Samurai im Wasser
Schwimmen als Kriegskunst
Japan ist eine Insel umgeben vom Pazifik, dem Ost-Chinesischen und dem Japanischen Meer. Und seit Generationen leben die Japaner im steten Zusammenspiel mit dem Wasser als eine ihrer Hauptnahrungsquellen und gleichsam als einer ihrer größten Feinde. Seestürme und Flutwellen richteten immer wieder große Verwüstungen an - und immer wieder trotzte das Volk den Naturgewalten. So ist es nicht verwunderlich, daß das Element Wasser auch in der japanischen Militärgeschichte eine bedeutende Rolle spielte. Viele große und einflußreiche Schlachten wurden als Seeschlachten ausgetragen, so die Entscheidungskampf zwischen den Taira und Minamoto in Dan no ura (1185), die Zurückschlagung der mongolischen Invasionen in der Hakada Bucht (1274 und 1281), Kizugawaguchi (1578 und 1579), die Landungsoperationen in Korea (1592 - 1598), der Sieg über die russische Flotte bei Port Arthur und Tsushima (1904 und 1905) und die Kämpfe des 2. Weltkrieges im Südpazifik. Eine Inselnation wie Japan wird über die Jahrhunderte immer wieder unweigerlich in Konflikte verwickelt werden, welche auf dem Meer ausgetragen werden.
Insbesondere die Betrachtung der historischen Geschichte bis einschließlich der Tokugawa-Zeit, als die japanischen Heere noch nicht ihren westlichen Charakter angenommen hatten, zeigt, wie sehr sich die Heerführer dieser Situation bewußt waren.
Obwohl Japan nie eine Seefahrernation im klassischen Sinne war und hauptsächlich Küstenschiffahrt betrieb, unterhielten die Daimyo der Meeresprovinzen, oder mit entsprechend schiffbaren Flüssen, eigene kleine Flotten, auf denen auch Samurai Dienst taten.
In der Zeit der japanischen Bürgerkriege, der Sengoku jidai, als das Land in der Hand der rivalisierenden Daimyo lag, machte sich in der Region des Seto-Binnenmeeres, zwischen den Hauptinseln Honshu und Shikoku, ein Samurai-Clan stark, der bald die Oberhand über das Gebiet gewann. Dieser Clan, die Murakami Gefolgsleute des Hauses Mori, stützte sich hauptsächlich auf eine starke Flotte, mit der er das Binnenmeer und die dortigen Inseln unter Kontrolle hielt. Wie viele andere Familien der Küstenregion waren ihre Vorfahren Piraten gewesen, die sich später in den Dienst des Militärs gestellt hatten. Unabhängig davon, die Erfahrungen im Seekrieg, die sie in den Jahren ihrer Herrschaft sammelten, legte mit den Grundstein für das Wissen über die maritime Kriegsführung in der späteren Tokugawa-Zeit. Einen dieser Fakten betrifft die Kenntnis des Überlebens im Wasser, also die Techniken des Schwimmens und Tauchens.
Zur Ausbildung der See-Krieger vieler Provinzen gehörte neben dem regulären Waffentraining und den technischen Fertigkeiten im Marinedienst auch ein spezialisiertes Schwimmtraining, welches, identisch den Kriegskünsten, in eigenen Schulen (Ryuha) übermittelt wurde. Viele der Initiatoren dieser Schulen waren ehemalige Angehörige des Murakami-Clans.
Während der Tokugawa-Epoche (1603 1867) entstanden in verschiedenen Provinzen Japans eine Anzahl von Schwimmschulen. Selbst Fürsten und der Shogun waren Anhänger dieser Kunst.
Tokugawa Ieyasu (1542-1616), der Begründer der letzten Shogun-Dynastie, war einer dieser Männer welcher auch eine eigene Flotte aus Kriegsschiffen unterhielt (die heutige Nationalflagge Japans, die Hinomaru, geht beispielsweise auf das historische Marine-Banner des Tokugawa-Clan zurück).
