneinfällen, schildert uns heute diese Entwicklung. Kusonoki Masahige (1249 - 1336), einer der berühmtesten Generäle seiner Zeit, ließ bei der Verteidigung der Befestigung Chihaya im Jahre 1333 seine Krieger alle auffindbaren, zerbrochenen Schwertklingen zusammensuchen. An lange Stangen gebunden ließen sich diese Klingen als „Lanzen“ gut gegen die stürmenden Truppen seines Feindes Ashikaga Takauji (1305 - 1358) von den Burgwällen aus einsetzen. Dieses Beispiel veranschaulicht das Verständnis Kusonokis um die Bedeutung dieser Waffenform sowie gleichzeitig deren unzureichendes Vorkommen in den Reihen der japanischen Krieger zu dieser Zeit. Seine neue Taktik des Einsatzes von größeren Truppenverbänden niederer Ränge gegen adlige Krieger bestimmte über die folgenden Jahrhunderte das Bild japanischer Schlachtfelder. Einen anderen Aspekt der aufkommenden Beliebtheit der Speerwaffen unter den Kriegern verdeutlichen auch die Shokyu-Kriege (1221), in denen die Bushi versuchten die Vormachtstellung der mächtigen Mönchskrieger-Tempel im Land zu brechen, welche mit den lokalen Feudalherren um die Einflüsse in den Provinzen konkurierten. Diese Mönchskrieger waren die ersten, die massiv verschiedene Arten von Langwaffen, wie Hoko und Naginta, in Japan einsetzten. Im Gegensatz zu den Bushi waren die Mönchskrieger meist nicht beritten und erkannten so sehr früh die Bedeutung dieser Waffenformen für einen Fußkämpfer. Nach dieser Kriegszeit erließen die Militärs nachweislich ein Edikt zur Verkürzung aller Schwertklingen, was einem vorteilhaften Einsatz im Nahkampf zu Fuß entsprach. Sie erkannten auch die Bedeutung der Speere mit ihrer größeren Reichweite für die Infanterie - bis jetzt fungierten nur Pfeil und Bogen für weite Distanz und Schwerter vornehmlich im Einsatz vom Pferd aus.

Die überwiegend aus Ashigaru (leichte Fußkrieger) bestehenden Heere der frühen Muromachi-Zeit (14. bis 16. Jhdt.), wurden vorerst verstärkt mit Naginata und Nagamaki und später dann mit Speeren ausgerüstet. Die neu eingeführten Formen (Yari) für diese Einheiten wurden noch im Stil der frühzeitlichen Hoko gefertigt und deshalb auch Hoko nari yari (Hoko förmiger Speer) genannt. Eine Besonderheit dieser Form stellte die Art der Befestigung der Klinge am Schaft dar. Ähnlich einiger alter Naginataformen versah man die Spitze mit einer Öse, welche man auf dem Griff aus Holz oder Bambus aufsetzte. Sie wurde quasi dem Schaft übergestülpt, was ihr auch den Namen Fukuro yari (Sack- bzw. Taschen Speer) einbrachte. Sie hatten jedoch schon den typisch, schlanken Charakter der späteren japanischen Lanzen. Erfahrungswerte im Kampf brachten die Krieger aber bald von dieser einfachen Befestigungsform ab und alle späteren Speerwaffen wurden, wie man es von bereits von Schwertern kannte, tief mit der Angel im Schaft versenkt und mittels einer Bohrung und eines Haltestiftes (Mekugi) dort arretiert. Japanische Lanzen waren stets Stoßwaffen und niemals Wurfgeschosse, wie man es von ähnlichen Typen des asiatischen Festlandes kennt. Aus diesem Grund wurde besonderer Wert auf die Stabilität der Klinge und der Festigkeit des Schaftes gelegt – Wurfwaffen wurden vielmals so konstruiert, daß sie nach dem erstmaligen Einsatz beschädigten und so vom Gegner nicht wieder zurückgeworfen werden konnte. Deshalb gaben die Samurai den ehemals flachen Speerklingen einen neuen Querschnitt um so Stabilität und Gewicht zu verbessern. Diese Querschnittarten der späten Kamakura- und folgenden Muromachi-Zeit klassifiziert man nach folgenden hauptsächlichen Kategorien:

Hachigo gata

(Trapez- oder Stufenförmig) Eine seltene Variante der „Dreieckform“

Hira sasaho gata

(Flache Kammform) Eine einseitig flache Klingenform mit Kamm, sie wird deshalb auch umgangssprachlicher

