Der Fall eines Helden

Japanische Geschichte - Teil 22

„Nun verweile ich hier und vergieße blutige Tränen [...] Man gestattet mir nicht, die Anklagen meiner Verleumder zu widerlegen oder gar Kamakura zu betreten; nein, ich muß dieser langen Tage müßig schmachten, ohne meine aufrechte Gesinnung kundtun zu können.“ (aus dem Koshigoe-Brief von Yoshitsune an Yoritomo, 1185)

Den Höhen des Ruhmes...

Die Nachricht vom Sieg der Minamoto erreichte Kyoto am 4. des vierten Monats, zehn Tage nachdem die Schlacht geschlagen war. Doch Yoshitsune, der Befehlen aus Kamakura folgend die gefangenen Taira nach Kyoto brachte, erreichte die Hauptstadt erst am 26., mehr als einen Monat nach seinem Sieg. Die Rückkehr in die Hauptstadt muß für ihn ein großartiger persönlicher Triumph gewesen sein, hat er doch mit Dan-no-Ura einen Schwur aus Kindertagen erfüllt und die schmachvolle Niederlage seiner Familie beim Heiji-Vorfall 1156 gerächt. Zudem erhielt er reiche Belohnungen sowohl von Kamakura als auch von Ex-Kaiser Goshirakawa.

Doch noch bevor Yoshitsune in Kyoto eintraf, war bereits ein Brief von Kajiwara no Kagetoki zu Yoritomo nach Kamakura gelangt, in dem er schwerwiegende Kritik an dem Heerführer äußerte. Kagetoki bezichtigte Yoshitsune, seine Arroganz und Stolz hätten die gesamte Kampagne gefährdet. Anstelle von Kooperation und der Annahme von Ratschlägen habe Yoshitsune den Feldzug völlig nach eigenem Gutdünken durchgeführt. Diese Aussage wird vom Azuma Kagami bestätigt, in dem beschrieben ist, wie sich Noriyori regelmäßig mit Wada no Yoshimori berät, der ihm als Berater zur Seite gestellt wurde, während Yoshitsune seinen Berater Kajiwara völlig ignorierte. Yoritomo argwöhnte wohl schon länger mit seinem jüngeren Bruder, denn Kajiwara sollte Yoshitsune zwar als Berater dienen, traditionellen Berichten zufolge bestand seine wirkliche Aufgabe jedoch darin, Yoshitsune zu beobachten und alles verdächtige nach Kamakura zu melden. Er mußte nicht lange warten, sorgte doch der temperamentvolle und aufbrausende Charakter von Yoshitsune für genügend Reibungspunkte. So steht in der Anfangszene der Schlacht von Dan-no-Ura in der Heike Monogatari beschrieben, wie Kagetoki mit einer Gruppe von 14 weiteren Kriegern ein Boot der Taira angreift, „viele Feinde tötet, das Boot erobert und sich als derjenige verewigte, der sich als erster einen Namen in der Schlacht machte“. Es wird allerdings offen gelassen, ob Kagetoki wirklich der „Erste in der Schlacht“ war, denn offiziell verweigerte ihm Yoshitsune diese Anerkennung.

Am 29. des vierten Monats, drei Tage nachdem Yoshitsune in Kyoto eingetroffen war, erreichte eine Nachricht aus Kamakura die Hauptstadt. Yoritomo erklärt darin, daß alle, die Belohnungen vom Hof akzeptieren, nicht länger als loyale Gefolgsleute von Kamakura gelten und hart bestraft würden. Es war augenscheinlich, daß sich dies auf Yoshitsune bezog. Die Krieger müßten sich von Yoshitsune distanzieren, wollten sie ihre Loyalität gegenüber Kamakura zeigen. Yoritomo beschuldigte Yoshitsune weiterhin, Unwillen unter den Kriegern erzeugt zu haben, da er sie gezwungen haben soll, sich ihm allein unterzuordnen. In Briefen, die zur selben Zeit an Kagetoki und Noriyori gingen, bezeichnete Yoritomo seinen Halbbruder Yoshitsune gar als Kriminellen (Zainin), der versucht habe, östliche Krieger von ihrer Pflicht und Loyalität gegenüber Kamakura zu entfremden. Aus den Überlieferungen geht hervor, daß Yoshitsune von den Anschuldigungen zutiefst betroffen war und einen Brief an Yoritomo über dessen Berater Ooe no Hiromoto sandte, in dem er seine Loyalität gegenüber Kamakura bekräftigte. Azuma Kagami behauptet allerdings, daß diese Ergebenheitserklärung den Zorn von Yoritomo nur noch steigerte.

