Die Krieger des Südens
Die Niederlage der Shimazu
Seit fast 8 Jahren (1579) lagen die Krieger des Clans Shimazu aus der Provinz Satsuma nun mit der Provinz Bungo im Krieg. Die Herren Bungos, die Familie Otomo, waren ihre großen Widersacher seit vielen Jahren. Doch aus fast allen Kämpfen waren die Samurai der Shimazu erfolgreich zurückgekehrt und mit der Zeit galten sie als die mächtigste Familie auf Japans südlichster Insel Kyushu.
Doch nun war der Tag der Wende gekommen. In diesem Jahr (1587) hatte Toyotomi Hideyoshi, Japans Reichskanzler und mächtigster Feldherr, fast 170.000 Männer auf die Insel Kyushu übergesetzt, um den gefährlich werdenden Clan zu befrieden. In der folgenden Schlacht am Fluß Sendai gawa, am 6. Juni 1587, mußten sich die Shimazu-Samurai nach erbittertem Widerstand ergeben.
Shimazu Yoshihisa, das Oberhaupt des Clans und Herrscher über die Provinz Satsuma, mußte Hideyoshi Treue schwören und seine eroberten Gebiete wieder abtreten. Natürlich führte dies zu Unruhen unter den Kriegern der Familie und man stellte Fragen nach dem Versagen und Fehlern, welche die Niederlage am Fluß Sendai gawa bewirkten. Neben strategischen Problemen und einer gegnerischen Übermacht wurde ein anderer Punkt immer offensichtlicher der Fechtstil des Clans hatte versagt...
Während der Otomo-Kriege war die Taisha ryu Hausschule des Shimazu Clans gewesen. Dieses System wurde von Marume Kurando (1540 - 1627), einem Schüler Kamiizumi Nobutsuna gegründet, bei dem er die Techniken der Shinkage ryu gelernt hatte. In den Augen einiger Satsuma Samurai erwies sich dieser Stil im Kampf gegen Hideyoshis Truppen jedoch als ungenügend. Einer dieser Männer war Togo Hizen no Kami Shigetaka (Shigemasa) (1563-1643).
Als der Daimyo des Satsuma-han im folgenden Jahr (1588) nach Kyoto reisen mußte, um Hideyoshi erneut seine Loyalität zu bekunden , gehörte Togo mit zu seinem Gefolge. Er nutzte die Zeit in Kyoto, um neue Wege in der Fechtkunst zu suchen und besuchte einige der dort ansässigen Schulen. Schließlich lernte er den Zen-Priester Zenkichi (Wataru Akasaka) im Tempel Yasushi (Berg Matsukata) kennen, der sich neben seinen Meditationen auch mit Ken jutsu beschäftigte. Togo fand Interesse am Stil des Priesters und sie verbrachte ihre freie Zeit in Kyoto mit gemeinsamen Fechtübungen.
Als der Daimyo nach Satsuma zurückkehrte, setzte Togo seine Übungen in seiner Heimat fort. Bald unterrichtete er die ersten Krieger in diesem neuen Fechtstil, den er Jigen ryu nannte.
Im Jahr 1601 wird der Sohn des alten Daimyos, Shimazu Iehiza, neuer Herrscher über Satsuma. Togo hatte die Jigen ryu inzwischen parallel zur Taisha ryu etabliert, welche jedoch immer noch Hausschule des Clans war. Auf sein Drängen ordnete der junge Daimyo im Jahr 1604 jedoch ein Taryu jiai, einen Schulwettkampf, zwischen beiden Ryu an, welcher eine Entscheidung zwischen beiden Systemen bringen sollte. Togo Shigetaka war zu dieser Zeit 41 Jahre alt und vertrat persönlich die Interessen seines Stils in diesem wichtigen Vergleichskampf. Für die Taisha ryu stellte sich der Hauslehrer des Clans und ehemaliger Sensei Togos, Ko shin no jo, zur Verfügung. Nach dem Waffengang konnte Togo den Wettkampf für sich entscheiden. Somit wurde die Jigen ryu neue Hausschule des Shimazu Clans und blieb es auch die folgenden Jahrhunderte bis in die Neuzeit...
Jigen ryu
Das Geheimnis der Schule
Die Jigen ryu (jigen - Offenbarung, Erleuchtung / ryu Schule) ist ein reines Fechtsystem, welches in seiner Form auch starken Einfluß auf die Geschichte seiner Heimatprovinz Satsuma hatte. Die Samurai dieser Provinz galten über viele Jahrhunderte als die gefürchtetsten Krieger Japans und ihre Kampftechniken waren berüchtigt für ihre Härte.
Der Grund dafür ist in der Jigen ryu zu suchen. Das Grundprinzip dieses Fechtsystems beruht auf einer Ichi no tachi (Einziges Schwert) genannten Technik. Sie sollte den Schwertfechter darauf vorbereiten seinen Gegner mit einem einzigen Hieb niederzustrecken, Waffe und Körper in einem Schlag. Die Technik beruht darauf, das gegnerische Schwert mit einer starken Attacke niederzuschlagen(bzw. gerade durch dieses hindurch) und so die Abwehr zu durchbrechen. (Uchiotoshi).
