Japanische Geschichte - Teil 14

„An die Genji [Minamoto] und ihre Krieger in den Provinzen der drei Gebiete Toukai, Tousan und Hokuriku: Euch wird befohlen, den falschen Priester Kiyomori, seine Anhänger und andere Rebellen sofort zu verfolgen und zu vernichten.“ (Aus der Proklamation von Prinz Mochihito, April 1180; laut dem Azuma Kagami)

Gempai-Krieg

Die Wortschöpfung „Gempei“ ist eine typisch japanische. Das Wort besteht aus den Teilen „Gen“ und „Hei“ (in japanischer Intonation wird „n“ vor „b“ bzw. „p“ wie „m“ gesprochen und das gehauchte „h“ wandelt sich vor Nasallauten in den jeweils härteren Laut); „Gen“ stammt dabei von „Genji“, der vornehmen chinesischen Lesung der Kanji „Minamoto“ und „Hei“ von „Heike“, welches die chinesische Lesung von „Taira“ ist. (Korrekterweise müßte es „Genpai“ geschrieben werden, ich habe mich aber Aufgrund der allgemein üblichen Schreibung dahingehend durchgerungen, hier eine Ausnahme zu machen. Eine Verwechslungsgefahr kann ja in diesem Fall ausgeschlossen werden. Anm. d. A.)

Gempai-Krieg ist somit nur eine Verkürzung des Ausdruckes „Krieg zwischen Minamoto und Taira“. Dies legt zwar die Vermutung nahe, daß sich im Japan des ausgehenden 12. Jh. ausschließlich Taira und Minamoto gegenüberstanden, dem kann jedoch nicht vorbehaltlos entsprochen werden.

Nachdem Yoritomo 1180 seinem Exil in Izu entkommen war, konnte er innerhalb weniger Monate beträchtlichen Einfluß im Kantou gewinnen. Dennoch strebte er keine direkte Konfrontation mit Taira Kiyomori an. Yoritomo wollte in erster Linie seine Hegenomie im Osten sicherstellen. Dabei stützte er sich auf die Proklamation des Prinzen Mochihito, welche seiner Auslegung nach „alle privaten und öffentlichen Gebiete des Ostens unter [Yoritomo’s] Zuständigkeit stellt(e)“. Doch noch während Yoritomo die offizielle Bestätigung durch den Kaiserhof abwartete, setzte er seine Kontrolle über das Kantou-Gebiet de facto schon durch. Dabei erwarb er sich die Unterstützung aller wichtiger Kriegerclans des Ostens, einschließlich Clans, die von Seitenzweigen der Minamoto als auch der Taira abstammten: So z.B. die Familien der Kazusa, Chiba und Miura (Taira der Provinzen Kazusa, Shimousa und Sagami) oder die Clans der Sataka, Nitta und Ashikaga (Minamoto aus den Provinzen Hitachi, Kouzuke und Shimotsuke). Somit ist es haltlos, den Gempai-Krieg alleinig als einen Krieg zwischen zwei getrennten Clans, Taira gegen Minamoto, zu betrachten. Die Materie ist viel komplexer.

Das Kantou stellte die bedeutendste Region in diesem Stadium des Krieges dar, da Yoritomo sein Militärregime im Kantou errichtete. Die Clans der Kantou-Region werden weder Zeit noch Grund gehabt haben, sich Gedanken über das Schicksal der Ise-Taira in Kyoto zu machen; oder über ihre Position in dem was heute „Gempai-Krieg“ genannt wird. Die Familien werden sich eher mit der Frage beschäftigt haben, wie sie mit dem Aufstieg von Yoritomo zum Herrscher über das Kantou umgehen, ob sie ihn unterstützen oder ihm entgegentreten und jeder Clan wird seine Entscheidung wohl eher auf der Grundlage von eigenen Interessen getroffen haben als sich auf die relativ losen familiären Verbindungen zu Taira oder Minamoto zu berufen.