Er formulierte einst in einem Gespräch mit Todo Takatora, dem Daimyo von Tsu, die wichtigsten Dinge welche ein Fürst praktizieren sollte Reiten und Schwimmen. Tokugawa hielt es für eine Notwendigkeit, daß ein Krieger schwimmen konnte und ging selbst mit gutem Beispiel voran. In seiner Jugend trainierte er zusammen mit seinen Gefolgsleuten in seinem Geburtsort Okazaki und selbst im Alter setzte er seine Übungen noch im Wassergraben seiner Burg in Edo (Tokyo) fort. (Turnbull)
Die Kunst des militärischen Schwimmens wurde in historischen Zeiten als Sui jutsu (Wassertechniken) oder Suiei jutsu (Wasserschwimmtechniken) betitelt, und ab der frühen Meiji-Zeit (ab 1867) in die weniger martialische Bezeichnung Oyogi jutsu (Schwimmtechniken) umbenannt.
Hauptaufgabe dieser Kriegskunst war die Ausbildung der Samurai und Seeleute im Schwimmen, um sich über Wasser halten zu können und so vor dem Ertrinken zu retten und spezifische Aufgaben aus dem Wasser heraus zu übernehmen. Dazu kannte man eine Vielzahl von Schwimmtechniken, welche für ganz verschiedene Situationen entwickelt wurden. Typisch für das herkömmliche Schwimmen war, daß es vornehmlich nicht um hohe Geschwindigkeiten, sondern eher um das Überwinden großer Distanzen und Langzeitschwimmen ging. Dabei gab es, abhängig von den einzelnen Schulen, mehrere Varianten für das Schwimmen bei starkem Gegenwind, bei hohen Wellen, gegen, mit oder quer zur Strömung usw. Die meisten Stile praktizierten dafür verschiedene Versionen des Brustschwimmens oder Kraulens in flacher oder seitlicher Lage, welche den jeweiligen Gegebenheiten angepaßt waren. Die Beinbewegungen entsprachen den Schwimmtechniken eines Frosches oder denen des Hundepaddelns. Der Kopf sollte, gegen Wellen und Gischt, meist seitlich gehalten werden. Rhythmus und psychologische Stärke sollen ausschlaggebend für diese Schwimmmethoden sein, einige Schulen trainierten zur Unterstützung dieser Eigenschaften sogar zum gleichmäßigen Klang von großen Kriegstrommeln.
Tekiai
waffenlose Kampftechniken im Wasser
Der Grund für die Techniken des Distanz- oder Steckenschwimmens ist in der Tradition der japanischen Kriegsführung zu suchen. Seeschlachten entsprachen in historischen Zeiten dem Kampf auf dem Festland mit dem einzigen Unterschied, daß die Krieger die Pferde gegen Boote ausgetauscht hatten. In den Gempai-Kriegen verband man die einzelnen Schiffe einer Flotte häufig mit langen Bohlen und schuf so große künstliche Kampfplattformen. Bogenduelle über lange Distanz bestimmten den Beginn der Schlacht, bevor man zum Nahkampf mit Schwert und Dolch überging. Wer dabei über Bord fiel, mußte sich entweder zum Festland oder zu verbündeten Booten in Sicherheit bringen können. Ausdauer und das Wissen um die Tücken des Meeres waren hier Überlebensgarantie.
Als historisches Beispiel für eine solche Begebenheit kann die, für japanische Seite, fatale Seeschlacht von Hansando (1592) während der Koreainvasion (1592 1598) zu sehen sein. Diese Auseinandersetzung war Bestandteil massiver Bestrebung durch die Koreaner, die Landung neuer japanischer Truppen auf das Festland, bereits auf See zu vereiteln. Bei Hansando, einer Insel vor der koreanischen Küste, erwartete bereits eine Seestreitmacht die anrückenden Samurai-Schiffe unter dem Befehl von Wakizaki Yasuharu. Die Koreaner, mit besseren Schiffen ausgerüstet und bereits in Kampfposition, versenkten binnen weniger Stunden 47 japanische Fahrzeuge und brachten 12 Schiffe durch entern in ihren Besitz. Zahlreiche japanische Adlige starben im Kampf oder durch Seppuku und über 400 Schiffbrüchige versuchten sich auf die Insel nahe Hansando in Sicherheit zu bringen. Die Koreaner fingen unterdessen an, diese Schwimmer mit Haken in ihre Schiffe zu ziehen und zu töten.
