[Minamoto no Yoriyoshi] ging persönlich durch das Feldlager und kümmerte sich um die Verwundeten. Die Krieger waren tief berührt und sagten alle Wir werden unsere Pflicht auf dem Schlachtfeld erfüllen. Unser Leben ist nichts, verglichen mit unserer Loyalität [Ehre]. Wenn es für unseren General ist, dann werden wir es keinen Augenblick bereuen, sofort zu sterben (aus Mutsu Waki)
Frieden und Krieg
Tiefgreifenden Wandlungen prägten das Japan im ausgehenden ersten Jahrtausends. Der Kontakt zu China war weitgehend abgebrochen, die kaiserliche Armee verschwunden und selbst die politische Macht war dem Tennou entglitten und lag nun in der Hand des Fujiwara-Clans. Währenddessen war in den Provinzen, fern ab von Kyoto und dem Einfluß des Hofes die Macht entstanden, die Japans weitere Zukunft tragen sollten: Buke, der Schwertadel. Diese Elite des Provinzadels wuchs vor allem durch die militärischen Dienste, die sie für die Bürokraten der Regierung im Namen des Kaisers ausführte. Zuerst waren es die Emishi im Norden, die den frühen Kriegern erste Erfahrungen im Kampf gaben, doch die wahre Herausforderung sollte der Kampf gegen Ihresgleichen sein. Diese Rebellionen mögen unwichtig erscheinen, wenn man sie mit der gesamten japanischen Historie vergleicht, sie sind jedoch von entscheidender Bedeutung bei der Entwicklung des Wesens der Samurai.
Wenn sich im späteren Mittelalter die Krieger bei einer Schlacht einen Gegner für ihren individuellen Zweikampf suchten, war das Nanori, Namen-Rufen vor dem Beginn der Schlacht ein wichtiges Ritual. Nanori ist weit mehr als nur die Ansage des eigenen Namens. Die Krieger gaben ihr Alter, ihren Rang und Position in der Schlacht an und zählten ihre Vorfahren mit deren Heldentaten auf. Nanori hatte mehrere Funktionen: Zum einen suchte man einen würdigen Gegner von vergleichbarem Rang und Status, mit dem man sich im ehrenvollen Zweikampf messen konnte; zum anderen gab man sich seinen eigenen Leuten zu erkennen. Die Krieger der damaligen Zeit waren sonst in ihren individuellen Rüstung kaum zu identifizieren. Eine weitere Aufgabe des Nanori war, seinen eigenen Ruhm und den Ruhm seiner Familie zu fördern. Wenn auch die japanischen Krieger als Individualisten kämpften, so waren sie doch sehr darum bemüht, ihre Familien würdevoll zu repräsentieren. Oft opferten Samurai ihr Leben auf dem Schlachtfeld, doch nicht nur für ihren Herrn, sondern auch in der Gewißheit, ihrer Familien Ehre zu bringen.
Quelle der Ehre
Die berühmten Vorfahren, auf die sich beim Nanori oft bezogen wurde, waren Samurai, die für Führer wie Minamoto no Yoshiie [1041-1108] gekämpft hatten und es sind ihre Taten, die noch Jahrhunderte später über die Schlachtfelder hallten.