Am 7. des fünften Monats 1185 begab sich Yoshitsune schließlich mit den gefangenen Taira, Munemori und dessen Sohn Kiyomune auf den Weg nach Kamakura. Doch als er sein Ziel acht Tage später erreichte, wurde ihm auf Geheiß von Yoritomo der Zutritt zur Stadt verweigert. Yoshitsune war gezwungen, die Gefangenen an Houjou no Tokimasa, den Gesandten von Yoritomo, zu übergeben, der sie zum Verhör nach Kamakura brachte. Für ihn selbst hingegen begann eine fast dreiwöchige Pause bei der Poststation von Koshigoe, nur knapp zwei Kilometer außerhalb von Kamakura. Als Yoshitsune erkannte, daß er verleumdet worden war, sandte er wiederholt Beteuerungen seiner Loyalität an Yoritomo, doch sie blieben allesamt unbeantwortet. Am Ende verzweifelte er und schrieb am 5.Tag des sechsten Monats den berühmten Koshigoe-Brief, der, wie bereits frühere Korrespondenzen, über Ooe no Hiromoto an Yoritomo gesandt wurde. Es ist zwar anzunehmen, daß Yoshitsune einen flehenden Appell an Yoritomo schickte, doch das überlieferte Dokument ist wenig authentisch, da es vollkommen überfrachtet mit bewußt hinzugefügten Ausschmückungen und Ergänzungen ist, die Mitleid für den gepeinigten Helden wecken sollen.

In dem Brief zählte Yoshitsune seine militärischen Errungenschaften auf, die zur Vernichtung der Taira und zur Rache für den Tod ihres Vaters Minamoto no Yoshitomo nach dem Heiji-Konflikt führten. Er schrieb auch von den Entbehrungen seiner Kindheit, die Opfer, die er für das Haus der Minamoto auf sich nahm und daß er die Ehrungen des Hofes nur akzeptierte, um damit der Ehre der Minamoto zu dienen. In einem Anfall von Selbstmitleid beklagte er die Verleumdungen, die Yoritomo gegen ihn aufgebracht haben müssen und daß ihm nicht einmal gestattet würde, Kamakura zu betreten. Und mit Bezug auf verschiedene Gottheiten, beschwört Yoshitsune seine ewige Loyalität gegenüber Yoritomo.

Der Brief macht noch einmal deutlich, daß die Findigkeit und Tapferkeit von Yoshitsune in starkem Gegensatz zu der fast kindlichen Einfachheit stehen, die er seinen persönlichen Beziehungen beimaß. Selbst in dieser späten Phase glaubte Yoshitsune noch daran, alle Probleme lösen zu können, indem er mit Yoritomo sprechen und die Aufrichtigkeit seiner Absichten erklärt („soi wo noboru“ aus dem Koshigoe-Brief bedeutet eigentlich  „die wahren Absichten nennen“). Diese Unschuld und Naivität wird in der japanischen Tradition häufig mit dem Begriff „Makoto“ (Reinheit, Aufrichtigkeit) verbunden.

...folgt der Verfall

Es gibt jedoch keinen Beweis, daß Yoritomo den Koshigoe-Brief je erhalten hat. Am 9.Tag des sechsten Monats wurden die gefangenen Taira an Yoshitsune zurückgegeben, zusammen mit dem beleidigenden Befehl, sie nach Kyoto zurückzubringen, ohne selbst einen Fuß nach Kamakura setzen zu dürfen. Eine Woche, nachdem er den Koshigoe-Brief geschrieben hatte, trat also ein verzagter Yoshitsune seine Rückkehr nach Kyoto an. Einige Tage später änderte Yoritomo jedoch seine Meinung und schickte ihnen Truppen mit der Botschaft nach, daß die Gefangenen zu töten seien. Yoshitsune folgte dem Befehl und exekutierte Munemori und Kiyomune bei Shinohara in der Provinz Oumi. Yoritomo steigert die Demütigung seines Bruders noch, indem er alle Güter, die Yoshitsune für seine militärischen Dienste erhalten hatte, 24 Ländereinen früherer Taira, wieder zurücknahm.

