Bushi no Saigo - Das Ende eines Kriegers

Japanische Geschichte - Teil 16

Es ist unwichtig, wieviel Ruhm der Träger von Bogen und Pfeil erworben hat. Wenn er sich an seinem Ende ärmlich verhält, wird es seine Ehre auf ewig beflecken. [...]“ Worte von Imai no Kanehira an Minamoto no Yoshinaka, Heike Monogatari, 1184.

Yoshinaka in Kyoto

Der Einzug von Yoshinaka in Kyoto war triumphal. Er hatte die Taira in kurzer Folge vernichtend geschlagen, die Hauptstadt erobert und stand auf dem Zenit seiner Macht. Ex-Kaiser Goshirakawa verlieh ihm gar den Titel „Asahi Shougun“ (General des Sonnenaufgangs), eine einzigartige Ehre für einen Krieger aus der Provinz. Doch die guten Beziehungen zwischen dem Hof und dem Krieger aus den Bergen waren nur von kurzer Dauer. In den historischen Berichten ist überliefert, daß Zentraljapan zu jener Zeit von Dürre und Seuchen heimgesucht worden war und sich nur langsam wieder erholte. Die Ankunft von Yoshinaka und seiner Armee von mehreren Tausend Kriegern stellte eine untragbare Belastung für die Nahrungsmittelversorgung der Region dar und er war somit keineswegs herzlich willkommen. Dennoch begründet Heike Monogatari die rasche Abkühlung der Beziehungen zwischen dem Hof und Yoshinaka mit dem unmöglichen Benehmen und der ordinären Sprache des Kriegers aus den Bergen. In Kyoto wurde aus dem brillanten Militärführer ein Hans-Wurst und Tyrann, der in der noblen Gesellschaft des Heian-Hofes wiederholt durch unpassendes Benehmen negativ auffiel. So verspottete er einen Höfling und nannte ihn „Neko“ (Katze), da dieses Wort im Namen dessen Wohnorts auftauchte, schlang sein Essen ohne Manieren hinunter und fiel sogar unstandesgemäß vom Wagen, mit dem er zu einer Audienz bei Hofe unterwegs war. In einem Anfall von Arroganz soll Yoshinaka gar mit dem Gedanken gespielt haben, sich selbst zum Kaiser oder Ex-Kaiser zu machen. Ignorant bemerkt er weiterhin, daß er sich als Kaiser wie ein kleiner Junge kleiden müsse (obwohl nur minderjährige Kaiser so gekleidet waren), während er als Ex-Kaiser ein buddhistischer Mönch hätte werden müssen (obwohl die Tonsur, also das buddhistische Gelübte, für den abgedankten Kaiser optional war).

Vielleicht sind diese Beschreibungen nur als Satire angedacht, eine Karikatur auf all jene Krieger, die zu jener Zeit in die Hauptstadt kamen und dort das höfische Benehmen nachäfften. Oder der grobe und vulgäre Yoshinaka soll als Kontrast für den späteren Verlauf der Geschichte dienen, um die Rolle der Taira als hochadlige und noble Flüchtlinge, die von den rauhen und grobschlächtigen Kriegern der Provinzen gejagt wurden, stärker zu betonen. Zumindest sind die literarischen Beschreibungen zu einseitig, um den wahren historischen Hintergrund wiedergeben zu können. Die Charakterisierung von Yoshinaka in Kyoto ist in der selben Weise negativ, wie die von Kiyomori oder den anderen Rebellen aus China und Japan, die zu Beginn der Heike aufgelistet werden.