Einen entscheidenden Wendepunkt bildete dabei die Schlacht am Fujigawa. Nachdem Yoritomo bei Ishibashiyama in der Provinz Sagami eine vernichtende Niederlage erleiden mußte und nur knapp mit dem Leben davonkam, war der „Sieg“ über die Armee der Ise-Taira an den Ufern des Fuji von entscheidender Bedeutung für den weiteren Verlauf des Krieges: Die Taira sollten nie wieder eine Armee in die Kantou-Region schicken; für Yoritomo bedeutete dies praktisch die Bestätigung seiner Hegemonie und für die Clanfamilien des Kantou stellte es eine wesentliche Vereinfachung ihrer Entscheidung dar.

Die Jahre 1181 und 1182 vergingen ohne größere Ereignisse von Seiten Yoritomo’s. Im Frühjahr 1181 starb Taira Kiyomori und noch auf dem Totenbett verlangt er den Kopf von Yoritomo, so berichtet in Heike Monogatari. Doch stattdessen begann Minamoto no Yoshinaka eine Reihe von Feldzügen gegen die Ise-Taira.

Familienbande

Minamoto no Yoshinaka war der Cousin von Yoritomo, Sohn von Minamoto no Yoshikata, einem jüngeren Bruder von Yoshitomo (Yoritomo’s Vater). Yoshikata ist somit der vierte erwähnenswerte Sohn von Minamoto no Tameyoshi neben Yoshitomo, dem bereits verblichenen Oberhaupt der Seiwa-Genji, Tametomo, dem „Giganten des Hougen-Konfliktes“ und Yukiie, der erst später gewisse Bedeutung erlangen soll.

Das legendäre Leben von Yoshinaka war von Beginn an voller Risiken und Gefahren. Yoshinaka’s Vater Yoshikata wurde 1155 getötet und die feindlichen Taira versuchten, auch seine schwangere Frau zu fangen. Doch Yoshikata hatte vorgesorgt und seine Frau nebst dem weißen Banner des Minamoto-Clans in der Hütte eines Bauers versteckt. Um die Krieger abzulenken, rannte die Bauersfrau mit dem Banner der Minamoto in Richtung des Biwa-ko. Sie sprang in den See, um ihren Verfolgern zu entkommen und schwamm einigen Booten entgegen. Ihr Entsetzen war groß, als sie feststellte, daß sich in den Booten feindliche Krieger befanden, die mit ihren Waffen auf die Bauersfrau losgingen. Der Arm, mit dem sie das Banner der Minamoto hielt wurde ihr abgeschlagen und sank auf den Grund des Sees, kurz darauf gefolgt von ihrem leblosen Körper. Vier Tage später fischte der Sohn der Bäuerin den Arm seiner Mutter aus dem See, der noch immer das Banner festhielt und trug beides zu der Hütte, in der die Frau von Yoshikata soeben dem jungen Yoshinaka das Leben geschenkt hatte.

Die Legende berichtet weiter von Saitou no Sanemori, der ausgeschickt wurde, um Yoshikata’s Witwe in Gewahrsam zu nehmen und das Kind zu töten, falls es ein Junge sei. Sanemori, ein Krieger des Ostens, hatte zwar schon an der Seite von Minamoto no Yoshitomo gekämpft, ist jedoch später, wie viele andere Krieger auch, in die Dienste der Taira getreten. Dies ist nur ein Beispiel für ein allgemeines Phänomen jener Zeit, daß Vasallen ihren Lehnsherren wechselten. Ob nun die Beziehung zu den Minamoto noch stark war, oder ob Sanemori einfach nur Mitleid hatte, er war jedenfalls so gerührt, daß er den Befehl nicht ausführen konnte. Stattdessen kehrte er mit dem Arm der Bäuerin zurück, als Beweis, daß er Mutter und Kind getötet habe. Mit der Unterstützung von Sanemori gelangte der junge Yoshinaka dann in die Bergregion Kiso in der Provinz Shinano, wo er aufwuchs. Er nahm dort den Namen „Kiso“ anstelle von „Minamoto“ an und als „Kiso Yoshinaka“ ist er auch allgemein bekannt.

Neue Gegner

Aus dem kleinen Yoshinaka wurde ein gewaltiger Krieger und er war 28 Jahre alt, als er eine Kopie von der Proklamation des Prinzen Mochihito erhielt. Wie auch sein Cousin antwortete Yoshinaka sofort, doch der Schnee des Winters machte jede Unternehmung in den Bergen von Shinano unmöglich, womit das Jahr 1180 ohne Aktionen von Yoshinaka endete.

