Die Schlacht von Uji
Japanische Geschichte - Teil 18
Selbst wenn er einen Kampfgeist besitzen möge, wie [Taira no] Masakado oder [Fujiwara no] Sumitomo, wenn ein Krieger ein schwaches Pferd reitet, wird er mit Sicherheit den Tod eines Hundes sterben. aus Gempai Seisui Ki
Ungleiche Brüder
Yoshitsune war der neunte und letzte Sohn von Minamoto no Yoshitomo, stand jedoch auf der sozialen Leiter wesentlich unter seinem Halbbruder Yoritomo. Yoritomos Mutter war die Tochter des Hohepriesters im bedeutenden Atsuta-Schrein und die weitaus vornehmste der zahlreichen Gefährtinnen von Minamoto no Yoshitomo. Die Mutter von Yoshitsune, die Dame Tokiwa war zwar der Legende nach von so außergewöhnlicher Schönheit, daß ihr sogar ein Taira Kiyomori erlag und ihren Kindern das Leben schenkte, dennoch war sie nur eine niedere Hofdame bei Fujiwara no Teishi gewesen. Die sozialen Unterschiede zwischen den Brüdern sollten ihr Verhältnis zueinander von Anfang an belasten. So war Yoritomo zu keiner Zeit gewillt, seinen jüngeren Halbbruder als gesellschaftlich gleichrangig anzuerkennen. In einer Chronik wird beispielsweise eine Begebenheit erwähnt, die sich 1181 bei einer Zeremonie am Hachiman-guu in Kamakura ereignete: Yoritomo befahl seinem Bruder Yoshitsune barsch, die Zügel seines Pferdes zu halten, nachdem sich dieser zuvor geweigert hatte, diesen niederen Dienst zu verrichten.
Für Yoritomo war Yoshitsune zwar sein Halbbruder, vor allem war er jedoch sein Vasall und mußte dazu angehalten werden, sich wie einer zu benehmen. Yoritomo sah in dieser Ordnung das neue System einer Militärregierung unter Führung der Minamoto. Er selbst verstand sich dabei als uneingeschränkter Machthaber, alle anderen Clanführer und auch seine engsten Verwandten würden ihm als Vasallen dienen. Selbst der Standort seines Hauptquartieres in Kamakura liegt in dem Vorhaben begründet, eine neue herrschende Klasse zu etablieren und den streitsüchtigen Kriegerclans Disziplin und Zusammenhalt aufzuerlegen. Weit im Osten, durch mehrere hundert Kilometer Gebirge von Kyoto getrennt und in einer rauhen und spartanischen Atmosphäre, die völlig im Gegensatz zur Leichtigkeit, Eleganz und Ästhetik von Heian-kyou stand, gelang es Yoritomo, die völlig neue, einzig auf die Bedürfnisse der Samurai zugeschnittene Verwaltung zu installieren. Es war sein Grundsatz, daß alle Vasallen ausschließlich Kamakura Gehorsam schuldeten und keinerlei Anordnungen vom Kaiserhaus oder jedweder anderen Autorität im Reich entgegenzunehmen hatten. Seine Vasallen durften selbst Gunstbezeugungen aus Kyoto auf keinen Fall direkt annehmen. Der Herr von Kamakura allein behielt sich das Recht vor, seine Gefolgsleute für ihre Dienste zu belohnen, und wenn diese Belohnung in Form von höfischen Titeln vergeben wurden, konnten sie nur von ihm allein vorgeschlagen werden. (Obwohl diese Titel mittlerweile aufgrund der völlig dahingeschwundenen Macht des Kaiserhauses eigentlich inhaltslos geworden waren, verband man damit noch immer ein erhebliches Prestige.)
Die Brüder unterschieden sich auch in ihren Persönlichkeiten stark: Yoritomo, der bedächtige, ruhige Stratege, plante stets über den Tag hinaus, an dem die letzte Schlacht geschlagen würde und konzentrierte sich auf die Errichtung einer stabilen Verwaltung unter der endgültigen Herrschaft der Minamoto. Yoshitsune hingegen lebte für den Augenblick, war wild, ungezähmt und konnte sich keiner Autorität unterordnen. Auf dem Schlachtfeld sollte er sich durch Findigkeit und Tapferkeit auszeichen, in seinen persönlichen Beziehungen legte er jedoch eine fast kindliche Einfachheit an den Tag, eine Unschuld und Naivität, die in der japanischen Tradition oft mit dem Begriff Makoto (Aufrichtigkeit) assoziiert wird. Makoto, die Kardinaltugend des japanischen Helden schlecht hin, bezeichnet dabei die Reinheit der Absichten einer Person, die in Ablehnung jeglichen Eigennutzes handelt und eine vollkommene moralische Standfestigkeit besitzt. Die Differenzen zwischen den beiden ungleichen Brüdern wurden jedoch noch vom gemeinsamen Feind, den Taira kompensiert. Es ist allerdings schon absehbar, daß die beiden entgegengesetzten Pole durch Familienbande allein sicher nicht beieinandergehalten werden können.
