Genko - Teil 1
Die Mongolen kommen (1274)
Als Kublai Khan im Jahr 1271 das mongolische Herrscherhaus in China als Yuan-Dynastie etablierte waren den Mongolen fast alle Reiche von Europa und Asien untertan. Im Osten waren sie bis an die Küste des Chinesischen Meeres vorgedrungen und hatten China und Korea unterworfen. Das einzige Land, welches sich noch ihrer Kontrolle in Ostasien entzog, lang über dem Meer Japan.
Es ist nicht sicher, welche genauen Beweggründe Kublai Khan veranlassten, gegen Japan vorzugehen. Das Lang schien nicht ökonomisch attraktiv zu sein, war klein und schwer zu erreichen. Eventuell lag es an den guten Beziehungen zwischen der südchinesischen Sung-Dynastie und dem japanischen Reich, gegen die Kublai Khan derzeit Krieg führte. Vielleicht fürchtete er logistische oder militärische Unterstützung seitens der Japaner für die Sung oder das Inselreich bildete einfach den krönenden Abschluß seines Großmachtbestrebens?
Bereits sechs mal hatte die mongolische Führung unter Kublai Khan Abgesandte mit Tributforderungen nach Japan geschickt, die vom Regenten Hojo Tokimune (1251-1284) strikt abgewiesen wurden. Zu eindeutig war der Wortlaut und Sinn der mongolischen Botschaften:
Ich bete dafür, daß wir fortan durch Gespräche und gegenseitigen Austausch Freundschaft schließen können. Unsere weisen Männer der Vergangenheit sahen die See als Teil ihrer Heimat an. Wenn wir nicht in andere Länder reisen, wie sollen wir dann unser Heimatland erweitern? Wer mag es schon, militärische Macht einzusetzen?
Kublai Khans Brief an das Hojo-Bakufu in Japan 1266 (heute im Todaiji Tempel, Nara)
Bun-ei no eki
Schon kurze Zeit nach seiner Inthronisierung begann Kublai Khan eine Invasion auf die japanischen Inseln vorzubereiten, so daß bereits im November 1274 (11. Jahr Bun-ei), eine Flotte von 40.000 Männern von Süd-Korea in Richtung der japanischen Inseln, nach Kyushu, aufbrach. Eigentlich kann man nicht direkt von einer mongolischen Militärmacht sprechen, ein Teil der Invasionsstreitkräfte mit 20.000 Soldaten bestand aus Mongolen, Nord-Chinesen und Jurchen-Tataren sowie 6.000 koreanischen Männern des besetzten Königreiches Koryo, die durch die mongolischen Eroberungen jetzt zum Reich Kublai Khans gehörten.
Der Anlaufpunkt in Japan war bereits ausgewählt. Zuerst griff man die vorgelagerten Inseln Tsushima und Iki an, deren Garnisonen nach kurzer Zeit ausgelöscht waren. Die Hauptlandung sollte in Imazu in Hakata (Provinz Hizen) erfolgen, einer weitausladenden Bucht (heute Fukuoka), die einen natürlichen Rückzugspunkt für die Transportschiffe bot und die durch ihren Handelshafen den koreanischen und chinesischen Händlern (und wahrscheinlich auch Spionen) bestens bekannt war. Hier wußte man, welche topografischen Gegebenheiten zu erwarten waren, welche Befestigungen vorhanden und wie das Umland gestaltet war. Nach ca. 2 Wochen erreichte der Konvoi von Südkorea aus die vorgelagerten japanischen Inseln Tsushima und Iki, von wo aus man zum Sturm auf Kyushu ansetzte. Wie geplant, war der Landungsversuch erfolgreich und die Truppen konnten einen Brückenkopf im Gebiet der heutigen Stadt Fukuoka in Imazu bilden. Die unter den japanischen Feldherren Shoni Sukeyoshi und Otomo Yoriyasu stehenden 6.000 10.000 Samurai aus Kyushu, die die Mongolen erwarteten, konnten die Invasoren nicht wieder ins Meer zurückwerfen. Im Gegenteil, die mongolischen Kräfte bauten ihre Position aus und begannen in Richtung der Provinz Chikuzen vorzustoßen. Die japanischen Verteidiger mußten sich bis nach Dazaifu zurückziehen, einer Ortschaft ca. 20 km südlich der Hakata-Bucht, wo die nachrückenden mongolischen Truppen den Hakozaki-Schrein und japanische Ortschaften brandschatzten. Die Samurai gerieten immer mehr in Bedrängnis, bis sich die Invasoren bei Einbruch der Nacht an die Küste, zu ihren Schiffen, zurückzogen. Als die japanischen Krieger nach nächtlicher Kampfpause die Bucht von Hakata erreichten um sich erneut den Invasoren zu stellen, fanden sie den Strand verlassen vor...