Der Beginn des Jahres 1181 wurde von der Niederbrennung Nara’s und Kiyomori’s Tod bestimmt. Nach dem Vorfall am Fujigawa Ende 1180 waren die Taira auch mehr darauf bedacht, ihre Streitkräfte zusammenzuhalten und die bestehenden Einflußsphären zu sichern. Im April 1181 marschierten Truppen der Taira in der Provinz Owari ein und errangen einen vollkommenen Sieg über Minamoto no Yukiie. Yukiie scheint entgegen der Familientradition nur sehr wenig militärisches Geschick besessen zu haben und Glück hatte er weit weniger. In der Schlacht führte er seine Truppen durch den Sunomata-Fluß, um einen Überraschungsangriff auf die Taira zu führen. Doch die Taira öffneten ihre Reihen und ließen die Truppen von Yukiie bis weit in ihre Mitte vorrücken, bevor sie einen furiosen Gegenangriff von allen Seiten starteten. Yukiie erlebte ein wahres Cannae, als die Taira ihre Pfeile und Schwerter auf alle Krieger richteten, deren Rüstung naß vom Flußwasser waren. Das Ergebnis der Schlacht vom 25. April 1181 war die fast vollständige Auslöschung der Minamoto. Yukiie konnte entkommen und schloß sich dem nächstliegenden Verbündeten an; Yoshinaka. Damit waren die Fronten begradigt und die Allianzen weitgehend geklärt.

Im Japan des Sommers 1181 hatten sich drei größere Machtblöcke gebildet: die Ise- Taira mit ihrem Sitz in Kyoto, Minamoto no Yoritomo in Kamakura und Kiso Yoshinaka in der Provinz Shinano. Doch zunächst forderte ein ganz anderer Feind seinen Tribut: In den Jahren 1180 und 1181 waren die Ernten abwechselnd durch Dürren und Überschwemmungen vernichtet worden, die darauffolgenden Hungersnöte und Seuchen dezimierten die Bevölkerung der Heimatprovinzen (die Provinzen um Kyoto) so stark, daß viele in diesen entsetzlichen Vorkommnissen den Zorn der Götter sahen, ausgelöst durch den Clan, dessen Truppen Nara niedergebrannt hatten. Diese Sicht der Dinge wurde unterstützt durch die Tatsache, daß das Kantou, Sitz von Yoritomo, weitgehend von der Katastrophe verschont geblieben war.

Doch schon im Sommer 1182 begannen wieder die kriegerischen Auseinandersetzungen. Die Taira hatten ihrem Alliierten Jou Sukenaga die unerfreuliche Aufgabe zugeteilt, Yoshinaka anzugreifen; begründet allein mit der Tatsache, daß er als Herr von Echigo wahrscheinlich der nächste Verbündete der Taira sein konnte, den Yoshinaka angreifen würde. Jou nahm die Herausforderung an, wurde jedoch besiegt und verließ das Schlachtfeld nicht mehr lebend. Yoshinaka ging danach in die Offensive und überrannte die Provinz Kouzuke. Dies brachte ihn jedoch gefährlich nahe an die Domäne seines Cousins Yoritomo; somit richtete sich Yoshinaka nach Norden, vollzog einen weiten Bogen durch die Provinzen Echigo, Etchuu, Kaga, Echizen und Wakasa und besiegte alle Alliierte der Taira, die sich ihm entgegenstellen wollten. Der militärische Siegeszug von Yoshinaka war so schnell und umfassend, daß sein Territorium zum Ende des Sommers 1182 nur 70km nördlich von Kyoto endete. Vielleicht hat Yoshinaka auch einen direkten Angriff auf Kyoto überdacht, doch dieser Angriff fand letzlich nicht statt. Yoshinaka hatte guten Grund, abzuwarten, während Hunger und Seuchen die Arbeit für ihn erledigten.

