Die älteste Schule Japans
Nen Ami Jion
Zu Beginn steht eine Legende... (Überlieferung der Maniwa nen ryu)
Anfang des 14. Jhdt. wird ein kleiner Junge von 5 Jahren, genannt Nen Ami, Zeuge eines Überfalls auf den heimatlichen Hof, bei dem auf Grund einer Fehde sein Vater getötet wird. Der Junge überlebt den Angriff nur, weil sein Kindermädchen ihn auf ihrer Flucht mit sich nimmt und er so den Eindringlingen entkommt. Das Mädchen übergibt den Knaben später an ein nahes Kloster, wo er nun als Waise und als Mönch aufwachsen soll. Nach einigen Jahren übersiedelt er in ein buddhistisches Kloster in Kamakura und bleibt dort bis zu seinem 18. Lebensjahr. Zu dieser Zeit waren die Klöster Japans nicht nur religiöse Zentren sondern auch Heimstatt militanter, buddhistischer Krieger, welche die Schutztruppen und Heere der Tempel stellten die Sohei. Unter ihrem Einfluss erlernte Nen Ami die Fechtkunst und sammelte erste Erfahrungen in den Kriegskünsten. In seinen Heimatort Soma (Provinz Oshu) zurückgekehrt vollzog er Rache an den Mördern seiner Familie. Im selben Jahre noch (1368) etablierte er seinen Stil des Bu jutsu (Kampftechnik) als eigenständiges System, welches ihm zu Ehren von seinen Schülern später als Nen ryu (Methode des Nen Ami) genannt wurde. Später trat er der buddhistischen Zen-Richtung bei und änderte seinen Namen in Soma Shiro Yoshimoto Nyudo Jion. In diesem Zusammenhang bereiste er ganz Japan um seine Zen-Studien und seine Erfahrungen in den Kampfkünsten zu vervollkommnen und sein System zu unterrichten. Zeit seines Lebens setzte er seine Übungen in den Kriegskünsten fort und der Überlieferung nach erlernten seine Schüler bei ihm vor allem die Kunst des Fechtens und des Speerkampfes (das Isshin ryu Kusarigama jutsu (Kettensichel) bezieht seine Wurzeln ebenfalls auf Nen Ami). Im Jahr 1408 ließ er sich nach seiner Reise dann in Namiai (Provinz Shinano) nieder und gründete den Chofukuji-Tempel, wo er bis zu seinem Tod lebte. In dieser Phase seines Lebens änderte er seinen Namen letztmalig in Nendai Osho.
Higuchi Matashichiro
Einer der Schüler der Nen ryu war Higuchi Taro Kaneshige, ein Samurai aus der Kansei-Region. Er etablierte dieses Fechtsystem als Familientradition, wo es dann tatsächlich für viele Jahre trainiert wurde. Wie es in den klassischen Kriegskünsten üblich war vererbte er das Wissen schließlich an seinen Sohn und so blieb die Nen ryu für die nächsten Generationen innerhalb der Higuchi Familie bewahrt (unabhängig der Hauptlinie der Schule).
Die Familie, einfache Landsamurai (Jisamurai) welche einst Gefolgsleute Kiso Yoshinakas (einer der Helden der Gempai Kriege) waren, siedelten angeblich 1494 in den Ort Maniwa in der Provinz Kozuke (heute Gunma) um, um bei den dortigen Fürsten in Dienst zu treten.
Das Haussystem des neuen Clans war jedoch die Shinto ryu und nach einigen Generationen hatten auch die Higuchis diesen Stil übernommen und die alten Traditionen der Nen ryu vergessen.