Das eintägige Abenteuer hatte Japan glimpflich überstanden. Doch wohin war die mongolische Flotte am nächsten Morgen verschwunden? Gängige Lehrmeinungen gehen davon aus, daß ein Sturm die Transportschiffe der Invasionsstreitkräfte über Nacht heimgesucht hat, die durch die großen Verluste geschwächt ihren Feldzug aufgaben und nach Korea zurückkehrten. Die Expedition soll die Mongolen insgesamt über ein Drittel ihrer Mannschaft gekostet haben. Die einzigen Soldaten, die in Japan zurückblieben, wurden am nächsten Tag in der Nähe der Bucht von Samurai unter Otomo Yoriyasu gefangengenommen. Es waren ca. 50 Männer, die noch von den Japanern aufgegriffen und als Siegesbeweis in die Kaiserstadt Kyoto gebracht wurden.
Es gibt jedoch neuere Forschungen, die bezweifeln, daß die erste Mongoleninvasion in Japan einem Sturm zum Opfer fiel, der die Angreifer zum Abbruch ihrer Kampfhandlungen veranlaßte. Einerseits erwähnen verschiedene japanische Aufzeichnungen nichts über Naturkatastrophen irgendwelcher Art in diesem Zusammenhang und sprechen eher vom Erstaunen der Krieger, die den Strand am nächsten Morgen leer vorfanden. Ein einziges Schiff, welches gestrandet war, zeugte noch von der mächtigen Flotte des Vortages (eventuell gehörten die Gefangenen Otomos zur Besatzung dieses Fahrzeugs). Es gibt Hinweise, daß die erste mongolische Expedition eine geplante Aktion war, deren plötzlicher Rückzugsbefehl fester Teil eines vorher bestehenden Planes war. Es scheint, als sollte lediglich die Verteidigungsbereitschaft und das Kampfverhalten der Samurai ausgelotet werden, denen sich die mongolischen Krieger bei einer echten, späteren Invasion zu stellen hatten. In den Aufzeichnungen der neuen Yuan-Dynastie gibt es angeblich keine Hinweise auf einen mißlungenen Feldzug in Japan oder irgendwelche Bedenken gegen weitere Eroberungsversuche. In den nächsten Jahren sollten die Mongolen ihr Reich vorerst weiter nach Südchina ausdehnen.
Außerdem ist es denkbar, daß Kublai Khan die Möglichkeiten eines maritimen Landungsunternehmens prüfen wollte, mit dem die Mongolen bis dahin keine Erfahrungen hatten. Es gehörte zum Erfolgsrezept mongolischer Kriegsführung, sich die Technologien der unterworfenen Völker zu eigen zu machen, weshalb zu ihrem Landungstrupp in Japan sowohl chinesische Artillerie, als auch chinesische und koreanische Marineeinheiten gehörten.
