Die Künste der Hauptstadt
Die 8 Schulen von Kyoto
Bis zur Machtergreifung der Tokugawa im 17. Jhdt., und der damit verbundenen Verlagerung des Regierungssitzes nach Edo (heute Tokyo), war Kyoto über 800 Jahre die Hauptstadt Japans und bedeutendste Metropole für Kunst, Kultur, Religion und politische Macht.
Die Blüte der Stadt begann im Jahr 794 n.Chr. als Sitz des japanischen Kaiserhauses. Später stritten die Familien der Taira und Minamoto um die Stadt und ab dem 14. Jhdt. etablierte der Ashikaga-Clan sein weltliches Machtzentrum (Shogunat) im Kyotoer Stadtviertel Muromachi, was einer ganzen Epoche seinen Namen gab (Muromachi-Zeit 1338 - 1573).
Diese Ansammlung an Macht und politischem Einfluss war natürlich stets Anziehungspunkt für Menschen aller kulturellen und künstlerischen Bereiche und Berufsgruppen. Das gleiche galt auch für Männer der Kriegskunst. Zahlreiche Schüler der verschiedensten Schulen und Stile pilgerten nach Kyoto um hier Erfahrungen im Kriegshandwerk zu sammeln oder ihr Wissen und Können vor den Mächtigen des Reiches präsentieren zu können. So gilt die Stadt noch heute als Schauplatz der berühmtesten Duelle der japanischen Geschichte, wie etwa der Kampf zwischen Musashibo Benkei und Minamoto Yoshitsune, die Vendetta zwischen Miyamoto Musashi und der Yoshioka Fechtschule und viele andere. Auf der anderen Seite war Kyoto seit langem ein Zentrum der Schwertschmiedekunst (Yamashiro-Tradition), welche eine große Anzahl Schmiede, Rüstungsbauer und eine ganze Reihe von Zulieferfirmen beschäftigte.
Es lässt nicht verwundern, dass diese Konzentration an militärischem Wissen und fähigen Männern, die Stadt Kyoto zu einer Hochburg der Kriegskünste im japanischen Mittelalter machte. Neben der Kanto-Region mit den beiden Schreinen Kashima jinja und Katori jinja war es vor allem der buddhistische Tempelbezirk Kurama dera im Norden von Kyoto, der maßgeblich als eines der bedeutendsten Zentren der Schwertkunst viele andere Fechtschulen und Kriegssysteme späterer Generationen beeinflusste.
So sprach man ab dem 17. Jhdt. von den 8 Schulen Kyotos (Kyohachi ryu) oder den 8 westlichen Stilen, die ihre Herkunft auf den Kurama-Tempel (Kuramahachi ryu) bezogen und somit eng mit der Stadt Kyoto verbunden waren.
Kurama dera
Der Kurama dera, heute in 20 Minuten mit der S-Bahn von Kyoto aus zu erreichen , wurde ca. 770 als spirituelles Zentrum der buddhistischen Tendai Sekte gegründet, ebenso wie sich viele andere religiöse Richtungen in und um die alte Kaiserstadt Kyoto ansiedelten. Im Mittelalter war er einer der großen Stützpunkte der Kriegermönche (Sohei) um die Stadt Kyoto. Aber die Besonderheit des Tempels, die ihn gegenüber anderen für die Kriegskünste so interessant macht, ist die Verbindung zu zwei historischen Persönlichkeiten, die längere Zeit im Tempel gelebt haben und für die Samurai späterer Epochen zu Helden stilisiert wurden - Kiichi Hogen und Minamoto Yoshitsune.
Beide Männer lebten in der Heian-Epoche (794 - 1185), deren Ende vor allem durch die Machtkämpfe zwischen den Familien der Taira und Minamoto (Hougen-Konflikt) geprägt waren (Yoshitsune war selbst ein Abkömmling eines des besagten Clans).