Später hinterbrachte der nach Kamakura zurückgekehrte Kajiwara seinem Herrn Yoritomo, daß Yoshitsune, anstatt einem neulich erlassenen Befehl zu gehorchen und seinen Onkel Minamoto no Yukiie zu züchtigen, sich mit diesem in Kyoto verschworen habe und nun einen Vorstoß nach Kamakura plane. Yoshitsune hatte zwar Verbindung zu seinem Onkel, doch historisch läßt kein Anhaltspunkt für ein Komplott finden. Erst als Yoshitsune später klar wurde, daß eine offene Auseinandersetzung unvermeidlich war, bat er seinen Onkel Yukiie um Hilfe. Doch bereits das Gerücht ließ Yoritomo das Schlimmste vermuten, nämlich Küngelei zwischen den Mitgliedern seines Clans. Für den Herrn von Kamakura stellten Yoshitsune und Yukiie zwar nur ein unerhebliches, wenn auch potentielles Risiko dar, doch als umsichtig-paranoider Herrscher machte er sich sogleich daran, es zu beseitigen. Der Legende nach war allein Kajiwara no Kagetoki die treibende Kraft hinter den Anschuldigung und so führten frei erfundene Verleumdungen dazu, daß Yoritomo in Yoshitsune eine Gefahr für seine Ordnung des Samurai-Dokoro sah, die physisch eliminiert werden mußte. Der Erzschurke (Kajiwara), der systematisch den Haß auf den Helden geschürt hatte, hatte ihm nun einen Vorwand geliefert, ihn zu vernichten.

Mitte des zehnten Monats 1185 gab Yoritomo den Befehl, seinen Bruder Yoshitsune gänzlich aus der Welt zu schaffen und es wurden einhundert Mann ausgesandt, um sich der Sache anzunehmen. Ihr Anführer war Tosabou no Shoushun, ein Kriegermönch zweifelhaften Rufes. Doch der nächtliche Überfall auf die Residenz von Yoshitsune missglückte und der Anführer der Bande wurde von den Freunden Yoshitsune’s in einem Kloster aufgespürt, nach Kyoto zurückgebracht und hingerichtet.

Mit der Zeit hatten sich die Qualen, die Yoshitsune wegen der Bestrafungen erlitt, die Yoritomo ihm (aus seiner Sicht ungerechterweise) zuteil werden ließ, in Ärger verwandelt. Zudem hatte der dreiste Anschlag auf sein Leben wohl auch Yoshitsune überzeugt, daß es keine Hoffnung auf Versöhnung gab und daß er Verbündete gewinnen mußte, wollte er überleben. Da er noch immer eine weitreichende Unterstützung des Kaiserhofes und besonders der Berater des Ex-Kaisers genoß, bat er Goshirakawa um die Kommission, gegen Kamakura zu ziehen und Yoritomo im Namen des Hofes „zu züchtigen“ (ein zu jener Zeit gebräuchlicher Euphemismus).

Es ist nicht klar rekonstruierbar, warum Goshirakawa dieser Bitte nachkam. Der Hof sympathisierte nach den Vorfall um Tosabou vielleicht mit Yoshitsune, doch es scheint wahrscheinlicher, daß Goshirakawa seiner globalen Politik folgte, „die Barbaren mit Barbaren zu kontrollieren“. Er wird erkannt haben, daß es schwierig bis gefährlich wäre, die Forderung abzulehnen, da Yoshitsune und Yukiie in Kyoto waren und durchaus auch in der Lage, ihren Bitten mit Gewalt Nachdruck zu verleihen. So wollte Goshirakawa vielleicht zunächst das naheliegende Problem abwenden, denn um das Nachspiel, das diese Aktion in Kamakura bewirken würde, konnte er sich ja später kümmern. Der Ex-Kaiser war in seinen Entscheidungen sowieso wankelmütig, zuweilen gar unehrenhaft, doch der Hof hatte nicht die Macht, eine offene Auseinandersetzung mit dem Schwertadel zu riskieren. Der Ex-Kaiser ergriff jedoch jede Chance, die Rivalitäten innerhalb der streitsüchtigen Clans auszunutzten, um ihre Anführer gegeneinander auszuspielen; immer mit der Hoffnung, einen gewissen Einfluß des Hofes in diesen Zeiten massiven gesellschaftlichen Umbruches retten zu können. Seine Entscheidung, Yoshitsune nach dem Sieg von Ichi-no-Tani und ein zweites Mal nach Dan-no-Ura ohne Umweg über Kamakura zu belohnen, war gewiß auch Teil dieser Strategie.

