Ushiwaka maru
Japanische Geschichte - Teil 17
Heute stand ein jungen Mann an der Residenz des Herrn von Kamakura (Minamoto no Yoritomo). Aber Doi no Sanehira, Tsuchiya no Munetou und andere waren mißtrauisch und weigerten sich, (ihn vorzulassen). [...] Aufgrund seines Alters mutmaßte Yoritomo (jedoch), daß es sich um Kurou von Oushuu handeln könnte und ordnete an, daß er sofort zu ihm gebracht werde. aus Azuma Kagami.
Schatten der Vergangenheit
Als gegen Ende des Jahres 1159 der neunte und letzte Sohn von Minamoto no Yoshitomo geboren wurde, ahnte man noch nichts vom verschlungenen Pfad seines Schicksals und von seinem Einfluß auf das Weltbild der gesamten japanischen Nation. Die Mutter nannte den Knaben Ushiwaka-maru (Der Namensanhang maru - rein, klar ist in Japan nur Kindern und Schiffen vorbehalten) und bereits einen knappen Monat später nahm das Schicksal eine erste dramatische Wendung.
1159 ist ein denkwürdiges Jahr der japanischen Geschichte, endet es doch mit dem Heiji-Konflikt, dem ersten Ausbruch von offener Gewalt zwischen den beiden mächtigsten Kriegerfamilien des Landes, den Taira und den Minamoto. Beide Clans stammten von Seitenlinien früherer Heian-Kaiser ab und ihr Ansehen basierte im wesentlichen auf dieser edlen Herkunft. Innerhalb der vorangegangenen zwei Jahrhunderte waren sie zu den mächtigen Häusern in den Provinzen aufgestiegen und hatten dabei eine neue Verwaltungsstruktur auf der Basis feudaler Beziehungen zwischen Lehnsherr und Vasallen geschaffen. Als sich die sanfte Heian-Zeit entgültig ihrem Ende zuneigte, wurde immer offensichtlicher, daß Japan an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter stand. War in den bisherigen Jahrhunderten der Kaiserhof die einzige Quelle der Macht gewesen, hatte sich die Hofaristokratie bis zum 12. Jahrhundert entgültig als unfähig zur Ausübung von Macht und zur Aufrechterhaltung der Verwaltung erwiesen. Im Hougen-Konflikt von 1156, der im Prinzip von einer Streitigkeit um die Thronfolge ausgelöst wurde, hatten die gegnerischen Fraktionen am Hof unklugerweise die Unterstützung verschiedener Militärführer angeworben und plötzlich wurde offenbar, daß die gesamte Struktur der Adelsherrschaft obsolet war. Alle Macht des Reiches lag auf einmal bei den grobschlächtigen und verachteten Kriegern der Provinzen, die von den Höflingen jahrhundertelang als ihre Lakaien benutzt wurden, um Bodenstreitigkeiten zu schlichten und die Ordnung im Land aufrechtzuerhalten. Wenn die Führer der Kriegerclans auch den Kaiser als letzte Instanz der Autorität anerkannten, waren sie nun jedoch entschlossen, die Geschicke des Reiches in die eigenen Hände zu nehmen. Diese Kriegerfamilien, Buke genannt, Schwertadel, (im Gegensatz zu Kuge, dem Hofadel) sollten in der folgenden feudalen Epoche, dem Buke-jidai, in die Geschichtsbücher eingehen. Die ehemals zentralen Werte der Heian-Zeit waren bedeutungslos für die Krieger. An deren Stelle war ein eigener Ethos getreten, den man Kyuuba no Michi, den Weg von Bogen und Pferd nannte. Am stärksten verkörperten die Minamoto diesen neuen Ethos, da sie sowohl geographisch als auch ideologisch weiter von der Hauptstadt entfernt waren als die Taira und daher viel weniger anfällig für den angeblich verweichlichenden Einfluß des kaiserlichen Hofes.
Dennoch triumphierten die Taira in der Entscheidungsschlacht des Heiji-Konfliktes von 1159 und Taira Kiyomori, Oberhaupt des Clans, stieg zum mächtigsten Mann Japans auf. Dem Sieg der Taira folgten zahllose Morde und Hinrichtungen, bei denen sich die Taira auf einen Schlag aller Feinde und etwaiger Widersacher entledigten. Minamoto no Yoshitomo fand sein Ende hinterrücks von einem seiner eigenen Gefolgsleute im Bad gemeuchelt und auch sein ältester Sohn wurde wenig später gefangen und auf dem Richtplatz an den Ufern des Kamo in Rokuhara, auf dem damals große Betriebsamkeit herrschte, enthauptet.