Der Herr von Kamakura

Die Vorherrschaft von Yoshinaka in Kyoto dauerte jedoch kein halbes Jahr. Den Intrigen von Hof und Ex-Kaiser Goshirakawa schutzlos ausgesetzt und erfolglos im Kampf gegen die Taira außerhalb der Hauptstadt, bahnte sich im Osten eine viel größere Gefahr an, Yoritomo. Der kometenhafte Aufstieg von Yoshinaka hatten Verdacht und Missfallen bei seinem Cousin erregt. Dies allein auf die Vorfälle in Kyoto zurückzuführen, wäre zu simpel. Vielmehr dürften die unabhängige Haltung von Yoshinaka und sein Widerwille, sich einer höheren Autorität (nämlich Yoritomo) unterzuordnen der Grund für Yoritomo's Zorn gewesen sein. Der Herr von Kamakura, wie sich Yoritomo seit Errichtung des Samurai-Dokoro 1180 nannte, war keineswegs gewillt, einen ebenbürtigen Rivalen, noch dazu vom selben Blut abstammend, zu dulden. Yoshinaka geriet somit von allen Seiten immer stärker unter Druck. Letztlich sollte im ersten Monat des Jahres 1184 die Entscheidung fallen: Yoritomo hatte eine große Armee aus dem Kantou den Befehl entsandt, seinen Cousin zu „züchtigen“, eine zu jener Zeit gebräuchliches Hüllwort, das beschönigend die Vernichtung von Yoshinaka zum Inhalt hatte.

Doch Yoshinaka schien sich in Passivität zu verlieren. Er bereitete sich weder auf den Kampf vor, noch suchte er nach einer diplomatischen Lösung (die wahrscheinlich diesmal sowieso nicht hätte gefunden werden können). Selbst als die Armee kurz vor Kyoto stand, unternahm Yoshinaka nicht viel. Er selbst blieb in der Hauptstadt zurück, schickte jedoch zwei seiner besten Kommandanten, um bei Seta am Fluß Uji die Verteidigungslinie aufzubauen. Schon vier Jahre zuvor hatte der alte Minamoto no Yorimasa im Kampf gegen die Taira den Fluß als natürliche Barriere benutzt, nur diesmal sollten die Ufer von Verteidigern und Angreifern vertauscht sein. Man folgte auch dem Beispiel von Yorimasa, entfernte die Brückenbeplankung und versenkte als zusätzliche Maßnahme bewehrte Staken an Trossen im Flußbett. Es dürfte sowieso kühner Seelen bedurft haben, um den Fluß zu jener Jahreszeit durchqueren zu wollen, denn abschmelzender Schnee sorgte für Hochwasser, von der Temperatur des Wasser ganz zu schweigen. Doch trotz aller Anstrengungen konnte nicht verhindert werden, daß die östliche Armee den Fluß überquerte, die Streitkräfte von Yoshinaka in kurzem Gefecht vernichtete und ihren Marsch auf Kyoto fortsetzte.

Tragischer Held

Zuerst als siegreicher Kommandant, dann als rüpelhafter Besatzer Kyotos und Eindringling in den Hofstaat, wird Yoshinaka im Moment vor seinem nahenden Untergangs eine dritte Persönlichkeit zugeschrieben: die eines tragischen Helden. Er wird zögerlich, unsicher, immer abhängiger von seinem treuesten Anhänger und Gefährten Imai no Kanehira und findet letztlich sein Ende allein (von Kanehira abgesehen) beim Angriff einer erdrückenden Übermacht. Mehr noch als Kiyomori und all die anderen aus dem Haus der Ise-Taira erfüllt Yoshinaka die Eingangszeilen der Heike Monogatari: „...diejenigen, die gedeihen, werden verblühen und die Mächtigen werden letztlich vergehen...“.

Selbst als die große östliche Armee gen Kyoto marschiert, vermochte Yoshinaka nicht, zu reagieren. Und diese Unbestimmtheit ist maßgeblicher Wesenszug seiner weiteren Handelungen, abgesehen von vereinzelten Akten der Tapferkeit. Anstatt seine Truppen zur Verteidigung aufzustellen, verlor sich Yoshinaka in einem Abschiedsbesuch bei einer Geliebten. Einer seiner Anhänger überbrachte schließlich die Nachricht, daß die Truppen des Gegners vor der Stadt standen. Doch als er bemerkte, daß Yoshinaka noch immer bei seiner Geliebten weilt, beging er Selbstmord, um seinen Herrn wieder zu Vernunft zu bringen. Und tatsächlich konnte man für einen winzigen Augenblick den siegreichen Kommandanten und kühn agierenden Strategen Yoshinaka wiederentdecken, doch zu der Zeit waren bereits Zehntausende feindliche Reiter in die Stadt eingefallen. Yoshinaka's Bemühungen, sie aufzuhalten, waren zum Scheitern verurteilt und seine Truppen wurden innerhalb kürzester Zeit fast vollständig ausgelöscht. Heike Monogatari berichtet: „Im Jahr zuvor, als Yoshinaka die Provinz Shinano verließ, kommandierte er fünfzigtausend Reiter. Heute, als er durch Shinomiya (in Kyoto) zog, zählten er und seine Männer nur noch sieben.“.

