„Obwohl ich der Herrscher von Japan bin, gibt es doch drei Dinge, die sich meiner Kontrolle entziehen: die Stromschnellen des Kamo-Flußes, der Fall der Würfel im Spiel und die Mönche in den Bergen.“ (Kaiser Shirakawa über die Sohei vom Berg Hiei)
Neue Tempel
Als der Kaiser im Jahre 794 den Regierungssitz von Nara nach Kyoto verlegten ließ, um dem Einfluß der buddhistischen Tempel in Nara zu entgehen, gab es bereits nordöstlich der neuen Hauptstadt auf dem Berg Hiei ein Kloster, Enryaku-ji. Es war sechs Jahre zuvor, 788, von dem Mönch Saichou gegründet worden, der für diese Tat noch heute als „Dengyou Daishi“ verehrt wird. Bei den abergläubischen Höflingen fand dieser Tempel großen Anklang, schützte er doch die neue Stadt vor „dem Bösen, das aus Nordosten angreift“, eine Richtung, die in der chinesischen Geomantie auch als „Tor der Dämonen“ bekannt ist. So bekam das Kloster den Status des heiligen Beschützers der Stadt und genoß eine Verehrung, die selbst die frühere Begeisterung des Hofes für die Tempel in Nara in den Schatten stellte. In den buddhistischen Hallen der südlichen Hauptstadt, wie Nara jetzt genannt wurde, machten sich Groll und Mißgunst breit. Doch Enryaku-ji wuchs schnell und wenig später wurde sogar ein Tochter-Tempel, Mii-dera (früher Onjou-ji genannt) am Fuße des Berges nahe des Biwa-ko gegründete. Bereits wenig später sollte die Macht der neuen Tempel stark genug sein, um entscheidenden Einfluß auf den Verlauf der japanischen Geschichte zu nehmen.
Der Besitz von religiösen Zentren war schon vor den großen Reformen sehr umfangreich, Tempel wie der Kofuku-ji oder Toudai-ji besaßen Ländereinen in der Größe ganzer Provinzen mit Tausenden von Dörfern. Die Taika-Reform tastete dieses Eigentum nicht an und auch die Politik des Kaiserhofes hatte die Tempel großzügig von jeder Steuerpflicht befreit. Für die kleineren steuerpflichtigen Landeigner bot sich darin ein geeigneter Weg, die eigenen Steuerlast zu verringern: Durch Kishin (Schenkung) überließen sie ihr Land jemandem, der wenig oder keine Steuern zahlen mußte und pachteten es dann von diesem zurück. Sie wurde sozusagen zum Verwalter, „Souji“ ihres eigenen Grund und Bodens und hatten dafür nur noch ein jährlicher Tribut an den neuen Eigner zu zahlen. Dieser fiel im Vergleich zur kaiserlichen Steuer eher bescheiden aus. Für den „Beschenkten“ bedeutete das Land eine völlig aufwandsfreie Vergrößerung des Besitzes. Kishin und der Handel mit Land wurden zwar schon im Jahre 746 (in der Nara-Zeit) per kaiserlichem Edikt unter Strafe gestellt; schmälerte es doch zusehens die Steuereinnahmen; jedoch zeigten die gesetzlichen Maßnahmen zu keiner Zeit Erfolg. Kishin hatte mit der allgemeinen Korruption des Verwaltungsapparates bis in die höchsten Kreisen Einzug gehalten. Selbst die Fujiwara, die einst die „Großen Reformen“ auf den Weg gebracht hatten, wurden reich damit. Auch die Klöster konnten durch Kishin und Landhandel gewaltige Reichtümer anhäufen. Sie wurden damit neben dem Kaiserhof und den aufstrebenden Samurai-Familien den Provinzen innerhalb kürzester Zeit zu einer weiteren mächtigen Fraktion im historischen Japan.