Glaubt man jedoch der Heike Monogatari, so schien Goshirakawa eine aufrichtige Zuneigung  für Yoshitsune entwickelt zu haben. Oder stellte der junge, etwas naive General in seinen Augen nur eine geringere Bedrohung als Yoritomo dar, der dabei war, von seinem Hauptquartier in Kamakura aus völlig neue Machtstrukturen durchzusetzen, die den Hof in hoffnungslose Ohnmacht abzudrängen drohten. Was auch immer die Gedanken des Exkaisers waren, sie veranlaßten ihn jedenfall, Yoshitsune mit der Aufgabe zu betrauten, seinen älteren Bruder zu züchtigen und ihn darüber hinaus noch zum obersten Verwalter aller Güter in Kyuushuu zu machen. Und doch waren es letztlich die Machenschaften von Goshirakawa, die den Bruch zwischen den Brüdern verursachten.

Am 3. des elften Monats verließen Yoshitsune und Yukiie Kyoto. In der Hauptstadt glaubte man, sie würden Goshirakawa mitnehmen, um auf Kyuushuu einen neuen Hof zu errichten, so wie es die Taira mit Kaiser Antoku gemacht hatten. Yoritomo nahm hingegen an, sie würden sofort ostwärts marschieren, um Kamakura anzugreifen und machte sich auch gleich daran, eine Verteidigungsarmee aufzustellen. Doch nichts von dem traf ein, denn Yoshitsune und Yukiie zogen zwar westwärts, allerdings ohne Goshirakawa. Der Befehl des Exkaisers stellte nur die Legitimation für eine militärische Unternehmung gegen Yoritomo dar, er war jedoch nicht mit der materiellen Unterstützung verbunden, die ein solcher Feldzug erforderte. Als Yoshitsune Kyoto verließ, hatten er nur zweihundert Reiter unter seinem Kommando und ein Aufruf an die Krieger der mitteljapanischen Provinzen war ohne Wirkung verhallt.

Da ihn der Hof jedoch zum Oberverwalter aller „Shouen“ (Güter) in Kyuusshuu und Shikoku gemacht hatte, besaß Yoshitsune noch einen Trumpf. Diese Gebiete konnten zwar nicht das Truppenkontingent stellen, das für einen Feldzug gegen Kamakura notwendig gewesen wäre, doch diese Verstärkung wäre ein entscheidendes Argument, um weitere Heerführer zu überzeugen. Und so entschieden Yoshitsune und Yukiie, ihre Armee auf Kyuushuu zu rekrutieren. Diese Vorraussicht erscheint jedoch äußerst ungewöhnlich für Yoshitsune, der eher für sein kühnes Vorgehen bekannt war und auch Yoritomo erwartete einen direkten Angriff. Warum Yoshitsune so überlegt und bedächtig vorging, läßt sich nur erahnen. Möglicherweise war er wegen der Feindseligkeiten seines Bruders zermürbt, niedergeschlagen und hatte seine Verwegenheit und seinen Optimismus eingebüßt. Vielleicht zögerte er auch seinen Bruder anzugreifen, dem er so lange Jahre treu gedient hatte oder aber sein Onkel konnte ihn vom Wahnsinn einer Konfrontation mit Kamakura ohne ein größeres Heer überzeugen.

Der Fall eines Helden

Das Glück, das Yoshitsune so oft zur Seite stand, hatte ihn jedenfalls verlassen, denn nachdem sie erst drei Tage unterwegs waren, da geschah auch schon das Unglück. Zunächst mußten sie den Angriff einer kamakura-treuen Armee in der Provinz Settsu abwehren. Dann versuchten sie, von Daimotsu in Settsu aus, nach Kyuushuu überzusetzen, doch ein aufkommender Sturm zerstörte viele Boote und zerstreute die übrigen. Damit war die schwache Hoffnung auf Unterstützung völlig zunichte gemacht. Yoshitsune und Yukiie wurden getrennt und konnten jetzt nur noch versuchen, einer Gefangennahme durch die feindlichen Truppen zu entgehen.

