Der Geist des Kriegers sollte vom Beginn des Neujahrstags bis zum Ende des Jahres vom Gedanken an seinen Tod beherrscht werden..."
(aus Budou Shoshin Shuu" von Daijouji Shigesuke, 1639-1730)
Minamoto no Tametomo
Minamoto no Tametomo (1139-1170) war zwar eine reale historische Figur, jedoch ist er weitgehend ein Mysterium geblieben. Der Tametomo der Legende ist fast vollständig Fiktion und wurde von den Autoren der verschiedenen Versionen der Hougen-Monogatari geschaffen. Im Hyouhanki, dem Tagebuch von Taira no Nobunori, das als authentische Informationsquelle zum Hougen-Konflikt gilt, wird Tametomo nicht einmal erwähnt. Dennoch war es gerade Tametomo, der idealisiert und zum Helden des Hougen-Konfliktes wurde. Dabei schwankt das Bild seiner Person recht stark. So wird Tametomo in einigen Kotohirabon-Versionen des Hougen als beängstigend„ (osoroshii) beschrieben, einem menschlichen Wesen ungleich“ und zuweilen auch als Dämon„ (kijin) oder Monster“ (Bakemono) bezeichnet. Seine riesige Gestalt von über 2 Metern und seine schier unglaubliche Kraft scheinen dieses Bild zu unterstreichen, wenn gleich hier jedoch gewisse Übertreibungen wahrscheinlich sind. Doch Tametomo war vielleicht nur ein extremes Beispiel für eine Person, die in den Kriegsgeschichten Aramusha„ genannt wurde, rauher Krieger“, wild und ungebändigt, wie die Arauma", die wilden Pferde, auf denen sie gewöhnlich ritten.
Wild und ungestüm seit seiner Kindheit, wurde Tametomo von seinem Vater nach Kyushu geschickt, daß seit antiken Zeiten als entferntes Exil diente. Der Legende nach hat sich der noch jugendliche Tametomo dort zu einem gefürchteten Kämpfer entwickelt, der praktisch die gesamte Insel unterwarf. Der Ruf des gefürchteten Kriegers, eilte ihm weit voraus. Im Hougen-Konflikt stellte die Tapferkeit des erst 17-jährigen Tametomo den einzigen Hoffnungsfunken für den Sieg von Sutoku dar, nachdem Fujiwara no Yorinaga den Vorschlag zum Nachtangriff abgelehnt hatte. Yorinaga meinte, daß Konflikte von größerer Bedeutung und insbesondere Konflikte, die Kaiser und Ex-Kaiser einbeziehen, gemäß den festgelegten höfischen Verhaltensregeln geführt werden müßten. Krieger folgten zwar auch Regeln, sie taten jedoch in erster Linie alles notwendige, um den Sieg zu eringen. Minamoto no Yoriyoshi sagt in Mutsu Waki: Der Krieger wählt nicht unbedingt seine Zeit für den Kampf. Er sucht seine beste Chance... Wenn sich eine Gelegenheit im Krieg zeigt, sollte sie ausgenutzt werden.".
Auf der Seite von Goshirakawa hatte man dies verstanden und so war der Ausgang der Schlacht im Hougen-Konflikt eigentlich schon vor Beginn entschieden. Doch als Minamoto no Yoshitomo, Taira Kiyomori und die anderen Kommandanten von Goshirakawa das Lager von Sutoku im Shirakawa-den angriffen, wurden sie praktisch allein von Tametomo aufgehalten. Ein großer Teil des zweiten Buches der Hougen-Monogatari berichtet, wie Tametomo's Pfeile einen Angreifer nach dem anderen erledigen. Ein besonderer Höhepunkt ist die Passage, in der ein Pfeil durch einen Krieger hindurchschoß, ihn tötete und in der Rüstung eines zweiten Kriegers stecktenblieb. Dies erinnert an eine Episode aus Mutsu Waki, in der Tametomo's Vorfahre Minamoto no Yoshiie zur Demonstration seiner Fertigkeiten mit dem Bogen einen Pfeil durch drei Rüstungen hindurchschoß.