Wer dieses Desaster überleben wollte, mußte über gute Schwimmtechniken verfügen, damit er das rettende Land erreichen konnte. Das heißt: Schwimmen um sein Leben in der Panik zwischen Trümmern, brennenden Schiffen, Ertrinkenden und den Geschossen der Gegner. Oder er mußte in der Lage sein, sich wenigstens vom Wasser aus gegen die von den Schiffen angreifenden Koreaner zu verteidigen...
Abhängig von den Spezialisierungen und Einsatzgebieten der einzelnen Schwimmschulen beinhalteten diese Ryu jedoch noch eine ganze Vielzahl von anderen Aufgaben. Treiben lassen um Kraft zu schöpfen, Schwimmen mit gefesselten Füßen oder Händen, Tauchen, das Gehen auf dem Meeresgrund, das Schwimmen zusammen mit Pferden, Bogenschießen oder Musketenschießen aus dem Wasser heraus, Schwertkampf beim Schwimmen, waffenlose Techniken, die Präsentation von Nahrungsmittel oder Sake und vieles andere mehr. Voraussetzung für viele dieser Methoden ist die Fähigkeit sich aufrecht und gerade im Wasser zu halten das sogenannte Adels- oder Senkrechtschwimmen (Gozen / Tate oyogi), wobei versucht wurde, durch Wassertreten und ähnliche Bewegungen die Hände für kämpferische Aktionen oder Transportaufgaben frei zu haben. Eine große Anzahl von Schulen war auf diese Technik spezialisiert und perfektionierte sie immer weiter, was in der Formen von Sui sho, der künstlerischen Ausführung von Kalligraphien während des Schwimmens, seinen Höhepunkt hat.
Adelsschwimmen Gozen oyogi
Kraulschwimmen Nukite oyogi
Kraulschwimmen Teguri oyogi
Rückenschwimmen Ukemi oyogi
mit den Füßen abstoßen Ashi geki
Aufrecht halten Tate oyogi
Schreiben im Wasser Sui sho
Treibender Körper Fuyu
Rüstungsschwimmen Katchu gozen oyogi
Langstreckenschwimmen Enei
mit gefesseltem Körper Zenshin garami
Tisch präsentieren Haizen oyogi
Präsentation von Nahrungsmittel Haizen ukewatashi
Präsentation von Alkohol Sake nomi oyogi
Gehen auf dem Meeresgrund Kaitei
Schwimmen mit Pferden Sui ba
Bogenschießen Sui kyu
Musketenschießen Sui jyu
Schwertkampf beim Schwimmen Sui ken
Waffenlose Kampftechniken Tekiai
Oben: Koga Tadao, Oberhaupt der Kobori ryu / demonstriert Sui ken jutsu
Links: Eine Auswahl von Schwimmapplikationen aus dem Repertoire der verschiedenen Ryu des Suiei jutsu, welche ausnahmslos im Wasser ausgeführt werden.
