Der bessere Weg...
Katchu und Suhada bujutsu Eine Vielzahl von japanischen, waffenlosen Kampfsystemen hat sich mit der Zeit weltweit etabliert. Judo, Jiu jutsu, Karate und Aikido sind wohl die bekanntesten und an Mitgliedern reichsten Stile überhaupt.
Natürlich keimt mit der Zeit die Neugier nach den verwandten Systemen auf und die Schüler fangen an Vergleiche zu ziehen - welches ist das bessere System, der bessere Weg? Ist der eigene Stil gegenüber den anderen Kampfkünsten effizient und praxisbezogen oder kochen auch die anderen nur mit Wasser? Was ist zu favorisieren - Hebel und Würgen, Schläge und Tritte, Würfe und Fegen? So verschieden Karate und Ju jutsu, Aikido oder Judo auch sein mögen, sie basieren auf den selben Wurzeln und arbeiten fast nach den gleichen Prinzipien. Geschichtlich gesehen sind all diese heutigen Systeme ein Schmelztiegel einzelner alter Schulen (Ryu), die teilweise noch heute in Japan bestehen.
Ob die ersten waffenlosen Kampfstile Japans ausgesprochen eigene Kreationen sind, oder wie ebenfalls gern behauptet, chinesischen Einflusses sind ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Ausgehend davon, daß auf der ganzen Welt Systeme dieser Art entwickelt wurden, möchte man aber meinen, daß die Ursprünge in Japan selbst liegen.
Der bei uns geläufige Begriff Ju jutsu kann historisch gesehen für alle genannten Stile benutzt werden, da jede Schule einen eigenen Namen für ihre waffenlose Kampfmethode benutzte. Yoroi kumiuchi in der Yagyu shingan ryu, Hade, Hakuda oder Kempo in der Sekiguchi ryu und der Araki ryu, Koppo und Kogusoku in der Takenouchi Schule oder Yawaragi in der Katori shinto ryu...
Die ersten Systematisierungen dieser Stile erfolgte in der Muromachi-Periode (1333 - 1600) zeitgleich mit dem Entstehen der ersten komplexen Kampfsysteme, die sich auch mit Schwert und Speer beschäftigten. Nachträglich unterscheidet man in Japan diese Nahkampfarten unter zwei großen Oberbegriffen: Katchu bujutsu und Suhada bujutsu.
Katchu bujutsu: In der Zeit ununterbrochener Clankriege vom 13. bis zum 17. Jhdt. wurde Japan von einer Vielzahl von Feldzügen und Fehden der einzelnen Fürstenhäuser geschwächt. Der Berufszweig des Kriegers blühte und die Produktion an Waffen und Rüstungen florierte. Militärische Aggressionen wurden hauptsächlich auf dem Schlachtfeld ausgetragen, daß heißt es standen sich große Gruppen von gepanzerten und schwer bewaffneten Samurai gegenüber. Für diesen Zweck mußte ein Kampfsystem entwickelt werden, daß auch entwaffneten oder Gefangene machenden Kriegern die Chance gab, mit Händen und Füßen einen Feind zu besiegen. Welche Technik waren gegen einen Gegner in einer Rüstung anwendbar? Schläge und Tritte brachten hier nicht die gewünschten Erfolge, da große Teile der Energie vom Panzer abgefangen wurden. Hier waren eher Hebel und Würfe angebracht, mit denen man einen Feind so zu Fall brachte, daß er sich bereits beim Sturz schwer verletzte oder daß man ihn dann am Boden mit dem Dolch oder einer anderen Waffe töten konnte. Dafür entwickelten die Samurai einige ganz spezielle Waffenformen, wie sie nur im Schlachtfeld Verwendung fanden. so z.B. der Yoroi doshi (Panzerstecher), ein Dolch mit einer besonders starken, breiten Klinge, mit dem man sogar den Panzer einer Samurai-Rüstung durchdringen konnte oder ein Messer namens Mete zashi (Pferdehand-Messer). Dieses wurde, für japanische Waffen untypisch, an der rechten Körperseite mit der Klinge nach vorn getragen, so daß man beim Ziehen der Waffe einen kräftigen Stich von unten in die recht ungeschützte Hüftgegend der feindlichen Rüstung ausführen konnte.[Pferdehand: Linke Hand = Bogenhand, zum Schießen / rechte Hand = Pferdehand, zu Führen der Zügel beim Reiten]
Alle auf diesem Prinzip basierenden Systeme werden zum Katchu bujutsu ( Kampftechniken mir Rüstung) geordnet und moderne Kampfsportarten wie Judo oder Aikido zählen Kriegskünste diesen Charakters zu ihren Vorgängern.
