„Vollzieht keine buddhistischen Rituale, wenn ich tot bin. Schlagt nur Yoritomo den Kopf ab und legt ihn vor mein Grab. Das ist der beste Dienst, den ihr mir erweisen könnt.“ (aus Heike Monogatari, die letzten Worte von Taira Kiyomori, 20. März 1181)

Minamoto no Yoritomo

Yoritomo, der 1147 geboren wurde, war der älteste der vier Söhne von Minamoto no Yoshitomo, die das erste Jahr der Heiji-Ära überlebten. Während des Konfliktes im Jahre 1160 waren die Minamoto in der Schlacht unterlegen und flohen aus der Hauptstadt. Doch sie kamen nicht weit: Yoshitomo wurde im Bad von einem seiner eigenen Vasallen ermordet (das ständige Herumreiten auf dem Thema „Loyalität“ in militärischen Abhandlungen wirft zweifellos ein Licht auf die Häufigkeit solcher Verfehlungen) und Yoritomo selbst geriet in Gefangenschaft. Doch obwohl er bereits das Genpuku, das Initiierungsritual vollzogen hatte und damit seinen Platz als Mann und Krieger in den Reihen seines Clans eingenommen hatte, wurde sein Leben geschont. Kiyomori’s Stiefmutter hatte Mitleid mit dem Knaben, da er sie an ihren bereits verstorbenen Sohn erinnerte. Sie bat Kiyomori darum, Yoritomo nicht hinzurichten, sondern seine Strafe in Verbannung zu mildern.

Katakiyushi (Blutrache)

Daß sich Kiyomori diese Bitte einließ, verwundert in der Tat, denn Kiyomori war nicht gerade für seine Güte berühmt. Diese Handlung war außerdem nicht nur höchst unüblich, sondern auch extrem gefährlich. Es war eigentlich vorauszusehen, daß Yoritomo die Angelegenheit nicht auf sich beruhen lassen, sondern alles dafür tun würde, um irgendwann Blutrache nehmen zu können.

Blutrache, jap. Katakiyushi (wörtlich: „den Feind angreifen“), ist tief in der japanischen Geschichte verwurzelt und hat stets als erstrebenswertes Ideal gegolten. Bereits in einer der Geschichten aus dem Konjaku findet sich die Erzählung von einem Mann (von dem nicht klar ist, ob er ein Krieger oder von niederem Stand war), der den Tod seiner Eltern rächt, indem er ihren Mörder, einen echten Krieger von Rang, im Schlaf tötet. Und obwohl der Stand des Mannes nicht geklärt ist, urteilt der Autor der Geschichte, daß „es der Weg des Kriegers ist, die Feinde seiner Eltern zu strafen“ und daß diese Strafe „vom Weg des Himmels (Tendou) befürwortet“ sei. Dies ist eine frühe Aufzeichnung darüber, daß die Rache an einem Mörder nicht nur die Aufgabe eines Kriegers war, sondern auch vom Himmel selbst verlangt wird. Üblicherweise zog man zur Rechtfertigung des Katakiyushi auch konfuzianische Lehren hinzu. Im „Buch der Riten“ ist folgendes zu finden: „Tzu-hsia fragt Konfuzius: ’Wie soll [ein Sohn] mit jemandem umgehen, der seinen Vater oder seine Mutter getötet hat?’ Der Meister antwortet: ’Er soll auf Stroh schlafen, mit seinem Schild als Kopfkissen. Er soll erkennen, daß er mit dem Mörder nicht unter dem selben Himmel leben kann. Wenn er ihm begegnet, soll er nicht zurückgehen, um seine Waffen zu holen, sondern ihn [sofort] angreifen.’.“