Reine Kampftechniken, wie etwa das Schießen mit Feuerwaffen und Bogen dürften wohl eher nicht als eigenständige Kriegstechniken mit hoher Anwendbarkeit gesehen werden. Man sollte sie eher unter dem Gesichtspunkt sehen, die sensiblen Feuerwaffen, und besonders das Schießpulver und die Pfannen der Luntenschloßgewehre trocken über ein Gewässer zu transportieren um sie von Land aus einzusetzen. Der Schuß mit dem Bogen und die Zündung der Gewehre aus dem Wasser heraus waren eher Geschicklichkeitsübungen statt reale Praktiken. Im Gegensatz dazu waren die Techniken des Schwertkampfes oder des Ringens im Wasser (Tekiai) schon eher anwendbar und hatten praktischen Bezug. Die waffenlosen Techniken entsprachen in vielerlei Hinsicht den Methoden des Ju jutsu vom Festland, das heißt sie basierten hauptsächlich auf Abwehr- und Hebelbewegungen um die Arme des Gegners zu kontrollieren. Viele Anwendungen endeten dann damit, daß der Angreifer unter Wasser gedrückt wurde indem man sein eigenes Körpergewicht auf das des Feindes verlagerte und ihn so durch das Unterbrechen der Sauerstoffzufuhr zur Aufgabe zwang.
Zur Ausbildung vieler Suiei jutsu ryu gehörte außerdem das Katchu oyogi (Rüstungs-Schwimmen), was einem Krieger ermöglicht, sich selbst mit einer schweren Panzerung über Wasser zu halten. Bemerkenswert dabei ist, daß die Schulen diese Techniken ausschließlich mit Brustpanzer (Do) und Helm (Kabuto) trainierten. Der Grund dafür liegt in den historischen Vorschriften für die Besatzungen der Kriegsboote. Die Samurai, die auf den Schiffen (Bune) Dienst taten, sollten nur einen Teil ihrer Rüstung tragen, den sie sonst an Land benutzten. Gesichtsmaske (Menpo), Schulterschutz (Sode), Ober- und Unterschenkelschutz (Haidate, Suneate) sollte in den Booten abgelegt werden, da sie sonst zur Gefahr für den Träger werden könnten, wenn er im Kampf über Bord ging. Es war eine allgemeine Kriegstaktik im Seekampf den Gegner durch eine Vielzahl von speziellen, langstieligen Hakenwaffen, wie Kumade (Bärentatze), Nagekama (Lanzensichel) oder Sodegarami (Ärmelgreifer), ins oder aus dem Wasser zu ziehen. Um das Überleben im in der offenen See dann zu garantieren wurde die Rüstung auf ein Minimum reduziert. Seeleute unterhalb der Samuraikaste trugen dagegen meist nur einen leichten Körperschutz aus Stoff, der mit Bambusleisten verstärkt war. Natürlich war das Rüstungsschwimmen auch eine gute Übung, wenn die Krieger auf Feldzügen in voller Montur Flüsse oder andere Binnengewässer überwinden mußten die ursprüngliche Bedeutung lag jedoch in der Ausbildung der Schiffsbesatzungen.
Katchu gozen oyogi
Rüstungsschwimmen der Kobori ryu
Heute sind in der japanischen Vereinigung für historische Schwimmstile (Nihon Suiei Renmei) 12 verschiedene Ryuha (Lehrsysteme) vertreten. Wie die Schulen der anderen Kampfstile stehen auch die Sui jutsu Ryu in der Tradition der Kriegerkultur, mit eigenem Stilführer (Soke) und als Bestandteil der überlieferten 18 alten Kriegskünste (Bugei juhappan):
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Suifu ryu
Die Suifu ryu ist das traditionelle Kriegsschwimmsystem des Tokugawa-Clans aus der Region Mito. Die Schule wurde von Shimamura Masahiro im Jahr 1619 gegründet, nachdem er durch Erfahrungen mit anderen Systemen eine eigene Sammlung an Schwimmtechniken schuf und als eigene Schule klassifizierte. Charakteristisch für die Suifu ryu sind Techniken zur Überwindung von Gewässern mit speziellen Methoden, wie man sich die Strömung des Wassers zu Nutzen machen kann. Schwimmen in seitlicher Lage mit Kraultechniken sind typisch für diese Schule.
