Der Soldat und der Ex-Kaiser

Japanische Geschichte - Teil 20

„Einer, der Bogen und Pfeil trägt, muß damit rechnen, sein Ende bei (an) einem feindlichen Pfeil zu finden. Doch es ist eine Ehre [...], daß geschrieben sein wird: 'Im Krieg zwischen den Minamoto und den Taira gab Satou no Saburoubyoue Tsuginobu sein Leben für seinen Herrn [Yoshitsune] am Strand bei Yashima in der Provinz Sanuki'.“ Heike Monogatari.

Gefangenschaft

Die Gefangennahme von besiegten Gegnern war im mittelalterlichen Japan nicht sonderlich üblich. Schon um sich der Gefahren einer Blutrache (Katakiuchi) zu entledigen, war man stets bemüht, seine Gegner möglichst schnell und vollständig zu eliminieren. Doch all diesen Prinzipien zum Trotz wurde Shigehira zunächst nur in der Villa eines Höflings in Kyoto inhaftierte. Auch wurde er anständig, ja gar zuvorkommend behandelte und während der Haft verwandelte sich der General Shigehira in einen wahrhaftigen Höfling. Es war Shigehira erlaubt, Botschaften an seine Frau und an eine Hofdame zu senden, die seine Mätresse war. Die Worte an die Hofdame und ihre Antwort waren voller eleganter und graziler lyrischer Expressionen ihrer unsterblichen Liebe. Ihnen wurde sogar ein kurzes Treffen zugestanden, bei dessem herzzerreissenden Abschied sie ihr Leben in Versen mit dem vergänglichen Wesen von Tautropfen verglichen.

Shigehira wurde sogar nach Kamakura zu einer Audienz mit Yoritomo gebracht. Der Grund dafür ist unklar, doch vermutlich war es die Neugier, die Yoritomo veranlaßte, seinen prominentesten Gefangenen persönlich in Augenschein zu nehmen und wegen der „abscheulichen Verbrechen“ (der Niederbrennung der Tempel von Nara) zu befragen. Die Autoren der Heike Monogatari benutzen diese Reise, um die höfische Seite von Shigehira noch mehr hervorzuheben, indem er bedeutende Orte in Versen rühmt und in Kamakura jeden mit seinem Flötenspiel beeindruckt. Yoritomo selbst bemerkte, daß sein Gefangener „der kultivierteste Mann (in seinem Lager)“ sei. Shigehira hatte auch eine kurze Affäre mit einem Mädchen, Sanju-no-mae, die im als Bedienung unterstellt wurde. Sie wurde wie so viele andere Frauen ein Opfer der Liebe zu einem Krieger: Als sie von Shigehira's Hinrichtung hörte, legte sie, wie auch die Hofdame in Kyoto das Gelübte ab und wurde Nonne, um für das Seelenheil ihres Geliebten zu beten.

Shigehira wurde letztlich 1185 exekutiert. Er sollte zwar dem Todai-ji und Kofuku-ji übergeben werden, doch die Mönche dort wollten ihn mit derart bestialischen Methoden vom Leben zum Tode befördern - man schlug vor, seinen Kopf langsam abzusägen, oder ihn lebend zu verbrennen - daß es die Verantwortlichen es für besser hielten, ihn an die Minamoto zurückzugeben. Shigehira wurde daraufhin am Flußufer in Nara enthauptet. Sein Kopf nagelte man an ein Toori (Tor zu einem Shintou-Schrein), daß an der Stelle errichtet war, an der Shigehira stand, als die Tempel von Nara niederbrannten. Obwohl sie von Shigehira sträflich vernachlässigt wurde, während er sich mit zahllosen Mätressen befaßte, setzte seine Frau alles daran, seinen Kopf und Körper zu beschaffen und ihm ein ordentliches Begräbnis auszurichteten.