Während man in anderen Gesellschaften schon frühzeitig versucht war, die Blutrache einzudämmen und auf das staatliche Justizsystem umzulegen, blieb das Katakiyushi in Japan stets eine ehrenvolle Aufgabe, die von den Lehren des Konfuzius und dem Himmel selbst befürwortet wurde. Blutrache blieb dabei nicht nur Kriegern vorbehalten. Einer der bekanntesten Fälle einer mittelalterlichen Katakiyushi ist der Fall der Soga-Brüder. Im späten 12. Jh. verbrachten die Brüder Juurou und Gorou 17 Jahre ihres Lebens damit, den Mörder ihres Vaters zu jagen und letztendlich zu töten. Ihre Geschichte wurde in der Soga Monogatari festgehalten, die zuweilen sogar zu den Kriegsgeschichten gezählt wird. Später diente diese Erzählung als Vorlage für Nou-Schauspiele, Kabuki, Kouwaka (Balladendramen) und Puppenspiele.

Katakiyushi blieb auch nicht nur auf Männer beschränkt, Frauen hatten prinzipiell das selbe Recht auf Rache. In dem Kabuki-Stück „Gotai eiki shiro ishi banashi“ wird gezeigt, wie sich zwei Schwestern am Mörder ihres Vaters rächen. Während eines Handgemenges gelingt es einem der Mädchen, den mit einem Schwert bewaffneten Mann mit einer Kusari-gama (Kettensichel) zu fesseln und ihre Schwester streckt ihn darauf hin mit ihrer Naginata nieder. Dieses Drama soll auf eine wahre Begebenheit aus dem Jahre 1649 zurückgehen.

Der Gedanke, daß ein Angehöriger des besiegten Gegners später Rache für den Tod seiner Verwandten fordern könnte, war ein entscheidender Grund für viele siegreiche Militärführer, möglichst alle Mitglieder der gegnerischen Partei zu töten, selbst die Kinder. Ein einziger Überlebender konnte zu einem gefährlichen und unbarmherzigen Gegner werden.

Angesichts dieser Tatsachen scheint es völlig unverständlich, ja töricht, wie Taira Kiyomori am Abend seines Sieges im Heiji-Konflikt den fatalen Fehler begehen konnte, vier potentiellen Feinden das Leben zu lassen. Dieser Fehler sollte sich später auch als äußerst tragisch herausstellen.

In Verbannung

Doch zunächst wurde der junge Minamoto ins Exil geschickt. Am Abend seiner Abreise betete Yoritomo am Schrein von Hachiman, dem Schutzgott des Minamoto-Clan und fragte, ob er eines Tages in die Hauptstadt zurückkehren könne. Ein Vasall der Minamoto, der ihm heimlich in den Schrein gefolgt war, erzählte ihm daraufhin von einem Traum, in dem er Yoritomo sah, dem „Pfeil und Bogen“ überreicht werden, Zeichen, daß Yoritomo zu einem großer Militärführer werden würde.

Doch zu jenem Augenblick war Yoritomo kaum mehr als ein Gefangener. In der Provinz Izu im Kantou sollte er unter der Aufsicht von Itou Sukechika gestellt werden, einem lokalen Adligen, der mit den Taira verwandt war. Diese Form der Sicherheitsverwahrung sollte den jungen Yoritomo an der Umsetzung etwaige Rachegelüste hindern. Da Yoritomo nach dem Tod seines Vaters und seiner älteren Brüder de facto Oberhaupt der Kawachi-Minamoto war (weder seine noch lebenden Verwandten wie seine Onkel Yukiie und Yoshikata hatten Anrechte auf diese Position) durfte er wohl mit strengster Überwachung rechnen. Doch Sukechika zeigte sich als ein äußerst milder Aufseher, der von dem Wesen seines „Gefangenen“ sehr angetan war. Yoritomo brillierte durch seine schnellen Auffassungsgabe und zeigte viel Talent in den Kriegskünsten. Mit der Zeit fand er in der Familie seines Wächters einen Platz, der wohl nur einem Sohn des Hauses zugestanden hätte. Viele Jahre verbrachte er mit Studien von Politik und Militärstrategie. Er hatte auch sehr viel Zeit, darüber nachzudenken, wie katastrophal sich die überstürzte und unüberlegte Anwendung von militärischen Mitteln auf seine Familie ausgewirkt hatte.

