"Das Zeitalter der Kriegsgeschichten

„Yukinaga schrieb “Heike Monogatari„ und der blinde Mann Shoubutsu rezitierte es. Dies ist der Grund, warum der Tempel auf dem Berg (Enryakuji auf dem Berg Hiei) mit dieser speziellen Würde beschrieben wird. (...) Shoubutsu stammte aus den östlichen Provinzen und unterhielt sich mit Kriegern aus seiner Heimat über Waffen und das Kriegshandwerk. Yukinaga schrieb auf, was Shoubutsu in Erfahrung brachte.“ - Aus „Tsurezuregusa“, um 1330 von Yoshida Kenkou über Fujiwara Yukinaga

Monogatari

Im frühen 10. Jh. hatten die großen Landeigner in den Provinzen und ihre Samurai die militärische Macht zwar weitgehend übernommen, doch sie waren noch weit davon entfernt, eine Klasse von Kriegern zu sein. Die Samurai waren zu jener Zeit bestenfalls Teilzeit-Kämpfer. Es gab nur sehr wenige unter ihnen, die sich ausschließlich mit dem Kriegshandwerk befaßten. Erst im Laufe der späteren Jahrhunderte verschmolzen die Begriffe Samurai (ursprünglich „Diener“) und Bushi miteinander. Bushi ist dabei eine allgemeine Bezeichnung für einen Krieger (bekannt aus der Verbindung „Bushi-Do“, der „Weg des Kriegers“) und deutet nicht auf eine Herr/Diener-Beziehung wie das Wort „Samurai“. Aus der heutigen Perspektive besteht da kein wesentlicher Unterschied mehr. Der Kampf mit den Emishi gab den frühen Kriegern erste Erfahrungen in der Kriegsführung, doch die echte Herausforderung sollte der Kampf gegen ihresgleichen darstellen. Diese Ereignisse sind in den Monogatari überliefert.

Monogatari sind eigentlich eher Chroniken und berichten von realen historischen Begebenheiten, von Feldzügen, Schlachten und Kriegen. Es sind jedoch auch religiöse Bezüge enthalten. Dies liegt darin begründet, daß diese Chroniken meist von Mönchen aufgezeichnet wurden, die in vielen Fällen selbst Augenzeugen der Geschehnisse waren oder anderweitig authentische Informationen erhielten. Monogatari wurden schnell populär und erfreuten sich regen Zuspruchs. In späteren Jahrhunderten dienten sie sogar als Grundlage für Stücke des Nou, Kabuki und Puppentheaters. Happy-Ends im europäischen Sinne sind in den klassischen japanischen Erzählungen eher unbekannt. Beim Publikum waren besonders die dramatischen Geschichten beliebt, in denen die Akteure mehr oder weniger tragisch den Tod fanden. Der Stil dieser Geschichten sowie die Darstellung von Charakteren und Handlungen hat bis heute starken Einfluß auf die japanische Erzählweise und ist auch in der japanischen Moderne zu finden. Im Unterschied zu den Märchen und Fabeln des europäischen Raumes spielen Magie und Zauberei selten eine tragende Rolle. Das Schicksal eines Charakters wurde als Folge von Fähigkeiten und Verhalten gesehen, die Figuren selbst sind bei allem Heldenmut doch Menschen mit Stärken, Schwächen und Gefühlen. Die Geschichten wirken somit unterhaltend und gleichzeitig erziehend. Selbst der unbeteiligte Leser/Zuschauer kann darin einen Teil seines eigenen Wesens wiederfinden.

Shoumonki

Die Reihe der Kriegsgeschichten beginnt mit dem Shoumonki, das von der Revolte des Taira no Masakado im Kantou um 930 handelt.