Sohei
Schon seit dem Umzug des Kaisers nach Kyoto gab es Streitigkeiten zwischen den alten Tempeln in Nara und den neuen Niederlassungen Enryaku-ji und Mii-dera vom Berg Hiei. Im August des Jahres 963 fand auf Wunsch des Kaisers ein Treffen der beiden Parteien statt, auf dem 20 Priester religiöse Fragen diskutierten, jedoch endete die Debatte ohne Ergebnisse. In den folgenden Jahren begann die Situation zu eskalieren. Die Gründe dafür waren jedoch nicht von religiöser Natur: 968 kämpften Priester des Toudai-ji mit ihren Nachbarn vom Koufuku-ji um ein Stück Land. 981 war die unpopuläre Ernennung eines Abtes der Anlaß, daß sich die Mönche des Enryaku-ji in zwei Fraktionen spalteten und sogar einen der Bewerber angriffen. Einen Konflikt zwischen Koufuku-ji und Enryaku-ji entstand, als der Enryaku-ji den Gion-Schrein in Kyoto angriff, der zum Besitz des Koufuku-ji gehörte. Es begann ein Wettrüsten der Klöster und bald standen tausende Mönche unter Waffen. Für die nächsten 200 Jahre bestimmten diese Kriegsmönche, Souhei genannt, die militärische Landschaft um Kyoto. Für Kyoto kam der meiste Ärger aus der Richtung des Berges Hiei und ein Wort aus dieser Zeit, das lose den Grund dafür beschreibt, ist „Yamabushi“, Bergmönch. Dieser Phrase ist jedoch unglücklich gewählt, führte sie doch häufig zu Verwechslungen mit Anhängern einer buddhistischen Sekte, die sich bereits Yamabushi, Berg-Schläfer nannten (die geschriebenen Zeichen sind verschieden).
Obwohl die Sohei offiziell als Mönche lebten, waren sie doch weit von einem religiösen Lebenswandel entfernt. Um die Anzahl ihrer Truppen zu erhöhen, nahmen die Klöster praktisch jeden in den Priesterstand auf, um ihn für die Waffen auszubilden. Die Rekruten waren meist Bauern ohne Land, aber selbst Kriminelle wurden aufgenommen, um im Namen des Tempels zu kämpfen. Es ist wahrscheinlich, daß zu jener Zeit 4 von 5 Mönchen nicht regulär die Priesterschaft erlangten, sondern nur nominal die Rasur ihres Kopfes akzeptierten. Das Tengu Zoushi beschreibt die Kriegsmönche im Detail: Die Sohei hüllten ihr Gesicht in große weiße Kapuzen und trugen Kutten aus schweren Stoff; die äußeren Roben waren dunkel oder safrangelb gefärbt, teilweise benutzte man auch Nelkenöl, was den Roben eine hellbraue Färbung verlieh oder man ließ sie in ihrem weißem Ursprung. An den Füßen trugen die Mönche Sandalen oder Geta (Schuhe, die an Holzklötze erinnern). Andere Darstellungen zeigen die Mönche mehr kriegerisch: Die Roben wurden durch Rüstungen ergänzt, die von der Form her an Dou-maru, die einfachen Rüstungen der Fußsoldaten, erinnern. Einige Sohei trugen auch Yoroi, aufwendige Kriegerrüstungen und Hachimaki (Stirnbänder) oder Kopftücher anstelle der Kapuzen. Die Rolle Kasuga Gongen Reikenki zeigt Sohei vom Koufuku-ji, die ihren Tempel verteidigen. Von den dargestellten Personen wird angenommen, daß sie alle Mönche waren, jedoch hatten sie ihre religiöse Kleidung vollständig gegen Rüstungen ausgetauscht.
Die traditionelle Waffe der Mönche war die Naginata, eine Art Schwertlanze. Die damalige Version wird „Shobuzukuri Naginata“ genannt und hatte Klingen mit bis über einem Meter Länge. Doch die wirkungsvollste Waffe der Mönche war die Angst vor den Göttern, die sie vertraten. Die gläubigen Höflinge waren damit besonders leicht verwundbar. Diese hielten auch noch an der Heiligkeit der Tempel fest, als sich der Berg Hiei vom heiligen Beschützer in eine Höhle voller Diebe verwandelte. Armeen von Souhei, einige tausend Mann stark, kamen regelmäßig nach Kyoto, um ihren meist weltlichen Forderungen militärischen Nachdruck zu verleihen. Sie zogen dabei durch die Straßen der Stadt und verbreiteten Angst und Schrecken. Zur Verteidigung der Mönche muß gesagt werden, daß sich ihre Aktionen eher auf Drohungen und Erpressungen beschränkten, doch für die damaligen Menschen muß ein Fluch aus dem Munde eines geheiligten Mannes verheerende mentale Auswirkungen gehabt haben. Doch die Sohei verstanden auch das Handwerk mit ihren physischen Waffen und obwohl die meisten Kriegsmönche aus einfachen Verhältnissen stammten, waren sie ausgezeichnet organisiert. Sie hatten hervorragende Kämpfer und begnadete Kommandanten in ihren Reihen, wenn auch ihr Hautvorteil in ihrer Anzahl lag.