Es ist jedoch auch überliefert, daß sich Yoritomo neben dem Studium von Kriegskunst in seiner Freizeit mit einer weitaus angenehmeren Beschäftigung befaßte, die auch „Aussaat von wildem Hafer“ genannt wurde. Das Ergebnis war, daß sein Aufpasser plötzlich bemerkte, daß er zum Großvater eines Minamoto-Babies geworden war. Der loyale Taira war so aufgebracht, daß er das Kind tötete und das selbe Schicksal hätte wohl auch Yoritomo ereilt, wenn er nicht geflohen wäre und Schutz bei Houjou Tokimasa gefunden hätte. Dort verliebte er sich auch prompt in Masako, eine der Houjou-Töchter und heiratete sie kurz darauf.

(In westlichen Transkriptionen werden die langen Vokale der japanischen Sprache sehr oft ignoriert, anstelle von z.B. „Houjou“ wird dann „Hojo“ geschrieben. Da dies jedoch eine potentielle Quelle für Fehler und Mißverständnisse darstellt, wird hier ausschließlich die japanische Schreibung zugrunde gelegt, auch wenn dadurch das Aussehen von einzelnen Worte merkwürdig erscheinen mag. Anm. d. A.)

Auf dem Weg zur Rebellion

Der Legende nach soll Yoritomo während seines Exils von einem Wanderpriester namens Mongaku besucht worden sein, der ihm den Schädel seines Vaters Yoshitomo überreichte und ihn zu einer Rebellion gegen die Taira verleitet haben soll. Doch es war weniger der Schädel seines Vaters, der Yoritomo die Möglichkeit eines Aufstandes gegen die Taira überdenken ließ, sondern vielmehr die Proklamation von Prinz Mochihito, die er am 23. Mai 1180 erhielt. Es dauerte nicht lange, bis sich Yoritomo durch die Meldung der katastrophalen Wendung bei der Schlacht von Uji in seiner Überzeugung bestätigt sah, daß übereilte und unüberlegte Handlungen nicht der Weg zum Erfolg sein konnte. Am 13. Juli erreichten ihn weitere schlechte Nachrichten: Taira Kiyomori hatte seine Ergreifung und Hinrichtung befohlen. An wen dieser Befehl gerichtet war, konnte der Bote zwar nicht sagen, aber es war aller Wahrscheinlichkeit nach Taira Kanetaka, der stellvertretende Gouverneur der Gegend. Yoritomo’s unsichere Position wurde noch weiter gefährdet, als Ouba Kagechika, einer der gefürchtetsten Taira-Anhänger nach der Schlacht von Uji nach Izu zurückkehrte. Dies brachte einen zweiten Feind mit respektabler Kampfkraft in die Nähe von Yoritomo.

Zwanzig Jahre lang hatte Yoritomo die Torheit von überhasteten Rebellionen überdacht und so muß ihm durchaus unbehaglich gewesen sein, als er entschied, seine Position zu verlassen und den ersten Schritt im offenen Kampf zu gehen. Das Ziel war Yamagi, das Hauptquartier des stellvertretenden Gouverneur Taira Kanetaka. Der Überfall fand am 8. September 1180 statt und war ein voller Erfolg. Taira Kanetaka wurde getötet und seine Stellung zerstört. Entgegen all seinen Vorfahren nahm Yoritomo jedoch nicht selbst am Kampf teil, sondern betete im Hause seines Schwiegervaters für den Sieg. Minamoto no Yoritomo war Politiker, ein Staatsmann und kein General. Das Kämpfen überließ er anderen Mitgliedern seines Clans. In dieser Position wird auch im gesamten Gempai-Krieg bleiben.