Yoritomo beobachtet inzwischen argwöhnisch den Fortschritt seines Cousins. Der Herr von Kamakura, wie er sich nennen ließ, hatte durchaus Grund, in Yoshinaka einen Konkurrenten zu sehen. Yoritomo vermutete (ob zurecht, oder unrecht kann man heute nicht mehr sagen), daß sich Yoshinaka wohl kaum mit einem niederen Rang abgefunden und Yoritomo als seinen Lehnsherrn anerkannt hätte. Und um ein chinesisches Sprichwort zu zitieren „Es kann keine zwei Sonnen am Himmel geben“ kam es im Frühjahr des Jahres 1183 zur Auseinandersetzung: Yoritomo schickte seine Armee nach Shinano, um Yoshinaka anzugreifen. Dieser hatte jedoch keinerlei Interesse daran, gegen den eigenen Clan zu kämpfen und suchte eine diplomatische Lösung. Yoshinaka argumentierte, daß sich der gemeinsame Feind in Kyoto befindet und daß Kämpfe innerhalb des Clans von keinerlei Nutzen wären. Glücklicherweise siegte die Vernunft und nach einigen Verhandlungen ließ sich Yoritomo überzeugen. Beide Seiten zogen sich zurück; Yoritomo konnte neue Schritte planen, während Yoshinaka einem Angriff der Taira gegenüberstand.

Der Aufmarsch

Ende April 1183 fühlten sich die Taira stark genug, um einen Angriff auf Yoshinaka zu starten, der in seinem Ausmaß alles bisherige übertreffen sollte. Für die Taira schien Yoshinaka eine weit größere Bedrohung darzustellen als Yoritomo; eine fatale Fehleinschätzung, die man wohl nicht getroffen hätte, wenn Kiyomori noch am Leben gewesen wäre. Das neue Oberhaupt des Taira-clans, Munemori, hatte anscheinend nichts von dem Debakel am Fujigawa gelernt, bei dem eine riesige Armee aufgestellt worden war, nur damit sie letztlich in die falsche Richtung marschierte. Auch hat die Begeisterung der Taira-Anhänger seit dem Rückzug vom Fujigawa und den vernichtenden Niederlagen gegen Yoshinaka stark nachgelassen. Trotzdem wurde der Versuch unternommen, für den Feldzug gegen Yoshinaka eine Truppe von 100’000 Mann aufzustellen, auszuheben, zu rekrutieren, einzuziehen oder einfach nur zu zwingen. Um diese unglaublich große Armee aufzustellen, die selbst die großen Armeen des 16. Jahrhunderts zahlenmäßig übertreffen sollte, wurden alles und jeder verpflichtet, der dazu in der Lage war. Selbst Leute, die üblicherweise übergangen wurden (da wirtschaftlich bedeutend) wurden rekrutiert. So auch die Holzfäller des Wazuka-Waldes in Yamato. Sie protestierten zwar: „Wir haben doch weder Bogen noch Schwert. [...] Wenn in diesem Wald normalerweise 30 Männer arbeiten und jetzt 27 zur Armee einberufen werden, so ist das unerhört und sollte gestoppt werden.“. Genützt hat es jedoch nichts.

Dieses Vorgehen bei der Aufstellung von Armeen mag ein entscheidender Grund dafür gewesen zu sein, daß die westlichen Krieger der Taira-Armeen in der Heike Monogatari immer in einem schlechteren Bild erscheinen als die Krieger des Ostens. Die Krieger der Taira sind nicht nur schlechtere Kämpfer, sonder neigen auch sehr schnell zur Flucht, wenn der Kampf problematisch wird. Den „Kari-musha“, also „zeitweilig rekrutierte Soldaten“, sagte man nach, daß sie sich „keine Gedanken über Schande machen“ und daß sie „nur den Wunsch haben, ihre Frauen und Kinder wiederzusehen“.