Sankaku gata (Dreieckform) genannt

Ryo shinogi gata

(2 Kammform), Die gebräuchlichste Querschnittsart der Muromachi-Zeit, Speerklinge mit zwei beidseitig, identischen Kämmen - sie gelten als die stabilsten Klingenarten für Speerwaffen

Tada sasaho gata

(Verbesserte Dreieckform)

Toshin gata

(Schwertklingenförmig) Speerklinge mit der Form und dem Querschnitt typisch japanischer Schwerter, eine der frühen Speerformen

Bronceklingen waren zu Zeit der beginnenden Muromachi-Epoche zwar immer noch in Verwendung und wurden unter dem Namen Tsukushi hoko als lange Lanzen vor allem in der Provinz Tsushima hergestellt.

Doch in der späteren Muromachi-Zeit entwickelt sich der Yari zu seiner heutigen Form mit einer Vielzahl von verschiedenen stählernen Klingenarten. Bis zum Ende des 16. Jhdt. blieb aber immer noch der gerade Speer die meist verbreitete Variante der Langwaffen. Gefertigt von guten Schwertschmieden hatten die Klingen dieser Lanzen die absolut gleiche, hohe Qualität wie die edle Kampfschwerter. Insbesondere die Yari der adligen Samurai wurden mit äußerster Sorgfalt hergestellt, während die Klingen der Speere für das normale Fußvolk (Ashigaru) sprichwörtlich in „Massenproduktion“ fabriziert und ihrerseits sogar auf den asiatischen Kontinent exportiert wurden. Die Klingenformen der Muromachi-Lanzen waren schlanker und schärfer als die Waffen der vorangegangenen Epochen, da die Krieger den Yari, ebenso wie Schwerter, jetzt auch zum schneiden und hauen und nicht, wie früher, hauptsächlich zum stechen einsetzten. Während Klingen früher mit Längen bis zu 1m versehen wurden, kürzte man diese später, um das Gewicht und die Handhabung dieser Waffe zu verbessern. Die typische Lanze dieser Zeit hatte eine Klingenlänge von 10 bis 20 cm. Im 15. Jhdt. verdrängt der Yari dann die Naginata (Schwertlanze) endgültig vom Schlachtfeld, und die Bushi begannen die Klingenformen der Speere nach ihren speziellen Aufgaben zu verändern. In der Sengoku-Periode (1467 - 1574), der Zeit der streitenden Provinzen, kannte man bereits 700 verschiedene, teils recht abenteuerliche Formen von Speerklingen, welche man unter folgende Hauptgruppen gliederte:

a) Kata gama

(Sichelform), Yari mit einer oder zwei verschieden Beiklingen

b) Jumonji

(Kreuzform), Yari mit zwei scharfen, gleichförmigen Beiklingen

c) Kagi nari

(Schlüsselform), Yari mit einer hakenförmigen, zweischneidigen Klinge

d) Ya jiri nari

(Pfeilspitzenform), gerade Klinge in der Form japanischer Pfeilspitzen

e) Kikuchi

(Chrysantementeich), einschneidige Form, ähnlich eines Schwertes

f) Tsuki nari

(Mondform), Variante für Wachpersonal in Halbmondform

g) Futamata

(Doppelschenkel) Yari mit separaten Haken zum abfangen von Klingen

Einige dieser Speertypen hatten mehr oder weniger zeremonialen oder dekorativen Charakter, wie etwa der Ya jiri yari. Man nimmt an, daß diese Art wahrscheinlich im Gefolge von hohen Adligen als Repräsentationswaffe mitgeführt wurden. Durch die teilweise mit kunstvollen Durchbrüche und Dekorationen versehenen Klingen und größtenteils ungehärteten Schneiden und Spitzen war der Yajiri yari für eine offene Konfrontation mit anderen Waffen eher ungeeignet. In der Schlacht bevorzugten die Japaner eher die schmaleren Formen der Speerarten Jumonji- und Kata gama. Über die Entstehung des Kata gama yari ist uns folgende Geschichte überliefert:

Der legendäre Abt Inei (ca. 1519 - 1610) des Hozoin Tempels vom Kofukuji Kloster in der Stadt Nara übte sich Zeit seines Lebens in der Kunst des Fechtens mit geraden Speeren. Wie bereits vorher geschildert waren viele japanische Mönche Anhänger des Kriegerhandwerks und trugen ihren Teil zur Entwicklung und Verbreitung dieser Künste bei. Inei war ein guter Freund des Schwertmeisters Yagyu Muneyoshi (1527 - 1606), dem Begründer der Yagyu Schule, und saß mit ihm viele Abende zusammen und sinnierte über den Gebrauch von Waffen und die Kampfkünste im Allgemeinen. Als der Abt wieder einmal im Mondschein in seinem Garten lustwandelte und so seinen Gedanken nachhing, kreuzte sich die Klinge seines Yari und das Spiegelbild der Mondsichel in einem Teich des Klosters. Das Bild inspirierte ihn und daraufhin formte er eine neue Variante und es entstand die besagte Kata gama Klinge.