Neben Yoshitsune hatte sich noch ein weiterer Sohn von Minamoto no Yoshitomo in Kamakura eingefunden, Noriyori (dessen Mutter eine Kurtisane bei der Poststation von Ikeda in der Provinz Oumi war). Im Gegensatz zu seinem illustren Halbbruder Yoshitsune blieb Noriyori jedoch völlig im Schatten der Geschichte, so daß kaum etwas über ihn bekannt ist.
Ereignisse des Gempai-Krieges
Aus heutiger Sicht ist nicht nachvollziehbar, was Yoritomo von seinem Halbbruder hielt, als dieser 1180 plötzlich in Kamakura erschien. Es scheint aber wahrscheinlich, daß er in ihm keine wesentliche Hilfe sah, da Yoshitsune über ein Jahr lang mit keiner militärischen Aufgabe betraut wurde. Erst im elften Monat des Jahres 1181 wurde Yoshitsune und anderen Kommandanten, namentlich Ashikaga no Yoshikane, Doi no Sanehira, Tsuchiya no Munetou und Wada no Yoshimori der Befehl gegeben, die Streitkräfte der Minamoto nach Westen zu führen, um eine Taira-Armee unter Taira Koremori abzufangen, die von Kyoto aus in östliche Richtung aufgebrochen war. Doch die Taira wagten sich nicht über die Provinz Owari hinaus, so daß Yoritomo seine Truppen wieder zurückbeorderte.
Das Jahr 1183 wird von Minamoto Yoshinaka dominiert, der Anfang Juni 1183 eine Armee der Taira in der Schlacht von Kurikara (Tonamiyama) und wenig später bei Shinowara vernichtete. Am 17. August 1183 marschierten Yoshinaka und sein Onkel Yukiie dann triumphal in Kyoto ein, nachdem die Taira die Hauptstadt kampflos aufgegeben hatten. Ende 1183 begannen Yoshinaka und Yukiie schließlich Expeditionen gegen Stellungen der Taira, die sich an der Inlandsee verschanzt hatten. Doch die Taira konnten nun wesentliche strategische Vorteile auf ihrer Seite verbuchen: sie kämpften auf eigenem Territorium und besaßen ausgebaute Verteidigungsstellungen entlang der Inlandsee, die sie nach ihrem Rückzug aus Kyoto verstärkt hatten. Eine der erwähnenswerten Basen war Hikoshima, eine Insel in der schmalen Straße zwischen Honshuu und Kyuushuu, eine zweite war Yashima, eine kleine Insel vor Shikoku und eine weitere befand sich in Fukuhara, in der Nähe des heutigen Kobe in der Provinz Settsu. Zudem waren die Taira ein Clan mit ausgeprägter Seefahrtstradition, die sie sich im Laufe der vergangenen Jahrhunderte durch die Bekämpfung von Piraten angeeignet hatten. Sie besaßen eine große Anzahl von Schiffen und waren auch in der Lage, diese zu ihrem Vorteil einzusetzen. Die Taira waren somit in einer wahrlich starken Position.