Ushiwaka-maru
Taira Kiyomori war nicht gerade für seine Güte bekannt, dennoch wurde einige Söhne von Minamoto no Yoshitomo verschont. Der älteste von ihnen war der dreizehnjährige Yoritomo, der jüngste Ushiwaka-maru. Laut den Chroniken hatte Kiyomoris Stiefmutter Mitleid mit Yoritomo, da er sie an ihren eigenen verstorbenen Sohn erinnerte und sie bat um sein Leben. Yoritomo wurde daraufhin nach Izu verbannt und unter die Aufsicht zweier wichtiger Vasallen der Taira gestellt. Dort verbrachte er ein gesetztes und diszipliniertes Leben in einer milden Form von Hausarrest.
Ushiwaka-maru befand sich zu der Zeit noch in der Obhut seiner Mutter Tokiwa. Die schöne Tokiwa war aus Kyoto geflohen, als sie vom Tode ihres Mannes hörte; ihr jüngstes Baby klammerte sich an ihre Brust und das zweite trug sie auf ihrem Rücken, während sie ihr ältestes Kind an der Hand führte. Die Flucht der Tokiwa durch Schnee und Sturm ist seit jenen Tagen immer wieder eine Inspiration für japanische Künstler gewesen. Das Blut ihrer Füßen im Schnee wurde zu einem Symbol, wie das Rot von der Flagge der Taira das reine Weiß der Minamoto befleckt. Die Flucht von Tokiwa hätte erfolgreich sein können, wenn der ruchlose Kiyomori nicht ihre Mutter aufgegriffen und gefoltert hätte. Als Tokiwa davon erfuhr, kehrte sie nach Kyoto zurück und lieferte sich und ihre Kinder aus. Tokiwa war jedoch auch eine Frau von außergewöhnlicher Schönheit und Kiyomori soll bei ihrem Anblick so bezaubert gewesen sein, daß er sich damit einverstanden erklärte, das Leben ihrer drei kleinen Kinder zu schonen. Bedingung war: die wunderschöne Tokiwa müsse seine Konkubine werden. Diese Episode ist zwar aller Wahrscheinlichkeit nach apokryph, wahr ist jedoch, daß man Ushiwaka-maru und seiner Mutter gestattete, in der sicheren Hauptstadt zu bleiben, während die meisten Anhänger von Yoshitomo getötet wurden und daß Tokiwa bald darauf mit dem Höfling Ichijou no Naganari vermählt wurde.
Eine weitere Bedingung unter denen Kiyomori gewillt war, Gnade walten zu lassen, war der Eintritt der drei kleinen Minamoto in buddhistische Klöster, um sie zu Mönchen auszubilden - eine lächerlich naive Vorsichtsmaßnahme, wie sich noch zeigen sollte. So schickte man Ushiwaka-maru im Alter von sechs Jahren in den Kurama-dera, einem Tempel in den unwegsamen Bergen im Norden Kyotos. Im Kurama-dera, der etwa um 770 erbaut wurde und zur buddhistischen Tendai-Sekte gehörte, wurde alles getan, um ihn mit dem friedliebenden Geist zu erfüllen, wie es sich für einen zukünftigen Priester geziemt. In nichts könnte man dies mit dem Leben vergleichen, das Yoritomo in Izu führte. Die Gegensätze zwischen den Charakteren und Lebensumständen des ältesten und des jüngsten Sprosses der Minamoto waren somit von Anfang an gelegt und konnten größer kaum sein.
Ushiwaka-maru wuchs eigentlich als Weise auf und entwickelte schon früh gewisse antiautoritäre Züge, die sein gesamtes Leben prägen sollten. Er war ungezähmt, einsam und unabhängig und besaß eine starke Neigung zu Abenteuer und zum Herumstreunen. So ist es auch nicht überraschend, daß sich der junge Minamoto mit der langen Kriegertradition im Blut ganz und gar nicht mit dem geistlichen Leben anfreunden konnte. Obwohl er als Novize in einem Tempel lebte, wehrte er sich hartnäckig gegen die Ordnung des Klosterlebens und verweigert später auch die Tonsur (das Priestergelübte).