Diese spezielle Speerklinge eignete sich durch ihre seitlichen Beiklingen besser zum Abwehren feindlicher Angriffe als die herkömmlichen geraden Klingen und vergrößerte den Schnittradius um ein Vielfaches. Besonders individualistische Speerkämpfer fanden in dieser Form ihre favorisierte Waffe. Die Art der oben beschriebenen Kikuchi Klingen bestimmte, vor allem in den Anfangszeiten der Kriegsspeere, in der Kamakura- und frühen Muromachi-Epoche, deren Form. Im Gegensatz zu den frühzeitlichen Hoko hatten diese Waffen ausschließlich kriegerischen Charakter. Ihre Gesamtlänge entsprach jedoch eher alten Schwertlanzen dieser Zeit, also kaum mehr als 2 m oder 2,50 m mit einer Klinge bis zu 30 cm. Sein Name führt wahrscheinlich auf die Familie Kikuchi zurück, das damalige Daimyonat der Provinz Higo. Ende der Kamakura-Zeit entstand unter der Obhut der Kikuchi eine neue Schmiedetradition, die berühmte Enju Schule, welche hauptsächlich diesen Waffentyp fertigte. Viele der heute erhaltenen Kikuchi-Lanzen sind jedoch alte Messer- oder Schwertklingen, welche man in Speere umarbeitete. Andere Speerformen wie etwa Kagi nari - oder Tsuki nari yari schienen Speere mit speziellen Aufgabenbereichen gewesen zu sein. Durch ihre Klingenform nur bedingt als Stoß- oder Schnittwaffe einsetzbar wäre eine Verwendung als Verteidigungswaffe bei Burgbelagerungen durchaus denkbar. Mit ihnen konnte man Gegner von den Mauern drängen oder herunterziehen, Seile von Haken oder Strickleitern durchtrennen oder ähnliche Manöver des Feindes unterbinden. Es ist anzunehmen, daß sie eher im Aufgabenbereich von Festungsbesatzungen und weniger in der Feldschlacht in Verwendung kamen.

Zum Ende der Muromachi-Epoche kamen dann die größten, jemals gefertigten Yari in Mode. Die Ashigaru, wörtlich die „Leichtfüßigen“, die Infanterie-Einheiten der Samurai, führten sie als Hauptwaffe in teilweise enormen Längen. Lanzen von bis zu 8 m, und teils sehr kurzen, 7 bis 8 cm langen Klingen waren typisch für jene Zeit. Diese Yari setzten die Fußkrieger vorteilhaft zum Abfangen von Reihen anrückende Kavallerie ein. Ähnlich der antiken Phalanx bildeten große Gruppen von Ashigaru geschlossene Lanzenfächer, die allein wegen ihrer enormen Länge für jede anreitende Einheit tödlich war. In Verbindung mit Bogenschützen bildeten die Speerträger so den Hauptteil einer mittelalterlichen, japanischen Armee. Die eingesetzten Choku yari (gerader Speer) oder Su yari (einfacher Speer) genannte Form bildete die weitverbreitetste Infanteriewaffe der japanischen Heere bis zur Einführung der Schußwaffen im 16. Jhdt. Die Länge der Speerklingen für adlige Bushi reichten dagegen bis zu 60 cm, ihre Speere waren in der Länge dafür um vieles kürzer dafür aber extrem scharf. Sie handhabten ihre Yari sehr individuell als Hieb- und Stichwaffe und bevorzugten dafür vor allem Klingen der Jumonji- oder Kata gama Formen. Lanzen dieser Art waren von sehr hoher Qualität und extrem wertvoll. Die Schmiede dieser Waffen signierten die Angeln der gefertigten Klingen mit Datum und Namen der Herstellung und unterzogen sie den gleichen harten Test wie Schwertklingen. Der Besitzer eines solchen Speers konnte sich dessen Güte sehr wohl sicher sein und sein Leben dieser erstklassigen Waffe getrost anvertrauen.