Nach dem Tod seines Feindes war der Weg frei, um aus Izu auszubrechen. (Izu ist eine Halbinsel, ca. 60 km lang und am nördlichen Ende nur knapp 20 km breit.) Und so verließ Yoritomo am 11. September 1180 Izu und ging nach Sagami. Zwei Tage später stießen die ersten Verbündeten zu ihm, der Clan der Miura.

Doch der beste Mann der Taira, Ouba Kagechika war ihm bereits auf den Fersen. Er hatte seine Truppen in Windeseile gesammelt und traf am 14. September bei Ishibashiyama auf die Minamoto. Yoritomo war 1:10 unterlegen und die Schlacht verlief für seine Seite ähnlich tragisch wie die Schlacht von Uji. Ouba Kagechika fürchtete, daß Yoritomo noch weitere Verstärkung erhält und führte seine Truppen in einen überraschenden Nachtangriff auf die Stellung der Minamoto. Ishibashiyama ist ein schmales Tal nahe der Küste; so eng, daß kaum Platz zum Manövrieren bleibt, geschweige denn zu den üblichen Formalitäten des ehrenvollen Kampfes. In der vollkommenen Dunkelheit der Nacht, inmitten eines Taifun und sinnflutartigem Regen gingen die Krieger ihrem blutigen Handwerk nach. Es gab weder Zeit, seinen Namen zu rufen, noch um sich einen geeigneten Gegner zu suchen. Es gab nur Schlamm und Blut in einem erbitterten Kampf um Leben und Tod.

Am Ende der Schlacht war die kleine Streitmacht der Minamoto fast vollständig ausgelöscht, doch auch Ouba Kagechika hatte sein Manöver mit dem Tod bezahlt; umsonst, wie sich zeigte, denn Yoritomo war es gelungen, in den nahegelegenen Wald zu entkommen. Noch heute werden viele Geschichten über die fünf Tage erzählt, in denen Minamoto no Yoritomo durch die Berge von Hakone gejagt wurde. Die wohl beste handelt von Kajiwara Kagetori, der zu dieser Zeit in den Diensten der Taira stand, doch später zu einem der ergebensten Anhänger von Yoritomo wurde: Yoritomo hatte sich in einem hohlen Baum versteckt, den Kagetori untersuchen sollte. Kagetori hegte schon zu dieser Zeit Sympathien für Yoritomo und als er ihn in dem Baum sah, schlug er mit dem Bogen an den Stamm, so daß zwei Tauben aufgeschreckt wurden. Die restliche Suchmannschaft nahm daraufhin an, daß die Tauben die einzigen Bewohner des Baumstammes gewesen waren. Diese Geschichte offenbart ihre Bedeutung, wenn man bedenkt, daß die Taube als Bote des Gottes Hachiman gilt, dem Schutzpatron der Minamoto.

Yoritomo erreicht kurz darauf die Küste und gelangte unversehrt mit einem Boot in die Provinz Awa, die angestammtes Minamoto-Territorium war. Von Awa aus wanderte er an der Küste entlang, die heute die Bucht von Tokyo umschließt und sammelte in den umliegenden Provinzen Unterstützung. Innerhalb eines Monats hatte sich sein kleines Kontingent zu einer gewaltigen Armee vergrößert, mit der er in das kleine Fischerdorf Kamakura zog. Dort entschied Yoritomo zu bleiben und sein Hauptquartier zu errichten. Ihm blieb jedoch nicht viel Zeit, denn es trafen schon bald schlechte Nachrichten ein: Die Taira hatten mit einer gewaltigen Armee Kyoto verlassen und zogen gen Osten. Dies geschah Anfang November 1180, einen Monat bevor die Taira den Mii-dera zerstörten.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Taira keine einzige Niederlage einstecken müssen und Taira Kiyomori war sich absolut sicher, daß sich die Situation innerhalb der letzten Monaten nicht wesentlich verändert haben konnte. In den Konflikten von Hougen, Heiji und dem Aufstand von Prinz Mochihito hatten die Taira stets auf eigenem Boden gekämpft, doch jetzt waren sie mit einem Aufstand der Minamoto konfrontiert; 500 km weit im Osten; in traditionellem Minamoto-Territorium.