200 Jahre nach Kaneshige - einer der Nachkommen der Familie, Higuchi Matashichiro Sadatsugu, war ein anerkannter Schwertmeister der Gegend und führte in Maniwa ein kleines Dojo, wo er andere Krieger im Ken jutsu unterrichtete. Den Überlieferungen nach wurde er eines Tages von einem entfernten Verwandten, dem Samurai Konishi Kyobei, zu einem freundschaftlichen Duell herausgefordert. Kyobei war zwar selbst als guter Fechter bekannt, doch er hatte nie die Qualitäten Matashichiros erreicht und zudem hatte ihn eine schwere Augenkrankheit fast erblinden lassen. So schien der Ausgang des Zweikampfes bereits zu Beginn des Duells festzustehen. Doch zu aller Überraschung unterlag Matashichiro dem fast blinden Kyobei. Unfassbar forderte er eine Revanche doch der Ausgang blieb der gleiche. Kyobei konnte nicht bezwungen werden und außerdem war sein Fechtstil deutlich besser geworden, als man es aus früheren Tagen von ihm kannte. Auf die Fragen von Higuchi Matashichiro erzählte ihm Kyobei von einem Arzt namens Tomomatsu Seizo Fujiwara Ujimune (Gian ), der sein Augenleiden behandelt hatte. Dieser Arzt war gleichzeitig ein begnadeter Schwertfechter von dem sein Patienten in einer innovativen Methode des Fechtens unterwiesen wurde, die den Kriegern bisher völlig fremd war. Natürlich interessierte sich Matashichiro für die Techniken des Arztes und es stellte sich heraus, das Tomomatsu Gian der 7. Großmeister der Nen ryu, Higuchis alter Familienschule, war. Seit nunmehr 4 Generationen wurden die Techniken dieser Schule nicht mehr in Higuchis Familie ausgeübt und für Matashichiro eröffnete sich die Chance die verlorenen Traditionen wieder neu zu beleben. Als Gehilfe seines neuen Lehrers begab er sich ab dem Jahr 1574 auf Kriegerwallfahrt (Musha shugyo), indem er Gian auf seinen Reisen begleitete. Seinem jüngeren Bruder übergab er in dieser Zeit die Aufsicht über sein eigenes Dojo. Er arrangierte sich während der Reise mit Gian, indem er dessen Instrumente und Hausapotheke auf seinem Rücken trug und im Gegenzug dafür von ihm im Ken jutsu unterwiesen wurde.
16 Jahre später, im Jahr 1590, in seinen Heimatort Maniwa zurückkam verbesserte er die gelernten Techniken mit Hilfe der erhaltenen schriftlichen Aufzeichnungen über die Nen ryu, die seine Familie noch besaß. Bereits 1591 erhielt er von Gian die Erlaubnis den Namen der Schule zu führen und 1595 war er in alle Geheimnisse der Ryu eingeführt. Im Jahr 1598 soll er schließlich alle Mysterien des Fechtsystems ergründet haben und Tomomatsu Gian übergab das Erbe der Nen ryu dann an Matashichiro, der ihr 8. Großmeister wurde. Nach den Überlieferungen der Maniwa nen ryu war dies der Zeitpunkt, an dem die Schule mit der Higuchi Familie verwoben wurde, welche die Ryu bis in die heutige Zeit ununterbrochen fortführte. Matashichiro etablierte sein System auf der Grundlage der traditionellen Nen ryu und den überlieferten Familientraditionen dies war die Geburtsstunde der Maniwa nen ryu.
Die neue Schule
Das neue Dojo in Maniwa wurde in kurzer Zeit recht erfolgreich. In der Ortschaft Maniwa waren vor allem Landsamurai (Jisamurai) angesiedelt, welche den untersten Kriegerrängen angehörten. Sie lebten in Friedenszeiten wie Bauern, gehörten jedoch der Samuraikaste an und hatten im Gegensatz zu Bauern und Städtern das Recht einen Familiennamen und Schwerter zu tragen. Hier etablierte sich die Ryu als Ausbildungsstätte der niederen Samurai des Ortes und der Umgebung. Die meisten der Schüler waren, wie auch die Familie Higuchi Matashichiros, Angehörige dieser Klasse, die ihrem Stückchen Boden ebenso nahe standen wie ihren Waffen.
Nahe Maniwa liegt die Burgstadt Takasaki, welche als Kontrollpunkt für die alte Nakasendo-Heerstraße fungierte. Dort diente ein Mann namens Murakami Tenryu, ein Angehöriger der Tendo ryu, auf der Festung als Samurai. Angeblich soll er aus über 100 Duellen siegreich hervorgegangen sein und sein Ruf war weit über die Grenzen der Stadt bekannt. Das neue Dojo muß für ihn Herausforderung oder Konkurrenz gewesen sein, jedenfalls wurde es von einem unbedeutenden Landsamurai statt von einem altgedienten Krieger geführt.
Für Tenryu war es ein Grund es auf einen Vergleich ankommen zu lassen. Er übersandte Higuchi Matashichiro eine schriftliche Herausforderung, welcher jedoch ablehnte sich auf das offizielle Verbot des Taryu jiai (Schul-Duelle) berufend. Als er auch eine zweite Herausforderung ausschlug begann Tenryu die Maniwa nen ryu zu verleumden. Für Matashichiro stand der Ruf seiner Schule auf dem Spiel.