Eine Vielzahl von Kommentatoren hat hervorgehoben, daß sich die Art der Beschreibung von Yoshinaka in dem Kapitel entscheidend ändert, daß mit „Kiso no Saigo“ (das Ende von Kiso) überschrieben ist. Waren die Worte über ihn bisher abweisend, ja verächtlich, so zeigen sie in diesem Kapitel Respekt und seine Worte und Taten sind in grammatikalische Formen gekleidet, die eher von Höflingen als von Kriegern verwendet wurden. Diese Wandlung zeigt die generelle Tendenz der Autoren dieser Art von Geschichten, ihre Sympathie und ihren Respekt dem tragischen Helden zu widmen, oft auch ungeachtet seiner Fehler und begangen Unrechts.

Tomoe Gozen

Unter den letzten Anhängern von Yoshinaka war auch eine Kriegerin namens Tomoe Gozen. Ihr wird unglaubliche Schönheit zugeschrieben: weiße Haut, langes Haar und ein bezauberndes Gesicht. Diese Schilderungen ihrer Person, auch wenn sie sehr kurz ausfallen, sind dennoch untypisch für die Kriegsgeschichten. Diese verraten in der Regel höchst selten etwas über die persönliche Erscheinung von Kriegern, abgesehen von Rüstung und Waffen. Auch aus diesem Grund ist Tomoe eine äußerst rätselhafte, wenn auch höchst faszinierende Figur. Viele Gelehrte haben seither versucht, Tomoe als eine reale historische Figur zu identifizieren, doch sie waren bisher nicht in der Lage, den Verdacht auszuräumen, daß Tomoe nur eine Erfindung der Heike-Autoren ist. Selbst die verschiedenen Versionen der Heike sind sich nicht darüber einig, in welcher Beziehung Tomoe zu Yoshinaka stand. Der Kakuichi-Text beschreibt sie als „Binjo“ (Untergebene, Dienerin), die von Yoshinaka aus Shinano mitgebracht wurde. Doch im weiteren Text wird sie als „Ippou no Taishou“ (führender Kommandant) bezeichnet, eine Wandlung, die sich ganz und gar nicht mit den zeitgenössischen Gepflogenheiten solch heikler Themen wie „Befehlsvergabe“ deckt. Die Enkei-Bon Version des Textes hingegen stellt Tomoe nicht als „Binjo“ sondern als „Bijo“ vor, also „schöne Frau“. Diese Charakterisierung hat über Jahrhunderte Spekulationen genährt, Tomoe sei eine Geliebte oder gar Frau von Yoshinaka gewesen. Konkret belegbar ist dies jedoch durch keine einzige Zeile. Trotz aller Differenzen in den Texten wird Tomoe als eine gefürchtete Kämpferin beschrieben. Sie war berühmt für ihre Tapferkeit und konnte es „mit Tausenden“, ja sogar mit „Dämonen oder Göttern“ aufnehmen. Tomoe ritt ungebändigte Pferde (Amauma-Nori) und konnte sie über rauhes Gelände führen (Akusho-Otoshi). Diese Fähigkeiten werden in den Kriegsgeschichten oft hervorgehoben und deuten auf eine hervorragende Kunstfertigkeit im Umgang mit Pferden.

