Sturmwaffen im alten Japan

Beil und Hammer im Krieg In Japan, einem Land mit einem weitverzweigten und hochentwickelten Festungssystem, kam es im Laufe der Kriege immer wieder zu unvermeidlichen Belagerungen und Erstürmungen von Burgen und Befestigungen.

Bereits seit dem 13. Jhdt. legten die Militärs eine Reihe von Pallisadenbefestigungen (Saku) an, welche im Laufe der nächsten Jahrhunderte zu Burgen ausgebaut wurden. Im Gegensatz zu Europa verlegten sich die japanischen Krieger bei ihren Belagerungen jedoch nicht auf die Anwendung von Kriegstürmen, großen Schleudern oder gepanzerten Rammböcken. Ihre Art von Festungskrieg hatte mehr mobile Züge. Vom Grundcharakter eines japanischen Heeres ausgehend, flexibel und schnell zu sein, verzichtete man größtenteils auf die Verwendung solcher schwer transportierbarer Waffen. So bevorzugte man eher die Bekämpfung durch Ausräuchern (Feuer war seit jeher die beste Waffe im Festungskampf), Wasserentzug oder dem Aushungern der sich verteidigenden Mannschaft.

Das Augenmerk soll hier jedoch nicht der Taktik oder der Aufschlüsselung schwerer Gerätschaft sondern mehr den mobil geführten Waffen dieses Bereiches gelten. Neben vielen anderen Hilfsmitteln im Festungskampf, wie rollbaren Palisaden aus Holz (Kuruma tate), Haken- (Kanseki hachigo) und Aufsteckleitern (Tsugi hachigo), ragen vor allem zwei Varianten von Sturmwaffen hervor, die man zum Eindringen in Befestigungsanlagen benutzte: das langstielige Beil und der schwere Hammer.

Obwohl es naheliegen würde, wurden diese Waffen selten in der offenen Feldschlacht, wie etwa Streitaxt oder Kriegshammer der europäischen Ritter, verwand. Sie waren eher zum Zertrümmern von Türen, Verhauen, Palisaden, also allen Holzbefestigungen, vorgesehen. Außerdem waren sie gute Hilfsmittel beim Errichten von Biwak- oder Schutzanlagen im Feld und gehörten so zum Bestandteil der Grundausrüstung japanischer Heere.

Im frühen Mittelalter, vor allem in der Heian- und Kamakura epoche, waren beide Waffenarten Symbole der Mönchskriegerkaste, welche sie in ihren religiösen Zügen als Statuszeichen mit führten. Man nimmt heute an, daß sie, wie die Naginata, vor allem von den Mönchen in das Arsenal der japanischen Kriegswaffen eingeführt wurden. Eventuell resultiert dies aus dem Umstand, daß die militanten buddhistischen Orden vor allem einen Konkurrenzkrieg mit anderen Klöstern führten. Ihre kriegerischen Handlungen bezogen sich vor allem auf das Überwinden der benachbarten Klosteranlagen, also auf Befestigungskämpfe - weniger auf offene Feldschlachten.

Alter Holzschnitt mit der Darstellung eines Samurai

Victoria & Albert Museum

BEILE

Masakari - das Breitbeil. Es wurde bereits in historischen Quellen der Heian-Zeit erwähnt und spielte bei Erstürmungen und Belagerungen bereits eine bedeutende Rolle.

Die charakteristische Beilform dieser frühen Zeit war noch relativ flach, einschneidig und wenig geschwungen. Ähnlich der Schaftform von Speeren und Naginata, versah man die Masakari dieser Epoche mit der typischen, diagonalen Bänderwicklung (Himo maki) aus Leder oder Gewebe. Sie sollte der Waffe bei deren Benutzung einen noch besseren Griff geben und den Schaft (Tsuka) zusätzlich verstärken und vor dem Aussplittern beschützen. Auf diesen Schaft, von ca. 150 cm Länge, setzte man mittels einer eingelassenen Öse den Beilkopf. Am anderen Ende des Griffes wurde, wie bei fast allen Langwaffen, die metallene Ishi zuki Spitze angebracht. So konnte man das Beil im Ernstfall auch beidseitige als Nahkampfwaffe gebrauchen, selbst wenn dies nicht seine eigentliche Aufgabe war.