Die Legende beschreibt Kiichi Hogen als einen führenden Strategen der Taira, der nicht nur ein hervorragender Taktiker sondern auch ein begnadeter Schwertkämpfer gewesen sein soll. Es ist überliefert, dass er während der HeijiÄra (1159 - 1160) in Ichiyo Horikawa, einem nordwestlich des Kaiserpalastes in Kyoto gelegenem Viertel gelebt haben soll. Einige Quellen beschreiben ihn auch als Wahrsager oder Medium, welcher der Lehre des Inyo ho (Lehre von Yin und Yang) verbunden war und sich verstärkt mit spirituellen und esoterischen Praktiken beschäftigte. Angeblich pflegte er neben seinem Schaffen in Kyoto auch enge Verbindungen zum Kurama-Tempel. Den Überlieferungen nach übertrug er seine Kenntnisse im Umgang mit dem Schwert an 8 ausgesuchte Mönche des Tempels, worauf sich die 8 Schulen von Kyoto (Kyohachi ryu) gründeten. In den folgenden Generationen sprach man in diesem Zusammenhang von der Hogen ryu, Kiichi ryu, Kurama ryu, Yoshioka ryu, Suwa ryu, Kyo ryu und der Yoshitsune ryu (nach Honcho Bugei Shoden). Andere Texte, wie etwa das Bugei Ryuha Daijiten führen hingegen eine Vielzahl weiterer Ryu, bzw. Misch-Traditionen auf, welche sich auf Kiichi beziehen.
Alles in allem umgibt Hogen und seine Schwerttradition ein großes Mysterium...
Das Problem mit der Systematisierung dieser 8 Schulen ist, dass die Gründung der Stilrichtungen mit fast 300 Jahren vor den ersten großen Boom der unzähligen Schulgründungen im 16. Jhdt. fällt und viele der beschriebenen Ryu bereits zu Beginn der Tokugawa-Periode (1600 1867) schon wieder ausgestorben waren bzw. es unklar ist, ob verschiedene Namen lediglich als Bezeichnungen einer einzigen Kriegskunst zu sehen sind. Schon allein beim Namen Kyohachi ryu gibt es die unterschiedlichsten Deutungen. Einige Historiker geben ihn als eigenständiges Schulsystem an, während andere darin eine Art Methode sehen, welche lediglich die Schulen in der Region um die alte Kaiserstadt Kyoto beeinflusste (ähnlich dem Kashima no tachi in der Kanto-Region). Selbst die Zahl Acht im Schulnamen Kyo hachi ryu und die damit verbundenen 8 Mönche des Kurama dera sind eventuell nicht wörtlich zu nehmen. Im Buddhismus und bevorzugt auch im Budo steht die Zahl Acht oft für Begriffe wie umfassend oder allseitig, was in diesem speziellen Fall bedeuten würde, dass Kyohachi ryu einfach nur die Schulen von Kyoto meint.
So ist es heute schwierig nachzuvollziehen, in wie weit es wirklich einen Einfluss Kiichi Hogens auf die Fechtkunst der Region Kyoto gegeben hat (dessen Name selbst für die Benennung einiger Ryu Pate stand) oder ob es nur Legende und Mystifizierung der überlebenden Schulen zur Festigung ihrer Etablierungsansprüche gewesen ist.
Die zweite Person, die nach Kiichi Hogen mit dem Kurama in Verbindung gebracht wird, ist Minamoto Yoshitsune (1159 - 1189). Der Mann, Angehöriger des mächtigen Minamoto-Clans, verbrachte seine Kindheit und Jugend im Kurama dera, der ihm als Verbannungsort vom dominierenden Taira-Clan zugewiesen wurde. Als er mit 15 Jahren den Tempel verließ und neben anderen Familienmitgliedern den Kampf gegen das rivalisierende Haus der Taira aufnahm, entwickelte er sich zu einem der legendärsten Helden der japanischen Geschichte, dessen Lebensgeschichte Stoff für unzählige Mythen und Märchen gab.
Der Überlieferung nach erlernte Yoshitsune während seiner Jugendzeit auf dem Kurama die Fechtkunst, die auf Kiichi Hogen zurückging. Die Abgeschiedenheit und das geheime Wissen des Tempels ließen im Volksglauben jedoch die Sage entstehen, Yoshitsune wäre von Tengu, mystischen Bergdämonen, ausgebildet worden, welche die Wälder um den Kurama bevölkerten. Noch heute können Touristen die Stellen bewundern, an denen der junge Krieger seine Ausbildung erhielt. Es stellt sich die Frage, in wie weit hier die Person Kiichi Hogens, der Tengu und der legendären 8 Mönche des Kurama verschmelzen.