Doch trotz ihrer offensichtlich hervorragenden Qualitäten als Krieger, die Tomoe eigentlich zum Kampf mit den östlichen Horden bestimmt hätten, entband Yoshinaka sie in seinem finalen Gefecht von ihren Pflichten und schickte sie mit dem Auftrag zurück, die Geschichte von seiner letzten Schlacht in seine Heimatprovinz zu tragen. (In einer anderen Version befahl ihr Yoshinaka, das Schlachtfeld zu verlassen, da er meint: „Es wäre eine Schande, wenn man sagen würde, daß Kiso Yoshinaka in seinem letzten Kampf von einer Frau begleitet wurde.“) Gezwungen, Yoshinaka zu gehorchen, obwohl sie sich sträubte, ihn zu verlassen, suchte sie sich einen letzten „würdigen Gegner“, bevor sie dem Wunsch ihres Herrn folgen wollte. Ihre Wahl fiel auf Onda no Moroshige, der in seiner Heimatprovinz Musashi für seine Stärke bekannt war. Tomoe stürmte vor, stellte Moroshige im Einzelkampf und triumphierte über ihn. Sie heftete ihren Gegner an den Knauf ihres Sattels, „drehte seinen Kopf ab“ (ein etwas unappetitlicher Euphemismus für „enthaupten“, der oft in den Kriegsgeschichten auftaucht) und warf ihn weg. Danach entledigte sie sich ihrer Rüstung und ritt in Richtung ihrer Heimatprovinz.

Auch über ihr weiteres Leben gibt es verschiedene Versionen. Das Gempai Seisui Ki berichtet, daß Tomoe später von Yoritomo nach Kamakura beordert wird. Dort heiratete sie Wada no Yoshimori, einen hohen Würdenträger des Samurai-Dokoro und hatte einen Sohn mit ihm. Nachdem dieser 1213 getötet wurde, als die Houjou die Familie der Wada vernichteten, ging Tomoe in ein Kloster und wurde Nonne. Sie starb im Alter von 91. Andere Fassungen berichten, daß Tomoe bereits mit 28 Jahren in ein Kloster eintrat und dort für das Seelenheil von Yoshinaka betete.

Es gibt Meinungen, die in Tomoe, wenn gleich sie als Person wahrscheinlich nur Fiktion ist, eine Repräsentation all jener Krieger sehen, die auf der Verliererseite kämpfend trotzdem überlebten und danach davon berichteten, wie große Anführer ihr Ende fanden. Man könnte sich also vorstellen, daß Tomoe, oder eine Person wie sie, die an der Schlacht mit der Kantou-Armee teilnahm, ein solcher Erzähler von Kriegsgeschichten (Katarite) wurde und so das Basismaterial für das Kapitel vom Ende Yoshinaka’s lieferte.

Bushi no Saigo

In den Kriegsgeschichten wird im Allgemeinen dem Tod der Kriegern sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt. Allein sieben Kapitel der Heike Monogatari haben das „Saigo“ („Ende“ oder „Tod“) eines Kriegers zum Titel und auch das Taiheiki, die „Chronik des großen Friedens“ (ein im höchsten Maße unpassender Titel, da wohl keine Seite des Werkes ohne Blutvergießen zu finden ist) aus dem 14. Jh. ist überaus reichlich mit Kapiteln ausgestattet, deren Titel den Tod von Kriegern, durch Selbstmord oder anderweitig, zum Thema haben. Ohne Zweifel bestand ein Grund dieser Fixierung auf den Tod darin, daß Leser und Zuhörer von der dramatischen Anziehungskraft fasziniert wurden, wie die Krieger in den Geschichten ihr Ende fanden.

In späteren Jahrhunderten, ab etwa dem Sengoku Jidai, der Periode der Provinzialkriege (1478-1573) verloren die Kriegsgeschichten ihren Reiz als literarisches Genre, doch die Fixierung auf den Tod fand im Bushidou, dem Weg des Kriegers, einen neuen Platz. Es mag ein Anachronismus sein, doch der Tod bildete den wohl wichtigsten Moment im Leben eines Samurai. Der Krieger mußte bereit sein, einen tapferen, ja „schönen“ Tod zu sterben. Katou Kiyomasa, der im späten 16. Jh. unter Toyotomi Hideyoshi und später für Tokugawa Ieyasu in der Schlacht von Sekigahara kämpfte, schrieb: „Diejenigen, die in ein Kriegerhaus hineingeboren werden, müssen sich dem Weg des Schwertes verschreiben und sich darauf vorbereiten, den Tod zu treffen. Wenn jemand dem Weg des Kriegers nicht ständig folgt, so wird es schwierig für ihn sein, einen tapferen Tod (Isagiyoki) zu finden.“ Und im Hagakure, das im frühen 18. Jh. zusammengestellt wurde, steht: „Der Weg des Kriegers ist der Tod.“.