Genko borui
Samurai auf der Schutzmauer in der Hakata-Bucht
(Moko shurai ekotoba)
Genko borui
Japan war gerade mit einem blauen Auge davongekommen. Doch die japanische Führung wollte die Zukunft des Landes nicht wieder dem glücklichen Zufall einer Naturkatastrophe überlassen. Für eine erneute Invasion wollte man besser gerüstet sein. Hojo Tokimune (1251-1284), der 10. Regent des Kamakura-Bakufu, entschied als erste Maßnahme die Errichtung einer Küstenbefestigung (1276) im Bereich der Hakata-Bucht als erste Verteidigungslinie. Diese Befestigungsanlage (Genko-borui) wurde als nach oben verjüngender Wall gebaut, wobei man die beiden Außenseiten mit Bruchstein aufschichtete, die innen mit alternativem Material, wie Erde und Sand ausgefüllt wurde. Der Hauptwall aus Stein (Ishi-tsuiji) war ca. 2,5 Meter stark und über 2 Meter hoch. Von der Landseite aus war er sogar für Reiter begehbar. Neueste Ausgrabungen legten noch ein zweiter Erdwall von 1,5 Meter Breite und 1,3 Meter Höhe frei, der dem eigentlichen Steinwall an verschiedenen Stellen in einem Meter Distanz vorgelagert war. Die Bedeutung dieser zweiten Anlage ist heute nicht gänzlich geklärt, aber der Sinn der kompletten Befestigung wird wohl die Verhinderung der Gruppierung und Aufstellung größerer Truppenverbände des Feindes gewesen sein, die sowohl als Schußplattform als auch als Deckung genutzt werden konnte. Außerdem verhinderte sie ein schnelles Vordringen des Feindes ins Innenland und erschwerte die Errichtung eines Brückenkopfes an der Küste. Das Bakufu verpflichtete alle Vasallen auf Kyushu, sich am Bau der Verteidigungsanlage zu beteiligen, wobei die Größe des zu errichtenden Stückes von der Größe der Landbesitzung abhängig gemacht wurde. Als der Wall vollendet war reichte er von Kashii bis nach Imazu über eine Strecke von 20 km Küstenlinie. Moderne Ausgrabungen wiesen nach, daß einzelne Teile des Walls nach verschiedenen Konstruktionsmethoden errichtet wurden, was einen Hinweis auf die verschiedenen Bauherren geben könnte, die sich wahrscheinlich nur grob an einen bestehenden Plan hielten, bzw. was eine zentrale Bauhoheit ausschließt. Bauleute der Provinzen Hyuga und Osumi aus Süd-Kyushu, die für den Teil der Befestigung in Imazu verantwortlich waren, schufen einen massiven Doppelsteinwall, während anderorts, wie etwa im Gebiet um Iki no Matsubara nur ein einfacher einseitiger Steinwall von den Männern der Provinz Higo aus Zentral-Kyushu errichtet wurde. In anderen Gebieten wiederum, z.B. Nishijin und Momochi liegt ein erdgefüllter beidseitiger Steinwall vor, welcher der hauptsächlichste Typus der Verteidigungsanlage in der Hakata-Bucht zu sein scheint.
Neben dem Wall erwägte Japan weitere Maßnahmen, um gegen die Mongolen gerüstet zu sein. Auf der Befestigungsanlage patrolierte freiwillige Krieger, die aus einer Gruppe von 120 berittenen Samurai bestand, außerdem wurde eine Art Küstenwacht gegründet, die als Frühwarnsystem fungieren sollte. Verteidigungen wurden außerdem in Nagata und anderen westlichen Küstenabschnitten sowie n der Inlandsee ausgehoben. Es gab sogar die Überlegung eine eigene Streitmacht unter General Shoni Tsunesuke nach Südkorea zu schicken, um dortige Kontingente an Transportschiffen und Hafenanlagen zu zerstören und so eine erneute Invasion von Anfang an im Keim zu ersticken.
Neben den auferlegten Baumaßnahmen schienen die Clans aus Kyushu auch durch die geforderten militärischen Aufwendungen und die Bereitschaftsdienste in Hakata immer mehr in Konflikt mit der regierenden Hojo-Führung zu kommen. Traditionell wurden Krieger nach erfolgreichen Feldzügen mit eroberten Ländereien belohnt, die dem Verdienst und der Tapferkeit auf dem Feldzug entsprachen. Dieses war aber bei der Rückschlagung der Mongolen nicht zu gewinnen. Die Clans mußten die Samurai somit aus eigenen Beständen entlohnen, insofern sie dazu in der Lage waren, was ökonomisch zur Belastung wurde und von Anfang an zum Verlustgeschäft verurteilt war. Allgemeine Forderungen der Krieger an das Bakufu wurden abgewiesen. Die einzige fragliche Möglichkeit der Regierung, die finanziellen Probleme der Vasallen in Kyushu zu mildern, waren verschiedene Gesetzgebungen (1284 und 1297), welche den Samurai teilweise Schulderlasse oder Restaurationsansprüche zusprach.
Außerdem stellte das Bakufu sofort alle Verbindungen zum asiatischen Festland ein (bis zum 14. Jhdt), was sich vor allem auf den Handel auswirkte, der unter anderem die Luxusgüter für die japanische Oberschicht, wie z.B. Seidenprodukte aus China beschaffte. Dies waren nicht die besten Voraussetzungen für die innenpolitischen Gefüge Japans zum Ende des 13. Jhdts.
Die Mongolen drängten in der Zwischenzeit weiter. Als Kublai Khan im Jahr 1275 erneut eine Gesandtschaft nach Japan schickte, um seine Forderungen zu bestätigen, wurden die Diplomaten nach ihrer Überführung in Kamakura enthauptet. Eine eindeutige Antwort...