Yoshiie entstammt der Seiwa-Linie der Minamoto (auch Seiwa-Genji oder Kawachi-Minamoto genannt; On/Kun-Lesung der Namens-Kanji), die mit Minamoto no Tsunemoto, einem Enkel des Kaisers Seiwa begann, der den Kaiserhof im 8. Jh. verließ und im Kantou zu Ansehen gelangte. Schon frühzeitig übernahmen die Minamoto militärische Aufträge für die Regierung in Kyoto, die damals vom Fujiwara-Clan beherrscht wurde und machten sich einen Namen bei der Niederschlagung verschiedener Rebellionen im Osten und Norden des Landes. Die Minamoto wurden darum auch als die Zähne und Klauen der Fujiwara bezeichnet, doch mit Minamoto no Yoshiie entstanden die Legenden, auf die alle seine Nachfahren stolz zurückblickten. Yoshiie betrat die Bühne der Geschichte während des Frühen-Neun-Jahres-Krieges [1056-63], der von seinem Vater geführt wurde. Zur damaligen Zeit waren die Provinzen Dewa und Mutsu auf der Nordspitze von Honshu der letzte Außenposten des Kaiserreiches. Es gab dort neben dem offiziellen Gouverneur einen zusätzlichen Beamten für die Wohlfahrt der Emishi. Diese Position lag in langer Tradition bei der Abe-Familie, doch um 1050 hatte der damalige Inhaber, Abe no Yoritoki soviel eigenen Profit aus dem Amt bezogen, daß es die Regierung in Kyoto für weise hielt, seine Aktivitäten einschränken zu lassen. So wurde Minamoto no Yoriyoshi [995-1082] (der Vater von Yoshiie) zum Gouverneur von Mutsu berufen. Yoriyoshi hatte sich zwar bereits einen Namen im Kampf gegen Rebellen gemacht, doch es war sein ältester Sohn Yoshiie, damals ein 10-jähriger Knabe, der auf dieser Kampagne den Namen der Minamoto im ganzen Land geachtet und gefürchtet machen sollte.
In den ersten Jahren ab 1051 gab es zwar einzelne Zusammenstöße zwischen den Minamoto und den Abe, doch der richtige Kampf begann erst 1056, fast am Ende der Regentschaftszeit der Minamoto im Norden. Bereits 1057 wurde der korrupte Abe Yoritoki bei einem kleineren Gefecht von einem verirrten Pfeil tödlich getroffen, doch sein Sohn, Abe no Sadatou führte den Disput weiter. Als sich die Abe am Ende des Jahres 1057 mit ca. 4000 Mann in der Nähe von Kawasaki verschanzte, wurden sie von den Minamoto, Vater und Sohn an der Spitze von etwa 1800 Kriegern angegriffen. Doch der Angriff schlug fehl und als sich die Minamoto zurückzogen, um sich neu zu gruppieren, brach ein heftiger Schneesturm los. Im Schutze dieses Sturms startete Abe no Sadatou seinen Gegenangriff und die Minamoto mußten unter heftiger Rückendeckung den Rückzug antreten; nur Yoriyoshi, Yoshiie und fünf andere Kommandanten überlebten. Wegen seiner Tapferkeit bei dieser Aktion bekam der junge Yoshiie den Beinamen Hachiman-Tarou, erstgeborener Sohn des Kriegsgottes Hachiman.
Der Krieg im Norden beanspruchte die Ressourcen der Minamoto auf das Äußerste. Sie kämpften auf unfreundlichem Gebiet; das Klima war hart und die Nachschubbasen im Kantou weit entfernt. Der schlechte Stand der Minamoto besserte sich, als sie in der Nachbarprovinz Dewa Unterstützung fanden. Im siebenten Monat des Jahres 1062 griff der Kiyowara-Clan auf ihrer Seite in den Kampf ein und Kiyowara no Takenori führte eine Armee nach Mutsu, die laut Mutsu Waki einige 10000 Mann stark war. Die Minamoto selbst hatten zu der Zeit nur knapp 3000 Krieger im Feld. Die vereinte Armee von Minamoto und Kiyowara führte im achten und neunten Monat des Jahres 1062 einige Schlachten gegen Abe no Sadatou und griff schließlich die Palisadenfestung der Abe bei Kuriyagawa (heutiges Morioka) an. Die Schacht dauerte zwei Tage und zwei Nächte und war eine tödliche Angelegenheit. Am Ende entschied jedoch die Anzahl der Truppen. Die Niederlage der Abe war besiegelt, als es den angreifenden Truppen gelang, die hölzerne Palisade in Brand zu stecken. Der starke Wind ließ die Flammen zu einer Feuersbrunst werden und als die Krieger der Abe aus der Befestigung herausliefen, wurden sie niedergemetzelt. Doch in der Burg waren auch
viele schöne Frauen (...), die bitterlich weinten. Als sie aus dem Tor liefen, wurden sie an die Krieger verteilt und als die Burg fiel blieb nur die Frau von Abe no Noritou zurück. Ihren dreijährigen Sohn in den Armen haltend sagte sie zu ihrem Mann Wie soll ich weiterleben, da du sterben wirst? Ich möchte vor dir gehen, vor deinen Augen. und sprang in eine Schlucht, ihr Kind noch in den Armen. Man nannte sie eine wahre Heldin.