Der Termin für den Zweikampf wurde für einen Morgen im März des Jahres 1600 festgelegt, Treffpunkt sollte eine Sandbank des Karasugawa-Flusses sein. Das Duell fand innerhalb eines abgesperrten Gebietes statt, welches die Angehörigen der beiden konkurrierenden Schulen sowie die zahlreichen Schaulustigen, die zu dem Spektakel gekommen waren, von den Kämpfern trennen sollte. Das Duell soll nur wenige Sekunden gedauert haben, dann lag Tenryu mit einer tödlichen Kopfverletzung blutend auf dem Boden der Sandbank...
Mit diesem Duell festigte die Maniwa nen ryu ihren Ruf in der Provinz Kozuke und etablierte sich als fester Bestandteil der kriegerischen Traditionen in Japan.
Maniwa nen ryu
Die Maniwa nen ryu ist aber nicht nur eine Schwertkampfschule. In dem noch heute fast in unveränderter Form bestehenden Dojo in Maniwa werden außerdem die Techniken des Naginata jutsu (Schwertlanze) und des So jutsu (Speerkampf) vermittelt. Somit beinhaltet diese Ryu die klassischen Kriegswaffen Japans, welche hauptsächlich auf dem Schlachtfeld und nicht in der Selbstverteidigung zum tragen kamen. Innerhalb der Ryu werden die Techniken dieser Waffen gegen das Schwert unterrichtet. Und eine vierte Kampfmethode wurde ab dem 18. Jhdt. in das System aufgenommen Yadome jutsu (Pfeilstop-Techniken). Diese außergewöhnliche Kunst soll einen Krieger befähigen, auf ihn abgeschossene Pfeile mit seinem Schwert im Flug entzwei zu schlagen. Diese Techniken werden in der Maniwa nen ryu mit Pfeilen geübt, welche statt der scharfen Spitzen Köpfe aus gepolstertem Material haben. Der Schüler erwartet den Schuß in einer tiefen Stellung, mit seinem Kurzschwert (Kodachi) bewaffnet. Eine nüchterne Einschätzung der Situation, perfektes Timing und ein gutes Auge sind Voraussetzung für diese Kunstfertigkeit. Das Training dieser Techniken kommt durch die Entwicklung der beschriebenen Eigenschaften letzt endlich genau so dem Umgang mit den Langwaffen Naginata und Speer oder dem Schwertkampf zu Gute.
Speziell im Fechten stellt die Maniwa nen ryu in Japan eine besondere Rolle dar. Die Schule lehrt ausschließlich den Umgang mit dem Langschwert (Odachi) und benennt ihr eigenes Fechtsystem als Kempo (Schwertmethode). Es existieren keine Kata, welche spezielle Techniken des Kurzschwertes (Kodachi) oder des Nito (Zwei-Schwerter-Techniken) vermitteln, wie es sonst in anderen Lehren üblich ist.
Die Kata der Ryu wirken sehr ritualisiert und bedächtig und werden in Verbindung mit starken Atemtechniken und Kiai (Kampfschrei) ausgeführt. Typisch sind weite Techniken und Schnitte, die in tiefen Stellungen die gegnerische Abwehr unterlaufen. In Ergänzung zur Kata kennt die Maniwa nen ryu auch ein freies Kampftraining (Kiriwari jiai), bei dem die Schüler Angriffe und Aktionen nach eigenem Ermessen wählen und welche dynamisch und schnell ausgeführt werden. Dieses wurde traditionell (noch vor der Einführung des modernen Kendo) bereits mit einer primitiven Schutzrüstung, bestehend aus gepolsterten Handschuh und Helm, welcher Kopfoberseite und Ohrbereich schützt, ausgeführt. Zudem verwendete man dazu noch ein Übungsschwert (Fukuro shinai), welches aus gesplitteten Bambus gefertigt wurde und zusätzlich mit Leder umwunden war. Diese flexible Trainingswaffe, welche außerdem noch in der Shinkage ryu und der Kashima shin ryu verwendet wird, gewährleistet ein praxisnaheres Üben als das herkömmliche Unterricht mit dem Bokuto (Holzschwert), bei dem alle Schläge vor dem Körper abgestoppt werden mußten. Ausgehend von den wenigen, speziellen Trefferflächen, die eine japanische Kriegsrüstung zuläßt, war man so in der Lage gezielt Techniken gegen gepanzerte Gegner zu lehren ohne das sich die Schüler beim Training verletzen. Mit dieser Trainingsmethode war man im historischen Japan sensationell fortschrittlich und konnte alle Übungen realitätsnah ausführen. Wahrscheinlich bildete die Maniwa nen ryu damit den Grundstein aller ähnlichen Trainingsformen welche später in Japan mit Schutzausrüstung und weichen Übungswaffen ausgeführt wurden bis hin zum modernen Kendo.