Taira no Masakado war ein Nachfahre des Kaisers Kammu in der 5. Generation. Der Urenkel des Kaisers Kammu, Prinz Takamochi, bekam im Jahre 889 den Familiennamen „Taira“ und den Posten des Vize-Gouverneurs der Kazusa-Provinz verliehen. Der Prinz blieb auch nach Ablauf seiner Amtszeit in Kazusa, und seine Söhne erwarben sich eine Reihe von hohen Positionen im ganzen Kantou. Die Taira wurden schnell zu einem bedeutenden Teil der Zuryou-Aristokratie. Masakado hatte seine Jugend in Kyoto verbracht, doch nachdem sein Gesuch abgelehnt wurde, ihm die Führung eines Kebiishichou (eine Art Polizei) anzuvertrauen, kehrte er 931 ins Kantou zurück und begann dort einen Guerillakrieg gegen die „Obrigkeit“. Zunächst bestand dieser aus Fehden mit seinen eigenen Verwandten. Das Shoumonki verzeichnet einen Streit von Masakado mit einem Onkel um eine Frau; es wird aber auch um Land gestritten worden sein. 935 wurde jener Onkel, der Gouverneur der Hitachi-Provinz von Masakado in einer Schlacht bei Nomoto getötet. Das war der Beginn der kriegerischen Phase der Revolte. Von 935 bis 939 gab es eine Reihe von Gefechten, aus denen Masakado siegreich hervorgehen konnte. Zwischenzeitlich richteten Masakado und auch seine Gegner Appelle an den Kaiserhof. Es gab zwar kein stehendes Heer, das den Disput schlichten konnte, doch das Wort des Hofes hatte noch immer großes Gewicht. 939 wurde aus der Familienfehde eine richtige Rebellion. Innerhalb eines Monats eroberte Masakado die Provinzen Shimotsuke und Kouzuke und ernannte sich selbst zum „Neuen Kaiser“, Shinkou, des Kantou. Doch seine Regentschaft war nur von kurzer Dauer. Der Kaiserhof erkannte wohl die Gefahr im Osten und erteilte offiziell den Auftrag, das Problem aus der Welt zu schaffen. 940 verlor Masakado die Schlacht bei Kitayama gegen die vereinte Armee von Taira no Sadamori (Masakado's Cousin) und Fujiwara no Hidesato, dem Präfekten (Ouryoushi) der Shimotsuke-Provinz. Als Beweis für den Erfolg wurde der Kopf von Masakado nach Kyoto gesandt und dort öffentlich ausgestellt.

Die Revolte war ein schwerer Schlag für den Kaiserhof, trug man doch die Verantwortung für Recht und Ordnung in den Provinzen. Einmal noch konnte die Angelegenheit bereinigt werden, da sich der Provinzadel mit Kyoto verbunden fühlte. Letzten Endes konnte der Hof Kantou-Leute benutzen (Sadamori und Hidesato), um ein Kantou-Problem zu lösen, gleich der alten chinesischen Strategie „die Barbaren durch Barbaren zu kontrollieren“.

Das Shoumonki kommentiert Aufstieg und Fall von Masakado: Im ersten Teil, in dem es um seine familiären Fehden geht, wird er als Held beschrieben; jedoch im zweiten Teil, als er die Kontrolle über das Kantou anstrebt, ändert sich der Ton. Der Autor hegt zwar noch Sympathie für Masakado und bedauert seinen Fall, doch Masakado war nun ein Rebell und wird auch Rebell genannt, Zoku. Seine Handlungen können nicht geduldet werden und am Ende bekommt er, was er verdient. Doch nicht jeder teilte diese Auffassung. Während seiner Rebellion bekam Masakado große Unterstützung vom einfachen Volk und wurde gar als Held verehrt. In vielen Shintou-Schreinen im Kantou wird noch heute seiner gedacht. Einer dieser Schreine befindet sich im Stadtteil Kanda in Tokyo. Dort wurde Masakado zwar 1884 als „Feind des Kaiserhauses“ gegen den Willen vieler Menschen als Gottheit entfernt, jedoch ein Jahrhundert später, 1984, hat man diese Entscheidung aufgehoben und Masakado in einer feierlichen Zeremonie wieder eingesetzt.

