Mit Kette und Sichel

Kusari gama - Teil 1 Eine japanische Kombinationsform, welche die Funktionen beider Waffengrundformen beibehielt und sie zu einer völlig neuen Version verband, soll im folgenden vorgestellt werden. Diese Waffe, welche in ihrer Form zwar schon seit dem 15. Jhdt in Japan bekannt war, aber ihren absoluten Höhepunkt Ende der Muromachi-Epoche fand, war die Kusari gama (Kettensichel).

Sie war die klare Verbindung zweier Waffentypen - Kette und Sichel. Ab dem 16. Jhdt. übernahmen viele Schulen diese Art von Waffe und integrierten sie in ihr System. Schulen, die bekannt für ihren Umgang mit der Kettensichel waren, und es teilweise heute noch sind, sind die Araki-, die Isshin-, die Kito- , die Buko- und die Toda ryu.

Der Legende nach soll ein Kriegsmönch namens Jion Erfinder dieser Waffe gewesen sein. Er lebte ca. 1400 n. Chr. im Jufukuji Tempel in Kamakura und war bereits zu Lebzeiten als Experte des Schwert- und Speerfechtens bekannt. Eines Tages, nach Stunden des Gebetes und der Meditation hatte er eine Vision. Ihm erschien eine Gottheit, jeweils in einer Hand eine Sichel und ein Gewicht haltend. Jion versuchte diese Offenbarung zu deuten und schließlich meinte er es als Aufforderung zur Entwicklung einer neuen Waffe zu sehen. So fertigte er nach vielen Versuchen den Prototyp der ersten Kusari gama. Jion gilt heute als Begründer der Nen ryu , eines vor allem in Japan verbreiteten komplexen Kampfsystems. Besonders im frühen Mittelalter spielte die Kaste der Kriegsmönche (Sohei) in der militärischen und politischen Entwicklung des japanischen Inselreiches eine bedeutende Rolle. Sie waren in ihrer Macht und Ausbildung den weltlichen Kriegern, den Bushi oder Samurai, in jeder Beziehung ebenbürtig und brachten so ihren eigenen Beitrag in die Entstehung und Weiterentwicklung der Waffenkünste ein. Eine andere Geschichte schreibt die Kettensichel einem Schüler Jions, einem Samurai namens Tan Isshin, zu. Er studierte unter dem Mönch die Fechtkunst und leitete später seine eigene Schule, die noch heute bestehende Isshin ryu. Sie gilt als bedeutendste Schule im Umgang mit der Kusari gama überhaupt und ihre Traditionen sind in den Jahrhunderten von vielen verschiedenen anderen Kampfsystemen übernommen worden.

Unabhängig von Legenden und Geschichten gibt es praktischere Theorien über die Entstehung dieser eigenartigen Waffenform. In der Muromachi-Epoche führten die Fußkrieger (Ashigaru) eine Sichel mit in ihrer Ausrüstung, die Jin gama. Normalerweise war sie ein herkömmliches Arbeitsgerät und keine Waffe im eigentlichen Sinne. Sie erfüllte ihren Dienst beim Beräumen der Feldlagern von hohem Gras oder Sträuchern, der Versorgung der Pferde mit Futter und ähnlichem. Sicheln spielen auch heute noch in der japanischen Landwirtschaft und Gartentechnik eine viel größere Rolle als in Europa. Man kennt verschiedene Arten für das Beschneiden von Pflanzen und setzt diese auch speziell ein. Ausgehend von der Geschichte ist es anzunehmen, das sie im Ernstfall von ihrem Träger auch als Waffe eingesetzt wurde. So sammelten die Japaner wohl ihre ersten Erfahrungen im Umgang mit der Sichel als Kriegsinstrument.