Trotz seiner imposanten Fertigkeiten scheint Tametomo ausgesprochen verschlossen und wortkarg gewesen sein. So faßte er sich auch beim traditionellen Nanori sehr knapp. Als z.B. Taira Kiyomori auf Tametomo's Positon vorrückte und wollte wissen, wer sein Gegner sei kam nur eine kurze Antwort - Der Verteidiger hier ist Chinzei no Hachirou Tametomo.„ - doch sie reichte aus, um Kiyomori's Kampfeslust enorm zu dämpfen. Er zog sich lieber zurück und versuchte es bei einem anderen Tor, als sich dem furchtbaren Gegner“ (susamajiki mono) zu stellen. Kiyomori begründete diesen Rückzug später etwas lapidar damit, daß ihm laut Mondkalender Unglück bevorgestanden hätte. Vielleicht hatte er damit sogar in gewisser Weise Recht.
Doch Tametomo war in diesem Kampf praktisch chancenlos und wurde letztlich von der gewaltigen Übermacht des Gegners überwältigt. Ein glücklicher Umstand rettete sein Leben und er entging der Hinrichtung. Stattdessen wurde Tametomo nach Ooshima verbannt, einer kleinen Insel einige Kilometer vor der Halbinsel Izu im Kantou. Um dem gefürchteten Bogenschützen seine Macht zu nehmen, wurden die Sehnen seiner Arme durchschnitten.
Held in Verbannung
Die Kotohirabon-Version des Hougen endet mit dem beunruhigenden Bericht, daß Tametomo im Exil ein sehr negatives Verhalten zeigte und sich nicht nach den Wünschen seiner Wächter richtete. Aufmüpfig und widerspenstig von Beginn an, entfloh er bald der Gefangenschaft. Auch heilten seine Arme wieder und es zeigte sich, daß er keinen bleibenden Schaden genommen hatten, eher im Gegenteil: seine Arme waren durch diesen Vorfall nicht nur stärker geworden, sondern auch länger und er konnte seine Pfeile mit noch größerer Kraft abfeuern als zuvor!
Es gibt verschiedene Geschichten seiner Taten im Exil. In einigen unterwirft Tametomo die Sieben Inseln von Izu und segelt anschließend zu einer mystischen Dämoneninsel, um auch diese zu erobern. Eine andere Geschichte segelte Tametomo nach Südwesten gen Kyushu. Doch nach einigen Tagen auf See kam ein fürchterlicher Sturm auf, der das Schiff weit ab vom Kurs brachte und bis zu den Ryuukyuu-Inseln trug. Er ranken sich eine Vielzahl von Legenden um diesen Vorfall. So berichten die Einwohner der kleinen Insel Kikaigashima von Tametomo's Landung auf ihrer Insel. Bevor Tametomo an Land ging, prüfte er die Sicherheit, indem er einen Pfeil ab feuerte. Doch es passierte nichts und so ging Tametomo an den Strand. Als er den abgeschossenen Pfeil aus dem Boden zog, begann an dieser Stelle eine Quelle zu sprudeln, die noch heute Karimata no Izumi (Quelle des Pfeils) genannt wird. Tametomo landete schließlich bei Unten nahe Nakijin auf Okinawa. Am Strand traf er eine junge Frau, die ihm erzählte, daß er sich in Ozato befand, einem Landstrich von Okinawa, daß vom Fürsten von Urasoe regiert wurde. Tametomo begab sich daraufhin nach Urasoe, um dem Fürsten seine Aufwartung zu machen. Doch bereits bei seiner ersten Begegnung verliebte er sich unsterblich in die Tochter des Fürsten und heiratete sie kurz darauf. 1166 wurde sein Sohn Shunten geboren.