Das Shoumonki selbst ist in „Hentai Kanbun“ verfaßt, (wörtlich: „abgewandeltes Chinesisch“), einer hybriden literarischen Sprache, die japanische Grammatik mit chinesischen Schriftzeichen verband. Hentai Kanbun ist somit grob gesagt „Chinesisch mit starkem japanischen Akzent“ und stellt eine Vorform der heutigen japanischen Schrift dar. Die Bezeichnung eines Kriegers im Shoumonki ist „Tsuwamono“. Geschrieben mit chinesischen Zeichen bedeutete dies ursprünglich „Waffe“ und steht für den berittenen Bogenschützen. Die Armeen werden Ikusa genannt, ein Wort, das auch „Schlacht“ bedeuten kann. Zusätzlich zu den Tsuwamono wurden auch Fußtruppen, Banrui, aus einfachen Bauern rekrutiert. Die Kombination von Tsuwamono und Fußtruppen in der Mitte des 10. Jh. offenbart die Fortdauer der chinesischen Kriegsführung im japanischen Militärsystem. Die Armeen wurden jedoch nur für bestimmte Schlachten zusammengestellt und konnten nicht lange gehalten werden. Ihre Größe variiert sehr stark, auch von Tag zu Tag. So führten Kommandanten wie Masakado zeitweise weniger als zehn Mann, zu anderen Zeiten hatten sie hundert bis einige tausend Mann unter ihrem Kommando. Die zeitweiligen Rekruten, insbesondere die Fußsoldaten wurden von den immensen Belohnungen nach den Schlachten angezogen. Lief der Kampf schlecht, war es sehr wahrscheinlich, daß sie die Truppe wieder verließen. Darin liegt auch die endgültige Niederlage von Masakado begründet. Seine „normale Armee von 8000 Mann war noch nicht zusammengestellt und er fand sich vor der Schlacht im Kommando von nur knapp 400 Mann wieder“. Im Shoumonki finden sich auch stereotype Referenzen zu „sehr großen und kräftigen“ (kiwamete futou takumashii) Pferden. Masakado soll einige tausend Krieger geführt haben, die alle ein „drachengleiches Roß“ (ryuu no gotoki uma) geritten haben. „Drachengleich“ impliziert Mut und Tapferkeit und beschreibt die kräftigen Pferde der Kanto-Region.

Konjaku Monogatari

Ein weiteres Genre der Literatur ist in den Konjaku Monogatari zu finden, den „Geschichten aus längst vergangener Zeit“. Der Stil wird „Setsuwa Bungaku“ genannt, „Literatur von Geschichten“. Das Konjaku enthält mehr als 1000 Erzählungen, die alle mit den Worten „Ima ha mukashi“ beginnen - „Es war einmal…“. Es ist in vier Teile untergliedert: Geschichten zum indischen Buddhismus, zum chinesischen Buddhismus, zum japanischen Buddhismus und weltliche japanische Geschichten. Die Sektionen sind jeweils in 31 Bücher unterteilt, von denen jedoch einige fehlen oder unvollständig sind. Der Sammler dieser im frühen 12. Jh. zusammengestellten Erzählungen ist unbekannt, wenn es denn eine einzige Person war.

Das Buch 25 der 4. Sektion enthält zwölf Geschichten über Krieger und zwei Titel von Erzählungen, die entweder verloren oder nie geschrieben worden sind. Jedes dieser Kapitel in Buch 25 beschreibt eine eigene Kriegsgeschichte. Eine davon ist ein Zusammenschnitt des Shoumonki, eine andere des Mutsu Waki, die vom Frühen Neun-Jahres Krieg (1056-1062) handelt, der im Norden von Honshu geführt wurde. Das Konjaku ist in Japanisch geschrieben und enthält relativ wenig chinesische Phrasen, ein Stil, der den mittelalterlichen Kriegsgeschichten zugeschrieben wird.