Suhada bujutsu: Nach der Befriedung Japans durch Tokugawa Ieyasu um 1600 und der Einführung einer neuen Zentralgewalt verfiel der Stand des Samurai zusehendst von einer Krieger- in eine Beamtenkaste und viele der ehemaligen Veteranen vergangener Kriege verbrachten das Ende ihres Lebens als Tagelöhner und Landstreicher (Ronin), da es für diese Massen an Militär keine Verwendung mehr gab. Militärische Konflikte verlegten sich vom Schlachtfeld mehr und mehr in den Bereich den Selbstverteidigung oder des Schutzes von Herren und Gut. Zu dieser Zeit versuchte man auch die älteren Kampfsysteme dieser neuen Situation anzupassen. Die Schulen, welche um diese Zeit gegründet wurden verfolgten andere Techniken als ihre Vorgänger. Wenn sich nun zwei Kontrahenten begegneten war es unwahrscheinlich, daß einer der Beiden einen schützenden Panzer trug. Die Gegner waren eher in ihrer Alltagskleidung unterwegs, daß heißt, Kimono und Hakama. Hier hatte man jetzt die Möglichkeit durch den Einsatz von Atemi (Schlagtechniken) an verletzlichen Körperpunkten und -stellen schnellere und aus einer weiteren Distanz heraus Wirkungen zu erzielen, die bei einem gepanzerten Feind nicht möglich gewesen wären. Viele der ehemaligen Wurf, Würge oder Hebeltechniken wurden nun durch Tritt-, Schlag und Stoßtechniken ergänzt. Neben dem Stand der Bushi würdigten vor allem die Sicherheitskräfte wie Wachabteilungen, Polizei oder Leibwächter die neuen Systeme, ihre Aufgabe lag nicht im Töten eines Gegners sondern lediglich darin ihn Kampfunfähig zu machen.
Mehrere Methoden des modernen Ju jutsu, Tai jutsu und auch das aus der japanischen Kolonie Okinawa stammende Karate stellen Nachfahren des klassischen Suhada bujutsu dar.
Im Allgemeinen muß man bemerken, daß alle waffenlosen Künste, ob für Schlachtfeld oder Selbstverteidigung entwickelt, stets nur sekundären Charakter in der Rangfolge der Kriegskünste hinter Bogenschießen und Fechten hatten, was aber nicht heißt, daß sie keine Beachtung bei den Samurai fanden. Jeder, der noch heute eine Nahkampfart trainiert kann bezeugen, daß nach einiger Erfahrung im waffenlosen Kampf das Erlernen einer Waffentechnik bei weitem leichter fällt, als einem Ungeübten. Man ist so in der Lage ein gewisses Gefühl für Distanz, Bewegung und Zeit von der eigenen Technik mit in die neuen Aufgaben zu übernehmen. Historisch betrachtet standen die „Jiu jutsu-Systeme“ auch nie allein als eigenständiges Kampfsystem, wie man es heute von Judo oder Karate kennt. Vielmehr fungierten sie stets in Verbindung und als Ergänzung zu anderen Waffenformen oder als Unterstützung des Hojo jutsu (Fesselungstechniken) zur Überwältigung oder Arrestierung eines Gegners.
Die Frage nach dem besseren Weg in den modernen Kampfsportarten muß sich so wohl jeder selbst stellen. Die Unterschiede in der technischen Anwendung sind eher nach historischen als nach zeitgenössisch-praktischen Gesichtspunkten zu suchen und keine der Systeme basiert auf uneffektiven oder nicht brauchbaren Techniken. Nur Kampfstile, welche im Ernstfall auch real und brauchbar waren konnten sich in mehreren hundert Jahren kriegerischen Auseinandersetzungen behaupten und überleben.
Welchen Stil man wählt liegt deshalb wohl eher am persönlichen Geschmack als in der Frage der Praxisbezogenheit und Brauchbarkeit. Die Qualität einer Kriegskunst wurde schon immer vom Ausführenden und nicht von der Technik an sich geprägt.