Der berühmte Krieger namens Isami Kondou und Führer der legendären Shinsen gumi warnte einst seine Leute vor den Shimazu-Samurai: Nehmt Euch vor ihrem ersten Angriff in Acht! Viele erfahrene Krieger sind bei ihren Angriffen getötet worden das eigenen Schwert im Schädel steckend...
Um diese Technik zu gewährleisten wurde in der Jigen ryu verstärkt Wert auf körperliche Ausbildung und kontaktbetonte Kampfübungen gelegt.
Kampfschreie (Kiai) und Atemtechniken (Kokyu) sollten die starken Techniken unterstützen die Körperenergie in die Schwertschlägen übertragen. Um die Arme und den Griff der Fechter auszubilden setzte man zum Schlagtraining spezielle Makiwara ein, vertikale Formen aus massiven Holzstämmen und horizontale Versionen aus gebündelten Ästen. Berühmt geworden sind die Übungsformen, bei denen die Schwertkämpfer ihre Techniken an lebenden Bäumen trainierten. Die Jigen ryu soll diese Form vom Togos Lehrer, dem Zen-Priester Zenkichi, übernommen haben. Gemäß der Überlieferung sollte sich ein Schüler des Systems mit 3000 Schlägen am Morgen und 8000 Schlägen am Abend am Stamm eines Baumes üben.
Ein Angehöriger der Schule erläutert diese spezielle Technik im folgenden:
In der Jigen ryu benutzen wir eine Position, welche sich Tombo (Libelle) nennt. Der Stil ähnelt der Art, wie ein kleines Kind versucht mit einem Stock nach etwas zu schlagen, indem es seine linke Hand zu Hilfe nimmt. Zuerst bringt man die rechte Hand mit dem Schwert hinter das Ohr, wobei die linke Hand auf die rechte folgt. Der Ellenbogen sollte dabei vor der linken Körperseite liegen. Dadurch verbirgt man die Klinge hinter dem Rücken vor den Augen des Feindes. Bei der folgenden Attacke sollte man das linke Knie nicht mehr bewegen. Um Kraft für den Schlag zu gewinnen drehe man Körper und Hüfte ein. Dieser Angriff heißt Sakoukou setsudan (Linkes Knie Schnitt). Nur mit diesem Schlag erreicht man die enorme Kraft und Geschwindigkeit, welche Unyou genannt wird. Ein geheime Technik der Schule trainiert diesen Angriff, indem man 5,5 m in nur 3 Schritten überwindet. Dieses Verfahren ist einzigartig in der Jigen ryu und so effektiv, daß keine Abwehrtechniken vermittelt werden. Täglich nur Angriff auf Angriff üben - mit Unyou no ken (Schwert des Unyou) braucht man letztendlich keinen Schutz!
Wie wir uns die Anwendung dieser Technik im Ernsfall vorzustellen haben beschreibt eine andere Übersetzung:
Die Schule favorisiert eine Philosophie, welche man am ehesten mit schnell im töten und schnell wieder heraus beschreiben könnte. Die primäre Technik bestand darin, im vollen Lauf das Schwert zu ziehen, dabei die Saya abzuwerfen, mit einem Sprung und einem Kiai auf einen Gegner einzustürmen und ihm dabei mit einem einzigen Abwärtsschnitt den Schädel zu spalten. Ohne zu verweilen wendet sich der Samurai seinem nächsten Feind in der gleichen Weise zu...
In der Jigen ryu sieht man in dieser starken Attacke Abwehr und Angriff zugleich der eigene Hieb kontrolliert und beherrscht den gegnerischen Angriff, während er zur selben Zeit die feindliche Abwehr durchbricht oder mit niederschlägt und den Feind so trifft. So kann einem unvorbereiteten, feindlichen Schwertfechter leicht die eigene Klinge mit zum Verhängnis werden.
Schwert und Philosophie
Die beschriebenen Verfahren hatten natürlich auch Einfluß auf die in der Ryu eingesetzten Waffen. Das zum Training verwendete Bokuto (Holzschwert) ist von schwerem Charakter mit einer breiten Klinge, welche vorzüglich für Kontaktübungen geschaffen ist. Die meisten Übungswaffen der Schule sind gerade oder nur leicht gebogen, ganz im Gegensatz zu vielen anderen Bokuto japanischer Schulen, welche eine stärkere Krümmung aufweisen. Aber auch die realen Kampfschwerter der Satsuma-Samurai differenzierten etwas von den üblichen japanischen Klingen. Ihre Schwerter waren mit längeren Griffen (Tsuka) versehen, welche es gestatten, noch mehr Kraft vom Körper auf die Klinge zu übertragen.