Das erste Ziel für Yoshinaka war die Stellung der Taira auf Yashima vor der Küste von Shikoku. Yoshinaka hatte eine Armee unter Yada Yoshiyasu ausgesandt, um bei Mizushima in der Provinz Bitchuu die Inlandsee zu überqueren und Yashima anzugreifen. Doch die Taira kamen diesem Plan zuvor und ihre Flotte unter Taira Tomomori und Taira Noritsune fing die Minamoto am 17. November 1183 auf der See ab. Heike Monogatari berichtet: Die Schiffe der Heike (vornehme chinesische Lesung des Namens Taira) waren an Bug und Heck mit Tauen aneinandergebunden und dazwischen waren andere Taue gespannt und Planken gelegt, so daß eine große, schwimmende Plattform für die Krieger entstand. Als die Auseinandersetzung begann, rief Noto no kami Noritsune mit lauter Stimme: Ho, Leute von Shikoku. Wie könnt ihr die Schande tragen, lebendig von diesen Wildschweinen aus dem Norden gefangen zu werden. Steht auf und kämpft! So stießen sie ihr Kriegsgeschrei aus und begannen zu kämpfen, spannten ihre Bögen und ein Schauer aus Pfeilen ergoß sich auf den Feind. Als dieser nahe genug war, zogen sie ihre Schwerter und kämpften Mann gegen Mann. [...] Als Yada no Hangan Yoshikiyo an seinem Schicksal zweifelte, sprang er mit sechs Getreuen in ein kleines Boot und führte einen Angriff [der Minamoto] in vorderster Front, doch es war vergeblich; die Taira brachten sein Boot zum Kentern und alle Insassen ertranken. [...] Die Taira hatten auch ihre Pferde mit auf die Schiffe gebracht und als sie die Küste erreichten, sprangen sie mit ihnen ins Wasser und schwammen an den Strand. Da sie bereits fertig ausgerüstet waren, konnten sie, sobald sie festen Boden unter ihren Füßen spürten, auf ihre Pferde aufsitzen und durch die schäumende Gicht zum Strand reiten. 500 Reiter unter Noto no kami Noritsune stürzten sich auf die Genji (vornehme chinesische Lesung des Namens Minamoto), die vom Verlust ihrer beiden Führer völlig verwirrt, in wilder Panik davonliefen.
Eine Woche später traf Taira Tomomori mit seiner Armee bei Muroyama auf die Streitkräfte von Minamoto Yukiie. Die Taira hatten ihre Truppen in fünf Divisionen unterteilt und griffen abwechselnd an, so daß die zahlenmäßig ohnehin stark unterlegenen Minamoto innerhalb kurzer Zeit völlig aufgerieben wurden. Als Yukiie dann von den Truppen der Taira umzingelt wurde, gab er die Stellung auf und floh.
Alles schien darauf hinzudeuten, daß die Taira in ihrem Gebiet die Oberhand behalten wurden, doch es gab auch einen kleinen Lichtblick für Yoshinaka. Seno Kaneyasu, ein Anhänger der Taira, verteidigte die Palisadenfestung Fukuryuuji und wurde von Imai Kanehira (Yoshinakas Freund aus Kindertagen) angegriffen. Obwohl der Angriff über schlammige Reisfelder im Spätherbst und unter schwerem Bogenbeschuß durchgeführt wurde, gelang es Kanehira, die Palisaden zu erstürmen. Die Taira wurden geschlagen und Seno Kaneyasu fand einen ehrenvollen Tod im Kampf.
Die Niederlagen von Mizushima und Muroyama hinderten Yoshinaka nicht daran, wieder im Triumph in Kyoto einzuziehen, doch auch in Kyoto hatte sich die Situation zu seinen Ungunsten geändert. Die anfängliche Begeisterung für seine Person als Befreier von der Tyrannei der Taira war inzwischen in Ablehnung umgeschlagen. Dies mag teilweise seinem rauhen Wesen geschuldet gewesen sein, im wesentlichen wird es jedoch daran gelegen haben, daß seine Leute die Stadt wie Banditen ausplünderten. Auch Ex-Kaiser Goshirakawa und der Hofstaat hatten nicht viel für den grobschlächtigen Krieger aus den Bergen von Shinano übrig und stellten ihre Unterstützung für Yoshinaka, die bisher eigentlich schon nur aus inhaltslosen Willensbekundungen bestand, völlig ein.
Als es bei Yoshinakas Rückkehr erneut zu Plünderungen und zu Verwüstungen kam, brach Anfang 1184 offener Widerstand aus und Yoshinaka sah sich einer Armee von Taira-Sympathisanten, Hofadel und Souhei (Kriegsmönchen) vom Berg Hiei und vom Mii-dera gegenüber. Yoshinaka belagerte daraufhin seine Widersacher am Palast Houjuujiden, der in Brand gesetzt wurde und völlig niederbrannte. Nach langen Straßenkämpfen in der Stadt wurde der Widerstand schließlich gebrochen und Yoshinaka ging als Sieger hervor.