Ex-Kaiser Goshirakawa hatte indes lange versuchte, Shigehira's Leben als Pfand zu benutzen, um die Taira zur Herausgabe der kaiserlichen Insignien (Schwert, Spiegel und Kronjuwel) zu bewegen, welche als Zeichen der Souveränität von Kaiser Antoku nach Yashima geschafft worden waren. Doch obwohl Shigehira's Mutter (Kiyomori's Witwe) darauf bestand, das Leben ihres Sohnes unter allen Umständen zu retten, lehnte Munemori, das neue Oberhaupt des Clans, den Handel mit Goshirakawa ab. Einerseits wird er hinter dem Vorschlag des Ex-Kaisers eines der windigen Spielchen vermutet haben, bei denen Goshirakawa außerordentliches Talent zeigte und vermutete, daß man Shigehira dennoch hinrichten würde, wenn er die Insignien übergeben würde; andererseits würde „ihr“ Kaiser Antoku ohne die kaiserliche Insignien jegliche Legitimation und die Taira damit ihren letzten Trumpf verlieren.

Der Soldat und der (Ex-)Kaiser

Nach dem Sieg von Ichi-no-Tani kehrte die Armee der Minamoto im Triumph nach Kyoto zurück und mit dem Ruhm des siegreichen Helden überstrahlte Yoshitsune seinen Bruder Noriyori vollkommen. Doch anstatt den flüchtenden Taira nachzujagen, blieb Yoshitsune fast ein Jahr in Kyoto, bevor er den Befehl aus Kamakura erhielt, den Feldzug fortzusetzen. Es ist noch immer ein großes Rätsel, warum Yoritomo keinen sofortigen Angriff auf die Taira befahl, die nach der Niederlage von Ichi-no-Tani militärisch äußerst geschwächt und auf der Flucht waren. Erst ein halbes Jahr nach Ichi-no-Tani entschied der Herr von Kamakura, den Krieg fortzusetzen. Diesmal wurde jedoch Noriyori zum „Tsuitoushi“ (Unterwerfer) ernannt und erhielt die Order, als befehlshabender General mit einer Armee von Kamakura nach Kyushu zu ziehen, um die Nachschubbasen der Taira auf der westlichen Insel Japans zu zerstören.

Die Frage, die seit dem öfter aufkam, war, warum Yoritomo den Auftrag an Noriyori gegeben hatte und nicht an Yoshitsune, der seine Fähigkeiten bereits brillant unter Beweis stellte. Eine mögliche Antwort mag sein, daß Yoritomo seinen fähigsten Kommandanten in der Hinterhand behalten wollte, um ihn gegen die Hauptstreitmacht der Taira auf Shikoku zu entsenden, nachdem Noriyori die feindliche Versorgung auf Kyushu ausgeschaltet hatte. Doch es scheint weitaus einleuchtender, daß die Zwangspause von Yoshitsune in persönlichen Schwierigkeiten zu suchen ist, die zwischen Yoritomo und Yoshitsune gewachsen waren.

Die historischen Quellen enthalten nicht genügend Details, um ablesen zu können, wann Yoritomo begann, seinem Halbbruder Yoshitsune argwöhnisch gegenüberzustehen. Die Probleme zwischen Yoritomo und Yoshitsune resultieren zwar aus den historischen Umständen und aus ihren ungleichen Persönlichkeiten, sie wurden jedoch nicht unerheblich durch das Wirken des Ex-Kaisers verschärft. Den Quellen zufolge zeigte sich Yoritomo's Argwohn erstmal nach der Schlacht von Ichi-no-Tani. Am 26. Juni 1184 erließ Yoritomo die Liste mit den Belohnungen für seine siegreiche Armee; Noriyori bekam den Titel des Gouverneurs der Provinz Mikawa, Yoshitsune hingegen wurde nicht einmal erwähnt. Dies ist in der Tat erstaunlich, waren doch die Verdienste von Yoshitsune regelrecht berühmt. Yoshitsune selbst war laut dem Azuma Kagami höchst enttäuscht, keinen Rang bei Hofe zu erhalten, doch Ex-Kaiser Goshirakawa wußte diese Enttäuschung mit seinen Mitteln zu lindern: Im achten Monat erhielt Yoshitsune gleich zwei Positionen, die des Saemon-no-shoujou bei der kaiserlichen Garde und den vielbegehrten, weil einträglichen Titel Hougan (Leutnant) bei der kaiserlichen Polizei. Insbesonders letzter Titel gelangte später in dem Ausspruch „Hougan Biiki“ - „Mitgefühl mit dem Unterlegenem“ zur Berühmtheit (wörtlich eigentlich „Mitgefühl mit dem Leutnant“). Obwohl die Worte in dieser Form erst während der Tokugawa-Periode entstanden, war doch die Sympathie für Yoshitsune bereits zu seinen Lebzeiten weit verbreitet.