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Suifu ryu Ota ha
Die Ota Linie ist ein selbständiger Seitenzweig der Suifu ryu aus der Provinz Mito, welche durch einen Gefolgsmann namens Ota Sutezou (1831 - 1892) in Tokyo eröffnet wurde. Er gründete seine Schule 1878, welche heute bereits in der 8. Generation besteht. Seine Methode unterscheidet sich nur geringfügig vom Muttersystem, welches er zu verbessern suchte. Außerdem gibt es einige Techniken, welche speziell für die Angehörigen der Marineeinheiten entwickelt wurden. Über diese Verbindung zum japanischen Militär verbreitete sich die Schule relativ schnell über weite Teile Japans und war nicht so stark an einen Clan oder regional gebunden wie die anderen Ryuha.
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Mukai ryu
Der Geschichte nach gründete sich die Tradition auf Initiativen von Mukai Masakazu Shogen, wobei die ersten Aufzeichnungen bis in das Jahr 1807 zurückreichen. Der Schwimmstil hatte sich schnell als Hausschule des Tokugawa-Shogunats in Edo (Tokyo) und als Ausbildungssystem für deren Seeleute etablierte. Seit dieser Zeit ist die Schule Familientradition der Mukai Familie, welche mit ihrem jetzigen Oberhaupt bereits in der 13. Generation besteht. Während der Meiji-Reformation ging die Schule, wie viele andere kleine Kriegskunst-Traditionen, fast verloren. Nur durch die Bemühungen eines ehemaligen Gefolgsmannes des Hauses Sakura, Sasanuma Ryusuke, welcher Inhaber einer Lizenz der Mukai ryu war, konnte die Schwimmtradition wieder erhalten werden und wieder aufleben.
Das System ist als Schwimmschule für die offene See konzipiert (Ofunate oyogi Seeman-Schwimmen) und seine Techniken umfassen dementsprechend Langstreckenschwimmen, Schwimmen gegen Wellen und Strömung sowie Schnellschwimmen für kurze Distanzen.
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Kankai ryu
Gründer der Kankai ryu soll ein herrenloser Samurai namens Taro Akira gewesen sein, der aus der Provinz Kishu (heutige Prefektur Wakayama) stammte. Sein Vater war ein Arzt und er sollte der Familientradition folgen, aber ihn zog es eher zum Waffenhandwerk. So widmete er sich seit seiner frühesten Kindheit den Kriegskünsten und lernte über die Jahre die Schwimmtechniken vieler Schulen anderer Provinzen kennen. Sein besonderes Interesse galt der Entwicklung einer Schwimmtechnik für Langstrecken, worauf er dann seinen eigenen Stil aufbaute. Später wurden hochrangige Angehörige des Tsu Clans aus der Provinz Ise auf diese Techniken aufmerksam und übernahmen sie als Ausbildungsmethode für ihre Krieger (1852). Bereits in der Meiji-Zeit (1878) wurde die Schule für die Öffentlichkeit freigegeben, die vorher nur Angehörigen des Kriegeradels vorbehalten war. In dieser Zeit änderte man die alte, martialische Bezeichnung der Schule von Sui jutsu (Wassertechnik) zu dem zivileren Begriff Oyogi jutsu (Schwimmtechnik) und formte so aus der ehemaligen Kriegskunst eine moderne art der Körperertüchtigung. Im Jahre 1912 übernahm dann sogar die kaiserliche Marine diesen Schwimmstil als Ausbildungsfach für ihre Matrosen und die Techniken der Schulen verbreiteten sich so über ganz Japan.
Die Kankai ryu sicherte vor allem das Leben der Seeleute des Tsu-Clans, welche über die Küstenlinie der Provinz pattroulierten. Charakteristisch für die Kankai ryu war das Langstrecken-Schwimmen in größeren Gruppen. Die Erfahrung in dieser Technik sollte den Kriegern ermöglichen, in einer Schlacht, bei Seenot oder bei einem Landungsmanöver mit frischen Kräften und kampfbereit an Land gehen zu können. Zu besonderen Anlässen demonstriert die Kankai Ryu ihre Techniken auch im Rüstungsschwimmen oder in historischen Kostümen.