Noch dazu hatte Kiyomori den Auftrag für diese Aktion nicht gerade dem fähigsten Mitglied seiner Familie übertragen. Der Auserwählte war Taira Koremori, sein Enkel und ältester Sohn seines kürzlich verschiedenen Sohnes Shigemori. Koremori war zwar schon zwanzig Jahre alt, hatte aber kaum Kampferfahrung. Heike Monogatari zählt als positive Seiten nur auf, daß „seine Kleidung und seine Körperhaltung so vollkommen sind, daß sie weit über der Fähigkeit stehen, mit einem Pinsel gezeichnet zu werden“. Koremori war also weit mehr ein Mann des Hofadels, weniger ein Krieger. Unter dem Befehl von Koremori stand jedoch auch Tadanori, Kiyomori’s Bruder und Veteran von Uji, außerdem hoffte man auf die Unterstützung der Alliierten im Kantou, die Yoritomo bei Ishibashiyama so vernichtend geschlagen hatten. Doch auch Yoritomo wußte dies und schickte seinen Schwiegervater Houjou Tokimasa gegen seine Widersacher in den Provinzen Izu und Suruga. Zusammen mit dem Clan der Takeda stellten die Houjou sicher, daß die Armee von Yoritomo den Taira auf der Toukaidou gefahrlos entgegenziehen konnte. Die Toukaidou (wörtlich: der „östliche Meeresweg“), der Kyoto mit der Kantou-Ebene verbindet, ist eine der berühmtesten Straße Japans und existierte schon vor dem Beginn der japanischen Geschichtsschreibung. Diese Straße hat ihre Bedeutung über die Jahrhunderte hinweg behalten und ist bis heute eine der wichtigsten Verbindungswege Japans geblieben. So trägt z.B. die Shinkansen-Linie zwischen Tokyo und Kyoto diesen Namen, auch wenn sie nicht immer exakt dem ursprünglichen Verlauf der Toukaidou folgt.

Yoritomo’s Armee marschierte Anfang November 1180 von Kamakura aus auf der Toukaidou westwärts, überquerte den Ashigara-Pass in Hakone und zog weiter durch Suruga am Fuße des Berges Fuji. Am östlichen Ufer des Fujigawa, dem Fluß Fuji, kam man zum Stillstand. Auf der anderen Flußseite waren die roten Banner der Taira in Sicht. Zum erstem Mal seit der Gempai-Krieg begonnen hatte, standen sich nun am 9. November 1180 zwei große Armeen gegenüber.

Die Schlacht am Fuji

Die Aufzeichnungen über die folgenden Begebenheiten sind verwirrend und widersprüchlich. Selbst die Bezeichnung „Schlacht“ ist eigentlich weit hergeholt.

Die Taira empfanden ihre Situation in dem fremden Land wohl reichlich unbequem und vielleicht hatten sie auch ein wenig Heimweh. Dies alles stärkte ihr Selbstvertrauen keineswegs, als sie sahen, wie auf der anderen Seite des Flusses die Truppen der Minamoto aufmarschierten.

In einigen Berichten ist zwar von einem Nachtangriff der Takeda auf die Flanke der Taira die Rede, doch Heike Monogatari hat einen viel poetischeren Eintrag: „Inmitten der selben Nacht wurden die Wasservögel in den Sümpfen vom Berg Fuji aufgeschreckt und schwirrten alle zusammen mit wildem Flügelschlag, der wie Donner klang, auf. Die Krieger der Taira hörten dies und schrien: ’Die Armee der Minamoto überfällt uns. Da sind Hunderte von Tausenden von Ihnen.’ Sie flohen voller Panik und ließen sogar all ihre Habe zurück. Ihre Eile war so groß, daß einige nur ihren Bogen nahmen und die Pfeile vergaßen, andere nahmen nur Pfeile ohne Bogen. Man stieg auf das nächst beste Pferd und versuchte, davonzugaloppieren, manche sprangen sogar auf noch angebundene Tiere, so daß diese immer rund um den Pflock liefen, an dem die angebunden waren.“