Die Kriegsgeschichten enthalten noch keinen exakten Verhaltenskodex für den Todesfall, doch sie geben eine lange Reihe von Beispielen für einen tapferen und sogar schönen Tod. Diese sollten als Vorbild für die Krieger späterer Jahrhunderte dienen. Und von all diesen Szenen ist keine klarer und dramatischer und zeigt das idealisierte Verhaltensmuster eines Kriegers besser als der Tod von Minamoto (Kiso) no Yoshinaka.

Der letzte Kampf

Aus Kyoto geflohen, die Anhängerschaft auf eine handvoll Krieger reduziert, sind Yoshinaka's Gedanken allein bei Imai no Kanehira. Die beiden waren weit mehr als Herr und Vasall. Sie waren zusammen aufgewachsen und „Busenbrüder“, da sie von der selben Amme aufgezogen wurden. Und sie hatten sich geschworen, daß sie, wenn die Zeit gekommen sei, „am selben Ort zusammen sterben“ wollten.

Yoshinaka hatte Kanehira zuvor zur Verteidigung der Brücke von Seta ausgesendet und so stürmte er nun in Richtung Seta, um nach Kanehira zu suchen, während Kanehira zur selben Zeit nach Kyoto ritt, um Yoshinaka zu suchen. Die beiden trafen sich in der Nähe von Ootsu wieder und konnten sogar noch 300 Krieger sammeln, die bei den Kämpfen am Uji verstreut worden waren. Doch trotz der zahlenmäßigen Überlegenheit des Gegners, wählte Yoshinaka den Kampf und griff mit seiner kleinen Streitmacht ein Kontingent des Feindes an. Deren Kommandant war Ichijou no Jirou und Yoshinaka erachtet ihn als würdigen Gegner. Diese Einschätzung traf Yoshinaka jedoch einzig auf der Grundlage, daß Ichijou no Jirou 6’000 Krieger anführte und nicht auf Grund von Kenntnissen über den Status dessen Familie. Dies ist in der Beziehung ungewöhnlich, da dem Familienstatus zu jener Zeit eine sehr große Bedeutung beigemessen wurde. In dem Kampf, der daraufhin entbrannte, war Yoshinaka jedoch hoffnungslos unterlegen und seine Truppen reduzierten sich von dreihundert auf fünfzig, dann auf fünf (an diesem Punkt erging der Befehl an Tomoe, das Schlachtfeld zu verlassen) und letztlich sind nur noch zwei übrig, Yoshinaka und Kanehira.

Als sich Yoshinaka in erschweifenden Worten beklagte, daß seine Rüstung schwerer als sonst sein (ein Thema, daß schon in Hougen Monogatari auftaucht), erkannte Kanehira darin ein Zeichen von Schwäche. Er versuchte Yoshinaka aufzubauen, indem er meinte, daß er, Kanehira, der es „mit Tausenden aufnehmen könne“, den Gegner aufhalten würde, während Yoshinaka tun sollte, was getan werden muß (nämlich, Seppuku zu begehen). Als Yoshinaka nicht aufhörte von einem gemeinsamen Tod am selben Ort zu sprechen, sprang Kanehira von seinem Pferd und flehte seinen Herrn an: „Es ist unwichtig, wieviel Ruhm der Träger von Bogen und Pfeil erworben hat, wenn er sich an seinem Ende ärmlich verhält, wird es seine Ehre auf ewig beflecken. Ihr seit erschöpft und Euch folgt keine große Armee. Wenn wir vom Gegner getrennt werden und Ihr einem unbedeutenden Vasallen entgegentretet und er Euch tötet, werden die Leute sagen ’Kiso Yoshinaka, berühmt in ganz Japan, wurde vom Vasallen von So-und-So getötet.’ Wie wäre dies bedauerlich. Darum geht dort in den Pinienwald [und nehmt Euch das Leben].“