Es gibt in den folgenden Jahrhunderten noch zahllose weitere Bericht von Frauen, die freiwillig dem Schicksal ihre Männer folgten. Die Schlacht von Kuriyagawa war für die Abe verloren und Sadatou kapitulierte. Wenige Monate später traf Yoshiie in Kyoto ein; mit dem Kopf von Abe no Sadatou.
Der Legende zufolge soll Yoshiie während der Schlacht von Kuriyagawa zu seinem Patron Hachiman gebetet haben. Er versprach, einen Schrein zu seinen Ehren zu errichten, wenn Hachiman ihnen in der Schlacht beistehe. Und tatsächlich stoppte Yoshiie seine Reise nach Kyoto bei Tsurugaoka (heute ein Teil von Kamakura) und gründete den Tsurugaoka Hachiman Schrein, der zum Ruhm und zur Ehre des Minamoto-Clans wurde.
Trophäen
Der Kopf eines besiegten Gegners war die Form von Trophäe, mit der während der gesamten Geschichte der Samurai ein erfolgreicher Missionsabschluß nachgewiesen wurde. Das Kopfnehmen war ein wichtiger Bestandteil der japanischen Kampfweise und hat nichts mit Blutrünstigkeit zu tun. Der Kopf des Gegners war nur das Symbol des eigenen Triumphes.
Die gesammelten Köpfe wurden nach der Schlacht ausgestellt und inspiziert. Dieses Kubi-jikken hatte die Aufgabe, die verschiedenen Köpfe zu identifizieren und Belohnungen zu verteilen, die sich nach dem Status des Kriegers richteten, dessen Kopf präsentiert wurde. Eine peinliche Angelegenheit war es jedoch, wenn beim Kubi-jikken Köpfe von Verbündeten vorgezeigte wurden. Die übliche Strafe dafür war die Abtrennung eines Fingers von der rechten Hand.
An vielen Stellen in den Kriegsgeschichten wird beschrieben, wie Krieger auch die Köpfe von gefallenen Familienangehörigen oder Verbündeten nahmen, jedoch um zu verhindern, daß sie in Feindeshand fallen. In Hougen Monogatari wird von Itou Go berichtet, der während der Schlacht von seinem Pferd sprang, um den Kopf seines gefallenen Bruders zu retten. In Heiji Monogatari ist zu lesen, daß ein Kommandant, nachdem einer seiner Krieger von einem Pfeil im Hals getroffen wurde und sich kaum noch im Sattel halten konnte, die Order gab, dessen Kopf zu nehmen und in Sicherheit zu bringen. Saitou no Sanemori, der diesen Befehl bekam, ritt zu dem Verletzten und erklärte, was der Kommandant verlange. Mit der Zustimmung des Kriegers und wahrscheinlich auch mit seiner Unterstützung wurde der Kopf genommen. Heiji Monogatari kommentiert diese Passage mit den Worten:
Es gibt nichts traurigeres (Aware) oder bedauernswertes als den Weg derjenigen, die den Bogen führen.