Die Kusari gama verbindet in sich eine ungewöhnliche, für Gegner extrem gefährliche Kombination von Wurf-, Schnitt- und Kettenwaffe, welche auch als Würge- und Fesselinstrument eingesetzt werden kann. An einer Sichel (Kama), wird eine Kette (Kusari) befestigt, welche in einem schweren Gewicht (Fundo) endet. Die Kama wurden in verschiedenen Grifflängen benutzt, üblich waren jedoch Größen zwischen 30 und 40 cm. Die Klingen (Ha) waren von hoher Qualität und wurden ebenso wie Speere und Schwerter direkt von Waffenschmieden gefertigt. Man muß bedenken, daß die Kusari gama eine Kriegerwaffe war und nicht mit Sicheln zu vergleichen ist, die etwa bei Feldarbeiten benutzt wurden. So unterschieden sich die Klingenformen jeweils nach Schule und Zeit. Es sind relativ kurze, gebogene (in der Buko ryu) aber auch lange, gerade und sogar zweischneidige Klingen (in der Isshin ryu) bekannt. Normalerweise verwendeten die Japaner jedoch die üblichere gebogenen, einschneidigen Varianten. Der Griff (Tsuka), aus Hartholz, nahm die Angel der Klinge auf, welche tief im Griff versenkt wurde. Eine Anbringung z.B. durch eine Öse, wie bei Schaufeln oder Hacken, war eher untypisch. Metallbänder und Zwingen verstärkten den Sichelkopf und gaben der Klinge einen stärkeren Halt im Griff. An dieser Waffe befestigte man, an Griffende oder Klingenkopf, die Kette. Ein Eisengewicht, meist eine Kugel oder ein Kegel, bildete den Abschluß dieses meist 2 bis 2,50 m langen Wurf- und Schleuderinstrumentes. Ältere Versionen sprechen aber auch von Steinen statt Eisengewichten. Das Isshin ryu System benutzte die l\'e4ngste Ketten aller bekannten Schulen. Ihre Reichweite betrug 3,60 m, im japanische das Maß von 12 Shaku. Angeblich als Referenz an den 12-teiligen buddhistischen Kreislauf aller Dinge, wie die Monate, Tierkreiszeichen und andere Zyklen. Einige Ryu statteten ihre Sicheln mit einem separaten Handschutz (Goken), ähnlich europäischen Säbeln, aus (Isshin- und Araki ryu). Sie schützten die Führungshand zusätzlich vor verirrten Hieben feindlicher Klingen und trugen ebenso zur besseren Handhabung der Waffe bei.

Kusari gama (Abbildungen von links nach rechts)

Araki ryu Kusari gama · Isshin ryu Kusari gama · Buko ryu Kusari gama

Das Resultat der Kusari gama als Kombinationswaffe aus Kette und Sichel setzte natürlich Erfahrungen mit den Waffen als Einzelnes voraus. Erstaunlicher Weise war zwar die Kette (Kusari) als Kriegsinstrument durchaus bekannt, die Sichel (Kama) konnte sich als Einzelwaffe bei den Bushi jedoch nie ganz durchsetzen. Japan beherbergt zwar einen unendlichen Reichtum an Sichelformen für die unterschiedlichsten Aufgabenbereiche und gehört noch heute zu den meist benutzten Gerätschaften in der privaten Landwirtschaft. Die einzig uns heute noch bekannte Form war die sogenannte Choe no Kama (Langstielige Sichel), welche als Kriegswaffe jedoch sehr selten auftauchte. Der Einsatz der Kettensichel konnte für einen Schwertkämpfer ein nicht zu unterschätzendes Risiko werden. Der Benutzer hielt in einer Hand die Sichel um sie gegen Schwert oder den Körper des Krieger einzusetzen. Mit der anderen Hand wurde die geraffte Kette gehalten oder in weiten Schwüngen gegen den Gegner kreisen gelassen. Mit ihrer Länge konnte sie den Schwertkämpfer so weit auf Distanz halten, daß er seine Waffe nicht mehr vorteilhaft einsetzen konnte. In einem geeigneten Augenblick schleuderte man das Gewicht auf den Kontrahenten. Kopf und Schwerthand waren hauptsächliche Zielpunkte der Kusari gama, aber auch Rippen und Weichteile des Körpers dienten als Angriffspunkte. Hatte der Treffer des schweren Eisengewichtes schon seine Wirkung, war der eigentliche Zweck der Waffe aber, Schwert, Schwertarm oder sogar den ganzen Körper des Kriegers wie eine Bola zu umwickeln. Die nun straff gezogene Kette paralysierte den Gegner und hielt ihn unter Kontrolle. Er war so weder in der Lage eine ihm Vorteil bringende Stellung einzunehmen noch mit seinem Schwert eventuelle Ausweich- oder Ausholbewegungen zu machen. Beim Einholen der Kette wurde der Gegner förmlich in den Radius der Sichel hineingezogen, obwohl der Moment des Angriffs auch für den Sichelkämpfer relativ gefährlich war, da die Kette das Schwert in diesem Augenblick wieder freigeben mußte. War es erst einmal gelungen einen Krieger so zu umschließen, blieb ihm nur die Alternative seine blockierte Waffe zu opfern oder sich auf ein Kräftemessen mit der Kusari gama einzulassen. Ein Nachteil der Kettensichel war allerdings, daß sie für effektiven Einsatz einen verhältnismäßig freien Raum benötigte. Dies war auch der Grund, warum sie mehr als Waffe im persönlichen Einsatz denn als Kriegswaffe in der Schlacht genutzt wurde.