Saitou no Sanemori, Retter von Yoshinaka, der aus dem Kantou stammte und bei den Kriegern des Westens berühmt für seine Bogentechnik war, wurde einmal gefragt, wieviele der östlichen Krieger ihm ebenbürtig mit Pfeil und Bogen (Yunzei, Tsuyoyumi) seien: „Ihr erachtet mich als einen, der lange Pfeile verschießt? Meine Pfeile haben nicht einmal 13 Handbreit in Länge. Viele Krieger der 8 Provinzen [des Kantou] sind mir ebenbürtig. Diejenigen, die man dort „Langpfeile“ nennt, ziehen niemals einen Pfeil, der kürzer als 15 Handbreit ist. Ein starker Bogen [Tsuyoyumi] muß von fünf oder sechs Mann gespannt werden. Wenn ein guter Krieger des Ostens Pfeile verschießt, durchbohrt er mit Leichtigkeit zwei oder drei übereinanderliegende Rüstungen. Jemanden, den man als Anführer [Daimyou] bezeichnet, kommandiert mindestens 500 Reiter. Wenn ein Krieger des Ostens reitet, wird er niemals abgeworfen. Selbst wenn er über rauhes Gelände (Akusho) galoppiert, kann er verhindern, daß sein Pferd stürzt. Er wählt sein Pferd sorgfältig aus und reitet mit ihm vom Morgen bis zum Abend bei der Jagd, um es an Wald und Berge zu gewöhnen. Wenn in der Schlacht seine Eltern oder seine Kinder getötet werden, wird der Krieger des Ostens über ihre Leichen hinweggaloppieren und weiterkämpfen. Der westliche Krieger dagegen würde beim Tot seiner Eltern das Kämpfen einstellen und buddhistische Rituale abhalten. Der Kampf würde erst nach der Trauerzeit fortgesetzt. Stirbt ein Kind, sind die Herzen der westlichen Krieger so voller Trauer, daß sie allesamt den Kampf beenden. Wenn die Nahrungsmittel knapp werden, nimmt sich der Krieger des Westens die Zeit, um im Frühjahr die Felder zu bestellen und wartet die Ernte im Herbst ab. Auch mag er es weder, in der Hitze des Sommers, noch in der Kälte des Winters zu kämpfen. Die Krieger des Ostens sind dem ganz und gar verschieden.“

Saitou no Sanemori war schon am Fujigawa dabei und sollte auch bei dem Feldzug gegen Yoshinaka nicht fehlen. Er hatte sich, als 1180 der Gempai-Krieg begann, entschieden, den Taira die Treue zu halten, obwohl er seit je her starke Verbindungen zu den Minamoto hatte. Der Verlauf der Dinge am Fujigawa hatte ihm großen Verdruß bereitet, da er „keinen einzigen Pfeil auf den Gegner schießen konnte“. Mittlerweile über 60 Jahre alt, war ihm wohl bewußt, daß seine letzte Schlacht bevorstehen würde.

Den Oberbefehl über das riesige Heer erhielt Taira Koremori, dessen bisherige Verdienste in dem erfolgreichen Rückzug vom Fujigawa bestanden. Unter seinem Kommando standen die Taira Michimori, Tadanori, Tsunemasa, Kiyofusa und Tomonori, mit Ausnahme von Michimori allesamt völlig unerfahren im Kriegshandwerk. Am 10. Mai 1183 begann der Feldzug, doch die Organisation war so schlecht, daß die Nahrungsmittelvorräte schon nach 15km Fußmarsch aufgebraucht waren. Für den Rest des Weges würde sich die Armee von einem Land ernähren müssen, das bereits von Hunger und Seuchen heimgesucht worden war. Die Beschaffung der Lebensmitteln stellte nichts anderes als Plünderung dar, da die Taira einfach alles beschlagnahmten, was sie in dem schmalen Landstreifen zwischen dem Biwa-ko und den Bergen finden konnten. Ironischerweise war gerade die Provinz Oomi traditionelles Taira-Gebiet und hatte schon viele Männer für die Armee gestellt. Doch die Plünderung der Felder, die sich erstmals seit dem Desaster 1181 wieder erholt hatten, veranlaßte viele Bewohner voller Panik zu fliehen; ohne Zweifel folgten viele der zwangsrekrutierten Soldaten ihrem Beispiel.

Doch den Heerführern, die praktisch über keine militärische Erfahrung verfügten, schien dies nicht aufzufallen. Während Koremori und Michimori, denen man zumindest bescheinigen kann, schon einmal bei einem Feldzug dabeigewesen zu sein, voranstürmten, legten die anderen Kommandeure des Taira-Clans eine Pause am Biwa-ko ein, um sich an der Schönheit der Natur zu erfreuen. Man nahm sich sogar die Zeit, um mit einem Boot auf den See hinauszufahren, so daß Tsunemasa seiner poetischen Ader folgen konnte: „Der Anblick entzückte Tsunemasa zutiefst. Er sprang aus dem Boot, bestieg die kleine Insel und schaute auf die Schönheit der Landschaft, die sein Herz mehr erfüllte, um es in Worte zu fassen.“ Dieses Bild mag den sonst üblichen Blick auf das harte und grausame Leben eines Kriegers mildern, doch es ist völlig indiskutabel, wenn der Poet der Führer einer Armee sein soll, die wahrscheinlich schneller desertierte, als sie marschieren konnte.

