Mönche und Lanzen

Hozoin Kakuzenbo Inei

Als Eiji Yoshikawas Werk „Musashi“ im Westen bekannt wurde, erfuhren neben dem Helden auch einige andere echte historische Figuren Unsterblichkeit. Einer von ihnen war der alte Mönch Inei, ein Meister des Speerkampfes und ein wirklich weißer Mann in Fragen des Geistes.

Auch der reale Hozoin Kakuzenbo Inei (1521-1607) war im Waffenhandwerk erfahren und beherrschte sowohl den Schwertkampf als auch die Techniken der Lanze, als er im Alter von ca. 40 Jahren seine eigene Schule gründete – die Hozoin ryu (Schule des Schatzspeicher Tempels). Inei soll Priester im Kofuku ji, einem der buddhistischen Haupttempel in Nara, gewesen sein und die Hozoin ryu war ursprünglich eine Schule des Mönche des Tempels. Der Kofuku ji, ursprünglich ein Familientempel der Fujiwara, gehörte seiner Zeit zu den bedeutendsten religiösen Anlagen Mitteljapans.

Bevor Inei seine Verfahren des Speerkampfes in seiner eigenen Schule systematisierte war er wie viele andere Krieger seiner Epoche auf Pilgerschaft (Musha shugyo) um sein technisches Niveau zu verbessern und sich mit anderen Samurai in Übungskämpfen zu messen. Hier lernte er Daizen Daifu Moritada kennen, einen der bekanntesten Speerfechter seiner Zeit. Inei trainierte längere Zeit mit ihm zusammen und es ist anzunehmen, daß dieses Treffen großen Einfluß auf die Entwicklung der Hozoin ryu hatte. Neben seinem Studium anderer Stile wird ihm auch eine enge Beziehung zu anderen großen Fechtmeistern seiner Zeit nachgesagt, so zu Kamiizumi Ise no Kami Nobutsuna (Shin kage ryu), als auch zu Yagyu Sekishusei Munetoshi (Yagyu Shin kage ryu). Ab dem 16. Jhdt., in der aufblühenden Tokugawa-Periode, erstarkte das Interesse vieler Krieger an den ethischen und philosophischen Hintergründen der Kampfkünste. Eventuell profitierten auch die Meister der Schwertschulen von den Erfahrungen und dem Gedankengut Ineis, der durch seine  religiöse Tätigkeit einen hohen spirituelles Background hatte, so wie er das praktische Wissen der Samurai nutzte. Von Kamiizumi erhielt er dann im Jahre 1567 sein Diplom in der Shin kage ryu:

„...befleißigte sich im Studium des Stils, dem er sich seit dem Frühling gewidmet hat und vollständig übermittelt wurde...“

Sicher nahm auch der Gebrauch des Speers in der Shin kage ryu Einfluß auf die Techniken des Hozoin Stils. Doch die eigentliche Besonderheit, die die Schule Inei zu verdanken hat war der Einsatz einer speziellen Lanzenart – des Jumonji yari (Kreuz Speer) – einer Waffe mit zwei gleichen, seitlich gebogenen Beiklingen . Obwohl diese Form von Speeren schon vorher bekannt war führt die Legende Hozoin Inei als deren Erfinder auf. Sie besagt, daß er des Nachts am Sarusawa no ike, einem Teich südlich seines Haustempels Kofuku ji seine gerade Lanze mit dem Spiegelbild des Halbmondes im Wasser kreuzte und so auf die Idee zu dieser Waffenform kam. Geschichten dieser Art sind innerhalb der Schulen sehr populär und stützen und legitimieren den eigenen Stil.

Im Alter gab Inei den Stil an einen seiner Senior-Studenten, Nakamura Naomasa, weiter. Dieser führte die Schule unter seinem Namen als Hozoin ryu Nakamura ha weiter und vererbte sie wiederum an einen Schüler, der noch zu legendärem Ruf gelangen sollte...

Hozoin Kakuzenbo Inei

Takada

Matabei Yoshitsugu

Die dritte bedeutende Persönlichkeit, die der Schule ihren Stempel aufdrückte, war Takada Matabei Yoshitsugu (1590 – 1671?), einer der ältesten Schüler von Nakamura. Eventuell entstammte er der kleinen Ortschaft Takada (heute Yamatotakada) in der Nähe von Nara. Er studierte neben der Hozoin ryu noch andere Kampfsysteme, wie z.B. Kashima shin ryu und erweiterte so sein Wissen in den Kriegskünsten. Als er die Schule von seinem Vorgänger Nakamura übernahm modernisierte er das System in mehreren Punkten. Seine Linie, die Hozoin ryu Takada ha, verfügt über einige technische Raffinesse und zusätzliche Kata gegenüber dem Muttersystem. In der Form der Takada ha hat die Hozoin ryu bis heute überlebt.