Parallel zu dem aggressiven Charakter der Schule beinhaltet die Philosophie der Jigen ryu auch tiefes philosophisches Wissen. Man sagt den Samurai der Provinz Satsuma nach, daß sie in historischen Zeiten ihr Schwert mit einem dünnen Streifen Papier an der Scheide festgebunden haben sollten. Dies sollte die letzte Barriere gewesen sein, die die Krieger am voreiligen Ziehen der Klinge, und somit an unnötigem Blutvergießen, hinderte. Der stürmische Fechtstil der Schule läßt also nicht unbedingt auf blutrünstige Schüler schließen. So wird ins besondere in der Jigen ryu die Schwertphilosophie der tötenden (Satsu jin to) und der Leben schenkenden Klinge (Katsu jin ken) deutlich, bei der Verantwortung und Kampftechnik Hand in Hand gehen. Das bedeutet, daß der Schwertkämpfer seine Waffe nicht primär zum Töten von Menschen einsetzen soll sondern als Instrument um Provinz, Clan und Familie zu schützen. Die vom Schwert ausgehende Macht sollte genutzt werden um Ordnung und Recht zu sichern (Katsu jin ken) und nicht um durch Gewalt persönliche Interessen durch zu setzen (Satsu jin to).
Yakuma jigen ryu
Karate und Kenjutsu
Etwa 500 km südlich der Provinz Satsuma findet man auf der Insel Okinawa weitere Zeugnisse der Jigen ryu.
Hier bezieht sich eine Theorien über die Ursprünge des modernen Shotokan Karate auf die Verbindung zwischen dieser waffenlosen Kunst und dem Jigen ryu Fechtsystem. Es gibt für diese Theorie zwar keine gesicherten Beweise, doch einige Punkte würden für einen Einfluß der Schule sprechen. Erstens war die Inselgruppe um Okinawa, das Mutterland des Karate, fast 400 Jahre lang von den Truppen des Shimazu-Clans besetzt und fungierte als Kolonie der Provinz Satsuma. In diesem Zusammenhang gab es sicher Begegnungen zwischen Samurai, welche in der Jigen ryu ausgebildet waren, und Studenten der Karate-Stirichtungen in historischen Zeiten. Sicher wurden auch privilegierte Einheimische in Satsuma ausgebildet und könnten dort Kontakt zu diesem Fechtsystem gefunden haben. Doch was soll das Karate nun von den Schwertkämpfern übernommen haben? Wenn man sich heutiges Shotokan Karate betrachtet, dann erinnern viele der Bewegungen an die oben beschriebenen Fechttechniken des Unyou no ken. Dessen Charakteristik findet sich auch im Shotokan wieder schnelles Überbrücken einer weiten Distanz mit dem Ziel, den Gegner mit einem Schlag zu besiegen (Ikken hisatsu). Außerdem gleichen sich die Beschreibungen der Fechttechniken erheblich mit dem Bewegungsmuster des Shotokan tiefe Stellungen, unbewegliches vorderes Knie beim Schlag und die Entwicklung der Kraft (Kime) durch die Rotationsbewegung der Hüfte (Jin kaiten) bei gleichzeitigem Angriff. Auch hier wird besonderer Wert auf die Stärke der Technik als Entscheidungskriterium im Kampf gelegt. Sollte das Shotokan Karate Elemente der Jigen ryu beinhalten, dann könnten es nur diese Punkte sein insofern die Theorie zutreffen sollte.
Togos Erben
In Japans Süden war die Jigen ryu lange Zeit das einflußreichste Fechtsystem und hat so viele andere Schulen auf der Insel Kyushu geprägt. Ende der Edo-Ära gehörten die meisten Krieger des Satsuma-han der Jigen oder der Yakuma jigen ryu an. Dieser Zweig wurde Mitte der Tokugawa-Zeit von Yakuma Gyozaemon Kanenobu als Vereinfachung zum Muttersystem gegründet. Im Gegensatz zur Jigen ryu, welche vor allem für Angehörige höherer Samuraistände gedacht war, entwickelte Yakuma sein System vorwiegend für Krieger niederer Ränge. Der Grundgedanke seiner Schule war: Leichter zu lernen bei gleicher tödlicher Kraftentwicklung. Dafür übernahm er die Techniken und Übungsformen des Muttersystems und vereinfachte die Bewegungen und Vielfalt der Techniken. Speziell die bereits weiter oben beschriebenen Trainingsformen an Bäumen treffen auch auf die Yakuma jigen ryu zu, wo diese Art von Drill sehr beliebt ist. Ein anderer, unter den Studenten üblicher Name der Schule ist auch Nodachi jigen ryu, was sich auf die zusätzliche Verwendung des Nodachi (überlanges Schlachtschwert von 1 bis 2,5 m Länge) in Partnerübungen bezieht. Dazu benutzten die Krieger lange Schwertattrappen aus Holz, welche außerdem mit einem geflochtenen Korb zum Schutz der vorderen Hand, anstelle der realen Tsuba (Stichblatt), versehen waren. Beide Schulen, die Jigen ryu sowie die Yakuma jigen ryu existieren noch heute und werden hauptsächlich auf der südlichen Insel Kyushu in der Region Kagoshima (dem historischen Satsuma) gepflegt.
Mit herzlichem Dank an Masami und Machiko Kawaguchi / Atsugi-Japan