Auch die Unterstützung des Ex-Kaisers für Yoshitsune fand ein jähes Ende, denn kaum war Yoshitsune weg und Truppen Kamakura’s in der Stadt, wiederrief Goshirakawa sein Dekret und behauptete, es sei gegen seinen Willen ergangen. Im Gegenzug beauftragte er nun Yoritomo damit, Yoshitsune zu züchtigen.

Doch wie konnte ein brillanter Heerführer trotz seiner Popularität plötzlich so schwach werden? Die Ursache für den Niedergang von Yoshitsune lag vor allem im Mangel an Unterstützung und hier stellt sich Frage nach dem Verständnis seiner heroischen Laufbahn. Ein Grund für den geringen Beistand liegt darin, daß die militärische Befehlsgewalt, die er während seiner ruhmvollen Jahre ausübte, ausschließlich auf seiner Rolle als Stellvertreter des Herrn von Kamakura beruhte. Yoshitsune hatte als Vasall von Yoritomo keine nennenswerten eigenen Truppen. Die Befehlshaber, die mit ihm gegen die Taira kämpften, waren im Grunde alle Kamakura treu und als deutlich wurde, daß Yoshitsune in Ungnade gefallen war, zeigen sie keine Intention, dagegen zu intervenieren. Nach dem offenen Bruch scheiterten alle Versuche von Yoshitsune, ein eigenes Heer zu rekrutieren. „Die Krieger der Provinzen wollten sich Yoshitsune nicht anschließen [...] und obgleich er allerorten um Krieger warb, erklärten sich nur wenige bereit, ihm zu helfen.“, steht im Gyokuyou geschrieben, dem Tagebuch von Fujiwara no Kanezane.

Viele der Krieger, die Yoshitsune anzuwerben versuchte, sympathisierten vielleicht mit ihm, doch als Gefolgsleute des Minamoto-Clans erkannten sie in Yoritomo ihren obersten Herrn und maßen einem erfolgreichen Aufstand von Yoshitsune zu geringe Aussichten bei, um sich selbst darin zu involvieren. Sie zögerten nicht nur, eine verlorene Sache zu unterstützen, sie sehnten sich wahrscheinlich auch nach einem stabilen System mit Frieden und Sicherheit. Zu lange waren sie bereits mit Unruhen und Blutvergießen konfrontiert. Und so sehr sie auch Mut, Aufrichtigkeit und andere Qualitäten von Yoshitsune bewunderten, so erkannten die Krieger der Provinzen doch, daß Widerstand gegen Kamakura das Land erneut in Aufruhr versetzen würde. Yoritomo hingegen würde nach diesem langen Krieg die Ordnung im Land wiederherstellen und damit auch die Position der Krieger vom Lande sichern.

Davon abgesehen wurde Yoshitsune bei der Suche nach Anhängern auch von seiner eigenen impulsiven, weltfremden und individualistischen Weltanschauung behindert. Die Fähigkeiten und das diplomatische Geschick seines Bruders fehlten ihm völlig. Er war seinen Soldaten zwar ein ausgezeichneter Heerführer, zeigte jedoch keinerlei Geschick im Umgang mit den anderen Befehlshabern und viele von seinen Generälen hatten etwas gegen ihn. Yoshitsune war ein Krieger, ein Mann der Tat. Er war hoffnungslos ungeeignet als Politiker, von Natur aus unfähig zur Diplomatie, unfähig zur kühlen Planung und zu Kompromissen, ohne die ein dauerhafter Erfolg nicht zu erzielen ist. Und so konnte er schließlich in der Krise keine Unterstützung von Heerführer finden, die eine große Anzahl von Soldaten kommandierten, sondern mußte sich auf seine kleine Gruppe treuer Anhänger verlassen, mit denen ihn starke persönliche Gefühle verbanden.