Noch in der ersten Hälfte des 17. Jhdt. siedelte die Schule von der Mutterstadt Nara in die neue Hauptstadt Edo (Tokyo) über. Es ist jedoch unklar, ob das neue Dojo von ihm persönlich oder von seinen Schülern gegründet wurde. Man weiß nur, daß es solche Popularität erlangte, daß Takada Matabei um 1651 seine Kunst persönlich vor Shogun Tokugawa Iemitsu (1604 – 1651) demonstrieren durfte. Takada galt zu dieser Zeit als einer der bedeutendsten Speerkämpfer des Landes und sein Ruf eilte ihm voraus. Er wurde Fechtlehrer in verschiedenen Fürstenhäusern und vermittelte die Techniken der Hozoin ryu an viele Krieger und beeinflußte so diverse andere Kampfsysteme. Seine Fähigkeiten stellte er in Duellen mit einigen der besten Schwertfechter seiner Epoche unter Beweis. Angeblich werden ihm Kämpfe sowohl mit Miyamoto Musashi (Niten ichi ryu) als auch mit Marume Kurando Nagayoshi (Taisha ryu) nachgesagt...

Außer ein paar Fakten ist wenig über das Leben Takadas bekannt, aber zwischen den Zeilen gelesen ergeben sich einige Punkte, die Rückschlüsse zulassen. So weiß man, daß er als 25jähriger auf Seiten der Toyotomi bei der Belagerung von Osaka (Sommerfeldzug 1615) teilnahm und mit 47 Jahren bei der Shimabara Rebellion (1637 – 1638) auf Seiten seiner ehemaligen Feinde kämpfte. Die Besonderheit beide Kampagnen war, daß bei beiden Parteien große Gruppen von Ronin (herrenlose Samurai) und Veteranen der Reichseinigungs-Kriege teilnahmen. So ist anzunehmen, daß Takada selbst Ronin war oder einer Familie entstammte, die 1600 bei Sekigahara, der finalen Schlacht um die Macht Japans, auf Seiten der Verlierer stand. Mit 10 Jahren war er scheinbar noch zu jung um dort an den Kämpfen teilzunehmen, doch wahrscheinlich wurde sein Clan im Krieg aufgerieben oder danach entmachtet. Auf jeden Fall schien er aktiv die Tokugawa-feindlichen Kräfte zu unterstützen oder er sympathisierte mit einem Clan, welcher die Machtkämpfe nicht überstand. Sein späterer Wandel, bei der Niederschlagung des Christenaufstandes von Shimabara, könnte mit seiner Anstellung als Fechtlehrer in einem der vielen Clans (Familie unbekannt) zusammenhängen. Mit der Verbindung zu einem Fürstenhaus entstand zwangsläufig auch ein neues Loyalitätsverhältnis. Angeblich soll sich Takada während der Niederschlagung sogar ausgezeichnet haben – nicht umsonst galt er als der beste Speerkämpfer seiner Zeit.

1976 kehrte die in Tokyo ansässige Hozoin ryu nach 400 Jahren wieder an den Ort ihrer Entstehung, nach Nara, zurück, nachdem sie eine letzte historische Rolle in den Shinsengumi-Revolten der frühen Meijizeit gespielt hatte. Einige bekannte Führer der Bewegung, wie Tani Sanjuro und Harada Sanosuke waren Angehörige der Ryu. Selbst die Former des modernen Aikido sehen einen Teil ihrer Wurzeln in dieser Schule (Takeda Sokaku). Heute kann sie auf eine Linie von vielen Generationen zurückblicken und ist wohl die berühmteste Speerschule Japans. Kagita Chubei avancierte 1991 zum 20. Großmeister der Hozoin und führt seither die Tradition fort.

Die Mönche des Kofuku ji

Obwohl bei Berichten über Kakuzenbo Inei, Gründer der Hozoin ryu, öfters der Eindruck entsteht er wäre eine Ausnahmneerscheinung innerhalb der Mönche von Nara, erweist sich dieser Fakt als falsch. Inei interessierte sich nicht nur aus persönlicher Liebhaberei und durch seine Freundschaft mit dem Hause Yagyu für die Kriegskünste. Ebensowenig waren die Mönche des Kofuku ji Tempels friedliebende Menschen, die sich nur um Religionsfragen oder geistige Dinge kümmerten...

Bereits seit Gründung des Tempels im Jahre 710 etablierte sich die Anlage als eine der führenden buddhistischen Zentren Japans. Mit dem Erstarken der Tempel als politische Macht wurden zunehmend militärische Einheiten rekrutiert, die zum Schutz der Klöster und zur Durchsetzung derer Interessen eingesetzt wurden. So beherbergten die Tempel ab dem 10. Jhdt. eigene Heere an bewaffneten Mönchen, die ihren weltlichen Gegenspielern, den Samurai, militärisch ebenbürtig waren (erste datierte Belege für Nara ab 981). Diese Akuso (Rauhe Mönche) oder Sohei (Mönchskrieger) erlangten solch eine große Macht, daß die befeindeten Fürstenhäuser um ihre Unterstützung in kriegerischen Auseinandersetzungen buhlten.