Anstelle sich religiösen Übungen zu widmen, investierte Ushiwaka-maru viel Zeit in das Training von Kriegskünsten. Der Legende nach schlich er sich des Nachts regelmäßig davon, um die Kunst des Schwertkampfes von Tengu zu erlernen, Wesen der japanischen Mythologie - halb Mensch, halb Vogel, mit langer Nase - (vergleichbar vielleicht mit Kobolden oder Trollen), die in den Bergen lebten. Die Tengu fanden in Ushiwaka-maru einen gelehrsamen Schüler. Sie brachten ihm zahlreiche Schnitte und Blocks mit dem Schwert bei; auch wie man einen einfachen Faltfächer zur Verteidigung benutzt und, seltsamer noch, wie man selbst mit einem Teekessel kämpft. Im Alter von zehn Jahren stieß Ushiwaka-maru durch Zufall auf eine Ahnentafel der Minamoto und entdeckte seine wahre Identität. Von diesem Moment an verzehrte es ihn danach, gegen die Taira zu kämpfen und die Niederlage seines Vaters zu rächen. Im Gegensatz zu Yoritomo, der eigentlich nie direkt gegen die Taira kämpfen wollte, sondern nur sein angestammtes Territorium (das Kantou) zu sichern gesuchte, war Ushiwaka-maru seit seiner Kindheit von dem starken moralischen Anspruch geleitet, die Feinde seines Vaters zu besiegen. Nachdem der Plan gefaßt war, vermied er es, das endgültige buddhistische Gelübte abzulegen und setzte seine kriegerischen Übungen mit doppelter Anstrengung fort.
Man mag sich fragen, wieso sich Ushiwaka-maru so relativ frei bewegen und entfalten konnte, da er ja nach traditioneller japanischer Auffassung als extrem gefährlich eingestuft werden mußte. Einer der Gründe für die Freiheiten, die er während seiner Zeit im Bergtempel genoß, lagen der Legende nach darin, daß seine Bewacher ihn wegen seiner Schmächtigkeit und seines mädchenhaften Aussehens schlicht unterschätzten. Selbst Heike Monogatari schildert ihn als kleinen Mann mit heller Haut. Die Beschreibungen legen zuweilen gar die Vermutung nahe, daß er seine natürliche Blässe durch weißes Puder verstärkte. Dies war zwar bei Adeligen der Heian-Zeit wie z.B. Prinz Genji allgemein üblich gewesen, für einen Krieger des Minamoto-Clans jedoch äußerst ungewöhnlich. Auch in späteren Berichten erscheint er als bleicher Jüngling mit schönen weiblichen Zügen und gerade die Gegensätze zwischen seinem zarten Äußeren und seiner starken Männlichkeit, offenbart in militärischen Ambitionen und einem äußerst bewegten Liebesleben, sind Teil der besonderen Anziehungskraft dieses Helden.
Musashibou Benkei
Eine der berühmtesten Episoden im frühen Leben von Ushiwaka-maru spielt nur wenige Jahre später. Sie handelt von einem Kriegsmönch, einem wahrlich bedrohlichen Berg von einem Mann, Musashibou Benkei. Dieser Mönch ist noch heute eine der populärsten Figuren der japanischen Erzählungen und in Japan jedem Kind bekannt. Bei Benkei ist alles überlebensgroß: Er blieb volle 18 Monate im Mutterleib und wurde als ausgewachsener Junge mit Zähnen und langem Haar geboren. Nachdem er als Kind der Obhut des Enryaku-ji übergeben wurde, wuchs er laut den Erzählungen zu einem riesenhaften, kraftstrotzenden Koloß von zwei Meter fünfzig heran, so stark wie einhundert Männer. Später wird er mit schwarzer Rüstung und einer mörderischen Keule, mit der er phantastisches vollbringt, beschrieben; eine wahrlich furchteinflößende Gestalt. Doch er war bei weitem kein hirnloser Kraftprotz. Neben seiner Körperkraft verfügte Benkei auch über Humor, Intelligenz und eine eindrucksvolle Bildung. Doch trotz seiner Liebenswürdigkeit war sein polternden Wesens selbst den Mönchen im Enryaku-ji zu viel, so daß sie ihn eines Tages freundlich zum Gehen auffordern. Nachdem er den Tempel