Heiji enthält auch die Geschichte von einem Kommandanten, der nach der Niederlage fliehend, seinen eigenen Sohn tötet und dessen Kopf nimmt, weil dieser schwer verwundet die Flucht nicht fortsetzen konnte. Minamoto no Yoshitomo [1123-1160], Urenkel von Yoshiie, erklärte seinen Söhnen, daß die Gefangennahme eines Kriegers, seine Enthauptung und die Inspektion seines Kopfes den Namen und die Ehre eines Kriegers beflecken.
Neue Schlachten
Minamoto no Yoriyoshi starb 1082, doch schon ein Jahr später führte ein Sohn Yoshiie erneut eine Kampagne nach Norden, die als der Späte-Drei-Jahres-Krieg [1083-1087] bekannt wurde.
Der Konflikt entstand innerhalb der Kiyowara-Familie, von denen die Minamoto noch während des Frühen-Neun-Jahres-Krieges Unterstützung erhalten hatten. Die Kiyowara waren für ihre Dienste mit dem Amt belohnt worden, das ehemals der Abe-Clan bekleidete und hatten ihren Hauptsitz von Dewa nach Mutsu verlegt. Mit dem Amt in Mutsu waren sechs Distrikte Land verbunden, über dessen Vorherrschaft nun die beiden Kiyowara-Halbbrüder Kiyohira und Iehira stritten. Minamoto no Yoshiie, der Gouverneur von Mutsu und verantwortlich für Recht und Ordnung, versuchte in dem Konflikt zu vermitteln. Doch 1086 verübte Iehira einen Mordanschlag auf Kiyohira. Yoshiie stellte sich daraufhin auf Kiyohiras Seite und griff mit einer Armee von einigen tausend Kriegern die Festung von Iehira bei Numa in Dewa an. Was als einfacher Angriff begann, wurde zu einer grimmigen Belagerung, die mehrere Monate dauerte und als der Winter mit viel Schnee und klirrender Kälte einbrach, verlor Yoshiie viele seiner Leute. Iehira gab indessen seine Stellung in Numa auf und zog sich auf eine wesentlich stärkere Position zurück, in die Festung von Kanezawa, ebenfalls in Dewa gelegen. Der weitere Kriegverlauf bestand nun aus der langgezogenen Belagerung der Festung von Kanezawa, bei der Yoshiie sein militärisches Geschick zeigen konnte, das er auf den Knien seines Vaters erworben hatte. Eine der berühmtesten Anekdoten berichtet von einem Vorfall, der sich ereignete, als Yoshiie seine Truppen nach Kanezawa führte. In der Nähe der Befestigung beobachtete Yoshiie eine Schar Wildgänse, die aufgeschreckt von einer nahegelegenen Wiese aufstiegen. Er schloß daraus, völlig korrekt, daß sich feindliche Krieger im Gras verbargen und einen Angriff vorbereiteten. Er ließ das Gelände umstellen und nahm über 30 Mann gefangen, die er hinrichten ließ. Die Bedeutung dieser Anekdote liegt darin, daß die Regel aufgeschreckte Vögel weisen auf einen Angriff hin aus einem antiken chinesischen Lehrbuch für Kriegstaktiken stammt. Dies beweist, daß die aufstrebende militärische Klasse ihren Beruf ernst genug nahm, um entsprechende Literatur zu studieren. Diese Militärlehrbücher, die keine berühmte chinesische Prosa enthielten, waren nur wenige Generationen vorher als vulgär verpönt gewesen.