Tametomo blieb mit seiner Familie in Ozato, doch er sann auf Rache an den Taira, seine Erziehung als Krieger verlangte es. Also rekrutierte Tametomo Einheimische und stellte eine Armee auf, um mit ihr nach Japan zurückzukehren. Er bildete seine Leute auch in Waffenkunst nach dem Kampfsystem der Minamoto aus. Tametomo plante, mit einer kleinen Armee im Kantou, der traditionellen Heimat der Minamoto zu landen und nach Kyoto zu ziehen. Er hoffte, auf dem Weg in die Hauptstadt genügend Verbündete zu gewinnen, um die Taira entgültig zu schlagen. Und so verabschiedete sich Tametomo 1170 von seiner Frau und seinem Sohn, und begann die Überfahrt nach Japan. Doch die Taira hatten von der nahenden Gefahr erfahren und mobilisierten eine riesige Flotte, die dem letzten verbliebenem Minamoto entgegensegelte. Als Tametomo die Flotte des Gegners sah, wußte er, daß dies sein Ende bedeutete. So spannte er ein letztes Mal seinen Bogen und schoß einen Pfeil mit gewaltiger Kraft auf das Flaggschiff der Taira ab. Der Pfeil durchschlug die Bordwand des Schiffes unterhalb der Wasserlinie und versenkte es. Die Schlacht verlief dennoch schlecht. Nachdem Tametomo alle Männer verloren hatte, beging er eine Tat, die ihn zum leuchtenden Vorbild für die gesamte Kriegerklasse werden ließ: Er zog sich zurück und beging Selbstmord, indem er sich den Bauch mit seinem Dolch aufschnitt. Dies ist das erste überlieferte Beispiel von Seppuku (oder Harakiri) und nur wenig später sollte diese Art des rituellen Selbstmordes einen wesentlichen Teil im Leben der Samurai einnehmen.
Tametomo's Frau wartete noch lange auf ihren Mann. Sie stand oft an den Klippen bei Machinatu (Makiminato) und schaute auf das Meer hinaus (Machinatu bedeutet Ort des Wartens"). Die Leute in dieser Gegend verehren sie noch heute als Gottheit. Ihr Sohn Shunten wuchs heran und wurde der Fürst von Urasoe. Später errichtete Shunten die Königslinie von Okinawa und begründete die Blutlinien der Shunten, Eiso, Satto und Shu-Dynastien, die lange Zeit über Okinawa herrschen sollten.
Okinawa
Die Ryuukyuu-Inseln mit der Hauptinsel Okinawa (bedeutet soviel wie ein Seil, das ins Wasser geworfen wurde„) liegen zwischen Japan und China. Die Geschichte dieser Inselgruppe ist recht bewegt, da sie aufgrund ihrer geographischen Lage wiederholt erobert wurden. Doch die Einwohner leisteten gewöhnlich keinen Widerstand sondern ergaben sich in der Regel. Bei direkten Angriffen konnten sie sich jedoch effektiv verteidigen. Es war eine besondere Form der Selbstverteidigung, die auf Okinawa eine lange Tradition hatte. Über die Jahrhunderte waren zwei eigenständige Kampfsysteme entstanden, die waffenlose Kampfform: Te“ und die Waffenkunst Kobudo". Die Entwicklung dieser Kampfkünste war zu Beginn noch unabhängig von äußeren Einflüssen, doch im Laufe der Zeit wurden verschiedene externe Kampfsysteme integriert.
Okinawa wurde erstmals im 8. Jh. von China besetzt. Der chinesische Kampfstil beeindruckte den damaligen Fürsten von Okinawa, Sho Neopashi so sehr, daß er seine Leute anwies, den chinesischen Stil mit dem Okinawa-Te zu kombinieren. Doch mit dem Fall des Tang-Reiches in China brach der Auslandskontakt wieder ab. Als Tametomo im 12. Jh. auf Okinawa landete, fand er mehrere kleine Fürstentümer vor. Doch Tametomo interessierte sich kaum für die politische Situation auf Okinawa, sein Augenmerk galt vielmehr der Vernichtung der Taira. Doch gerade sein Engagement auf militärischem Gebiet bereicherte das Kampfsystem von Okinawa: Indem Tametomo japanische Techniken in den bis dahin hauptsächlich chinesisch geprägten Kampfstil brachte, legte er den Grundstein für das harte" Okinawa-Kampfsystem, das zu Beginn des 20. Jh. unter dem Namen Karate in Japan und nach dem 2. Weltkrieg auch im Rest der Welt bekannt wurde. Einige Forscher glauben zudem, daß Tametomo's Sohn Shunten ein Kampfsystem auf der Basis des Minamoto-Kampfstils gegründet hat, das bis in die moderne Zeit hinein einzig und allein in der Hand der Königslinie blieb. So soll die Motobu-Ryuu auf diese alten japanischen Ursprünge zurückgehen.