verlassen hat, fand Benkei jedoch einen verlassenen Schrein, den er übernahm und ein Ein-Mann-Kloster gründete. Eines Nachts fühlte er sich dann danach, dem Mii-dera, der nicht weit entfernt lag, einen Streich zu spielen. Der Mii-dera besaß eine Glocke, die für ihren klaren Klang in ganz Japan bekannt war und Benkei fand Belustigung in der Idee, daß die Mönche des Mii-dera am Morgen das Glockenhaus leer vorfinden würden. Also schlich er nachts in den Tempel, schnitt die Glocke ab und wuchtete sich die halbe Tonne Bronze auf die breiten Schultern. Doch er war noch nicht weit in die Berge gestiegen, als neugierig wurde und sich fragte, was für einen Ton das soeben erworbene Prachtstück machen würde. Also setzte er die Glocke ab und versetzte ihr einen kräftigen Schlag mit einem Baumstamm. Die Glocke gab jedoch keinen schönen Klang von sich, sie beschwerte sich nur, daß sie viel lieber nach hause gehen wolle. Enttäuscht gab ihr Benkei einen Tritt, daß die Glocke den Berg hinabrollte und letztlich vor dem Mii-dera liegenblieb. Die dortigen Mönche liefen aufgeschreckt zusammen und forderten Benkei entrüstet auf, daß er die Glocke wieder an ihren angestammten Platz bringen solle. Benkei willigte auch ein, forderte jedoch als Ausgleich einen Kessel mit Bohnensuppe. Glocke und Kessel sind bis zum heutigen Tag als Beweis dieser Begebenheit im Mii-dera aufgehoben.
Die erste Begegnung zwischen Ushiwaka-maru und Benkei fand auf der Gojou-Brücke in Kyoto statt. Die neueste Freizeitbeschäftigung von Benkei war zu jener Zeit das Sammeln von Schwertern; und zwar Schwerter anderer Leute. Er brüstete sich damit, 1000 Schwerter im Kampf erstreiten zu wollen, um damit den Wiederaufbau eines Tempels zu unterstützen und nachdem es ihm bereits gelungen war, 999 Schwerter zu erbeuten, wartete er auf der Gojou-Brücke auf sein letztes Schwert. Da näherte sich eine schlanke einsame Gestalt, die unbekümmert eine Flöte spielte. Ein seidener Umhang bedeckte Kopf und Schultern und wies den Träger als Angehörigen eines Tempels aus: Ushiwaka-maru. Der junge Minamoto hatte von Benkei gehört und wollte sich mit ihm messen. Benkei sah in dem zarten Bürschlein zunächst keinen ernstzunehmenden Gegner, doch es sollte sich schnell herausstellen, daß Ushiwaka-maru durch die heimlichen Lektionen in den Bergen unbesiegbar geworden war. Dem ersten gewaltigen Hieb von Benkei entkam Ushiwaka-maru, indem er mit einem Satz hoch in die Luft und über Benkei hinwegsprang. Benkei griff immer wieder an, doch Ushiwaka-maru wehrte ihn jedesmal geschickt ab. Um die Angriffe zurückzuschlagen, benötigte der junge Held nicht einmal sein Schwert, entweder wich er der Klinge aus, ober er benutze seine Flöte oder seinen Fächer, um sie abzuwehren. Der Kampf ging so über einige Stunden und Benkei verausgabte sich völlig, während Ushiwaka-maru nicht einmal Schweiß auf der Stirn hatte. Vollkommen erschöpft gab Benkei schließlich auf. Überwältigt von dieser Demonstration seines Könnens bot der Mönch an, Ushiwaka-maru als eingeschworener Gefolgsmann zu begleiten. Von jenem Tage an sind die Namen der beiden Helden eng miteinander verbunden. Es existieren zahllose Geschichten von ihren gemeinsamen Abenteuern, die später u.a. in Theaterumsetzungen Verwendung fanden, wie das Nou-Stück Hashi Benkei, in dem es um die ersten Begegnung der Helden auf der Gojou-Brücke geht. Ein Sprichwort, das auch aus dieser Geschichte entstand, ist Benkei no Nakidokoro (wörtlich, der Platz an dem Benkei weinte) und steht für einen persönlichen Schwachpunkt oder um ein Synonym unseres Sprachraumes zu verwenden, für eine Achillesferse.
