Fernab der großen Schlachtfelder suchten die Krieger der Geschichte in allen Teilen der Erde sich auch bei anderen Möglichkeiten in den kriegerischen Fertigkeiten und Techniken zu messen. In Japan waren diese Art von Treffen, die Duelle, ebenso üblich wie in allen anderen Ländern der Welt. Speziell unter den Schülern der traditionellen Kriegskünste waren sie in einer ganz eigenen Art verbreitet als Treffen zwischen verschiedenen Schulen und als Vergleich zwischen konkurrierenden militärischen Systemen.
Ab der ausklingenden Muromachi-Epoche (16. Jhdt.) wurde es üblich, daß die Schüler nach ihrer Ausbildung innerhalb einer Schule (Ryu) für längere Zeit ihre Heimat und ihren Lehrer verließen und sich auf eine Reise quer durch andere Provinzen Japans begaben. Diese Kriegerwallfahrt (Musha shugyo oder Kaikoku shugyo) wurden besonders unter jüngeren Schülern beliebt, die diese Zeit nutzten, um sich in Askese zu üben und Selbständigkeit zu erlangen. Zu Fuß quer durch Japan unterwegs, nur mit der Kleidung auf dem Körper und den eigenen Waffen, ein Minimum an Essen und Schlaf, sexuelle Enthaltsamkeit dies sind die Voraussetzungen um Willen und Geist eines Kriegers zu schulen. Der Hauptgrund dieser Reisen war jedoch die Vervollkommnung der kriegerischen Fähigkeiten und Techniken. Es war üblich, in den Orten, die man auf diesen Reisen passierte und von denen man wußte, daß dort Schulen oder bekannte Krieger beheimatet waren, Quartier zu beziehen und Herausforderungen an potentielle Gegner anzuschlagen. Allgemein wurden diese Herausforderungen in schriftlicher Form an den Quartieren oder offiziellen Orten, wie Kreuzungen oder Brücken angebracht. Sollte sich in den nächsten Tagen ein Krieger finden, der auf die Provokation einging, wurde ein Treffen vereinbart wann und wo das Duell stattfinden sollte. Der Treffpunkt war meist ein abseits gelegener Platz außerhalb von Ortschaften, wo keine Unbeteiligten mit in Mitleidenschaft gezogen werden konnten.
Dojo (Übungshallen) waren im Mittelalter noch unüblich, der Kampf fand im Freien statt, unabhängig von Jahreszeit oder Wetter. Nur einige wenige Schulen verfügten über Lokalitäten, wo sie ihr Training in festen Behausungen vollziehen konnten. Meist waren dies Klosterschulen, wie z.B. die Speerkampfschule Hozoin ryu der Mönche in Nara.
Diese Duelle waren keine sportlichen Wettkämpfe, wer sich auf einen Zweikampf einließ mußte schwere Verletzungen oder den eigenen Tod akzeptieren. Es gab weder festgelegte Reglements noch irgendwelche Schiedsrichter oder Sekundanten. Es sind Zweikämpfe zwischen einzelnen Samurai oder auch Duelle zwischen Gruppen überliefert. Somit waren Taryu jiai Begegnungen zwischen Gegnern, die einem Treffen auf dem Schlachtfeld entsprachen es gab keine Sicherheiten und kein Fairplay für die Kämpfer. Was zählte war einzig und allein der Sieg. Chiba Shusaku, Lehrer der Hokushin itto ryu, beschrieb die psychologische Belastung und das Verhalten während eines Taryu jiai in seiner Schrift Kempo hiketsu aus dem frühen 19. Jhdt.
Wenn sich rivalisierende Schulen treffen, sieht man Männer mit Angst in flackernden Augen und steife Schultern die im Kontrast dazu Ruhe und Güte auszustrahlen scheinen. Es ist sicher, daß sich ein Man vor einem Duell seiner Bescheidenheit entsinnt. Denke an deine eigenen Schüler welche noch unerfahren im Ken jutsu (Schwertkampf) sind ... verachte niemanden, der sich dir im Zweikampf stellt, rechne mit dessen Geschicklichkeit ... begegne ihm unabhängig seines Verhaltens, stark oder schwach.
Ein weiterer typischer Aspekt der Taryu jiai war die Wahl der Waffen. Je nach betreffender Schule setzten die Samurai die Waffe ein, an der sie ausgebildet wurden oder welche ihnen persönlich gut lag. Es sind Duelle zwischen allen erdenklichen Waffengattungen überliefert: Schwerter gegen Schwerter, gegen Sicheln, gegen Fächer oder Wurfeisen, Speere gegen Ketten usw. Sogar Duelle gegen Bogenschützen hat es gegeben.