Grenzenlose Ehre
Der Angriff von Kanezawa erfolgte im Herbst 1087, aber Yoshiie hatte den selben Erfolg wie in Numa. Während der Belagerung kristallisierten sich aber immer mehr die Tugenden der Samurai heraus. Angriff für Angriff wurde geführt und zurückgeschlagen und Yoshiie ermahnte seine Männer zur Tapferkeit. In seinem Lager ließ er Sitze für die Tapferen (Gouza) und für die Feiglinge (Okuza) aufstellen und am Ende eines jeden Tages wurde jedem Krieger der Platz zugewiesen, den er sich am Tage verdient hatte. Jeder versuchte sein Bestes zu leisten und mit der Zeit entwickelte sich wie von selbst eine gewisse Gleichgültigkeit zum eigenen Lebens, eine Eigenschaft, die bald zu den grundlegenden Charakterzügen des japanischen Kriegers zählen sollte. Ein 16-jährigen Samurai namens Kamakura Gongorou Kagemasa wurde während eines Angriffes von einem Pfeil im rechte Auge getroffen, doch er brach den Schaft des Pfeiles ab und tötete mit einem Tou-no-Ya (Antwortpfeil) den Schützen, der ihn verletzt hatte. Während einer Kampfpause versuchte ein anderer Bushi, Miura no Tametsugu die Pfeilspitze aus dem Auge zu entfernen, doch diese steckte so fest, daß er seinen Fuß auf Gongorous Gesicht stellte, um mit aller Macht daran ziehen zu können. Zu seiner Überraschung sprang Gongorou auf, griff ihn mit seinem Schwert an und rief:
Es ist der Wunsch eines Kriegers im Angesicht von Pfeil und Bogen zu sterben. Aber solange er lebt, wird er es niemandem gestatten, den Fuß in sein Gesicht zu stellen.
Alle die diese Worte hörten, waren tief beeindruckt von diesem ausgeprägten Ehrgefühl. Noch Jahrhunderte später wurde auf diese Begebenheit Bezug genommen. Als Kajiwara Kagetoki, selbst ein ausgezeichneter Krieger, in die Schlacht von Ichi-no-Tani eintrat, rief er folgende Worte, die im Heike Monogatari festgehalten wurden:
Ich bin Kajiwara Heizou Kagetoki, Nachfahre in der fünften Generation von Kamakura Gongorou Kagemasa, dem berühmten Krieger aus dem Osten. Im Alter von 16 ritt er mit Hachiman-Tarou Yoshiie bei der Belagerung von Senbuku Kanezawa in Dewa und wurde von einem Pfeil im Auge getroffen. Doch er zog den Pfeil heraus, erschoß damit denn Man, der ihn getroffen hatte und erwarb dabei Ehre und einen Namen für die Zukunft.
Doch die Belagerung von Kanezawa zog sich weiter hin. Wieder stand Yoshiie vor der Aussicht auf einen harten Winter; die Vorräte schwanden und die Krieger wurden müde. Doch das Blatt wendete sich, als sein jüngerer Bruder Yoshimitsu mit Verstärkung eintraf. Mit der vereinten Armee der Minamoto konfrontiert; die eigenen Vorräte erschöpft, gaben die Verteidiger von Kanezawa im elften Monat des Jahres 1087 auf und beendeten so den Späten-Drei-Jahres-Krieg. Viele Köpfe rollten und Yoshiie begab sich voller Stolz mit seiner Beute nach Kyoto. Doch die politischen Umstände hatten sich verändert. Im Frühen-Neun-Jahres-Krieg hatte der Hof die Abe als Rebellen angesehen und die Minamoto im Kampf sogar mit Männern und Versorgungsgütern unterstützt, wenn auch nicht immer wie versprochen. Jetzt jedoch behauptete der Hof, die Kiyowara hätten sich keines öffentlichen Vergehens schuldig gemacht und die Militäraktion der Minamoto wären ein Eingriff in die privaten Angelegenheiten des Kiyowara-Clans gewesen. Man bezeichnete den Konflikt sogar als Yoshiie Kassen, Yoshiies (privaten) Krieg. Der Geschichte Oushuu Gosannen Ki zufolge hörte Yoshiie diese Neuigkeiten auf seinem Weg zurück in die Hauptstadt, wo er eigentlich Belohnungen und Ehren erwartet hatte. Die Haltung der Regierung empörte ihn so sehr, daß er die genommenen Köpfe der Kiyowara-Rebellen wütend in einen Kanal warf.