Minamoto no Yoshitsune
Noch heute ist der Kurama-dera eng mit der Legende von Ushiwaka-maru verknüpft. Es werden Feste zu seinen Ehren abgehalten und viele Orte zwischen Kurama-dera und dem Oku no In, einem weiteren Tempel in den Bergen, sind noch heute allseits bekannte Sehenswürdigkeiten, wie Ikitsugi-mizu, die Quelle, an der Ushiwaka-maru seinen Durst stillte, wenn er zwischen den Tempeln unterwegs war oder Kinone Michi, ein Bergpfad, auf dem er seine Sprungkraft trainierte. Bekannt ist auch der Sekurabe Ishi, ein großer Stein, an dem Ushiwaka-maru seine Größe maß, um festzustellen, wann es Zeit war, das Kloster zu verlassen. Dieser Zeitpunkt war schließlich 1174 gekommen. Im Alter von 15 Jahren entfloh Ushiwaka-maru dem Tempel und der Aufsicht der Taira und wanderte mit Hilfe eines Goldhändlers nordwärts. Auf dem Weg machte Ushiwaka-maru Rast an einer Poststation, um sein Genpuku, die Volljährigkeitszeremonie, abzuhalten. Da keiner seiner Angehörigen anwesend war, mußte er das feierliche Ritual selbst vollziehen. Diese Geschichte eignet sich natürlich hervorragend, um das einzelgängerische Wesen des Helden hervorzuheben. Da ein Junge mit dem Tage seiner Volljährigkeit das Haus seiner Mutter verläßt und als vollwertiges Mitglied in den Kreis seines Clans eintritt, wird auch der Kindname hinfällig und das neue Clanmitglied sucht sich einen eigenen Namen. Das neue Mitglied des Hauses Minamoto nannte sich Yoshitsune und unter dem Namen Minamoto no Kurou Hougan Yoshitsune sollte er Berühmtheit erlangen, wie keiner vor ihm (Kurou steht dabei für neunter Sohn und Hougan ist der Titel eines Magistrats, der ihm später verliehen wurde).
Auch wurde erstmals sein Interesse am anderen Geschlecht offenbar, wenn gleich die Motivation noch recht ungewöhnlich erscheinen mag. Yoshitsune war voller Eifer, ein bestimmtes Buch zu lesen, eine chinesische Abhandlung über die Kriegsführung, die sich jedoch im Besitz eines mächtigen Taira befand. Dieser Taira hatte aber auch eine schöne Tochter und der junge Held gedachte, diese zu verführen, um an sein Ziel zu gelangen. Zunächst brachte er ihr am Abend Ständchen auf seiner Flöte und nachdem er ihre Aufmerksamkeit und kurz darauf ihre Zuneigung gewonnen hatte, besuchte er die schöne Maid sechzehn Nächte lang, in denen er sich zuerst dem Mädchen und anschließend dem Buch über die Kriegsführung widmete.
Nach vielen weiteren Abenteuern und Gefahren, denen er zum Teil nur mit knapper Not entrinnen konnte, erreichte Yoshitsune schließlich Oushuu, eine abgelegenen Gegend im Norden der Hauptinsel, in der sich seit mehreren Generationen der Clan der sogenannten nördlichen Fujiwara quasi unabhängig vom Kaiserhof eingerichtet hatte. Aufgrund ihres Wohlstandes und ihrer militärischen Stärke konnten sie sich in dieser Position auch sicher fühlen. Die nördlichen Fujiwara pflegten seit je her gute Beziehungen zu den Minamoto, schließlich war es Unterstützung der Minamoto 100 Jahre zuvor im späten Drei-Jahres-Krieg [1083-1087], der sie die Kontrolle über die Oushuu-Region verdankten. So gewährte Fujiwara no Hidehira, das Oberhaupt des Clans, dem jungen Minamoto seinen Schutz. Yoshitsune verbrachte die folgenden 5 Jahre in Oushuu, sicher vor der Verfolgung durch die Taira.