Maebashi Shichikuro, ein Fechtmeister aus Ise, wurde während eines Taryu jiai mit dem Bogenmeisters Imaeda Umanosuke aus Bizen von dessen Pfeilen getötet, der ihn dort auf seiner Musha shugyo traf. Auch Hozoin Inei, Mönch und Gründer der Hozoin ryu bestritt einst ein Taryu jiai gegen den Schützen Kikukuni Nii Munemasa, der extra nach Nara kam um sich mit Inei im Zweikampf zu messen. Inei gelang es jedoch durch seine Fertigkeiten Munemasa in Schach zu halten, so daß dieser nicht die Gelegenheit hatte einen Angriff mit seinem Bogen auf Inei zu starten. Schließlich floh Munemasa den Kampfplatz total frustriert und beeindruckt von Ineis Fähigkeiten. Neben dem Hinweis darauf, daß auch Bögen in Duellen verwendet wurden zeigt diese Geschichte auch, daß Zweikämpfe nicht unbedingt bis zum blutigen Ende gehen mußten.
Das Klischee des tapferen, todesmutigen Samurai entspringt meist romantischen Vorstellungen. Auch andere Geschichten belegen, daß sich Krieger durch Flucht aus Duellen retteten. Der Samurai Asaemon wurde einst von Yamaoka Tesshu, einem der größten Schwertmeister der Meiji-Epoche (1868 1912) über seine Techniken bei Duellen befragt, die dieser alle gewonnen hatte. Asaemon gestand darauf hin:
Wenn mich jemand herausgefordert hatte, brachte ich mich in eine günstige Position, in der ich die Sitze der Klinge meines Gegners mit meinem Schwert spüren konnte. Wenn er sein Schwert steif und verkrampft hielt wußte ich, daß er in meiner Hand war ich schlug ihn mit einem einzigen Streich nieder. Wenn jemand aber sein Schwert entspannt und mit Harmonie führte, ging ich kein Risiko ein ich warf mein Schwert nach ihm und rannte weg. Deshalb hat mich nie jemand besiegt!
Bei Duellen mit Schwertern wurden neben den realen Klingen auch Holzschwerter (Bokuto) eingesetzt, um die Gefahr von Verletzungen zu senken. Man war sich des Risikos eines Taryu jiai wohl bewußt, war der Sinn eines solchen Zweikampfes doch der Vergleich zwischen zwei Kriegern und nicht vordergründig das Töten eines Gegners wie z.B. auf dem Schlachtfeld. Aus psychologischen Gründen und anderen aktuellen Gegebenheiten kamen aber auch andere Gegenstände bei Taryu jiai zur Anwendung.
Berühmt ist das Duell zwischen Miyamoto Musashi und Sasaki Ganryu auf Funa jima im Jahr 1612, als dieser Sasaki mittels eines Ruderpaddels niederstreckte, ohne seine scharfen Klingen einzusetzen.
Eine andere Anekdote berichtet von einem berühmten Duell zwischen Toda Seigen, dem späteren Gründer der Toda ryu und einem Krieger namens Umezubo, einem Angehörigen der Kashima shinto ryu. Seigen war ein Schüler der Chujo ryu und wurde während eines Aufenthaltes in der Burg seines Clans von Umezubo provoziert, der die Techniken dessen Schule in Frage stellte. Zum verabredeten Duell erschien Umezubo mit seinem Katana während Seigen nur ein Bokuto (Holzschwert) führte. Auf seinen Kommentar, die Holzwaffe würde gegen Umezubos scharfe Klinge genügen, beleidigte diesen so stark, daß auch er zu einem Bokuto griff. Seigens nächste psychologische Provokation war, daß er drauf hin sein Holzschwert wegwarf und ein Stück Feuerholz griff, was in der Nähe lag. Mit dieser Waffe schlug er dann Umezubo nieder.