In der Zwischenzeit erreichte die Spitze des Heeres das erste Ziel. Die historische Grenze zwischen der Provinz Oomi und den südlichsten der Hokuriku-Provinzen Wakasa und Echizen liegt auf einem Gebirgskamm, der knapp 800m Höhe erreicht. Viele Krieger werden auf dem Gipfel pausiert und sich umgesehen haben; sie sahen herab auf den Biwa-ko, der in der Sonne funkelte und ein paar Kilometer weiter südlich lag Kyoto. Ihre Gefühle werden wohl vergleichbar zu denen in Tsunemasa’s Poesie gewesen sein. Nicht umsonst wird die Ebene um Kyoto das Land der „Heimatprovinzen“ genannt. Als sich die Krieger dann wieder auf den Weg machten und den Gebirgskamm auf der anderen Seite herabschritten, verschwand der Blick auf die Heimat und vor ihnen lag die Küste, die sich in langem Bogen nach Norden zu den Bergen von Echizen zog, die bedrohlich im Hintergrund aufragten. An dieser Stelle wird wohl allen klar geworden sein, daß sie nicht nur die Provinz Echizen betraten, sondern auch feindliches Territorium.

Falls sich die Taira gefragt haben sollen, wo dieser Feind war, so wurde ihre Neugier schnell befriedigt. Am 17. Mai, eine Woche nach Beginn des Feldzuges, traf die Vorhut des Heeres bei Hiuchi-yama auf einige Truppen von Yoshinaka. Hiuchi-jou (Burg Hiuchi) war zwar keine inspirierende Festung, wie sie aus späteren Jahrhunderten bekannt sind, sondern eher nur eine Palisade, die mit Erdwällen und Felsen verstärkt wurde, doch die Erbauer hatte augenscheinlich einen Blick für das Gelände. Die Burg war an einer starken Position errichtet worden, rundherum von Felsen umgeben, davor hatten die Minamoto einen Damm gebaut, so daß der angestaute Fluß einen Wassergraben bildete. Laut Heike Monogatari soll ein Verräter aus der Feste einen Pfeil zu den Taira geschossen haben, mit dem er ihnen mitteilte, daß sie den Damm zerstören sollen, um das Wasser des Grabens abzulassen. Es sollte schon merkwürdig gewesen sein, wenn die Taira nicht schon selbst auf diese Idee gekommen wären, doch sie folgten dem Rat, konnten die Stellung aber trotz erdrückender Übermacht erst drei Tage später einnehmen. Die Armee setzte ihren Feldzug daraufhin fort und erreichte 5 Tage später die Provinz Kaga. Dort stießen sie bei Ataka auf eine weitere Befestigung der Minamoto, die ebenfalls überwältigt wurde. Die Geplänkel von Hiuchi und Ataka hatten jedoch Kiso Yoshinaka mit den notwendigen Informationen versorgt. Er kannte nun die Stärke des Gegners, die Richtung, in der die Taira zogen und konnte wohl auch eine realistische Einschätzung ihrer Moral treffen. Die Route, die von den Taira eingeschlagen worden war, sollte sie durch die Berge von Hokuriku führen, direkt auf den Bergkamm zu, der von der Halbinsel Noto aus bis in die Provinz Echizen führt, um dann ostwärts Richtung Etchuu und Echigo weiterzuziehen. Um Etchuu zu erreichen, würden die Taira das Bergmassiv an der nördlichen Seite umgehen, da das Gelände dort nicht so schwierig ist und nur größere Hügel aufweist. Soweit konnte man die Pläne der Taira schon vorhersehen und sogar noch etwas weiter: Um diese Route zu nehmen, konnten sie die Berge nur an einem einzigen Paß überqueren, dem Paß bei Kurikara.