Als Himmel und Erde noch eins waren, und Mann und Frau noch nicht verschieden, war alles, das existierte, eine chaotische Masse, die die Spuren des Lebens enthielt. Dann erschien aus dem Chaos in der Form eines Schilftriebes die leichtere reinere Essenz und formte dem Himmel, während sich das schwerere Element niederließ und Erde wurde. Dies ist die Zeit der Mythen, als Götter das Gesehen bestimmten.

Die Legende der Schöpfung

Izanagi-no-Mikoto und Izanami-no-Mikoto standen auf der Himmelsbrücke und schauten voll Entzücken auf die Erde. Die älteren Götter hatten ihnen einen juwelenbesetzten Korallenspeer gegeben, den sie nun in Ozean stießen. Als sie den Speer wieder aus dem Wasser zogen, fielen Tropfen zurück in den Ozean. Der Wasser wurde fest und bildete die Insel Onogoro (Onogoro-jima), auf der sich die zwei himmlischen Wesen niederliessen und heirateten. Den Korallenspeer errichteten sie als Zentrum ihres Hauses. Japan war entstanden.

Izanami schenkte 35 Göttern das Leben, doch als sie den Feuergott gebar, verbrannt sie sich so sehr, daß sie starb. Izanagi reiste in das Land der Toten (Yomi-no-Kuni), um Izanami zurückzuholen, doch der Versuch scheiterte. Stattdessen wurde er von den Donnergöttern und anderen unangenehmen Gestalten verfolgte. Izanagi entkam nur, weil er den Eingang zum Totenreich mit einem riesigen Stein verschloß. Seit dieser Zeit sind die Welten der Lebenden und der Toten getrennt. Als Izanagi in das Land der Lebenden zurückgekehrt war, säuberte er sich in einem Fluß, und erzeugte so noch mehr Götter. Die älteste von ihnen war Amaterasu Oumikami (die Sonnengöttin). Tsukuyomi-no-Mikoto (der Mondgott) und Susano-Ou-no-Mikoto (der Gott des Ozeans) sind zwei ihrer Geschwister.

Amaterasu, die Sonnengöttin

Amaterasu herrschte über das Himmelsplateau und Susano-Ou über die Ozeane. Doch Susano-Ou war voller Unruhe und Wut, welche er entlud, indem er Blitze über den Himmel warf. Bei einem Besuch seiner Schwester Amaterasu hatten sie großen Streit und Susano-Ou warf mit einem toten Pferd nach ihr. Amaterasu lief davon und versteckte sich in einer Höhle. Doch damit war die Welt in Dunkelheit gehüllt. Alle Götter versammelten sich nun am Eingang der Höhle und überlegten, wie Amaterasu zur Rückkehr zu bewegen sei. Wunderbare Geschenke sollten die Sonnengöttin wieder fröhlich stimmen. Der „Einäugige Gott“ fertigte einen metallenen Spiegel an, ein anderes Geschenk war eine juwelenbesetzte Halskette, die zusammen mit dem Spiegel an einen Baum vor die Höhle gehängt wurde. Ame-no-Uzume-no-Mikoto führte dann einen Tanz auf, der unter den Versammelten viel Gelächter verursachte. Amaterasu wurde neugierig und wagte langsam einen Blick aus der Höhle. Im Spiegel konnte sie ihr eigenes Abbild sehen und war so davon fasziniert, daß die anderen Götter sie schnell besänftigen konnten. So wurde das Licht in die Welt zurückgebracht. Der Ort dieser Begebenheit ist nahe Takachicho auf Kyushu.