Eine besonders extreme Art des Taryu jiai war eine Methode des Zweikampfes, welche besonders in der Tokugawa-Periode (1603 1867) verbreitet war. Diese Duelle unterschieden sich von den sonst üblichen Auseinandersetzungen mit dem Ziel des Vergleiches durch gezieltes Zerschlagen von kleineren Schulen durch dominante Ryu oder deren Vertreter. Dieses Dojo-Zerstören war nicht nur die simple Beseitigung der Konkurrenz sondern auch eine der beliebten Methoden, um die Traditionen der anderen Schulen zu vereinnahmen. Von der Shindo muso ryu, der Hausschule des Kuroda-Clans aus Kyushu ist z.B. überliefert, daß sie einige ihrer Waffentechniken erhielt, als eigene Schüler andere Ryu infiltrierten und nach der abgeschlossenen Ausbildung durch Duelle die alten Systeme ausrotteten. Das Erbe dieser Schulen wurde dann mitsamt deren schriftlichen Überlieferungen den eigenen Ryu angegliedert. Im historischen Japan galten diese schriftlichen Lehrbefähigungen (Menkyo) als unantastbarer Beweis für die Lehrlegitimation und das Erbe einer Kampfschule ohne Frage nach der Art, wie man diese Lizenz erhalten hatte.
Einige Taryu jiai wurden ausgetragen, indem die Menkyo quasi als Pfand hinterlegt wurden und der Sieger die Lizenz des Unterlegenen einbehielt. Dies kam einem Ehrverlust gleich, was meist die Bitte um Aufnahme in die Schule des Siegers nach sich zog. So wurden die Samurai auf ihrer Wallfahrt öfters Schüler des Kriegers, der sie im Zweikampf überwältigte. Viele berühmte Meister der Kriegskünste gingen diesen Weg. Marume Kurando, der Gründer der Taisha ryu, wurde Schüler von Kamiizumi ise no kami, dem Meister der Shinkage ryu, nachdem er von diesem in einem Duell besiegt wurde. Auch Ono Tadaaki unterlag seinem späteren Lehrer Itto Ittosai in einem Taryu jiai, bevor er von ihm als Schüler aufgenommen wurde und später sogar dessen Schule fortführte.
Anfang der Tokugawa Zeit (nach 1600) als viele herrenlose Samurai (Ronin) durch Japan zogen, die in den Kriegen der Reichseinigung Herr und Anstellung verloren hatte, entstand eine ganz besondere Art von Duellen das Dojo yaburi. Die heruntergekommenen Krieger, welche Tagelöhnern gleich durch die Provinzen wanderten, zogen von einer Schule zur anderen um sich mit den Angehörigen der Dojo im Zweikampf zu messen. Ziel des Treffens war aber auch hier nicht der technische Vergleich in den Kriegskünsten sondern ein Kampf um den Preis einer Schale Reis, für etwas Geld oder Sake. Es bestand außerdem die Chance bei Kämpfen vor einflußreichen Persönlichkeiten die Aufmerksamkeit auf die eigenen Fähigkeiten zu lenken und so eventuell eine Anstellung im betreffenden Han (Provinz) zu finden. Zahlreiche Schüler verwirkten ihr Leben oder ihre Kariere durch schwerwiegende Verletzungen bei diesen Zweikämpfen um Nichts. Man könnte diese Art von Duellen auch als Okkupation bezeichnen war ihr Sinn doch ausschließlich die Konfrontation um materielle Güter und ohne technischen oder spirituellen Hintergrund.
Historische Überlieferungen sprechen aber auch von Duellen, welche innerhalb einer Ryu um die Rangfolge oder die Lehrlizenz, und somit um das Erbe einer Schule ausgetragen wurden. Die Chronik der Itto ryu enthält einen Bericht um die Weitergabe des Erbes durch den Stilbegründer Itto Ittosei an zwei seiner fähigsten Schüler aus dem Jahr 1588. Diese Männer waren zwei Krieger namens Zenki und Tenzen (der spätere Ono Tadaaki). Ittosai konnte keine Entscheidung treffen, an wen das Erbe der seiner Schule, der Itto ryu, weitergegeben werden sollte und er ließ durch ein Duell entscheiden wer das nächste Schuloberhaupt werden sollte. Er hinterlegte die Menkyo am Rand des Kampfplatzes als Trophäe und Legitimation für den Sieger. Die beiden Schüler trugen das Duell mit scharfen Klingen aus und es war sicher, daß nur einer der beiden den Platz lebend verlassen würde. Nach einer Zeit gegenseitigen Abtastens und Lauerns, bei denen keiner der beiden Kontrahenten einen Angriff wagte, rannte Zenki mit einem mal davon. Im Laufen griff er sich die Schriftrollen die ihn in ganz Japan ohne Frage als Stilführer der Itto ryu bestätigt hätten. Doch seine Flucht mißlang als Tenzen in einholte und mit seinem Schwert niederschlug. So wurde Tenzen, unter seinem späteren Namen Ono Tadaaki, der zweite Großmeister der Itto ryu.