In Kamakura hatte sich Yoritomo indes daran gemacht, die Auslöschung seines unliebsamen Verwandten in die Wege zu leiten: Gegen Ende 1183 waren Yoshitsune und Nakahara no Chikayoshi mit mehreren hundert Reitern als Angriffsvorbereitung in die Zentralprovinzen gezogen. Die Entscheidung von Yoritomo, gegen ein Mitglied seines eigenen Clans vorzugehen, läßt sich nicht allein mit den Vorfällen in Kyoto begründen. Für Yoritomo dürfte vielmehr die unabhängige Haltung von Yoshinaka und sein Widerwille, sich einer höheren Autorität unterzuordnen, entscheidend gewesen sein. Zudem war der Zeitpunkt für dieses Vorhaben nach der fast völligen Isolation von Yoshinaka überaus günstig. In Folge des Aufstandes in Kyoto hatte Yoshinaka Ex-Kaiser Goshirakawa unter Hausarrest gesetzt, so daß Yoritomo überdies mit einer (nachträglichen) Legitimation des Kaiserhauses rechnen konnte. Yoshinaka war sich der Bedrohung aus Kamakura durchaus bewußt, erwog er sogar eine Allianz mit den Taira gegen seinen Cousin Yoritomo. Doch schon im ersten Monat des Jahres 1184 wurden die Gefahr Wirklichkeit: Yoritomo gab den letzten Befehl, um seinen Cousin Yoshinaka zu züchtigen, eine zu jener Zeit gebräuchlicher Euphemismus, das beschönigend die Vernichtung von Yoshinaka zum Inhalt hatte. Noriyori, der Halbbruder von Yoshitsune brach mit der Hauptstreitmacht von Kamakura auf, um gemeinsam mit Yoshitsune nach Kyoto zu ziehen. Daß Yoritomo seine Brüder Yoshitsune und Noriyori für diese Aktion einsetzte, stellt einen typischen Mißbrauch von Solidarität innerhalb eines Clans dar, der sich noch an vielen anderen Stellen in der Geschichte wiederfinden soll.
Die zweite Schlacht am Uji
Die Kamakura-Truppen hatten auf ihrem Weg gen Westen keinerlei Schwierigkeiten, denn Yoshinaka schien sich im Augenblick der Gefahr in Passivität zu verlieren. Er bereitete sich weder auf den Kampf vor, noch suchte er nach einer diplomatischen Lösung. Als die östliche Armee kurz vor Kyoto stand, blieb Yoshinaka in der Hauptstadt zurück und schickte nur zwei seiner Kommandanten, um bei Seta am Fluß Uji die Verteidigungslinie aufzubauen.
Der Fluß war bereits vier Jahre zuvor vom alten Minamoto no Yorimasa im Kampf gegen die Taira als natürliche Barriere benutzt worden, diesmal sollten einzig die Ufer von Verteidigern und Angreifern vertauscht sein. Man folgte auch dem Beispiel von Yorimasa, entfernte die Brückenbeplankung und versenkte als zusätzliche Maßnahme bewehrte Staken an Trossen im Flußbett. Es dürfte sowieso kühner Seelen bedurft haben, um den Fluß zu jener Jahreszeit durchqueren zu wollen, denn abschmelzender Schnee sorgte für Hochwasser, von der Temperatur des Wasser ganz zu schweigen. Doch anstelle des einfachen Weges, wählte Yoshitsune den direkten Angriff und fand dabei auch den Zuspruch seiner Männer. Als sie an den Ufern des Uji ankam, stützte sich die gesamte Armee in die Fluten stürzte, um ihre Heldenansprüche geltend zu machten.
Als Hatakeyama Shigetada, Kommandant von fünfhundert Kriegern, sein Pferd in Richtung Ufer lenkte, wurde seine Aufmerksamkeit von zwei Reitern etwas stromauf angezogen, die sich einen privates Rennen über den Fluß lieferten. Es waren Kajiwara Kagesue und Sasaki Takatsuna und dieses Rennen hat wahrscheinlich mehr Künstler inspiriert als jedes andere historische Ereignis. Auf unzähligen Holzdrucken, Wandbildern und Waffenständern ist illustriert, wie Sasaki einen Trick anwendet, um Kajiwara zu besiegen: Kajiwara lag etwa 1 Jou (ca. 3m) vor Sasaki. Kajiwara-dono! Dein Sattelgurt scheint locker zu sein. Das ist der größte Strom in den westlichen Provinzen, du solltest ihn besser festziehen. So gewarnt ließ Kajiwara die Zügel auf der Mähne seines Pferdes ruhen, nahm einen Fuß aus dem Steigbügel und lehnte sich nach vorn, um den Sattelgurt zu lösen und neu fest anzuziehen. Als er damit beschäftigt war, schoß Sasaki an ihm vorbei und konnte sein Pferd als erster in den Fluß lenken. Als Kajiwara bemerkte, daß er ausgetrickst worden war, versuchte er zwar, die Führung zurückzugewinnen, doch der Vorsprung von Sasaki war zu groß, obwohl er noch die gespannten Trosse in der Mitte des Flusses fand und mit dem Schwert zerschneiden mußte. Als Sasaki Takatsuna das andere Ufer erreichte, stand er im Sattel auf und verkündete seinen Namen einschließlich der Proklamation, daß er der Erster war, der den Ujigawa überquerte. Diese Passage wurde daraufhin zum permanenten Teil seines Nanori und dem seiner Nachfahren.