Nun mag der Rückzug der Taira nicht wirklich so panikhaft von statten gegangen sein, wie in der Heike beschrieben. Der strategische Rückzug vom Fujigawa war objektiv betrachtet eher ein vernünftiger Schritt. Angesichts der Tatsachen, daß die Verbindungs- und Nachschubwege der Taira äußerst ausgedehnt waren und daß sie den Ashigara-Pass und die Berge von Hakone vor sich hatten, ganz zu schweigen von der Armee der Minamoto, konnten sie keinesfalls mit einem so überragenden Erfolg rechnen, wie nur wenige Monate zuvor bei Uji. Allein der Kampf durch das schwierigen Gelände war schon eine Herausforderung, die zusätzliche Konfrontation mit einem ebenbürtigen Gegner schien die Taira dann anscheinend an ihren Siegesmöglichkeiten endgültig zweifeln. Wie auch immer, der Rückzug der Taira war schon recht schnell; nur zwölf Tage später erreichten sie Kyoto.

Die Minamoto hatten hingegen den nächsten Morgen zum Angriff gewählt, doch als sie im Lager der Taira ankamen, fanden sie es verlassen vor. Yoritomo schrieb diesen „Sieg“ dem hilfreichen Eingreifen des Kriegsgottes Hachiman zu und huldigte ihm dafür. Die gute Entscheidung der Taira, sich vom Fujigawa zurückzuziehen wurde von einer ähnlich weisen Entscheidung der Minamoto gefolgt, diese nicht zu verfolgen. „Festige den Osten“ meinten die Ratgeber von Yoritomo und so folgte eine Zeit, in der die Minamoto nur kleinere Kampagnen unternahmen, um Verbündete zu gewinnen oder Gegner zu liquidieren.

„Samurai“

Yoritomo gründete noch im selben Jahr 1180 das Samurai-Dokoro in Kamakura, eine Institution, die sich mit der Regulierung der Angelegenheiten des Militärs befaßte - seine Privilegien, Verpflichtungen, Eigenschaft, Rang und Behandlung im allgemeinen. Es sollte in dieser Beziehung noch beachtet werden, daß zu Anfang der Feudalperiode das Wort „Samurai“ nicht allein zur Bezeichnung von kämpfenden Männern diente, sondern vielmehr allgemein für „Diener“ oder „Untergebener“ verwendet wurde. Das Wort leitet sich von der alten Lesung des Verbs „dienen“ - „samurau“ ab, das noch heute mit der gleichen Bedeutung mit jedoch anderer Lesung (ji[suru]; habe[ru]) verwendet wird.

In späterer Zeit sollte der Begriff „Samurai“ jedoch zunehmend Krieger kennzeichnen, die offiziell in den Diensten eines Herren standen. Diese Entwicklung begann mit dem gesellschaftlichen Aufstieg der Buke, den Angehörigen des Schwertadels, zur Zeit von Yoritomo. Yoritomo betrachtete alle seine Untergebenen als Teil seiner Armee und unterstellte sie damit seiner militärischen Gerichtsbarkeit. Der ursprüngliche Sinn des Wortes „Samurai“ blieb jedoch stets enthalten, auch Personen außerhalb des Schwertadels konnten Samurai sein/ werden. Dies gilt auch und insbesondere für Frauen. Die moderne westliche Interpretation, ein Samurai sei allgemein ein männlicher japanischer Krieger ist schlichtweg falsch und gefährlich irreführend. Eine solch irrtümliche Verallgemeinerung erschwert insbesondere das Verständnis für das streng hierarchische System der japanischen Stände, das im Laufe der Zeit eine sehr dynamische Entwicklung erfuhr und damit auch das Verständnis der japanischen Moderne, die noch heute sehr stark von den Wertvorstellungen ihrer Historie geprägt ist.