Doch auch in anderen Aspekten hat die Verbindungen von Hogen und Yoshitsune in die Legenden Eingang gefunden. Noch heute sind in Japan Geschichten und Kabuki-Stücke populär (Kiichi Hogen Sanryaku no Maki), welche zeigen, wie das Wissen an den jungen Minamoto-Krieger übertragen wurde. Berühmt ist z.B. die Geschichte um die Dame Joruri (Joruri hime Monogatari), Tochter des Taira-Feldherren Kiichi Hogen, welche von Yoshitsune verführt wird, um so mit erschlichenem Vertrauen an die geheimen Aufzeichnungen des alten Generals zu gelangen. Angeblich soll es sich bei den Aufzeichnungen um eine Serie von 6 Bücher strategischen Inhaltes gehandelt haben. Hogen soll nach dem Verlust der Bücher seinem Leben durch Selbstmord ein Ende gesetzt haben, da er nicht mit dem Ehrverlust vor dem Taira-Clan, dem er verpflichtet war, leben konnte.
Jahre später stiftete Minamoto Yoshitsune angeblich eine Reihe militärischer Schriften (eventuell die von Hogen?) dem Shimogamo Schrein in Kyoto, welche Jahrhunderte später noch von Kamiizumi no Kami (Initiator der Shinkage-Ryu Fechtlinie) studiert werden konnten. Den Shimogamo Schreine findet man heute in Nord-Kyoto, nahe dem Zusammenfluss der Flüsse Kamo gawa und Takano gawa.
Was wir ganz sicher über die Schwertkunst des Kurama wissen, ist die Existenz der Schulen Kurama ryu und Yoshioka ryu. Bei den anderen Schulen, wie etwa der Yoshitsune ryu ist es fraglich, ob es sich um wirkliche Ryu im klassischen Sinne als selbständiges Kampfsystem handelte oder ob damit lediglich Minamoto Yoshitsunes militärisches Können klassifiziert wurde. Bereits unter den Gelehrten der Tokugawa-Zeit wurde über die historische Wahrheit der 8 Schulen von Kyoto heftig gestritten.
Yoshioka Kembo (Bugei ryuha hyaku sen)
Yoshioka ryu
Die Yoshioka ryu machte vor allem in der zweiten Hälfte des 16. Jhdts. von sich reden, als sie die Fechtlehrer der in Kyoto ansässigen Ashikaga Shogune stellte und damit im Land sehr populär wurde. Der japanische Schriftsteller Eiji Yoshikawa machte die Schule dann durch seinen Roman Musashi unsterblich, als er detailliert die Fehde zwischen dem Yoshioka-Clan und dem Schwertmeister Miyamoto Musashi beschrieb.
Als der amtierende Shogun Ashikaga Yoshiteru (reg. 1546 - 1565) einst einen Vergleichskampf zwischen den Yoshioka und Muni (dem Vater von Miyamaoto Musashi) ansetzte, der im Vergleich 2:1 negativ für die Fechtlehrer ausging, legte er ungewollt den Grundstein für eine ewige Fehde zwischen beiden Familien, die eine Generation später mit dem Sieg Musashis über mehrere Familienangehörige der Yoshioka im Jahr 1604 zum Niedergang der Schule führte (nach Niten ki).
Gegründet wurde der Stil einst in der ersten Hälfte der Temmon-Epoche (1532 - 1554) von Yoshioka Kembo, einem aus Kyoto stammenden Färber, dessen Familie für die Fabrikation eines einheitlichen dunkelblauen Farbtons berühmt geworden war, der jederzeit in der gleichen Nuance wieder hergestellt werden konnte (der nach Yoshioka Kembo benannte dunkelblaue Kempo-zome). Kembo meisterte die Schwertkunst und entwickelte seinen eigenen Stil, welchen er auf Kiichi Hogen zurückführte. Er entwickelte darin so viel Geschick, dass er zum offiziellen Ausbilder des 12. Ashikaga-Shogun Yoshiharu (reg. 1521 - 1545) in Kyoto berufen wurde, worauf sich der gute Ruf seiner Fechtschule gründete.