Zeit Ihres Bestehens war die Maniwa nen ryu eine lokale Ryu geblieben, die seit ihrer Gründung 1598 bis in die heutige Zeit eng mit dem Ort Maniwa und der Präfektur Gunma verbunden blieb. Ihre Aufgabe bestand stets in der Gewährleistung der Verteidigungsbereitschaft ihrer Provinz.
Diese Eigenschaft wird vor allem in den Gesetzen der Schule deutlich, welche offensichtlich defensiven Charakter haben. In einer Beschreibung der internen Fechtkunst Kempo heißt es (nach Draeger):
Kempo dient der Selbstverteidigung
Kempo soll das Leben von Menschen schützen, nicht nehmen.
Kempo ist eine Kunst des Friedens, nicht einen Feind zu töten.
Entgegen vielen anderen berühmten Schulen, welche bemüht waren zu expandieren und durch politische Verbindungen an Macht zu gewinnen (wie etwa die Yagyu ryu) blieb die Maniwa nen ryu eine Ausbildungsstätte für einfachen Landsamurai und später vor allem für Stadtbewohner der Gegend.
Als Nachfahren der Nen ryu beruft sich die Schule auf eine der 4 ältesten und technisch gesehen einflußreichsten Fechtsysteme Japans. Neben der Nen ryu sind dies die Tenshin shoden katori shinto ryu und die Kage ryu, sowie die Chujo ryu.
Genealogie der Maniwa nen ryu
Im folgenden wird die Linie der Großmeister der Nen- bzw. Maniwa nen ryu aufgeführt. Sie belegt die ununterbrochene Fortsetzung der Traditionen innerhalb der Familien Komatsubara (Nen ryu) und später der Familie Higuchi (Maniwa nen ryu).
Ohne die Änderung der alten Schule in die Maniwa nen ryu wäre das System mit über 600 Jahren Geschichte heute Japans ältestes, bestehendes Kampfsystem.
Der Gründer: Soma Shiro Yoshimoto Nyudo Jion (Nen ryu)
2.: Akamatsu Sanshuza Zenshi Zizo (eingeweiht von Jions Bruder 1394)
3.: Komatsubara Tosenbo Komyo
4.: Komatsubara Shinjiro Ujitsuna
5.: Komatsubara Bizennomori Ujikage
6.: Komatsubara Shozaemon Ijishige
7.: Tomomatsu Seizo Fujiwara Ujimune (Gian )
8.: Higuchi Matashichirogen Sadatsugu (Maniwa nen ryu)
9.: Higuchi Yoritsugu (Sadatsugus Bruder)
10.: Higuchi Sadahisa
11.: Higuchi Sadakatsu (durfte die Schule vor dem Shogun demonstrieren)
12.: Higuchi Sadanuki
13.: Higuchi Masasada (sein Schüler, Horibe Yasubei, war einer der 47 Ronnin von Ako)
14.: Higuchi Sadataka (1795 demonstrierte er die Schule im Schloss von Edo)
15.: Higuchi Sadahiro
16.: Higuchi Sadayu
17.: Higuchi Sadateru:
18.: Higuchi Sadai (fügt Yadome jutsu (Pfeilstop-Technik) der Schule dazu)
19.: Higuchi Sadataka
20.: Higuchi Sadahiro (gründet 1867 das heute noch bestehende „Koshikan Dojo“)
21.: Higuchi Sadatoku
22.: Higuchi Sadahide
23.: Higuchi Sadachika
24.: Higuchi Sadahiro
25.: Higuchi Sadahito (ab 18. Januar 1998)
Das vom 20. Großmeister gegründete Dojo in Maniwa ist noch heute aktiv.
Maniwa (Yoshii-machi), südlich der Stadt Maebashi (Gunma).