Weiterhin wurde Yoshitsune die Gunst gewährte, dem (Ex)Kaisers in der Kammer der obersten Höflinge aufwarten zu dürfen. Yoritomo soll wenig erbaut gewesen, daß diese für einen Krieger höchst unübliche Ehrung nicht ihm selbst, sondern seinem jüngeren Bruder verliehen wurde, der zudem noch von weit niederer Abstammung war.

Der Grund für das großzügige Geschenk des Ex-Kaisers an Yoshitsune ist völlig unbekannt. Gedachte Goshirakawa vielleicht nur, Yoshitsune zu belohnen oder hoffte der notorische Schmied von Ränken und Intrigen eher, Zwietracht in den Minamoto-Clan zu bringen. Er wußte ja, daß Yoritomo mit eiserner Faust gegen Vasallen vorging, die Belohnungen vom Hof ohne seine Zustimmung annahmen und Yoshitsune war viel zu naiv und gutgläubig, um die Haken in dem wohlwollenden Angebot zu erkennen. Er meinte sogar, die Ehre, von einer so ehrenwerten Person wie dem Ex-Kaiser beschenkt zu werden, unmöglich ablehnen zu können.

Der amtierende Kaiser war zu dieser Zeit ein Kleinkind und noch dazu eine Marionette der Ise-Taira. Der dem Kaiserhaus verbliebene Einfluß auf die Geschicke des Landes wurde hauptsächlich von Goshirakawa ausgeübt, der sich in den 30 Jahren als Ex-Kaiser eine außerordentliche Machtposition geschaffen hatte. Der stete Aufstieg des Schwertadels (Buke) hat zwar seine Position nachhaltig belastet, doch Goshirakawa war ein tiefgründiger Mann mit einer schweren Neigung zu Intrigen und Verschwörungen und obwohl ihm die Reste der kaiserlichen Macht schnell entglitten, schaffte er es, sich in dieser Periode tiefgreifender Veränderungen über Wasser zu halten. Da er keine eigene Streitmacht besaß, war Goshirakawa gezwungen, bei seinen Beziehungen zum Militär Vorsicht walten zu lassen. Seine Taktik gegenüber den verschiedenen Militärführern war daher schwankend, ja zuweilen gar unehrenhaft, doch der Hof hatte weder die Kraft noch den Wunsch, offene Auseinandersetzungen mit dem Schwertadel zu riskieren. Auch Yoritomo war über die Winkelzüge des Ex-Kaisers empört, zollte dem Hof gegenüber aber auch weiterhin den schuldigen Respekt. Er betrachtete den Ex-Kaiser jedoch zweifellos als das treffende Beispiel eines verkommenen, intriganten Hofaristokraten und bezeichnete ihn einmal gar als Tengu (Unhold). Die zahlreichen Streitigkeiten zwischen und innerhalb der Clans machten es dem Exkaiser jedoch einfach, Rivalitäten auszunutzen und Kontrahenten gegeneinander auszuspielten, um am Ende auf der Seite des Siegers zu stehen oder sich in dem neuen Machtgefüge wenigstens einigen Einfluß zu sichern.

