Mit Kette und Sichel
Kusari gama - Teil 2 Nur vereinzelte Bushi konnten ihre Liebe zur Kusari gama entdecken. Sie hatte schon zu historischen Zeiten einen anrüchigen Ruf. Krieger, die die Kusari gama führten hieß man als unritterlich und unfair. So ist es nicht verwunderlich, wenn sie in überlieferte Geschichten, in denen diese Waffe eine Rolle spielt, meist vom negativen Partner der Helden geführt wird. Einige sind uns bis heute erhalten geblieben. In der Feudalzeit fochten viele Schüler unterschiedlicher Schulen Kämpfe aus, um sich einen Namen zu machen oder um ihre Fertigkeiten im Umgang mit ihrer Waffen zu testen.
Eine Überlieferung der Yagyu shinkage Schule erzählt uns noch heute von einem Zweikampf, in den einer ihrer Studenten mit einer Kettensichel verwickelt wurde. Araki Mataemon, so hieß der Schüler, befand sich auf einer Reise durch Japan als er in einer Ortschaft von einem ansässigen Meister der Kriegskünste erfuhr und diesen besuchte. Dieser prahlte offen mit seinen Fähigkeiten vor den versammelten Leuten und verhöhnte den jungen Krieger. Mataemon forderte darauf den bis dahin unbesiegten und weithin berühmten Krieger Yamada Shinryukan, der eine Kusari gama als Waffe führte zu einem Duell. Mataemon hingegen bevorzugte sein Katana und es sah für ihn nicht allzu günstig aus, gegen diesen starken Krieger mit einer solch gefürchteten Waffe anzukommen. Seine Taktik bestand jedoch darin, eine Lichtung eines abseits gelegenen Bambushains als Kampfplatz zu wählen. Als daß Treffen stattfand, und Shinryukan begann, seine Kette kreisen zu lassen, zog sich der junge Schwertkämpfer in den Hain zurück. Der nachfolgende Yamada Shinryukan konnte wegen der dicht gewachsenen Stämme seine Kusari gama nicht mehr vorteilhaft genug einsetzen und wurde so endlich von Mataemon geschlagen.
Eine andere bekannte Legende berichtet vom Kampf zwischen dem berühmte Schwertmeister Miyamoto Musashi und einem seiner Gegner mit einer Kettensichel namens Baiken Shishido. Musashi selbst galt als berühmter Fechter, da er bis dahin keinen seiner Zweikämpfe verloren hatte und damit schon zu Lebzeiten eine Legende war. Trotzdem gelang es Baiken Shishido das Schwert Musashis wärend des Duells mit der Kette unter Gewalt zu bringen, aber ehe er den Abstand zwischen Musashi und seiner Sichel genügend verringern konnte zog dieser sein Kurzschwert. Musashi setzte sein Wakizashi wie ein Wurfmesser ein und konnte Shishido auf diese Art töten ehe dieser wirkungsvoll seine Sichel einsetzen konnte. Andere Erzählungen berichten, daß er einen Shuriken, ein spezielles Wurfeisen, eingesetzt hätte um Shishido zu überwältigen - überliefert ist jedoch ist, daß er sich auf die beschriebene ungewöhnliche Art aus der Affäre zog um nicht Opfer der Kettensichel zu werden.
Beide Erzählungen verdeutlichen jedoch den Respekt selbst erfahrener Krieger vor dieser Waffenform und ihren gefürchteten Ruf im feudalen Japan.
Erhalten gebliebene Holzschnitte des japanischen Künstlers Hokusai (1760 - 1849) zeigen uns auch Frauen, die sich im Umgang mit der Kettensichel üben. So kann man annehmen, daß die Kusari gama neben Dolch und Naginata eine der wenigen Waffenformen war, die auch von den Frauen der Bushi favorisiert wurden. Eine Illustration dessen soll im folgenden geschildert werden. In dem 400 Jahre alten, berühmten Stück des Kabuki theaters „ Gotai eiki shiro ishi banashi “ wird die Geschichte einer Rache erzählt, in der zwei Töchter eines erschlagenen Samurai den Mörder ihres Vaters jagen.