Somit gab es bei den Duellen im allgemeinen folgende Alternativen entweder man unterlag seinem Gegner schwerverletzt oder tot, ergriff die Flucht, wurde als Schüler von ihm aufgenommen um die besseren Techniken zu lernen oder man zog nach einem Sieg einfach weiter, glücklich des Triumphes und um Erfahrungen reicher. Durch solche Duelle sammelten die Ryu Wissen über Techniken und Verhalten anderer Kampfsysteme und einige Schulen entwickelten spezielle Methoden und Gegentechniken um diese Erfahrungen aufzuarbeiten.
Ein weiteres Beispiel dafür, daß das Hauptmotiv der Kriegerwallfahrten und der damit verbundenen Duelle eigentlich die technische Vervollkommnung war. Um einem Verschleiß an Schülern vorzubeugen und um zu verhindern, daß Schüler so vor Abschluß ihrer Ausbildung technische Geheimnisse an Fremde weitergaben, schufen die Ryu mit Bluteiden und Lehrverträgen (Kishomon) ein System, um sich nach Außen abzusichern. Schülern war es untersagt sich in Duellen mit Kriegern anderer Ryu zu messen. So wurde von Anfang an unterbunden, daß sich Auszubildende auf Provokationen oder Herausforderungen einließen und durch Niederlagen den Ruf der Schule schädigten. Noch im Jahr 1888 legt der Schwertmeister Yamaoka Tesshu Folgendes für seine Studenten fest:
Während der anfänglichen, dreijährigen Übungsperiode müssen die Regeln meiner Ryu strikt eingehalten werden ... ist es nicht gestattet Vorführungen anderer Schulen zu besuchen oder an offenen Wettkämpfen teilzunehmen...
In der Tokugawa-Epoche (1603 1867) wurden mehrmals Versuche seitens der Behörden unternommen die Kriegerwallfahrten und die damit verbundenen Duelle zu unterbinden. Das Motiv waren weniger die verletzten oder toten Schüler, welche nach den Zweikämpfen zurückblieben, sondern eher politische Aspekte. Die Tokugawa-Regierung führte ein strenges Provinzgesetz, um die einzelnen Fürsten (Daimyo) unter Kontrolle zu halten. Fahrende Schwertschüler durchquerten auf ihrem Musha shugyo viele Provinzen, um sich mit anderen Meistern der Kriegskünste zu treffen. Dieser Fakt wurde öfters genutzt um Erfahrungen über fremde Provinzen in Erfahrungen zu bringen oder um zwischen einzelnen Fürsten oder politischen Gruppierungen geheime Nachrichten zu befördern. Die fahrenden Krieger wurden quasi als Spione eingesetzt. Um dieses zu unterbinden wurden die Taryu jiai und somit auch die Musha shugyo von der Landesregierung aber auch von den einzelnen Provinzen unter Strafe gestellt (z.B. in Mito nach 1840).
In der Meiji-Zeit (1868 1912) spielte dazu noch das Bestreben Japans um Anerkennung durch die westlichen Länder eine Rolle, die bestimmte unzivilisierte Praktiken nicht tolerieren wollten selbst das tragen von Schwertern wurde ab dem Jahr 1876 untersagt. So wurde z.B. Usui, ein Schüler der Muto ryu nach einem Zweikampf zu 10 Jahren Haft verurteilt, nachdem er nur durch Fürsprache seines Lehrers einer Hinrichtung entging. Den Ausgleich zum Taryu jiai fanden die fahrenden Krieger in der späten Tokugawa-Zeit jedoch in den freien Stadt-Dojo (Machi dojo), die sich in den Großstädten wie Edo (Tokyo) oder Kyoto bildeten. Hier konnte man auf friedlicherem Wege Erfahrungen mit fremden Stilen sammeln ohne die Gesetze der Regierung zu brechen. Diese Dojo waren meist für alle Schüler offen, unterlagen aber eher pre-sportlichen Richtlinien des Fechtens als der realen Anforderungen der Schwertkunst auf dem Schlachtfeld, wie sie von den alten Schulen proklamiert wurde. Selbst „moderne“ Lehrer wie Kano Jigoro und sein Judo-System stellten sich in den Anfangsjahren ihres Bestehens verschiedenen alten Ju jutsu Schulen um ihr neues System zu etablieren und dessen Realitätsnähe zu beweisen.
Das letzte Gesetz gegen die Taryu jiai wurde von der japanischen Regierung nach dem 2. Weltkrieg erlassen.
Offiziell gab es danach diese traditionellen Duelle nicht mehr...