Goshirakawa muß sich also völlig darüber im Klaren gewesen sein, das die noch nie dagewesene Ehrung von Yoshitsune den Zorn von Yoritomo geradezu heraufbeschwören würde und laut Azuma Kagami waren es eben diese beiden Titel, die Yoritomo davon abhielten, seinen Halbbruder mit weiteren Aufträgen zu betrauen, hatte Yoshitsune doch gegen das Prinzip seiner unumschränkten Autorität verstoßen. Und Azuma Kagami vermerkt weiter: „Und dies war nicht das erste Mal, daß Yoshitsune gegen den Willen seiner Exzellenz verstieß.“ Heike Monogatari indes berichtet noch nichts von Differenzen zwischen Yoritomo und Yoshitsune. Es wird nur beschrieben, daß Noriyori und Yoshitsune nach der Schlacht von Ichi-no-Tani mit Stellungen bei Hofe belohnt wurden, kein Wort über die doch recht beunruhigenden Umstände.

Yashima

Als Noriyori am 8. Oktober 1184 seinen Marsch nach Westen begann, ahnte er wahrscheinlich noch nichts von den Tücken seines Auftrages: er mußte durch tiefstes Taira-Gebiet ziehen und die Taira besaßen zudem die vollständige Kontrolle über die Inland-See. Bei Kojima kam es dann zu dem einzigen größeren Gefecht der Kampagne. Die Taira besaßen dort einen Aussenposten, der von Taira Tomomori, einem Überlebenden von Ichi-no-Tani, befehligt wurde. Die Schlacht an sich ist eigentlich ohne größere Bedeutung, eine Begebenheit ist jedoch interessant: Sasaki Moritsuna, der ältere Bruder von Sasaki Takatsuna (der das berühmte Rennen am Uji-gawa gewonnen hatte) besiegte diesmal seinen Bruder beim Wettrennen durch den schmalen Seestreifen, der Kojima vom Festland trennt und führte so die Minamoto in die Schlacht. Von dieser Aufheiterung abgesehen, war der Marsch der Minamoto nach Westen eine Tortur. Im Februar 1185 schrieb Noriyori dringende Botschaften an Yotitomo und beklagte die schwindende Moral seiner Truppen und die schlechte Versorgungslage. Er bat um Pferde und Schiffe, da sie nun im Westen von Honshu festsaßen und nicht nach Kyushu überzusetzen konnten. Seine Schwierigkeiten bei der sogenannten Kyushu-Kampagne war ein weiterer Beweis für die allgemeine Meinung, Noriyori sei nur ein mittelmäßiger, wenn nicht gar ein unfähiger Kommandant. Doch letztlich konnten sie einige Schiffe beschlagnahmen und die ausgemergelte Armee setzte nach Kyushu über. Es wird auch von einem Krieger berichtet, der, geschwächt vor Hunger, seine Rüstung verkauft, um mit dem Erlös ein Boot zu erwerben, das seine Kameraden über die Meerenge bringen soll.

Während Noriyori seinen beschwerlichen Weg nach Westen unternahm, strich Yoshitsune erneut den ganzen Ruhm ein. Yoritomo hatte seinem Halbbruder im ersten Monat des Jahres 1185 endlich den Auftrag erteilt, Yashima, die Basis der Taira auf Shikoku, zu vernichten.

Im elften Buch der Heike Monogatari wird berichtet, wie Yoshitsune den Auftrag erhält und von Kyoto aus aufbricht, um in Watanabe in der Provinz Settsu an der Küste der Inlandsee eine Flotte zusammenzustellen. Für die Minamoto war es das erste Mal, daß sie auf das Meer hinausfahren sollten, was die berggewohnten Kriegern nicht gerade ermutigte. Während sie die Schiffe zusammenstellen, diskutierten sie über die Kriegsführung zur See, eine Kunst, mit der sich die Ise-Taira rühmen konnten, während die landkämpfenden Minamoto aus dem Osten nur wenig darüber wußten.