Im stattfindenden finalen Handgemenge gelingt es einem der Mädchen mit einer
Kusari gama, den mit einem Schwert bewaffneten Mörder zu arretieren. So streckt ihn ihre Schwester dann endgültig mit einem Hieb ihrer Naginata nieder. Angeblich soll dieses Stück auf eine wahre Begebenheit des Jahres 1649 zurückgehen und noch heute ist diese Geschichte eine sehr populärer Bestandteil des klassischen Kabuki.
Die Verbindung zwischen Kette und Sichel ist aber nur eine, wenn auch die bekannteste Kombination mit der Kusari Kette. Das japanische Waffenarsenal kennt viele verschiedene Varianten; Kette mit Dolch, Kette und Haken oder Kette und Stock, um nur einige Beispiele zu nennen. Jede Art hat ihre besonderen Anwendungsbereiche und Möglichkeiten. Das Chigiriki, ein kurzer Stock mit einer Kette und einem Schleudergewicht, wurde in Verbindung mit den Griffen des Jiu jutsu Systems eingesetzt. Wie eine Peitsche geführt, sollte er Feinde unter Kontrolle oder zu Fall bringen. Üblicherweise war Jiu jutsu eine waffenlose Kunst, die auf den Prinzipien von Hebeln, Schlägen, Tritten und Würfen basierte. In Kombination dessen brachte man aber eine Vielzahl Waffen ein, wie etwa Dolche, Stöcke, Ketten oder die beschriebenen Kombinationsformen.
Eine ähnlich verwandte Art, das Gekikan, eine Solokette mit einem schweren Bolzen am Ende, entsprach in den Techniken dem Chigiriki. Im Gegensatz zur Kusari gama war das Töten bei diesen Formen von Kettenwaffe eher zweitrangig. Der Gegner mußte endgültig noch mit Schwert oder Dolch kampfunfähig gemacht werden. Deshalb bildete diese Waffe und die Kusari gama bis ca. 1600 den Hauptbestandteil der Bewaffnung von Ordnungskräften und Polizeieinheiten, wo sie in Verbindung mit anderen Waffenarten wie Stöcken und Seilen zum Überwältigen von Straftätern eingesetzt wurden. Eigene Kampfsysteme, wie etwa das Hobaku jutsu (Techniken des Überwältigens eines Gegners) oder das Hojo jutsu (Fesseltechniken) resultierten aus diesen Entwicklungen und der Erfahrung der Krieger mit diesen Waffen.
Die Nage gama (Wurfsichel), eine kurze Sichel mit kleiner Klinge, erfüllte Ihren Zweck als Kletterhilfe bei der Erstürmung von befestigten Anlagen und unwegsamen Gelände. Hierbei ersetzte öfters auch ein Seil die schwerere Kette.
Eine andere Form, das Kagi nawa (Hakenseil), fand weniger als Waffe, denn als Hilfsmittel Verwendung. Das Verschnüren von größeren Lasten und festzurren von Transportmittel, oder auch Gefangenen, stellte seine eigentliche Aufgabe dar. Es gibt aber auch historische Illustrationen der Muromachi-Zeit, die zeigen, wie Ashigaru (Fußsoldaten) einen berittenen Krieger mit Hilfe eines Kagi nawa vom Pferd reißen, wobei ihnen einige mit Schwertern und Speeren bewaffnete Verbündete zu Hilfe eilen. Die herkömmliche Art des Dreschflegels oder Morgensterns, wie man ihn als Kriegswaffe des mittelalterlichen Europas kennt, hat sich in Japan nie durchsetzen können. Man kennt jedoch verwandte Formen vom asiatischen Kontinent, so auch aus China und Korea. So ist anzunehmen, daß die Japaner spätestens auf ihren Koreafeldzügen, im 16. Jhdt., Kontakt zu diesen Waffenformen hatten. Die Gründe, warum diese Systeme von den Bushi nicht eingeführt wurden ist heute leider unbekannt - bietet aber sicher weiten Spielraum für Spekulationen.