Seppuku
Für den japanischen Helden hatte der Tod eine besondere Bedeutung, denn der Tod verkörpert den ganzen Sinn seines Lebens in einem einzigen Augenblick. Heldenmut im Angesicht der sicheren Niederlage symbolisiert die großartige Tragik des Lebens und die letzte heroische Aufrichtigkeit (Makoto) lag in der Art, wie man seinem Tod begegnet. Der Weg des Kriegers offenbart sich im Akt des Sterbens„. Kishimoto Hideo, ein Autor der Moderne drückt es so aus: Für die Japaner bedeutet der Tod nicht einfach nur das Ende des Lebens. Er nimmt eine positive Stellung im Leben ein. Dem Tod angemessen zu begegnen, ist eines der wichtigsten Dinge des Lebens. In diesem Sinne kann man wohl sagen, daß der Tod für die Japaner ein Teil des Lebens ist.“ Dieser Betrachtungsweise schließt insbesondere den freiwilligen Selbstmord mit ein. Seit der Antike waren die japanischen Krieger stets bereit gewesen, eher ihrem eigenen Leben ein Ende zu setzen, als Schande über sich, ihre Familie oder ihren Herrn zu bringen. Der Selbstmord war dabei nicht, wie im Westen, die Tat eines Feiglings, sondern für den Krieger in äußerster Bedrängnis oft die einzige ehrenvolle Lösung. Der japanische Krieger fürchtete eine Sache besonders: die Gefangennahme und die Hinrichtung durch den Feind. Dies bedeutete nämlich nicht nur eine unerträgliche Erniedrigung seiner selbst, sondern auch die Vernichtung der Ehre seiner Familie. Auf der anderen Seite konnte man auch mit der verheerendsten Niederlage Ruhm und Ehre erwerben, wenn man mit Entschlossenheit und Aufrichtigkeit (Makoto) kämpfte. Ein Kriegsgefangener hatte dagegen in Japan zu keiner Zeit einen ehrenvollen Status. Ein Soldat, der sich gefangen gab, verlor automatisch seine Ehre als Krieger, war aus der Gemeinschaft ausgestoßen und konnte nur die brutalste Behandlung erwarten: Folter, die grausamste Art der Hinrichtung, die Verstümmelung des Leichnams und, was das Allerschlimmste war, den Beinamen Toriko„ (Gefangener). [Dies ist auch der Hauptgrund für die brutale Behandlung alliierter Kriegsgefangener durch die Japaner im 2. Weltkrieg und nicht ihre oft zitierte Blutrünstigkeit“.]
Da jedoch am Ende des Weges eines Kriegers oft die Niederlage und die Gefahr der Gefangennahme stand, wird die Bedeutung des Selbstmordes als ehrenvoller Tod verständlich. Seit Mitte des 12. Jh. verband sich diese Samuraitradition besonders mit dem Seppuku (oder Harakiri), einer quälend schmerzhaften Form der Selbstfolter, mit der die Krieger Freund und Feind von ihrer Entschlossenheit und Aufrichtigkeit überzeugen konnten. Die Worte Seppuku und Harakiri bedeuten dabei praktisch das selbe: Aufschneiden des Bauches„, jedoch gilt Harakiri“ im Gegensatz zum chinesisch gelesene Seppuku" eher als vulgär. Die Praxis dieser Prozedur war eher profan: traditionell schnitt man sich mit einem kreuzweisen Schnitt (Juumonji) den Bauch auf und legte so seine Eingeweide frei. In der rituellen Form des Seppuku wurde der Todeskandidat von einem Sekundanten (Kaishakunin) unterstützt, der ihm nach den Schnitten den Kopf abschlug.