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Nojima ryu
Im Jahr 1669 wurde der Samurai Hyoe Shigekatsu, aufgrund seiner Fertigkeiten in den Schwimmtechniken, von seinem Clan dazu berufen, ein systematisiertes Schwimmsystem für die Ausbildung der Krieger von Matsuzaka (Provinz Kishu) zu erstellen. Er selbst stammte von der Insel Kurahashi aus der Seto-Inlandsee (heute Präf. Hiroshima), einer Region, welche seit alters her Erfahrungen mit dem Meer, dem Schwimmen und der Schifffahrt hatte. Viele der kleinen Insel und die Wasser der Seto-Inlandsee waren in der Sengoku-Zeit Einflussgebiet des Murakami-Clans, die Zölle von Schiffen auf den Seerouten über die Straße von Mekari und den Onomichi Kanal erhoben. Sie galten im historischen Japan mit Abstand als die besten Seefahrer des Landes, welche ihre Fahrten bis ans chinesische Festland ausdehnten. So soll der Name Nojima eine Anspielung auf einen der Hauptstützpunkt der Flotte des Murakami-Clans gewesen sein, welche in dieser Region tätig war. Shigekatsu schuf die Nojima ryu als Hausschule für den dort herrschenden Kishu-Clan, einen Zweig des berühmten Hauses Tokugawa.
Spezialitäten der Schule sind das ruckartige Herausschnellen sowie besondere Handzugbewegungen aus dem Wasser, welche zum Erklimmen von flachen Booten oder der Befreiung aus Seetang oder Wasserpflanzen gedacht waren.
Heute besteht die Nojima ryu bereits in ihrer 20. Generation.
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Iwakura ryu
Diese Ryu geht auf Iwakura Shigemasa aus Kumamoto (Provinz Higo) zurück. Der Krieger trat 1649 in den Dienst des Clans von Kishu und brachte dort auch Schwimmtechniken seiner Heimatregion mit, die sich unter den Gefolgsleuten verbreiteten. Auf diesen Überlieferungen gründete sein Enkel 1710 die Iwakura ryu als ein Bestandteil der Kishu-Kriegskunst. Charakteristisch für den Stil sind die Inatobi-Techniken (Maultier-Sprung), bei denen sich der Schwimmer ruckartig, weit aus dem Wasser schnellen kann. Sie entsprechen in etwa den Traditionen der Nojima ryu, der anderen Sui jutsu ryu des Tokugawa Kishu-Clans.
Die Schule ist heute in Wakayama ansässig.
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Koike ryu
Als auf Veranlassung von Shogun Tokugawa Hidetada im Jahr 1619 Marinetruppen in die Provinzen Suruga (heute Shizuoka) und Kishu (heute Wakayama) verlegt wurden, befand sich unter ihnen auch der Krieger Koike Shigeyuki. Er gründete die Koike ryu, welche in späteren Zeiten zusammen mit der Nojima und Iwakura ryu zu den drei großen Schulen von Kishu gezählt wurde. Heute bestehen von diesem Schwimmstil zwei unabhängige Linien in den Präfekturen Wakayama und Shizuoka, welche sich auf die Überlieferungen der historischen Provinzen stützen.
Bewegungen des Brustschwimmens mit ausgeprägter Beinarbeit, mit der man starke Strömungen überwinden, gegen Stromschnellen und die Strudel an den Ufern ankämpfen konnte, sind charakteristisch für diese Schule. Außerdem beinhaltet die Ryu Techniken für das Tauchen, welche in acht verschiedenen Varianten unterrichtet werden.
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Shinden ryu
Sie gilt allgemein als die älteste Sui jutsu Schule Japans. Der Überlieferung nach war ein Samurai aus Ozu, der Gründer dieser Ryu. Er soll die Basis dieses Stils in den Fluten schnell fließender Ströme seiner Heimatprovinz entwickelt haben, welche er als amphibische Manöver deklarierte. Das heißt, seine Techniken waren vor allem für Soldaten gedacht, die Binnengewässer zu überwinden hatten oder die gezwungen waren Kampfhandlungen im Wasser vorzunehmen. Die Schwimmbewegungen mußten demzufolge den starken Strömungen und Strudeln der Flüsse angepaßt sein. Starke Beintechniken waren hierfür die Basis und Grundlagentechnik der Ryu.