Regeln der Schlacht

Eine Geschichte im Buch 25 beschreibt eine Schlacht, die im frühen 10. Jh von Minamoto no Mitsuru und Taira no Yoshifumi (ein Verwandter von Masakado) ausgefochten wurden. Mitsuru und Yoshifumi wurden zu Rivalen, da sie ständig „auf dem Weg des Kriegers miteinander konkurrierten“. Sie einigten sich darauf, ihre Streitigkeiten in einer Schlacht zu entscheiden. Es wurde ein Ort und ein Tag für den Kampf vereinbart und Armeen zwischen 500 und 600 Mann gesammelt. Am ausgewählten Tag traf man sich und stellte sich im Abstand von etwa 100 Metern auf. Boten wurden ausgetauscht, um die Absicht zur Schacht zu bestätigen. Danach begannen die Armeen, Pfeile abzuschießen. Doch bevor die Krieger in den Nahkampf übergehen wollten, rief Yoshifumi zu Mitsuru und schlug vor, die Schlacht im Zweikampf zu entscheiden. Mitsuru war einverstanden und so kämpften sie miteinander. Es wurden eine Reihe von Angriffen ausgeführt, bei denen sie aufeinander zu galoppierten und Pfeile abschossen. Beide bewiesen ihr Geschick in der Verteidigung und auch im Abschießen der Pfeile. Nach einer Weile entschieden sie, aufzuhören, da sie gleich stark waren. Beide waren zufrieden, ihr Talent mit den Waffen gezeigt und ihrer Ehre genüge getan zu haben. Danach, so die Geschichte, lebten Yoshifumi und Mitsuru als gute Freunde. Wenngleich diese Erzählung wahrscheinlich Fiktion ist, so berichtet sie von einer „Ordnung im Kampf“ nach der die Schlachten des frühen Mittelalters geführt wurden. Sie enthält im wesentlichen sechs Abschnitte:

Schlachten wurden im voraus arrangiert, beide Seiten einigten sich auf Ort und Zeit (1). Auf dem Feld wurden Boten zur anderen Seite gesandt, um die Kampfabsicht zu bestätigten (2). Mit Kabura-Ya (Rübenpfeilen), die im Flug ein pfeifendes Geräusch erzeugen, wurde die Schlacht eingeleitet (3). Die erste Phase des Kampfes war ein „Austausch von Pfeilen“, Ya-Awase (4). Im Falle des Mitsuru-Yoshifumi-Konflikts wurde das Signal mit den Kabura-Ya gegeben, bevor die Boten in die eigenen Reihen zurückgekehrt waren; die Boten bewiesen ihren Mut, indem sie ruhig weiterritten, ohne zurückzuschauen, auch als bereits Pfeile um sie herumflogen. In einer Schlacht während des Gempai-Krieges (1180-1185) war ein Kommandant der Taira-Truppen so erzürnt über die in seinen Augen ungehörigen Worte des Minamoto-Boten, daß er den Mann enthauptete. Diese tiefe Verletzung der Etikette des Kampfes entmutigte die Männer seiner eigenen Armee so sehr, daß sie den Kampf verloren. Mitsuru und Yoshifumi fällten die ungewöhnliche Entscheidung, einen Zweikampf im Stile eines Turniers auszutragen. In diesem Turnier kämpften sie ausschließlich mit Pfeil und Bogen zu Pferde. Es gibt auch sonst nur sehr wenige Referenzen zu Schwertern in den Geschichten des frühen Mittelalters. Einige wenige Passagen enthalten z.B. die Worte „Schwerter kreuzen“, was jedoch allgemein als „kämpfen“ interpretiert werden kann. Der Bogen war die Hauptwaffe der Krieger Japans.

Nach dem allgemeinen Ya-Awase, das die Schlacht einleitete, bewegten sich die Armeen aufeinander zu und die Pfeile wurden präziser abgefeuert (5). Danach teilte man sich paarweise auf und kämpfte Mann gegen Mann (6). Es ist schwierig einzuschätzen, wieviele Schlachten nach dieser Sechs-Stufen-Ordnung geführt wurden, es waren wahrscheinlich nur wenige. Selbst in den Kriegsgeschichten sind solche Begebenheiten selten. Die Mehrzahl der überlieferten Schlachten beginnen mit einem Überraschungsangriff. Die anderen Kämpfe beinhalten nur die Punkte (4) bis (6) der Schlachtordnung. Völlig andere Kampfpraktiken wurden bei Belagerungen angewendet, die besonders ausführlich im Taiheiki aus dem 14. Jh. beschrieben sind.

Der starke Einfluß der Kriegsgeschichten auf die japanische Kultur ist bis in die Neuzeit erhalten geblieben. Seit Generationen beruhen die Ideale der Japaner auf ihren Überlieferungen. Jedes Kind wächst in Japan mit diesen historischen Bezügen und Wertvorstellungen auf, einige Grundkenntnisse tragen erheblich zum Verständnis der japanischen Kultur bei. Die Monogatari sind somit nicht nur ein wertvolles kulturelles Erbe, sondern gewähren dem interessierten Leser auch einen tiefen Einblick in die japanische Mentalität.