Yoshitsune ging mit seinen Verbündeten in den Untergrund, indem sie sich als Bergpriester (Yamabushi) verkleideten. Ab dieser Zeit sind keinerlei verläßliche Informationen mehr über seine Bewegungen bekannt, von 1185 bis Ende 1187, als er in Hiraizumi in Mutsu wieder auftauchte. Yoshitsune war jetzt ein Ausgestoßener, vom Hof geächtet und von seinem Bruder unerbittlich verfolgt, der nun die aufwendigste Menschenjagd in der japanischen Geschichte organisierte. Yoritomo fahndete im ganzen Land nach Yoshitsune, bewaffnet mit kaiserlichen Dekreten sandte er Agenten aus und ließ zahllose Grenz- und Kontrollposten errichten. Aus den historischen Unterlagen läßt sich ableiten, daß Yoshitsune einen Großteil seiner fast zweijährigen Flucht in den zentralen Provinzen und in Kyoto selbst verbrachte. Er erhielt sogar weiterhin Unterstützung vom Hof, vermutlich auch von Goshirakawa selbst und viele prominente Tempel gewährten ihm Zuflucht, darunter Enryaku-ji, Koufuku-ji, Kurama-dera und Ninna-ji. Es ist klar, daß sich Yoritomo nicht nur wegen eines einzelnen Feindes sorgte, er fürchtete viel mehr, daß Yoshitsune in der Lage sein könnte, eine Opposition gegen Kamakura zu mobilisieren. Doch obwohl die Suchmaßnahmen einige Erfolge zeigten; so wurde im fünften Monat 1186 Yukiie gefunden, gefangen und hingerichtet und auch die Geliebte von Yoshitsune, Shizuka no Gozen fiel den Feinden in die Hände; Yoshitsune selbst blieb jedoch verschwunden.

Shizuka no Gozen

Shizuka war die Lieblingsmätresse von Yoshitsune, berühmt als die schönste Frau Japans und beste Tänzerin ihrer Zeit. Während seines Niedergangs hing sie in leidenschaftlicher Hingabe an ihrem Geliebten. In dem Nou-Stück „Yoshino Shizuka“ verhilft sie Yoshitsune zur Flucht, indem sie die feindlichen Truppen mit einem ihrer berückenden Tänze ablenkt. Doch nach dem Schiffbruch auf der Inlandsee bestand Benkei darauf, Shizuka nach Kyoto zurückzuschicken, da sie die Flucht behindern würde. Yoshitsune, bereits in der passiven Phase seines Daseins, willigte ein. In dem berühmten Kabuki-Stück „Yoshino Yama“ wird die Episode ihres Weges durch die Berge von Yoshino erzählt: Bei ihrem Abschied schenkte Yoshitsune seiner Geliebten noch eine Handtrommel als Zeichen seiner Liebe und ließ sie von seinem treuen Gefährten Satou no Tadanobu begleiten. Doch wußten beide nicht, daß Tadanobu in Wirklichkeit ein Fuchsgeist war, der nur die Gestalt von Tadanobu angenommen hat. In den Berge von Yoshino ruhte sie sich unter Kirschbäumen aus, die gerade in voller Blühte standen, als sie bemerkte, daß Tadanobu verschwunden war. Um sich zu beruhigen, begann sie, die Handtrommel zu spielen und Tadanobu tauchte unvermittelt wieder auf. Nach einigen Zwischenspielen vollführte Tadanobu einen Tanz, in dem er den heldenhaften Tod seines Bruders Satou no Saburoubyoue Tsuginobu am Strand von Yashima beschrieb. Da erschien plötzlich Hayami Touta, der mit seinen Männer im Auftrag von Kamakura nach den Flüchtigen suchte. Er erkannte Shizuka und versuchte, sie festzunehmen, doch bei Anblick von Tadanobu verlor er seine Angriffslust. Todanobu hingegen griff die Männer an, sprang und gestikulierte dabei wie ein Fuchs, der er nun einmal war und vertrieb die Angreifer schließlich. Es stellte sich letztlich herraus, daß die Handtrommel mit dem Fell der Eltern des Fuchsgeistes bespannt war und er unwiderstehlich von ihrem Klang angezogen wurde. Und so folgte er Shizuka auch weiterhin und war sich sicher, daß sie seine wahre Gestalt anhand seiner Sprünge und Gesten erraten hatte.