Die Legende Yoshitsune
Yoshitsune ist, obwohl er als Person real existiert hat, ein vollständiges Mysterium. Vieles von dem, was über diese bemerkenswerte historische Person bekannt ist, beruht fast ausschließlich auf Erfindungen. Über die Jahrhunderte ist daraus ein dichtes Geflecht von Geschichten und Legenden entstanden, mit denen die spärlichen historischen Tatsachen kunstvoll und imposant ausschmückt wurden. Aus dieser Mischung von Fiktion und Wahrheit wurde der Inbegriff des japanischen Helden geboren und Yoshitsune zu einer der berühmtesten und beliebtesten Persönlichkeit der japanischen Geschichte. Selbst in der Gegenwart, in der die Tugenden der Samurai nur kaum mehr ein Schatten ihrer glorreichen Vergangenheit sind, lieben die Schulkinder seine Geschichte und seine besondere Tragik rührte die Menschen zu allen Zeiten. Moderne Historiker bemühen sich, das Chaos von Legenden und Geschichten, auf denen nahezu die gesamte Literatur über Yoshitsune beruht (wie auch dieser Text hier Anm.d.A.), zu entwirren und sich auf das wenigen dokumentarische Material zu beschränken, das verifizierbar ist. Doch über seinen ersten zwanzig Lebensjahre gibt es keinerlei authentische Informationen, wenn gleich dieses Faktenvakuum von einer Menge phantastischer Geschichten und Legenden ausgefüllt wurde. Das einzig verifizierbare Datum seiner ersten Lebenshälfte ist das Jahr seiner Geburt 1159. Weitere gesicherte historische Tatsachen existieren dann nur noch über seine letzten vier Lebensjahre, der Rest ist schlichtweg frei erfunden. Das soll jedoch nicht weiter stören, haben doch gerade diese Legenden um das Leben des Helden die Gefühlswelt der Japaner so entscheidend geprägt.
Von den zahlreichen Werken über Yoshitsune ist die Heike Monogatari die berühmteste Quelle. Den umfangreichsten Bericht liefert jedoch Gikeiki, die Chronik von Yoshitsune, die etwa zweihundertfünfzig Jahre nach den Ereignissen entstand und alle bedeutenden Geschichten, die sich bis dahin um den Helden rankten, beeinhaltet. Bemerkenswert ist dabei auch, daß Gikeiki, welches das ausführlichste Werk über das Leben von Yoshitsune sein will, die militärischen Siege nur mit wenigen Sätzen behandelt und sich überwiegend mit seinen letzten Jahren und der Tragödie seines Endes befaßt. Das ist einfach damit zu erklären, daß zur Zeit der Entstehung dieses Werkes die Yoshitsune-Legende bereits feste Gestalt angenommen hat, deren Schwerpunkt letztlich auf dem tragischen Untergang des Helden liegt. Sowohl die Heike, als auch das Gikeiki lieferten in den folgenden Jahrhunderten Stoff für zahlreiche Bearbeitungen, wie volkstümliche Erzählungen, Tänze, Puppenspiele, Nou- und Kabuki-Stücke. In der heutigen Zeit kommen noch zahlreiche Verfilmungen und Fernsehserien hinzu. Auch werden immer wieder gern Referenzen auf die Yoshitsune-Legende verwendet, wie etwa in Urusei Yatsura, die fast schon vor solchen Anspielungen überquillt (Prinzessin Kurama, Karasu-Tengu, Ushiwaka-maru etc.).
Yoshitsune im Gempai-Krieg
Das Wissen über das Leben von Yoshitsune vor seinem Eintritt in den Gempai-Krieg kann eigentlich auf einen einzigen Eintrag im Azuma Kagami reduziert werden. Dort ist beschrieben, wie er am 21. Tag des zehnten Monats 1180 unerwartet und unangekündigt im Lager seines Halbbruders Yoritomo erscheint, zwei Monate, nachdem der Gempai-Krieg begann und nur einen Tag nach der (nicht stattgefundenen) Schlacht am Fuji, bei der sich die Taira so plötzlich zurückgezogen hatten. Mit einundzwanzig Jahren begann Yoshitsune somit seine Karriere als Soldat, die ihn innerhalb von nur 5 Jahren zur Legende machen sollte. Es ist typische Ironie, die Yoshitsunes Leben begleitete, daß der Feind, gegen der er seinen ersten Feldzug führt, nicht die verhaßten Taira, sondern sein eigener Cousin Yoshinaka sein sollte.