Kajiwara Kagetoki, der von Yoritomo als Berater für Yoshitsune entsandt worden war, stand den Marineplänen von Yoshitsune besonders kritisch gegenüber. Er merkte an, daß die Ruder an den Booten ungünstig angebracht seien, da man damit nur schwierig rückwärts steuern könne. Er schlug „Rückwärts-Ruder“ vor, mit denen man in jede Richtung fahren könne. „Wir haben aber nicht die Absicht, rückwärts zu fahren.“ entgegnete Yoshitsune barsch und fügte an, daß selbst die Erwägung von Rückzug eines wahren Kriegers unwürdig sei. Die Worte von Yoshitsune trafen Kajiwara an einer sehr empfindlichen Stelle und als dieser daraufhin seinerseits entgegnete, daß Anführer, die nur wissen, wie man vorwärts stürme, „Wildschwein-Krieger und keine wahren Anführer“ seien, waren beide kurz davor, sich zu schlagen. Nur das Eingreifen einiger hochrangige Offiziere, darunter Miura no Yoshizumi, Hatakeyama no Shigetada und Toi no Sanehira konnte Yoshitsune, Kagetoki und deren Gefolge noch zurückhalten. Dieser Vorfall war keineswegs dazu geeignet, die ohnehin schon schlechte Meinung von Kajiwara über Yoshitsune zu verbessern. Ob Yoshitsune seinerseits eine persönliche Abneigung gegenüber Kajiwara hatte oder ob ihn der Vorschlag mit den „Rückwärts-Rudern“ nur schlicht ärgerte, mag dahingestellt bleiben. Yoshitsune war sich ohnehin bewußt, daß die Minamoto einer Seeschlacht mit den Taira nicht gewachen waren und so bestand seine Strategie darin, dies unter allen Umständen zu vermeiden. Der geplante Kurs ging darum auch nicht direkt nach Yashima, sondern südlich an Awaji vorbei nach Shikoku, um Yashima von Land aus anzugreifen.

Yashima ist ein vulkanisches Plateau vor der Küste von Shikoku, das heute durch eine Landbrücke mit dem Festland verbunden ist. Zur Zeit des Gempai-Krieges war es jedoch eine Insel, wenn gleich der Kanal zum Festland flach war und somit leicht von Pferd und Mann durchquert werden konnte. Ohne Zweifel würden die Taira die Zugänge bewacht haben, doch aufgrund der natürlichen Befestigung gegenüber Angriffen von See war die Basis nicht auf dem Plateau selbst, sondern unterhalb an beiden Seiten des Strandes zwischen Insel und Festland errichtet worden. Zudem erwarteten die Taira einen Seeangriff und bereiteten sich entsprechend vor: die Kriegsschiffe lagen im Kanal während 500 weitere Boote in einer anderen Bucht versteckt waren, die heute „Funakakushi“ (Bootsversteck) genannt wird.

Mitte März beendete Yoshitsune seine Vorbereitungen, doch das Wetter war so schlecht, daß die Seeleute empfahlen, besseres Wetter abzuwarten. Doch Yoshitsune bestand darauf, mit seinem Kontingent sofort abzulegen. Er hoffte, der tobende Sturm würde das Überraschungsmoment eines Angriffes auf die Taira noch verstärken. Allerdings wurde dieser Enthusiasmus nicht von allen einstimmig geteilten und so mußten einige gar mit dem Schwert an ihren Diensteid erinnert und auf die Schiffe gezwungen werden. Am 22. März 1185 legte eine kleine Flotte von nur fünf Schiffen mit etwa achtzig Kriegern ab. Es ist in den Quellen keine Erklärung zu finden, warum Yoshitsune die übrigen zweihundert Schiffen zurückließ (Im Gempai Seisui Ki wird jedoch berichtet, daß nur Seeleute für 5 Schiffe zur Verfügung standen, was jedoch nicht gerade wahrscheinlich scheint). Mit der üblichen Schnelligkeit und dem kräftigen Sturm zum Trotz, segelte Yoshitsune übernacht und benötigte dank der günstigen Windrichtung für die Überfahrt nach Shikoku, die üblicherweise in drei Tagen dauerte, nur sechs Stunden. Bereits am nächsten Morgen landete sein Expeditionskorp auf Shikoku an einem Platz mit dem vielverheißenden Namen „Katsuura“ (Siegesbucht) und nachdem sie ihre Pferde gesattelt hatten, ritten sie im Galopp nach Yashima.