Susano-Ou sollte sein wildes Temperament von nun an zum Guten benutzen und wurde auf die Erde geschickt. In Izumo lebte zu jener Zeit eine riesige Schlange mit acht Köpfen und acht Schwänzen. Ihre Augen waren wie Sonne und Mond, und auf ihrem Rücken wuchs Wald. Die Schlange fraß Menschen und hatte eine Vorliebe für junge Mädchen. Susano-Ou übernahm die Aufgabe, die Schlange zu töten. Mit einem Mädchen als Köder lege er sich auf die Lauer, das Schwert seines Vaters in der Hand und einer gehörigen Portion Sake als weitere Verlockung. Als die Schlange kam, ignorierte sie das Mädchen und stürzte sich auf den Sake. Die Schlange war schnell so betrunken, daß sie eine leichte Beute für Susano-Ou darstellte, der sie nun in Stücke hackte. Als er einen Schwanz der Schlange erreichte, entdeckte Susano-Ou ein verstecktes Schwert darin. Es war eine ausgezeichnete Klinge, die den Namen „Ame no murakomo no tsurugi“, „Regenwolkenschwert“ bekam. Susano-Ou machte sie seiner Schwester Amaterasu zum Geschenk. Als Erstgeborene bekam Amaterasu die Erde vererbt und schicke einige Zeit später ihren Enkel Ninigi, der über das Land herrschen sollte. Als Ninigi den Himmel verließ, gab Amaterasu ihm drei Dinge mit auf den Weg: den Spiegel, den Juwel und das Regenwolkenschwert. Ninigi kam auf dem Berg Takachicho in Kyushu an. Er heiratete und sein Enkel Jimmu wurde der erste „irdische“ Kaiser Japans. Seit dieser Zeit symbolisieren die drei Talismane die kaiserliche Macht und seine Göttliche Abstammung.

Shinto - Der Weg der Götter

Ursprung und Begründer von Shinto sind nicht bekannt, doch es ist Japans einheimische Religion. Die grundlegende Aussage dieses Glaubens sind die tiefe Verehrung der Natur. Man verehrt die Sonne, Wasser, Felsformationen, Tiere, Pflanzen, sogar Töne. In all diesen Erscheinungsformen der Natur kann man die Götter (Kami ) fühlen. An Orten von besonderer Schönheit wurden Shrine errichtet, an denen man zu den dort ansässigen Göttern beten kann. Wichtiger Bestandteil eines solchen Tempelbesuchs ist die rituelle Reinigung, bevor man den heiligen Ort betritt. Das charakteristische Tor, der Torii, das Ähnlichkeit mit dem griechischen Buchstaben PI hat, ist ein weithin sichtbares Kennzeichen eines Shinto-Shrines.

Shinto hat bis heute seine Bedeutung für das Leben der Japaner nicht verloren, es ist wohl die älteste gepflegte Religion der Welt. Doch im eigentlichen ist Shinto keine Religion in dem Sinne, daß man dazu konvertieren könnte. Shinto ist eher der japanische Wesenszug in den Japanern, es beherbergt die Ursprünge ihrer Kultur und bildet die Verbindung der Menschen zu den Traditionen. Shinto bietet keine Interpretationen von der Welt, wie andere Religionen, stattdessen werden die Menschen dazu bewegt, am Wesen der Natur teilzuhaben, indem sie sich selbst mit natürlichen Phänomenen wie Bäumen, Erde, Wasser, Geburt, Leben und Tod verbinden. Diese Einstellung zur Harmonie kann nirgends besser bewundert werden, als am Ise Jinguu, dem Großen Ise Shrine. Die Gebäude sind von einfacher Konstruktion, und um hervorzuheben, daß sie kein statisches Monument sind, sondern ein lebender Teil der Umgebung, werden sie seit der Gründung alle 20 Jahre eingerissen und neu aufgebaut. Der Shrine wurde von dem mythischen Kaiser Sujin um etwa 200 gegründet und ist das Zentrum der Verehrung der Sonnengöttin Amaterasu. Die Talismane, die die Göttin ihrem Enkel zum Geschenk machte, werden dort aufbewahrt. Kaiser Sujin ist noch für weitere Dinge bekannt. Da an verschiedenen Stellen im Land Rebellionen ausbrachen, ernannte der Kaiser vier Generäle, die Armeen auf den vier Seiten seines Reiches führten. Diese Generäle erhielten alle den Titel „Shogun“. Es war das erste Mal, daß dieses Wort benutzt wurde, ein Wort, das später noch sehr große Bedeutung erlangten sollte. Eine weitere, wesentlich einfachere Erfindung wird ebenfalls Kaiser Sujin zugeschrieben: Er hat die Einkommenssteuer erfunden!