Die Mönche verstärkten ihre Präsenz, indem sie bei ihren Auseinandersetzungen Mikoshi mit sich trugen. Mikoshi sind portable Schreine und wurden an langen Stangen von bis zu 20 Mönchen getragen. Noch heute sind Mikoshi zentraler Bestandteil von verschiedenen Matsuri (Festen) in Japan. Ein Angriff auf einen solchen Schrein war einem Angriff auf die Götter selbst gleichgesetzt. Niemand würde es wagen, einen Mikoshi auch nur zu berühren. Während eines Vorfalls, der auf den Tod eines Priesters folgte, wurde der große Mikoshi vom Berg Hiei, der den Geist des Bergkönigs enthalten sollte, von einer Priesterarmee nach Kyoto getragen. Die Mönche standen um den Mikoshi herum und sangen die 600 Kapitel des Dai Hannya Kyou, einem buddhistischen Gebet, um ihre Gegner zu verfluchen. Manchmal wurde der Schrein in Kyoto gelassen, während die Mönche in die Berge zurückkehrten. Dort verblieb er, bis die Forderungen der Mönche erfüllt waren. Mit wachsender Macht versuchten die Klöster auch, sich in innere Angelegenheiten des Kaiserhofes einzumischen, doch größtenteils waren die Tempel mit Auseinandersetzungen untereinander beschäftigt. Bei diesen Streitigkeiten ging es eigentlich niemals um religiöse Dinge, vielmehr wurde um materiellen Besitz, Land und Ansehen gestritten. Es waren also keine Religionskriege, wie sie in Europa ausgetragen wurden, wenn gleich man dem materiellen Aspekt auch im historischen Europa eine gewichtige Rolle zuschreiben muß. Die Streitigkeiten wurden von Zeit zu Zeit beigelegt, indem man die jeweils gegnerischen Tempel in Flammen aufgehen ließ. Allianzen zwischen den Tempeln wurden häufig geschlossen und ebenso häufig wieder gebrochen: 989 und 1006 zog Enryaku-ji gegen Koufuku-ji. 1036 kämpfte Enryaku-ji gegen Mii-dera. 1081 vereinigte sich Enryaku-ji mit Mii-dera gegen den Koufuku-ji. Während dieser Auseinandersetzung brannten Sohei des Koufuku-ji jedoch den Mii-dera nieder und machten reiche Beute. Später im selben Jahr fielen Souhei vom Enryaku-ji in einer neuerlichen Auseinandersetzung über Mii-dera her. 1113 wurde Kiyomizu-dera niedergebrannt, 1140 griff Enryaku-ji wieder einmal Mii-dera an und 1142 erwiderte Mii-dera den Angriff auf Enryaku-ji. Diese Liste kann noch lange so fortgesetzt werden und auch die anderen Tempel haben eine ähnlich unrühmliche Vergangenheit, bis sich die Kämpfe der Mönche gegen Ende des 12. Jahrhunderts in den großen Kriegen des japanischen Mittelalters verlieren.