Die Taktik des Angriffes auf Yashima war die selbe, die schon bei Ichi-no-Tani Wirksamkeit gezeigt hatte: alles Brennbare wurde in Brand gesteckt: Bauernhäuser, Lagerhallen und auch der provisorische Kaiserpalast, den die Taira errichtet hatten. In der Deckung von dichtem Rauch und einer Wolke aus Staub stürmte die kleine Truppe der Minamoto unter lautem Kriegsgeschrei den ungeschützten Rücken des Gegners. Die Taira glaubten sich einer gewaltigen Übermacht gegenüber und flohen in wilder Panik mit ihren Booten auf das Meer hinaus. Auch der Kaiser Antoku wurde zu den Schiffen gebracht, ganz Yashima wurde evakuiert.

Erst als die Taira auf ihren Schiffen vor der Küste trieben, fiel ihnen auf, von wie vielen, oder besser, wie wenigen Minamoto sie eigentlich angegriffen worden waren. Da eine Landung mit Risiken verbunden war, blieben die Taira zumindest nahe der Küste, um den Minamoto noch soviel Schaden wie möglich zuzufügen.

Die folgende Schlacht von Yashima ist also im wesentlichen ein Kampf zwischen Land (Minamoto) und Wasser (Taira). Der Kampf selbst begann mit dem üblichen Wortgefecht, dem ein „Austausch von Pfeilen“ folgte.

Der wohl bekannteste Vorfall der Schlacht von Yashima ereignete sich gegen Abend. Als sich die Gegner anschickten, den Kampf für die Nacht zu beenden, ruderte ein reich verziertes Boot der Taira näher an den Küste und eine elegante, schöne Dame trat hervor und ließ ihren Fächer an den Mast binden. Der Fächer war mit einem goldenen Sonnenmotiv auf rotem Grund verziert und sollte die Minamoto zweifellos aufzufordern, ihn herunterzuschießen. Diese waren zunächst unschlüssig, entschieden jedoch, daß die Herausforderung angenommen werden müsse.

Der Fächer baumelte in der frischen Briese am Mast des sich in den Wellen wogenden Schiffes hin und her. Ein leichtes Ziel war er sicher nicht und so wurde jemand ausgewählt, der eher für seine Genauigkeit als für Starke bekannt war: Nasu no Yoichi. Doch dieser zweifelte, ob seine Fertigkeit mit dem Bogen ausreichen würden. Im Gempai Seisui Ki erhält diese Episode noch zusätzliche Brisanz, da dort berichtet wird, die Taira hätten diesen speziellen Fächer vom Itsukushima-Schrein mitgebracht, ein Ort der speziell mit den Taira verbunden ist. Wenn Yoichi den Fächer treffen sollte, würden die Taira verlieren, sollte er verfehlen, würden die Taira gewinnen.