Die Pferde, die Kajiwara und Sasaki ritten, trugen die Namen Surusumi und Ikezuki und waren beides auserlesene Tiere, von Yoritomo persönlich ausgesucht. Yoritomo hatte schon bei Ausrüstung der Armee die Schwierigkeiten am Ujigawa bedacht, und zwar sowohl den reißenden Fluß als auch feindliche Hindernisse wie Staken, gespannte Seile und Stachelranken. Er ordnete darauf hin an, daß alle mit auserlesenen Pferden (Yoki-Uma) ausgestattet werden. Im Gempai Seisui Ki sind ein Teil der Krieger und ihrer Pferde aufgelistet, alle Tiere durch Namen identifiziert (Weisse Welle, Mondring etc.), ein Fall, in dem anscheinend die Auswahl der Reittiere mehr Sorgfalt erfuhr als die der Krieger. Die Pferde waren allesamt besonderes Beispiel für Arauma, wilde, ungezähmte und kräftige Pferde und die Eigenschaften von Ikezuki und Surusumi prädestinierten sie dafür, den Fluß als erste zu überqueren. Ikezune galt dabei als das edlere Roß, da es bereit war, Mann und Biest zu beißen, wenn sie ihm zu nahe kamen. Und in der Tat wurde Sasaki, der Ikezuna ritt, Sieger in diesem Rennen. In dem schriftlichen Bericht über die Schlacht am Uji, der an Yoritomo gesendet wurde, sind Sasaki und Kajiwara offiziell als Erster und Zweiter, die den Uji überquerten gelistet.
Ein weniger bekannter Vorfall ereignete sich kurz nach diesem Rennen. Das Pferd von Hatakeyama Shigetada war ihm unter dem Sattel weggeschossen worden, so daß er den restlichen Weg durch den Fluß schwimmen mußte. Doch als er gerade dabei war, aus dem Wasser zu steigen, fühlte er ein Gewicht an seinem Bein. Es war ein junger Krieger namens Oguchi Shigechika, sein Patensohn, dessen Genpuku (Volljährigkeitszeremonie) Hatakeyama kurz zuvor vollzogen hatte. Auch Oguchi hatte sein Pferd verloren, war aber nun zu erschöpft, um alleine aus dem Fluß zu klettern. Hatakeyama faßte ihn kurzerhand im Genick an der Rüstung und hob ihn ans Ufer. Der junge Mann erholte sich sichtlich schnell, stand auf, zog sein Schwert und rief: Hier steht Oguchi Shigechika aus Musashi, der Erste, der den Uchigawa überquerte; zu Fuß. Heike Monogatari notiert weiter: Als sie dieses Nanori hörten, brachen Freund und Feind in schallendes Lachen aus.
Dies sind neuerliche Beispiele für das Streben der Krieger, erste im Kampf (Sakigake, Senjin) zu sein. Worte wie Ware sake ni (Ich zuerst!) oder Saki wo arasou (um die Führung kämpfen) sind häufig in den Kriegsgeschichten zu finden und zeugen von einem starken Individualitätsstreben, das bis heute Einfluß auf die japanische Mentalität behalten hat.