Letztlich wurde Shizuka dennoch gefangen genommen und nach Kamakura verschleppt. Dort verhörte man sie bezüglich des Aufenthaltsortes von Yoshitsune, doch sie weigerte sich standhaft, ihn preiszugeben. Als ihre Schwangerschaft entdeckt wurde, ordnete der Herr von Kamakura an, daß ein männlichen Kind sofort zu töten sei, damit kein Erbe von Yoshitsune am Leben bliebe. Wie zu erwarten, bekam Shizuka einen Sohn, der am Strand von Yuigahama getötet wurde. Später wurde der vor Schmerz fast wahnsinnigen Shizuka befohlen, vor Yoritomo und seinem Gefolge am Hachiman-Schrein zu tanzen. Sie gehorcht zwar, nutzt die Gelegenheit jedoch, um ihre Feinde durch Lobpreisung von Yoshitsune herauszufordern. Ungeachtet dieser Beleidigung wurde ihr die Rückkehr nach Kyoto erlaubt. Dort schnitt sie sich ihr Haar ab und wurde Nonne. Sie starb im Jahr darauf im Alter von zwanzig, unfähig die traurige Last ihrer Erinnerungen zu tragen. Im Laufe der Zeit wurde sie zu einer der wenigen romantischen Heldinnen Japans.

Auf der Flucht

Nachdem Yoshitsune seinen Häschern einige Male nur knapp entkommen war, gelang es ihm seine Spuren völlig zu verwischen. Man glaubte, er würde sich zurück nach Kyoto schlagen (was er auch tatsächlich tat), und so wurde jedes Haus in der Stadt durchsucht. Zahlreiche Truppen wurden zu den Tempeln gesandt, da man annahm, daß Yoshitsune dort Zuflucht suchen würde. Alle Strassensperren, Grenzposten und Militärbasen wurden in Alarmbereitschaft versetzt.

Nun war Japan im 12. Jahrhundert durch mangelhafte Kommunikationswege allerdings ein riesiges Land und die unübersichtliche, gebirgige Landschaft bot geradezu ideale Zufluchtsorte für einen findigen Flüchtling, besonders wenn er, wie Yoshitsune, viele Sympathisanten hatte. Die Jagd zog sich erfolglos hin, so daß sogar die Götter um Hilfe angerufen wurden. In vielen Tempeln wurden Gebete für die Ergreifung von Yoshitsune rezitiert und auch im Ise-Schein wurden auf Anweisung Kamakura’s ähnliche Fürbitten vorgebracht. Jeder Spur wurde nachgegangen, so irreal sie auch sein mochte. Als ein Verwalter träumte, er habe Yoshitsune in Kouzuke gesehen, machte er pflichtbewußt Meldung und es wurde ein spezieller Suchtrupp in die Provinz entsandt.

Für Yoritomo war die Jagd nach seinem Bruder zur Besessenheit geworden. Er war außer sich über die mißglückte Verfolgung und hatte offenbar auch den Kaiserhof in Verdacht, nicht mit dem nötigen Eifer hinter dieser Angelegenheit zu stehen. Und so schreib er dem Exkaiser in Kyoto ein Jahr nachdem die Suche eingeleitet worden war:

„[Yoshitsune] hat in allen Teilen des Landes Freunde und die gegenwärtigen halbherzigen Maßnahmen können unmöglich zu seiner Gefangennahme führen. Aus diesem Grund hege ich die Absicht, eine Streitmacht von zwanzig- bis dreißigtausend Mann zu entsenden, die jeden Hügel und Tempel im Land durchkämmen werden. Da dies zu bedauerlichen Eventualitäten führen könnte, ersuche ich den Hof, falls man dort eine zuverlässige Methode zur Gefangennahme [von Yoshitsune] nennen kann, dies [nach Kamakura] weiterzuleiten“.

Goshirakawa war völlig eingeschüchtert von dieser unverhohlenen Drohung und gab eiligst neue Suchbefehle heraus. Yoshitsune muß etwa zu dieser Zeit erkannt haben, daß er nicht länger in der Gegend der Hauptstadt bleiben konnte und faßte den Entschluß, in das Herrschaftsgebiet der nördlichen Fujiware nach Mutsu zu flüchten.