Doch letztlich willigte Yoichi ein, sich zu versuchen. Mit einem Gebet an Hachiman auf den Lippen und dem Schwur, sich zu töten, wenn er versage, ritt Yoichi seinem Ziel noch einige Meter in die See entgegen, spannte seinen Bogen mit einem Kabura-ya (Rüben-Pfeil), zielte und schoß; der Pfeil gab ein lautes pfeifendes Geräusch von sich und fand sein Ziel. Der Fächer wurde vom Mast gerissen und flog hoch in die Luft, wurde vom Wind erfaßt und fiel letztlich ins Meer. Alle applaudierten, Freund und Feind gleichermaßen, die Taira klopften auf die Bordwände und die Minamoto rasselten mit ihre Pfeilköchern. Später sollten die Nachfahren von Nasu no Yoichi einen Fächer mit dem Sonnensymbol als Familienwappen (Mon) nehmen und noch heute wird zu Ehren des Meisterschützen das Gempai Yashima Matsuri in Takamatsu abgehalten.

Danach folgte noch eine weitere Episode, die von einem Bogen handelt und Yoshitsune selbst findet in dem Kapitel „Yumi nagashi“ (der versunkene Bogen) Erwähnung: Nachdem der Fächer im Meer gelandet war, kamen auf dem Boot der Taira Krieger heraus und vollführten eine Art Tanz an der Stelle, wo der Fächer gehangen hatte. Yoshitsune befahl daraufhin einen zweiten Schuß. Yoichi folgte der Order und der zweite Pfeil von Yoichi streckte einen der Taira nieder. Die kurze Phase der Verständigung der Gegner, die mit dem ersten Pfeil begann, fand mit dem zweiten ihr jähes Ende; einige bezeichneten dies als einen Akt der Grausamkeit (wenn gleich die Minamoto auch bei diesem Treffer applaudierten). Die Taira griffen daraufhin den Strand an und versuchten zu landen, doch Yoshitsune trieb sie mit seinen Kriegern ins Meer zurück. Während des Kampfes hatte er allerdings seinen Bogen fallengelassen und versuchte nun, ihn trotz feindlichen Bogenbeschusses aus den Wellen zu fischen. Als seine Gefolgsleute ihm zuriefen, er solle doch sein Leben nicht wegen eines Bogen riskieren, antwortete er, daß sein Bogen ein gewöhnlicher sei, der von nur zwei Mann gespannt wurde und nicht dem gewaltigen Bogen seines Onkels Tametomo glich. Die Taira würden ihn sicher auslachen, wenn sie ihn finden sollten. Und so versuchte es Yoshitsune weiter, bis er den Bogen zurückhatte und seine Ehre gewahrt blieb.

Neben der amüsanten Geschichte selbst, verrät diese Passage noch einiges über das Erscheinungsbild von Yoshitsune. Da er einen leichten Bogen führte, war Yoshitsune vermutlich nur von kleiner und schwächlicher Statur. Diese Vermutung wird gestützt von einer späteren Ausführung in Heike Monogatari, Yoshitsune sei klein (sei chiisaki).

In der Nacht zogen sich die Taira zur Shido-Bucht östlich von Yashima zurück und die Minamoto überquerten indes die Furt nach Yashima. An einem Teich, Chinoike, der noch heute existiert, wuschen sie das Blut und das Salz aus ihren Rüstungen. Dies war eine wichtige Vorkehrung gegen Rost, würde sich doch das Salz sofort an den Stellen in die Rüstungen fressen, an denen der Lack angeschlagen war.

Zwei Tage später versuchten die Taira eine Landung in der Shido-Bucht, vermutlich um Yashima zurückzuerobern, doch Yoshitsune konnte das weit überlegene Kontingent der Taira mit seinen Kriegern im Kampf bezwingen. Als einige Tage später die zweihundert Schiffe mit der Hauptstreitmacht der Minamoto Yashima erreichte, waren die Taira bereits auf dem Rückzug nach Hikoshima, ihrer letzten verbliebenen Basis. Sie waren bei Yashima von einer zahlenmäßig völlig unterlegenen Truppe überrascht, überrannt und besiegt worden. Die Schlacht hatte ihnen zwar kaum eigene Verluste beigebracht, doch mit dem Rückzug nach Hikoshima, wo Noriyori die Festlandküste besetzt hielt, wurde ihre Lage immer prekärer.