Nachdem die Truppen von Yoshitsune den Fluß überquert hatten, wurde die Verteidigung von Yoshinaka ebenso schnell geschlagen, wie schon vier Jahre zuvor Yorimasa seine Niederlage erlitt. Noriyori hatte den Uji ebenfalls bei Seta überquert und nun waren beide Armeen auf dem Weg nach Kyoto. Yoshinaka floh aus Kyoto und traf bei Seta wieder mit seinem Freund und Anhänger Imai Kanehira zusammen. Doch die Truppen aus Kamakura stellten die restlichen Krieger von Yoshinaka schließlich bei Awazu und vernichteten sie in einem kurzen Gefecht. Yoshinaka wurde von einem Pfeil in den Kopf getroffen, nachdem er mit einem Pferd in einem schlammigen Reisfeld steckengeblieben war. Mit dem Tod von Yoshinaka fand das zweite Kapitel des Gempai-Krieges seinen tragischen Abschluß und der Krieg trat in seine letzte Phase ein, die im wesentlichen von Yoshitsune dominiert werden sollte.
Obwohl Yoshitsune und Noriyori gleichrangige Befehlshaber bei der Vernichtung von Yoshinaka waren, wird der Sieg weitgehend den Fähigkeiten von Yoshitsune zugeschrieben. Des weiteren war dieser Sieg für Yoshitsune der erste Schritt in seinem Aufstieg zum ruhmreichen Militärführer. Um zu verstehen, wie wenig Yoshitsune zu jener Zeit noch bekannt war, genügt eine Passage, die der Höfling Kujou no Kanezane in sein Tagebuch, das Gyokuyou schrieb und einen der Kommandanten als Yoritomos den jüngeren Bruder Kurou (ich kenne nicht seinen richtigen Namen [jitsumyou]) bezeichnet.
Neue Ziele
Der Konflikt zwischen den Zweigen des Minamoto-Clans hatten den Taira nun die reale Möglichkeit gegeben, um die Schwächung ihrer Gegner auszunutzen und ihre frühere Dominanz in Zentraljapan zurückzugewinnen. Es war sogar schon eine Kampagne zur Rückeroberung von Kyoto in Planung. Zur Vorbereitung dieser Expedition verlegten die Taira ihr Hauptquartier nach Fukuhara, einem Hafen an der Inlandsee in der Nähe des heutigen Kobe. Fukuhara war schon seit langem eine stark befestigte Basis der Taira und im Sommer 1180 sogar kurzzeitig die Hauptstadt des Reiches, als Taira Kiyomori versuchte, seine eigene Hauptstadt weit entfernt von seinen Feinden in Kyoto zu errichten. Er zog dazu mit dem Kaiser (seinem Enkel) und dem gesamten Hofstaat nach Fukuhara um, doch letztlich scheiterte dieser Umsturzversuch und Kiyomori kehrte nur fünf Monate später nach Kyoto zurück. Fukuhara blieb jedoch von entscheidender Bedeutung für die Strategien der Taira.
Auch Yoshitsune war sich der Bedeutung von Fukuhara bewußt und entschied, den ersten Angriff auf diese Stellung nahe des heutigen Kobe zu konzentrieren. Es ist zwar nicht erwiesen, daß Yoshitsune selbst die Entscheidung traf, die Taira so schnell nach dem Sieg über seinen Cousin Yoshinaka anzugreifen, wenn gleich diese Vorgehensweise jedoch mit seinen Vorlieben für schnelle Truppenbewegungen und Blitzangriffe übereinstimmt. Schon am 13. März 1184, nur wenige Tage nach dem Sieg über Yoshinaka brachen Yoshitsune und Noriyori aus Kyoto auf, um die Aufgabe anzugehen, die ihr Cousin Yoshinaka nicht vollbringen konnte: die entgültige Vernichtung der Taira.
Als erstes sollten die umfangreichen Verteidigungsanlagen von Fukuhara als Kulisse für das historische Ereignis dienen, das als die Schlacht von Ichi-no-Tani bekannt werden sollte, obwohl Ichi-no-Tani nur eine Befestigungsanlage war, an der die Kämpfe stattfanden. Ichi-no-Tani selbst war die westliche Festung, die den Zugang zu Fukuhara sicherte. Die Bezeichnung Festung ist eigentlich übertrieben, war es doch eher ein hölzernes Bollwerk, wenn gleich in starker und umfangreicher Ausführung. Sie war an einer Stelle errichtet, die sehr zum Vorteil des Clans mit der Seefahrertradition gereichte, denn bei Fukuhara umrahmte die Steilküste einen schmalen Landstreifen. Die Klippen bildeten dabei die Nordseite der Festung, während sie nach Süden hin zum Meer offen war, wo die Flotte der Taira vor Anker lag. Zugang war nur über den Strand auf Ost- und Westseite möglich, den die Taira durch Palisaden abgesichert hatten: Ikuta-no-Mori im Osten und Ichi-no-Tani im Westen.