Es gibt zahlreiche Mutmaßungen über die genaue Route dieser gefährlichen Reise von Yoshitsune durch die mittleren und östlichen Provinzen Japans, die alle unter der direkten Kontrolle von Kamakura standen. Da nicht einmal die verzweifelte Hetzjagd seines Bruders den Aufenthaltsort von Yoshitsune ausfindig machen konnte, ist acht Jahrhunderte später erst recht nichts Genaues zu erfahren. Der einzig gesicherte Fakt ist, daß Yoshitsune nach sechsmonatiger Wanderschaft Ende 1187 sein Ziel in Hiraizumi erreichte. Wahrscheinlich unterstützen ihn die Mönche der Tempel nahe der Hauptstadt und entlang seiner Wanderroute. Sie kannten ihn aus besseren Tagen und hatten in seinem Unglück Mitleid mit ihm. Vielleicht haben auch vielen andere Menschen Yoshitsune in diesen schlechten Zeiten beigestanden. Yoshitsune war von Natur aus warmherzig und impulsiv, was vielleicht seine Beliebtheit insbes. bei den Damen und Höflingen erklärt. Er war sogar in den für Krieger untypischen, höfischen Künsten der Heian-Zeit bewandert, wie der Poesie. Ein Gedicht, daß er auf seiner Flucht rezitiert haben soll, lautet zB.:

„In der Tat beneidenswert,

die zielstrebigen Gänse,

die die dicken weissen Wolken zerteilen,

auf dem Hokurikudou.“

Viele Legenden schildern Yoshitsune zudem als virtuosen Flötenspieler. Dies steht in Zusammenhang mit seiner Rolle als eleganter Höfling und ist ebenfalls ein Grund für seinen Erfolg bei Frauen. Darüber hinaus wurde der einsame und klagende Ton der japanischen Fue zum Symbol für das ergreifende kurze Leben von Yoshitsune. Die Flöte spielt auch eine wichtige Rolle in einer Romanze, die den Balladenstücken der Gattung „Joururi“ ihren Namen verdankt: In jener Geschichte bezauberte Yoshitsune die Dame Joururi und ihre Begleiterinnen mit seinem Flötenspiel, Joururi wurde seine Geliebte, doch er mußte sie verlassen, um seine Reise nach Norden fortzusetzen. Nachdem es Yoshitsune als Kind an elterlicher Zuwendung gemangelte, hatte er sich offensichtlich eine engere Beziehung zu seinem älteren Bruder erhofft und er kompensierte einen Großteil seiner Gefühle in zahllosen Liebesabenteuern. So soll er während seines kurzen Aufenthalts in Kyoto mehr als zwei Dutzend Damen den Kopf verdreht haben und sein Eindruck auf sie war augenscheinlich so groß, daß sich elf von ihnen sogar seiner Reise nach Kyuushuu anschlossen. Der Ruf von Yoshitsune als Frauenheld, der etwas an den Prinzen Genji erinnert, wird sein übriges getan haben, um Yoritomo an der Ernsthaftigkeit und Zuverlässigkeit seines Bruders zweifeln zu lassen. Die Sinnlichkeit des Helden wurde aber auch Teil der Legende. So sind in einer Reihe von Holzschnitten des Künstlers Kunisada (1786-1865) die erotische Begegnungen von Yoshitsune mit verschiedenen jungen Damen darstellen, die ihn selbst für dem übertriebenen Maßstab japanischer Frühlingsbilder mit riesigen Geschlechtsteil zeigen. Der Gegensatz von ausschweifenden Sexualität und den zarten, mädchenhaften Charakterzügen der späteren Legenden verdeutlicht noch einmal seine Ambiguität.

Es gibt in vielen Orten Japans Legenden über das Liebesleben von Yoshitsune, beispielsweise in Fujikura, Kawahigashi in der Präfektur Fukushima. Dieser Legende zufolge verliebte sich schöne Prinzessin Minazuru unsterblich in Yoshitsune. Als dieser sie jedoch wieder verlassen mußte, entschloß sich Minazuru, ihrem Geliebten zu folgen. Doch die Strapazen waren zuviel für das zarte Mädchen, so daß sie nach 40tägiger Reise krank in Fujikura zusammenbrach. Sie konnte sich zwar dank der Hilfe der Anwohner wieder erholen, doch die Tage der Entbehrungen hatten sie gezeichnet und als sie eine Tages ihr Spiegelbild im Naniwa-Teich sah, war sie so entsetzt, daß sie hineinsprang und sich ertränkte. Die Leute von Fujikura errichteten ihren Grabstein mit Blick auf den Berg Bandai im Norden, so daß sie immer in die Richtung blicken konnte, in die ihre Liebe gegangen war.