Der Kofuku ji Tempel , als einer der mächtigsten Zentren der Sohei in Nara, war mehrmals in kriegerische Auseinandersetzungen mit anderen Tempeln oder Samurai-Heeren verwickelt. 1146 versuchten Einheiten der Taira den Tempel zu schleifen, was mit einer Kopfschau von 60 Samurai-Schädeln an den Ufern des Tempelteiches endete. Daraufhin brannte man Nara, und damit auch seine Tempel nieder. Wieder erbaut erlangte der Kofuku ji bald neue Macht. 1567 wurde der Todai ji Tempel, einige Schritte nördlich des Kofuku ji,  bei Kämpfen zwischen den Miyoshi und Matsunaga Clans niedergebrannt usw.

Die Mönche der Stadt Nara waren seit Jahrhunderten im Waffenhandwerk erfahren. Schwertkampf, Speerfechten und der Umgang mit der Naginata gehörten quasi zum Tagewerk in den Tempeln. Kakuzenbo Inei konnte also auf eine lange Reihe kriegerischer Überlieferungen zurückblicken und setzte die Traditionen der Sohei des Kofuku ji Tempels fort.

Kofuku ji

Tempel und Sarusawa no ike

Die Kunst der Hozoin

Die Lanze, welche die Hozoin ryu einsetzt ist ein Kama yari mit einer Klinge von 28 cm und Beiklingen von 9 cm Länge. Mit einer Waffe dieser Form lassen sich gegenüber einem geraden Speer komplexe Kampftechniken ausführen. Stoßtechnik (Tsuki) kombiniert mit horizontalen und vertikalen Offensiv- und Defensivtechniken sind Spezialitäten der Schule. Die Beiklingen der Waffe eignen sich vorzüglich zum blockieren und ablenken von feindlichen Attacken. Zug-, Angel- und Hackbewegungen mit dem Yari sind Techniken des Stils, welche die Fülle an taktischen Möglichkeiten aufzeigen.

Ein japanisches Poem, als Lobpreisung der Schule, beschreibt die verschiedenen Wege des Speeres in der Hozoin ryu:

... ohne Fehl besiegen sie die Feinde mit ihrem Lanzen –

stoßend wie ein Speer, schlagend wie mit Haken und ziehend wie mit Sicheln...

(sinngemäße Übersetzung nach Junzo Ichiya)

Eine der Charakteristiken der Schule sind schnelle Aktionen aus einer passiv wirkenden Ausgangsstellung, bei welcher der Speer aus einer unteren Position startet. Hozoin ryu Techniken sind gegenüber anderen Speer-Schulen sehr raumgreifend und wirken aggressiv und dynamisch.

Während die Ryu traditionell den Gebrauch des Speeres gegen alle anderen Waffe des Bugei-Arsenals wie Schwert, Stock, Naginata etc. ausübte, wird heute nur noch das Duell Lanze gegen Lanze innerhalb der Kata trainiert.

Hauptaugenmerk in der Ausbildung innerhalb der Ryu liegt auf der exakten Durchführung der Kata, der Fuß- und Körperarbeit sowie Atemtechniken, welche das physische Grundmuster der Schule bestimmen.

Die Kata der Hozoin ryu

Die 35 Kata der Hozoin ryu gliedern sich in jeweils 14 originale Omote- (Basis, offensichtliche Techniken) und 14 Ura-Formen (Fortschritt, verdeckte Techniken), sowie 7 Shin-Formen, (Neue Kata), die auf Takada Matabei zurückzuführen sind. Die folgenden Übersetzungen der Kata-Namen verzichten absichtlich auf eine deutsche Sinngebung oder Deutung, da Namen in den Kriegskünsten oft auch Metapher oder Umschreibungen sind, die nur Eingeweihten der Ryu offenbart sind.

Omote und Ura (jeweils 14 Kata gleichen Namens)

Touyou

Ankommen Verwendung

Ichijitsu Eine Säge

Nenge

Klebrige Blume

Goka

Fünftes Kapitel

Hankamuri Halbe Krone

Jikka Zehn Nummern

Makiyari Rollende Speer

Aikurai Gemeinsamer Grad/Rang

Hikiotoshi Verursache Fall

Kuda Röhre

Tsukinuke Schlag Ausweichen

Uroko (Fisch) Schuppe

Aizuyobi Signal Aufwachen

Toome Weitsicht

Shin-shikake (7 neue Kata)

Gyakusurikomi Entgegengesetzte Mischung

Nuketsuki Ausweichen Stich

Irechigai Eintreten Differenz

Utetsuki Rechte Hand Schlag

Egaeshi

(Lanzen) Griff zurückgeben/zurückkehren

Hayauma Schnelles Pferd

Hichou

Fliegender Vogel

Mit herzlichem Dank an Junzo Ichiya / Takada ha Hozoin ryu / Nara-Japan