Allerdings fand Kembo kein rühmliches Ende. Es heißt, dass er bei einer Noh-Aufführung, am Hof des Shogun, von einem der Darsteller unbeabsichtigt mit einem Stock verletzt wurde. Kembo verließ daraufhin zutiefst gedemütigt den Spielort. Die Schmach für den Fechtlehrer des Shogun war zu groß, sich als Waffenexperte nicht vor dem Ausrutscher eines Schauspielers schützen zu können. So kehrte er nach kurzer Zeit wieder zurück und tötete den Schauspieler vor den Augen aller Zuschauer mit einem Schwert, welches er unter seinen Kleidern in den Palast geschmuggelt hatte. Das Tragen und der Gebrauch von Waffen am Hof stand unter Todesstrafe und Kembo wurde dementsprechend als Krimineller betrachtet. Bevor man ihn im folgenden Tumult fassen konnte, erschlug er jedoch noch eine Vielzahl der Wachen. Kembo wurde schließlich getötet, als sich im Kampf seine Hakama löste und er über seine rutschende Hosen fiel.
Dennoch legte er den Grundstein für eine der bekanntesten Ken jutsu ryu von Kyoto welche noch von seinen Kindern und Enkeln fortgeführt wurde auch wenn die Schule eine Zeit von 4 Generationen nicht überlebte. In diesem Zusammenhang ist auch die Reputation Miyamoto Musashis zu sehen, denn nur die Bedeutung der Yoshioka Familie als Fechtmeister des Shogun, verhalfen ihm, nach den gewonnenen Duellen gegen die Mitglieder des Clans, zu solch enormen Ansehen, dass er bereits zu Lebzeiten eine Legende wurde.
Kurama ryu
Einige der aus Kurama stammenden Schulen beeinflussten recht stark auch die heutigen modernen Kampfkünste.
Die Kurama ryu, einer der in den Kyohachi ryu enthaltene Tradition, wurde von einem Samurai namens Oono Shougen während der Tensho-Ära (1573 1592) gegründet. Wie der Name schon sagt, beruft sich die Herkunft der Schule auf die Traditionen des Tempels Kurama dera und die beiden Idolfiguren Kiichi Hogen und Minamoto Yoshitsune. In frühen Zeiten sollen andere Namen der Schule auch Shougen kurama ryu, Kurama hachi ryu oder Kotengu kurama ryu gewesen sein, wobei sich das Wort Kotengu (Kleiner Tengu) auf einen Kosenamen Yoshitsunes bezieht.
Die Fertigkeiten der Kurama ryu hatten in Kyoto einen sehr guten Ruf. So wurden mehrfach die Ausbilder der kaiserlichen Garde aus den Reihen der Kurama ryu gewählt, was der Schule ein sehr starkes Prestige verschaffte.
In der Umbruchszeit der Meiji-Epoche (1868 1912) gelang es dem 15. Großmeister der Schule, Shibata Emori, enge Verbindungen zu den neu geschaffenen Polizei-Einheiten zu knüpfen und die Schwerttechniken der Kurama ryu in das Ausbildungsprogramm der Sicherheitskräfte einfließen zu lassen. In den Umbrüchen der Meiji-Zeit wurden die erst 1874 neu organisierten Polizeieinheiten zur Niederschlagung der Satsuma-Rebellion (1877) eingesetzt, welche vor allem von ehemaligen Samurai angeführt wurde. In diesem Konflikt kamen noch im größeren Umfang Schwerter als Waffen zum Einsatz, was die Regierung veranlasste, sich um eine Fechtausbildung für die eigenen Sicherheitskräfte zu bemühen. Ab 1886 wurden die Einheiten in einem vereinfachten Schwertsystem ausgebildet (Keishicho ryu gekken kata), welches den neuen Rekruten ein Verständnis für die ehemalige Waffe der Samurai vermitteln sollte. Das neue Fechtsystem wurde vornehmlich in Form von Partnerübungen praktiziert, welche heute die Grundlagen der modernen Kendo-Kata bilden. Shibata Emori gehörte zu dieser Zeit zu den einflussreichsten Schwertmeistern der Region um Kyoto und er wusste seine Fähigkeiten politisch klug zu nutzen. Auf diesem Weg verhalf er seiner Schule zu großer Popularität unter den bestehenden Schwertsystemen.
Die Schule wird noch heute von seinen Nachfahren in der 17. Generation weitergeführt.