Ein Vorfall des Jahres 1081 löste jedoch weitreichendere Folgen aus: Im Januar griffen Bewohner der Ortschaft Oumi, das sich unter dem Protektorat des Enryaku-ji befand, die Einwohner von Outsu an, das dem Mii-dera unterstand. Die Bewohner von Outsu beschwerten sich daraufhin beim Enryaku-ji, doch als nichts geschah, trug man den Fall weiter zum Mii-dera. Mii-dera schlug vor, daß Outsu künftig keine Arbeiten mehr für den Enryaku-ji übernehmen sollte. Dies verärgerte die Mönche des Enryaku-ji zutiefst, schadete es doch erheblich ihrem Ruf und man sandte Truppen zur Vergeltung gegen Mii-dera. Dort war man jedoch vorbereitet. Der erste Angriff wurde zurückgeschlagen, jedoch nur, um verstärkt wiederholt zu werden. Der Abt des Enryaku-ji, der den Angriff persönlich leitete, trug die Bilanz zusammen: Es wurden 294 Hallen, 15 Lager, 6 Glockentürme, 4 Gebetshäuser, 624 Residenzen und mehr als 1500 Anwesen zerstört - praktisch der komplette Tempelkomplex des Mii-dera mit Ausnahme einer Hand voll Gebäuden. Daraufhin zog der Mii-dera eine gewaltige Armee zusammen, um gegen den Enryaku-ji zu ziehen. Der Kaiser, von den Vorgängen vor den Toren der Stadt auf das Höchste beunruhigt, schickte Truppen, um die Situation zu prüfen. Im September gingen die Kämpfe jedoch weiter und Gerüchte zufolge sollten sich die Truppen der beiden Tempel vereinigt haben und nach Kyoto ziehen. Der Kaiserhof wandte sich nun voller Panik an die einzige Kraft, die einem solchen Angriff wiederstehen konnte: die Samurai-Clans. Der Auftrag zur Verteidigung von Kyoto wurde Minamoto no Yoshiie gewährt. Yoshiie nahm die Aufgabe an und die Hauptstadt wurde von Minamoto-Samurai in Windeseile befestigt. Doch der erwartete Angriff blieb aus und Yoshiie kehrte zu seinem normalen Dienst zurück. 10 Jahre später, 1092 befand der Hof wieder die Minamoto nützlich zum Schutz gegen die Mönche. Minamoto no Yoshichika, Yoshiie's zweiter Sohn, konfiszierte Land in der Mino-Provinz, das vom Enryaku-ji beansprucht wurde. Yoshichika berief sich zu gutem Recht auf das Gesetz, das den Handel mit Land verbot, doch die Mönche bestanden auf ihrer Forderung und sandten eine Armee gegen Kyoto. Doch als die Sohei den kampfbereiten Truppen der Minamoto gegenüberstanden, zogen sie sich widerwillig zurück.
Trotz der Turbulenzen, die von den Klöstern verursacht wurden, überhäufte die kaiserliche Familie die Tempel mit Geschenken von Land, Gold und Silber. Vielleicht hofften sie, mit diesem Zeichen von religiösem Eifer das Wohlwollen der Mönche erkaufen zu können. Jedoch schien dieser Plan nicht aufzugehen, denn wann immer sich der Kaiserhof zu Angelegenheiten des Klerus äußerte, gab es einen lauten Aufschrei in den Bergen und die Mönche trugen ihren Ärger durch die Straßen von Kyoto. Obwohl sie mehr Macht und Einfluß als die Tempel besaß, war die kaiserliche Familie (und auch die Fujiwara) viel zu sehr Buddhisten, um die Mönche so zu behandeln, wie sie es verdienten und trotz der Anwesenheit der Samurai wurden die Priester nur noch arroganter. Während dieser beiden Jahrhunderte bedrohte allein der Enryaku-ji den Kaiser nicht weniger als 70 Mal mit Waffengewalt, von den zahllosen Vorfällen zwischen und innerhalb der Tempel ganz zu schweigen. So sind die Tempel, nachdem sie aktiv zum Scheitern der Landreform und der Bildung von Großgrundbesitz beigetragen hatten, verantwortlich für die Abhängigkeit des Kaiserhauses von der militärischen Macht der Provinz-Aristokratie. Es ist durchaus berechtigt, zu behaupten, daß die Klöster einen beachtlichen Anteil an Japans kriegerischem Mittelalter haben. Die Tempel sorgten dafür, daß sich der Kaiser Schutz und Hilfe bei den Samurai-Clans suchen mußte und durch die Tempel waren die Samurai in der Lage, zu sehen, daß der Kaiser praktisch ohne Kleider dastand. Es war nur noch eine Frage der Zeit bis die Samurai auch zur Bereinigung von inneren Angelegenheiten des Kaiserhofes gerufen wurden, anstatt nur einen externen Schutz vor Mönchen, Rebellen und den Emishi zu bieten. Doch dies ist ein anderes Kapitel der japanischen Geschichte.