Über einen Adoptivsohn des 7. Großmeisters der Schule, Masatoshi Minoshima, gelangten die Techniken um 1797 zum Matsuyama-Clan, der ihn als lokale Kriegsschule übernahm. In der 10. Generation wurde Rokuro Uehara Saemon, ein Gefolgsmann des Tsuyama-Clans zum Oberhaupt der Shinden ryu, die somit in drei historischen Gegenden, nördlich des Seto-Binnenmeeres, vertreten war (Ozu, Matsuyama und Tsuyama). Heute gibt es unabhängige Schullinien in Tokyo, Okayama, Kurashiki, Hiroshima, Ozu und Tsuyama.
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Suito ryu
Die Suito ryu ist eine Suiei jutsu Schule von der Insel Shikoku, genauer gesagt aus der Provinz Sanuki (heute Kagawa), worauf sich auch ihr alter Name Sanuki ryu bezieht. Die Herren dieses Landstriches war der Clan der Matsudaira, welcher ab dem 17. Jhdt. in der Stadt Takamatsu residierte und ein Seitenzweig des berühmten Tokugawa-Geschlechts (Shogun) war. Die Provinz Sanuki, eine Küstenprovinz, grenzte nördlich an die Seto-Naikai Innlandsee, ein von einer Vielzahl von Inseln durchzogen Meeresstreifen, welcher die japanischen Hauptinseln Honshu und Shikoku trennt. In der Sengoku-Zeit (1477 1600) war dieses Gebiet Tummelplatz für Marineeinheiten ganz verschiedener Provinzen, welche durch ihr eigenmächtiges und zwielichtiges Verhalten später öfters als Seeräuber bezeichnet wurden. Die Bewohner der Region hatte also von alters her Erfahrungen in der militärischen Schiffahrt und kannten sich mit den Unbilden und Gefahren des Meeres bestens aus.
Im Jahr 1642 beauftragten die Matsudaira einen ihren Gefolgsleute, Imaizumi Hachirouzaemon, andere Krieger im Schwimmen auszubilden. Der Überlieferung nach fanden die ersten Übungen im Graben der Burg von Takamatsu statt. Dies war der Beginn der Suito ryu.
Die Matsudaira, selbst Anhänger ihrer Schwimmschule, förderten sie über viele Generationen und praktizierten sie nachweislich auch selbst mit großer Hingabe. Noch heute kann man in Takamatsu ein Tor (Mitsut go mon) zu einer ehemaligen Schiffsanlegestelle an der Küste finden, wo die Fürsten der Überlieferung nach regelmäßig trainierten.
Als Besonderheiten der Suito ryu gilt das Schwimmen über lange Distanzen.
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Yamauchi ryu - Bannerschwimmen
Yamauchi ryu
Eine recht spektakuläre Schwimmschule ist die Yamauchi ryu aus der Region Usuki. Sie wurde erst im Jahr 1822 von Yamauchi Katsushige, einem Matsuyama Gefolgsmann aus Shikoku, gegründet und obwohl man annehmen könnte es wäre eine sehr moderne Schule, beinhaltete die Ryu doch eine Vielzahl von alten, historischen Techniken und Schwimmapplikationen (Oyo oyogi ho). Neben den allgemeinen Schwimmtechniken, praktiziert die Schule eine Form des Wassertretens, ähnlich dem der Kobori ryu. Diese Tate oyogi (Aufrechtes Schwimmen) genannte Technik war Voraussetzung für eine Vielzahl von Varianten, wie z.B. Jingai jutsu (Signalgebung mit dem Muschelhorn), Kyu jutsu (Bogenschießen aus dem Wasser) oder das Obata okiwatari.