Der Späte-Drei-Jahres-Krieg wurde somit eine sehr kostspiele Angelegenheit für Yoshiie, denn er mußte seine Leute nun aus den eigenen Mitteln bezahlen. Die Bezahlung war sehr wichtig, denn in diesen frühen Zeiten waren Fragen der Loyalität noch stark davon abhängig.
Der wahre Sieger des Konfliktes war hingegen Kiyowara Kiyohira, der Mann, der von Yoshiie unterstützt worden war. Er bekam nicht nur die sechs Distrikte von Mutsu, sonders schaffte es, die Herrschaft über das gesamte Gebiet von Dewa und Mutsu zu erlangen. Über ein Jahrhundert lang waren die Kiyowara unangefochtene Herren der nördlichen Territorien. Bekannt als Oushuu-Fujiwara (die Kiyowara stammen von den Fujiwara ab) haben sie der Nachwelt in Hiraizumi, ihrem Familiensitz unschätzbare kulturelle Schätze hinterlassen.
Aus historischer Sicht war der Späte-Drei-Jahres-Krieg jedoch ein wichtiger Faktor in der Entwicklung der Verbindung unter den Kriegern, zumindest für das Band innerhalb der Kawachi-Minamoto. Wenn er auch Unterstützung von seinem Bruder Yoshimitsu bekam, konnte Minamoto no Yoshiie einen militärischen Sieg in einer abgelegenen Provinz unter harten klimatischen und logistischen Bedingungen erringen. Er hätte dies ohne ausgezeichnete Organisation und ohne gute Führungsqualitäten nicht schaffen können.
Rivalen
Es gab noch andere Vorfälle wie den Späten-Drei-Jahres-Krieg, in denen sich sein anderer mächtiger Samurai-Clan hervortat, die Taira. Der erste Taira war Taira no Takami, Enkel von Kaiser Kammu, der wie der Begründer der Minamoto den Kaiserhof im 8. Jh verließ und sich im Kantou ansiedelte. Der Taira-Clan gelangte schnell durch eine geschickte Politik von Kishin, Heirat und Allianzen zu Wohlstand und Ansehen. Wie die Minamoto übernahmen auch die Taira Militäraufträge der Regierung, jedoch konzentrierten sie sich auf den Süden und Westen von Japan, während die Minamoto mehr im Norden und Osten operierten. Die Taira wurden bekannt durch ihren Kampf mit den Piraten an den Küsten von Kyushu und entlang der Inlandsee. Als die Minamoto ihren Clan mit dem Hachiman Tsurugaoka Schrein identifizierten, wählten sich die Taira den Schrein von Itsukushima auf Miyajima, einer kleinen Insel in der Inlandsee, etwa 30km von Hiroshima entfernt.