Die erste schriftliche Referenz eines Selbstmordes durch Aufschneiden des Bauches findet sich im Hougen. Historiker gehen jedoch davon aus, daß diese Methode bereits während der Nordkampagnen im 11. Jh. unter den Kriegern der östlichen Provinzen üblich geworden war. In Zentral- und Westjapan kannte man diese Art des Selbstmordes noch nicht. So gibt es keinen einzigen Hinweis zum Seppuku von Mitgliedern der Taira.
Die Wurzeln des Seppuku liegen zwar weitgehend im Dunkel, man kann sie jedoch auf einen alten japanischen Glauben zurückführen. Hara„, der Bauch ist dabei nicht nur das Zentrum des Körpers, sondern auch die Heimstätte des Innersten des Menschen, seiner Seele und der Ort, an dem wichtige Werte wie Großmut, Aufrichtigkeit und Tapferkeit konzentriert sind. Diese Vorstellung ist bis heute in vielen verschiedenen japanischen Redensarten erhalten geblieben, wie z.B. Hara wo watte hanasu“ - wörtlich: den Bauch öffnen und sprechen„ (ehrlich sein); Hara ga ookii“ - der Bauch ist groß„ (großzügig sein); Hara wo tateru“ - den Bauch heben„ (wütend werden); hara-guroi Hito“ Leute mit schwarzem Bauch" (schlechte Menschen).
Auch wenn Seppuku nicht auf die Kriegerkaste begrenzt blieb, wurde es zum zentralen Teil der Kriegertradition. Seppuku war die ultimative Selbstreinigung", die der Krieger nutzte, um auch unter den aller widrigsten Umständen seine Ehre zu bewahren. Krieger hatten jedoch auch andere Arten, um ehrenvoll aus dem Leben zu scheiden, insbesondere, wenn sie nicht die Zeit für Seppuku hatten. So stürzte man sich sein Schwert oder durchtrennte die Halsschlagader.
Es gab verschiedene Gründe für Seppuku: um einer Schmach zu entgehen oder seine Ehre wiederherzustellen (Setsujoku), um für ein Vergehen zu büßen oder Verantwortung zu übernehmen, um seinem Herrn als Treuebeweis in den Tod zu folgen (Junshin) oder um Protest gegenüber Hohergestellten vorzubringen (Kanshi). In der Zeit des Tokugawa-Shogunats diente angeordneter Seppuku als Strafe für Krieger. Mit der Ritualisierung wurde es dabei Sitte, daß der Kaishakunin dem Todgeweihten den Kopf abschlug, bevor dieser den Bauch aufschneiden konnte. Der Gefangene deutete den Schnitt nur an oder machte nur einen Kratzer auf dem Bauch. Die volle Prozedur wurde jedoch nie ganz fallengelassen: So haben sich Vize-Admiral Oonishi Takijirou (1945) und Mishima Yukyo (1970), ein berühmter Dramatiker und Schauspieler, nach altem Ritual den Bauch aufgeschnitten.
Die Krone der Macht
Zurück ins Japan des Jahres 1160.
Taira Kiyomori war am Ziel seiner Träume angelangt und die Ise-Taira waren zum mächtigsten Clan Japans aufgestiegen. Kiyomori hatte die Minamoto ausgelöscht und selbst die Fujiwara in ihrem eigenen Spiel der Ränke und Kuppelei geschlagen. Die Taira waren nun die führende Macht im Reich. Man nennt zuweilen sogar die Periode ab 1160 Rokuhara-jidai (der Sitz der Taira in Kyoto befand sich in der sechsten Straße, Rokuhara), das Zeitalter der Taira.
1160 wurde Kiyomori in den dritten Rang„ erhoben und zum erste Krieger des Reiches“. Im folgenden Jahr, 1161 bekam er die Leitung der kaiserlichen Polizei und im selben Jahr gebar die jüngere Schwester seiner Frau dem Ex-Kaiser Goshirakawa einen Sohn, der im Jahre 1168 als Kaiser Takakura den Thron besteigen sollte. 1167 erreichte er den Höhepunkt seiner Karriere bei Hofe, als er in den ersten Rang" erhoben und zum Kanzler (Daijou Daijin) ernannt wurde. Auch die Söhne und Brüder von Kiyomori stiegen in der Hierarchie bei Hofe stetig auf.