Prinz Yamato-Takeru

Der Enkel von Kaiser Sujin, Prinz Yamato stellt eine Zwischenstufe zwischen Göttern und Helden dar, ein Vorreiter der Samurai späterer Epochen. Er bekämpft zwar noch Monster, hat aber schon menschliche Charakterzüge. An Tapferkeit ist Yamato jedem Ritter der Tafelrunde ebenbürtig, jedoch sind ihm ritterlichen Ideale fremd.

Das erste Mal stellte Yamato seine Fertigkeiten mit dem Schwert unter Beweis, als er seinen älteren Bruder tötete, als Strafe für die Verspätung zum Abendessen. Sein Vater, Kaiser Keikou, war entsetzt und schickte Yamato nach Kyushu. Dort sollte er seine kriegerische Energie im Kampf mit Gegnern des Kaiserthrones nutzen. Bevor er loszog, besuchte Yamato seine Tante, die oberste Priesterin des Großen Ise Shrine, die ihm das heilige Regenwolkenschwert mitgab. Trotzdem errang Yamato seinen ersten Sieg durch einen Trick, nicht durch Geschick im Umgang mit der Klinge. Als er am Haus der Feinde ankam, stellte er fest, daß es stark bewacht wurde, während man im Inneren ein Fest vorbereitete. Yamato verkleidete sich als Mädchen und nahm so an dem Fest teil. Als die Anführer der Feinde betrunken waren, zog Yamato das Schwert aus der Robe und erschlug sie.

Später unterwarf er in Izumo einen weiteren Clanführer. Auch diesmal wandte er ein einen Trick an. Zuerst wurde freundschaftlich paktiert. Yamato lud den Clanführer zu einem Bad im Fluß ein, Kleidung und Schwerter ließen sie am Ufer zurück. Im Wasser schlug Yamato dann vor, daß sie als Zeichen ihrer Freundschaft die Schwerter tauschen. Der Clanführer stimmte rasch zu und auch die Aufforderung zu einem freundschaftliche Duell lehnte er nicht ab. Er konnte ja nicht wissen, daß Yamato sein Schwert aus Holz nachgemacht hatte und anstelle der Regenwolkenklinge im Gürtel trug. Natürlich bemerkte der glücklose Mann schnell, daß er mit einem Holzschwert kämpfte, Yamato streckt ihn mit Leichtigkeit nieder.

Bis jetzt scheint Prinz Yamato ein äußerst unattraktiver Held zu sein, den Idealen eines Samurai völlig unähnlich. Doch nach seiner Rückkehr änderte sich sein Wesen und er wurde der Inbegriff des wandernden Helden, der einen frühen und tragischen Tod stirbt.

Als Yamato erneut ausgeschickt wurde, erschien die große Schlange vor ihm (die von Susano-Ou erschlagene). Sie forderte das Regenwolkenschwert zurück. Yamato jedoch sprang einfach über die Schlange hinweg und setzte seinen Weg fort, ohne sich weiter Gedanken zu machen. Er begegnete einem schönen Mädchen namens Iwato-hime und verliebte sich augenblicklich in sie. Doch letztendlich mußte er sich von ihr losreißen und setzte seinen Weg in Richtung des Berges Fuji fort. Hier luden die Feinde Yamato zu einer Hirschjagd ein. Doch als er in die Jagd vertieft war, steckten sie das hohe Gras in Brand, um ihn in den Flammen umkommen zu lassen. Aber Yamato zog sein Schwert und schlug sich einen Weg durch das brennende Gras ins Freie. So kommt Regenwolke zu seinem zweiten Beinamen, „Kusanagi no tsurugi“ - „Grasmäher-Schwert“. Nach dieser knappen Flucht kehrte er zu Iwato-hime zurück. Doch er wußte, daß er nicht bleiben konnte. So ließ er seinen größten Schatz, „Regenwolke“ bei ihr zurück. Auf seinem Rückweg erwartete ihn wieder die große Schlage, doch Yamato kümmerte dies wenig. Wie zuvor sprang er über sie hinweg, doch diesmal berührte seine Fußspitze die Schlange. Nicht lang danach entzündete sich sein Fuß und er bekam Fieber. Die Krankheit verschlimmerte sich zusehens. Auch Iwato-hime, die ihm auf seiner Reise gefolgt war, konnte ihm nicht mehr helfen. Prinz Yamato starb und verwandelte sich in einen weißen Vogel, der gen Süden flog.