Die Masakai wurde fast ausschließlich von unteren Fußsoldaten (Ashigaru) und nicht von Rittern geführt, welche die Todeskommandos übernehmen und unter feindlichem Beschuß bis an die Befestigungen vordringen mußten. Dort war es ihr Auftrag, die feindlichen Verteidigungsanlagen zu zerstören oder wenigstens für eine Erstürmung vorzubereiten. Sicherlich sahen die Bushi im Gebrauch dieser Waffe eher einen Akt praktischer Arbeit als einer rein militärischen Handlung, was ihre Meidung dieser Waffe durchaus erklären würde. In der Kamakura-Periode fertigte man die Köpfe der Beile dann viel breiter und stärker geschwungen als in den vorangegangenen Epochen. Diese neue Form könnte die Antwort auf die Suche nach einer stabileren, widerstandsfähigeren Klinge gewesen sein. Einige Beilblätter erhielten Aussparungen um das Gesamtgewicht und somit deren Handhabung zu erleichtern. Die gebräuchlichsten Durchbrüche findet man in der Form von Blüten oder Herzen. Diese herzförmige, Ino me (Wildschweinauge) genannte Aussparung, fand ebenso bei Speer- und Pfeilklingen, jedoch hauptsächlich bei Zeremonialwaffen, Verwendung.

Heute noch erhalten gebliebene Masakari kann man nach ihrer Klingenform in zwei verschiedene Gruppen unterteilen: Erstens den massiven Beilkopf mit angeschliffener Klinge und zweitens ein sich kontinuierlich zur Schneide verjüngendes Blatt. Die letztere Form ist vor allem bei Beilen älteren Datums zu finden.

Ab der Kamakurazeit verzichtete man weitestgehend auch auf die gewohnte Himo maki Bindung und beließ die Schäfte der Beile in rohem unbehandelten Holz. Ebenso unterließ man es die Klingen der Masakari mit einer Scheide (Saya) zu schützen, wie man es etwa von Schwertern oder Speeren kennt. So wurde sie schließlich nur noch ein Werkzeug der untersten Soldatenränge und diese konnte vom Status nicht mehr mit einer Bewaffnung als Schütze oder Speerträger unter den Ashigaru konkurrieren.

Es ist also nicht verwunderlich, wenn sich in dieser Hinsicht keine herkömmliche Kampfkunst mit dieser Waffe entwickelte wie man es von anderen Formen kennt. Der effektive Gebrauch und die Beherrschung eines Beiles ist jedoch nicht zu unterschätzen, was wohl jeder Zimmermann oder Forstarbeiter bestätigen kann. Trotz seiner untergeordneten Rolle im Bugei Arsenal sind viele Erfolge im Krieg um starke Festungen dieser Waffe zu verdanken. Ein sehr schönes Beispiel dafür gibt uns eine historische Erzählung des Ehon Taiko ki aus der späten Muromachizeit:

Im Krieg um die Bergfestung Choko ji (1570) in der Provinz Omi versuchte der Feldherr Rokkaku Yoshikata längere Zeit vergeblich die Burg seines Widersachers Shibata Katsuie (1530 - 1583) zu erzwingen. Shibata war ein hoher Gefolgsmann des Oda Clans und unterstützte diesen bei der Unterwerfung der benachbarten Provinzen und deren Fürsten. Trotz seiner großen Erfolge mußte er auch Rückschläge einstecken. So leitete er 1570 die Verteidigung der Feste Choko ji. Als kein Ende der Belagerung in Sicht zu kommen schien, gab Rokkaru den Befehl, die geheimen Äquadukte, welche die Burg mit Wasser versorgten, zu zerstören. Eine Abteilung von Fußkriegern, bewaffnet mit Masakari, suchten die hölzernen Zuleitungen in den umliegenden Felsen und zertrümmerte diese, nachdem sie die Bewachung überwältigen konnte. So gelang es, die Festung im wahrsten Sinne trockenzulegen und einen Ausbruch, und somit einen offenen Kampf, mit der Burgbesatzung zu erzwingen. Am Ende des Kampfes blieben jedoch die Männer Shibatas Sieger. Nachdem seine Burg vom Wasserzufluß abgeschnitten war opferte er auch noch die letzten Reserven. Nach einer Legende ließ er alle großen Tongefäße in der Burg zertrümmern, in denen während der Belagerung Trinkwasser gesammelt wurde. Dann stellte er seine Krieger vor die Wahl: „Entweder langsam verdursten oder schnell im Kampf zu sterben !“ Doch statt zu sterben gelang seinen Samurai das Unglaubliche - sie konnten die zahlenmäßig überlegenen Belagerer unterwerfen.