Obata (Großes Banner) okiwatari ist eine Technik, für welche die Yamauchi ryu berühmt war. Dabei trugen die Schwimmer lange Stangen oder enorme Banner von mehreren Meter Länge durch das Wasser. Angeblich geht diese Tradition auf das Tragen von Heeresbannern und Uma jirushi (Identifikationszeichen) bei der Überwindung von Gewässern zurück. Die Entstehungszeit der Ryu, in der es praktisch keine zwingenden Gründe mehr für solche historischen Kriegstechniken gab, läßt darauf schließen, daß sie vor allem als Geschicklichkeits- und Taktikübung eingeführt und von älteren Schulen übernommen worden sind. Denn bereits seit dem 16. Jhdt lassen sich in der Region Usuki Wassertechniken wie zB. Sui ba jutsu (Schwimmen mit Pferden) oder andere in Aufzeichnungen der ehemals führenden Familien der Otomo und später der Inaba nachweisen.
Im Laufe der Meiji-Restauration (ab 1867) geriet die Schule fast in Vergessenheit und konnte erst durch Bemühungen ehemaliger Schüler um 1892 wieder auferstehen.
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Kobori ryu
Eine repräsentative Schwimmschule des südlichen Japans, aus Kyushu, ist die Kobori ryu aus der Provinz Higo. Die um 1756 von Muraoka Idayu gegründete Ryu entspricht wohl am ehesten dem, was man sich unter Kampfschwimmen im klassischen Sinne vorstellt. Die Techniken waren sowohl für das offene Meer als auch für schnellfließende Flüsse gedacht und zeichneten sich durch einen eigenwilligen Schwimmstil (Tosui jutsu) aus, bei dem durch Wassertreten der Oberkörper gerade und recht weit über Wasser gehalten wird. Dies war Voraussetzung dafür, daß der Krieger beim Schwimmen Waffen benutzen oder Material transportieren konnte. Spezielle Techniken der Kobori ryu umfassten hierbei das Schwimmen in Rüstung (Katchu gozen oyogi), den Schwertkampf im Wasser (Sui ken) und sogar Bogen- (Sui kyu) oder Musketenschießen (Sui jyu).
Die Schule geht auf eine Tradition aus dem Jahr 1633 zurück, als der Hosokawa Clan die Samurai seiner Provinz Higo von einem Krieger namens Kawai Hanbei Tomoaki, der aus der Region Edo stammte, im Schwimmen unterrichten ließ. Die Männer führten ihr Training vor allem im Seegebiet vor und im Fluß Shira gawa durch, dem traditionellen Übungsgelände der Schule. 70 Jahre später initiierte der Hosokawa-Samurai Muraoka Idayu in Anlehnung an diese Ausbildung eine eigene Schwimmmethode, welche sein Sohn Kobori Tsuneharu zu einem eigenen System zusammenfaßte, welches dem militärischen Training des Hosokawa Clans angegliedert wurde. In späteren Zeiten verbreitete sich die Kobori ryu über weitere Provinzen und wurde zur bedeutendsten Schwimmmethode Kyushus. Sie besteht heute in ihrer 11. Generation.
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Shinto ryu
Eine weitere Schwimmschule von Japans südlichster Hauptinsel Kyushu ist die Shinto ryu. Der Stil geht auf eine Tradition der Kuroda Familie zurück, welche als Gefolgsleute dem Shimazu-Clan in Satsuma dienten. Breits 1533 soll die Schule initiiert worden sein, welche bis heute über 18 Generationen ununterbrochen, innerhalb der Kuroda Familie übermittelt wird. Die Shinto ryu ist somit eine der wenigen Schwimmsysteme, welche noch in den kriegerischen Zeiten der Sengoku-Ära entwickelt wurde. Die Haupttechniken der Schule beinhalten Variationen des Brust- und Kraulschwimmens, sowie Methoden der Kraftsammlung und Ruhepausen während des Schwimmens indem sich der Krieger einfach flach auf dem Rücken an der Wasseroberfläche treiben läßt.
Script: Ulf Lehmann
Abbildungen: Nihon no Kobudo · Nihon Suiei Renmei