Die Erzählung von Yamato enthält Elemente, die auch in anderen historischen Geschichten auftauchen: Das einsame Leben des Helden, der von seinen Feinden gejagt, letztendlich ein tragisches Ende findet. Die Vorstellung vom Samurai als individuellen, heroischen Krieger ist bis in die heutige Zeit erhalten geblieben.

Fakten

Der Ursprung der japanischen Ur-Bevölkerung ist noch immer unklar. Am wahrscheinlichsten ist, daß Japan vom Norden über Sibirien, vom Westen über Korea und vom Süden über Polynesien besiedelt wurde. Nachweislich ist Japan schon seit 100'000 Jahren bewohnt. Zu jener Zeit waren die heutigen Inseln über Festlandsbrücken mit dem asiatischen Kontinent verbunden. Als mit dem Ende der letzten Eiszeit die Ozeane anstiegen, wurden sie vom Festland abgeschnitten.

Die Schöpfer Japans haben ein Land geschaffen, dem wirklich nur Helden gerecht werden. Die vielen Inseln garantieren durch ihrer Anzahl und Form, daß die Kommunikation stets ein großes Problem blieb. Daneben besteht das Land aus 80% Bergen mit mehr als 600 Gipfeln über 2000m und dem alles überragenden Fuji mit fast 4000m. Die Berge besitzen reiche Vegetation, sind von vielen Flüssen durchzogen und mit klaren Seen versehen. Auch das Klima scheint mit heißem Sommer und schneereichem Winter, einem wunderschönen Frühling und melancholischem Herbst zu offenbaren, daß die Götter dort zu Hause sind. Daneben zeigen die ständige Gefahren, wie Taifune und Erdbeben, daß die Menschen neben dieser göttliche Hand nur klein und unbedeutend sind. Das bewohnbare Land auf der Hauptinsel ist in drei größere Platten geteilt: Kanto, Nobi und Kansai. Der Kampf um dieses Land ist der Schlüssel zu Japans Geschichte. Über die Jahrhunderte hinweg haben diese Gegenden die Menschen angezogen und heute befinden sich dort die riesigen Metropolen Tokyo, Nagoya und Osaka. Die größte historische Bedeutung hatte jedoch die Kansai-Region.

Doch auch Japans Position zu anderen Ländern ist einzigartig. Korea ist nur 150km entfernt, nahe genug, um das Reisen möglich zu machen, aber zugleich zu weit für ständige Verbindungen. Japan konnte somit aus Asien aufnehmen, was es wollte, ungewünschte Einflüsse jedoch konnten leicht abgehalten werden. Über China und Korea kamen mit den Menschen auch der Anbau von Reis auf Naßfeldern und das Handwerk, aber auch kulturelle Einflüsse und die Schrift.

Wenn die märchenhaften Elemente der Mythen fallengelassen werden, sind viele Details zu erkennen, die das Leben jener Zeit zeigen. Das Land war unter Clan-Familien aufgeteilt, die Kaiserfamilie war die Mächtigste. Unter den Clans gab es recht oft kriegerische Auseinandersetzungen. Der Kaiser selbst führte seine Armee oder einer seiner hochrangigen Offiziere wurde zum Shogun ernannt. Die Waffen waren Besitz des Staates, wurden zu Friedenszeiten verwahrt und nur herausgegeben, wenn es nötig war, also zur Ausbildung und im Falle eines Krieges. Soetwas wie Samurai gab es zu jener Zeit noch nicht.

Im 4. Jahrhundert wurde mit der Gründung der Yamato Dynastie das Land erstmals geeint. Auch wenn die Existenz von Kaiser Jimmu aus den Mythen umstritten ist, so kann das heutige japanische Kaiserhaus nachweislich auf 125 kaiserliche Ahnen zurückblicken und ist somit das älteste imperiale Herrscherhaus der Erde.