Der Späte-Drei-Jahres-Krieg fiel auch in eine Zeit der politischen Umstrukturierung am Kaiserhof. 1086 dankte Kaiser Shirakawa ab und mit ihm begann eine Periode, in der die älteren abgedankten Kaiser, die sogenannten In, eine zweite Regierungskammer mit weiten Befugnissen neben der eigentlichen Regierung bildeten. Die Einmischung der Ex-Kaiser in die Hofpolitik war mit einem stetigen Niedergang der Fujiwara-Regierung verbunden und die In fanden ihre Unterstützung bei Fujiwara-feindlichen Familien am Hofe und auch bei der Kriegerelite der Provinzen, einschließlich den Taira und den Minamoto. Doch der Hof hatte kaum noch Macht über den Schwertadel, einzig die militärischen Aufträge hatten eine gewisse Kontrollfunktion. Wenn die Clans für den Kaiserhof kämpften, so winkten Belohnungen, jedoch war der Späte-Drei-Jahres-Krieg nach Meinung des Hofes eine private Angelegenheit der Minamoto und der Kiyowara. Hätte die Regierung den Sieger des Konfliktes belohnt, konnte dies vielleicht einen sehr gefährliches Präzedenzfall darstellen. Aber der Hof war stets darum bemüht, die mächtigen Clanfamilien auf ihrer Seite zu wissen. Und so verbrachte auch Minamoto no Yoshiie seine spätere Lebenshälfte in Kyoto, wo er ein akzeptiertes Mitglied der Hofaristokratie wurde. Man schätzte ihn zwar als Tenka daiichi buyuu no shi, den tapfersten Krieger des Landes, doch Yoshiie war sehr unzufrieden mit diesem Leben, stellte es doch einen krassen Gegensatz zu seiner früheren Größe auf dem Schlachtfeld dar. Am Hof, wo eine buddhistische Sicht der Dinge herrschte, hegte man zudem eine prinzipielle Antipathie gegen Krieger, da diese physische Gewalt anwendeten und besonders das Töten wurde kritisiert. Dies aber beunruhigte zuweilen sogar die Krieger selbst. Es gibt viele Bushi, die nach ihrer Karriere auf dem Schlachtfeld buddhistische Gelübte ablegten, um für ihre Jahre des Tötens zu büssen.
Die letzten Jahre von Minamoto no Yoshiie wurden jedoch noch von einer persönlichen Tragödie überschattet. Sein Sohn und Erbe Minamoto no Yoshichika, Gouverneur der Insel Tsushima im Westen Japans wurde angeklagt, im Norden von Kyushu Raubzüge begangen zu haben, bei denen er Leute getötet und Steuern gestohlen haben soll. 1107, ein Jahr vor Yoshiies Tod, wurde er von Taira no Masanori, dem Oberhaupt der Ise-Taira gestellt und getötet. Der Auftrag dafür stammte von Ex-Kaiser Shirakawa selbst. Taira no Masanori wurde reich belohnt und zum Gouverneur der sehr wohlhabenden Tajima-Provinz ernannt. Ein Höfling vermerkte: Es ist natürlich, daß Belohnungen vergeben werden, doch die plötzliche Ernennung einer Person von so niedrigen Status wie Masanori zum Gouverneur einer erstklassigen Provinz kann nur dem direkten Einfluß des In (Ex-Kaiser Shirakawa) zugeschrieben werden.
Ob Masanori seine Belohnung nun verdiente, oder nicht, sein Einzug in Kyoto war triumphal. Trotzdem gab es Zweifel an der Yoshichika-Affäre. Man verstand nicht, wie ein anonymer, nichtssagender Krieger ohne militärische Erfahrung (Masanori) einen hochdekorierten und erfahrenen Clan-Führer, dessen Familie unvergleichbaren Ruhm genoß (Yoshichika), binnen weniger Wochen fangen und töten konnte. Es waren Gerüchte von Intrigen im Umlauf und daß Yoshichika noch lebe. Auch Jahre später gab es immer wieder Berichte, nach denen er gesehen worden war. Wie auch immer die Wahrheit über Minamoto no Yoshichika aussah, Taira no Masanori stieg rasend schnell in der Hierarchie auf. Es war eindeutig, daß Ex-Kaiser Shirakawa ihn und die Ise-Taira zu seinen Samurai gewählt hatte, zu seinen Zähnen und Klauen anstelle der Minamoto.
Es gab somit fünf mächtige Parteien im Japan des 12. Jh.: der Ex-Kaiser und die Fujiwara, die den Kaiserhof kontrollierten, die Minamoto und die Taira, die mächtigsten militärischen Kräfte im Land und die Souhei, die Kriegsmönche, die sich besonders in Kyoto und Nara konzentrierten. Die Frage der Zukunft war nicht, wie man sich arrangieren würde, sondern, wer den bevorstehenden Kampf überlebt.