Doch die Taira errichteten keine eigene dominante Regierung, wie bisher oft angenommen wurde. Obwohl sie nach der Vernichtung der Minamoto keine einzige Herrausforderung ihrer militärischen Vormachtstellung mehr hatten, setzten sie die traditionelle Politik fort, dem Hof zu dienen. Der Führer des Hofes, Ex-Kaiser Goshirakawa, war offizieller Schirmherr der Taira und sie waren seine Samurai. Ihr Aufstieg begründet sich darauf, dem traditionellen Weg zu folgen, Ämter und Würden bei Hofe zu erwerben. Die Taira bauten dabei keinerlei Verbindung zu Krieger-Clans in den Provinzen auf, ihre Aufmerksamkeit galt ausschließlich dem Geschehen in der Politik am Kaiserhof in Kyoto.
Doch mit den Jahren wandelte sich die Allianz zwischen Taira Kiyomori und Ex-Kaiser Goshirakawa. Zunächst nur ein kleines Kräftemessen, veränderte sich das Verhältnis von Herr und Diener später zu offener Opposition. Der Konflikt eskalierte schließlich im Jahre 1177, als das Shishigatani-Komplott bekannt wurde, benannt nach dem Stadtteil Shishigatani im Nordosten von Kyoto, in dem sich die Verschwörer getroffen haben sollen. Das Komplott wurde von Anhängern des Ex-Kaisers entworfen, um den wachsenden Einfluß der Taira zu brechen. Es ist Thema der ersten drei Bänden von Heike Monogatari und ein Zeichen für die wachsenden Spannungen zwischen Goshirakawa bzw. einem Kreis von Höflingen und dem, was diese als neureiche Emporkömmlinge" bezeichneten. Als sich Gerüchte über das Komplott verbreiteten, unterdrückte Kiyomori sofort jede Opposition am Hof, indem er kurzerhand einige verdächtige Individuen hinrichten ließ; andere wurden verbannt. Doch der sensationelle Aspekt am Shishigatani-Komplott war, daß Ex-Kaiser Goshirakawa selbst Mitwisser gewesen sein soll. Kiyomori trat dem Ex-Kaiser nicht offen entgegen, jedoch bedeutete dieses Ereignis den entgültigen Bruch zwischen dem Führer der Taira und Goshirakawa.
1178 gebar Kiyomori's Tochter Tokuko, Frau von Kaiser Takakura, einen Sohn: einen zukünftigen Kaiser. Mit der Aussicht, kaiserlicher Großvater zu werden, stand Kiyomori an der Grenze zu unbegrenzter und uneingeschränkter Macht. Den letzten Schritt in diesem Aufstieg zur Macht machte Kiyomori Ende 1179: Goshirakawa hatte Land der Taira konfiszieren lassen und Kiyomori nutze dies zur Vergeltung. Mit einigen Tausend Samurai marschierte er in Kyoto ein und stellte Ex-Kaiser Goshirakawa unter Hausarrest. Gleichzeitig entließ er alle höheren Minister am Hof, die sich gegen ihn gestellt hatten und ersetzte sie durch seine eigenen Gefolgsleute. Schon einen Monat später, im Januar 1180 erzwang er die Abdankung von Kaiser Takakura und setzte seinen zweijährigen Enkel als Kaiser Antoku auf den Thron. Kiyomori und die Ise-Taira waren nun die überlegene Macht in Kyoto. Sie hatten jede Opposition am Hof ausgeschaltet, Kaiser, Ex-Kaiser und auch den Hofadel (Kuge). Der Hof und die Zentralregierung befanden sich damit vollständig unter der Kontrolle der Ise-Taira.
Doch während sich Taira Kiyomori in den 20 Jahren seit dem Heiji-Konflikt auf das Schlachtfeld von Politik und Intrigen am Kaiserhof konzentriert hatte, waren neue Gegner gewachsen. Diese standen nun bereit, das Land mit Sturm zu überziehen. Und die dunklen Wolken dieses Sturms drohten aus einer Richtung, die Kiyomori nie im Leben vermutet hätte.