Beile und Hämmer

Verschiedene Ausführungen als Kriegs- und Zeremonialwaffe

Eine andere Waffe im Festungskampf war der nicht selten über 150 cm lange Tsuchi - der Kriegshammer.

Sein schwerer Kopf wurde nicht aus Metall, sondern aus Hartholz, vornehmlich Eiche , gefertigt. Er war zwischen 30 und 50 cm lang und hatte einen Durchmesser von bis zu 30 cm. Um bei seiner Benutzung ein Ausplatzen oder Absplittern des Hammerkopfes zu verhindern, versah man ihn mit stärkenden, metallenen Bändern und beschlug ihn zusätzlich mit eisernen Nieten. Ebenso wie die Masakari brachte man an seinem unteren Griffende eine Ishi zuki Kappe an. Dieser Dorn machte ihn beschränkt nahkampffähig und konnte eventuell im Ernstfall auch als eine Art Stemmeisen eingesetzt werden. Auf historischen japanischen Darstellungen findet man diese Form von Hämmern auch in der Industrie oder der Landwirtschaft, jedoch ohne die oben beschriebenen Nieten und Spannbänder. Diese Merkmale schienen ein deutliches Kennzeichen von Hämmern als Kriegswaffen gewesen zu sein. Natürlich gab es in Japan auch Hämmer mit eisernen Köpfen, wie etwa im Schmiedehandwerk oder ähnlichem. Eine Erklärung für die hölzerne Variante könnte ebenso wie beim Tetsu bo (Eisenstock) das Problem des hohen Gewichtes und die damit verbundenen Nachteile bei Transport und Handhabung gewesen sein.

Eine besondere Form des Tsuchi war eine Version als Speerwaffe von 3 bis 4 m Länge. Diese Art, auch von der Masakari bekannt, wurde mit einem etwas kleineren Hammer- bzw. Axtkopf ausgestattet und auf einem für Yari (Speere) üblichen Schaft aufgepflanzt. Es läßt sich leider nicht mehr recherchieren, ob diese Form rein repräsentativen oder militärischen Charakter hatte. Eventuell gebrauchte man sie zum attackieren höher gelegener Ziele, wie etwa hölzerne Schießscharten oder Verkleidungen. So konnte man durch deren Aufbrechen eigenen Schützen oder Langspeeren eine bessere Angriffsmöglichkeiten eröffnen. Eine andere Hypothese wäre der mögliche Einsatz an Dachkonstruktionen, um Schindeln und Sparren herunterzureißen und so eine gezielte Brandlegung zu erleichtern.

Allgemein bildete Holz in der mittelalterlichen, japanischen Architektur den Grundbaustoff. Auch in Burgen fertigte man Interior, Türen und Wände größtenteils aus diesem Werkstoff. Ausgehend von dieser Tatsache und dem üblichen Aufbau einer japanischen Festung nach dem „Level“-System disqualifizieren sich große, sperrige Sturmwaffen, wie fahrbare Rammböcke oder ähnliches von selbst. „Level“-System bedeutet in diesem Fall die Aufteilung einer Festung in mehrere separat abgeteilt und zu verteidigende Höfe oder Gänge. Die endgültige Einnahme einer solchen Einheit zieht einen aufopferungsvollen Kampf von Ebene zu Ebene nach sich. Hier konnten nur handliche und mobile Waffen den Grundstein eines Erfolges bilden. Systematisch gelegte Brände und der Einsatz von Werkzeugen, wie Masakari und Tsuchi, also Äxte und Hämmer waren hierzu bevorzugte Hilfsmittel jener Zeit.

.