Hier wird der hohe Stellenwert eines angemessenen Todes für den Krieger des japanischen Mittelalters besonders deutlich. Am wichtigsten ist, darauf weißt Kanehira ausdrücklich hin, zu verhindern, von jemand „unbedeutendem“ getötet zu werden. Das besondere Augenmerk für Rang und Status unter den Kriegern ist ein wichtiges Merkmal der Kriegergesellschaft im Japan der Antike und des frühen Mittelalters. Doch nur wenig später sollten Rang und Status ihre Bedeutung verlieren. Die aristokratischen Verwaltung hatte auf diesem Prinzip gefußt und seit der frühesten Zeit waren die Krieger bestrebt gewesen, Teil diese Systems zu werden. Indem die Krieger jedoch ihre eigene Sphäre schafften, wur den diese alten Bewertungsmaßstäbe zu großen Teilen obsolete. Für den Krieger späterer Zeit war es wichtiger, die Bewertung von Personen mehr auf deren individuellen Fähigkeiten beruhen zu lassen, als auf Rang und Namen. Dies sollte später große vertikale Bewegungen innerhalb der japanischen Gesellschaft bewirken, die weltweit einzigartig in Umfang und Auswirkung waren.

Das Ende von Yoshinaka

„Ein einzelner Reiter galoppierte auf den Pinienwald von Awazu zu. Es dämmerte schon am einundzwanzigsten Tag des ersten Monats (1184) und der Boden war von dünnem Eis überzogen. Yoshinaka bemerkte nicht, daß er geradewegs auf schlammgefüllte Reisfelder zuritt und als er sein Pferd dahinlenkte, versank das Tier im Schlamm, so daß nichtmal dessen Kopf mehr zu sehen war. So sehr Yoshinaka an den Zügeln zog und die Peitsche schwang, das Pferd steckte fest. Trotz daß er selbst in diesem Dilemma steckte, wollte Yoshinaka wissen, wie es Kanehira ergangen war und schaute zurück. Just in diesem Moment hatte Ishida no Jirou Tamehisa seinen Bogen zur Gänze gespannt und schickte seinen Pfeil krachend in Yoshinaka's Helm. Tödlich getroffen fiel Yoshinaka vorn über. Zwei von Ishida's Vasallen nahmen seinen Kopf.“

Die Beschreibung von Yoshinaka's Ende gehört zu den berühmtesten Passagen der Heike und wurde mit höchster Ästhetik versehen, um den Geschmack des mittelalterlichen Publikums zu treffen: der einsame Reiter im Wald; Schatten und Nebelschwaden folgen ihm; Eis bedeckt den Boden (und verstärkt die Trostlosigkeit); ein Blick zurück zum treuen Gefährten und der plötzliche Einschlag eines Pfeiles, der die Existenz des großen Kommandanten in einem winzigen Augenblick auslöscht.

Um Yoshinaka die Chance zu geben, den Wald von Awazu zu erreichen, hatte Kanehira allein gegen fünfzig Gegner ausgehalten, ein Beispiel für den Kampf „Einer gegen Viele“ in den Kriegsgeschichten. Kanehira kämpfte „wie ein Berserker, schoß Pfeile wie wild und, nachdem diese aufgebraucht waren, schwang er sein Schwert wie ein Besessener“. Als er hörte, wie Ishida rief, er habe Yoshinaka getötet, antwortete er mit seinem eigenen Nanori und ergänzte: „Für wen soll ich nun noch kämpfen. Seht her, ihr Krieger des Ostens, wie der mächtigste Krieger Japans sich selbst tötet.“. Sprach’s, setzte die Spitze seines Schwertes in den Mund, sprang vom Pferd und starb; die Klinge durch sich hindurchstechend.

Viele der Krieger und der anderen Charaktere in den Kriegsgeschichten sind Stereotypen. So ist beispielsweise auch Kanehira vollkommen ohne Substanz: ein ergebener Gefolgsmann mit dem Geist des Kenshin (völliger Selbstaufopferung) für seinen Herrn; ein Berserker, zu übermenschlichen Taten fähig und bereit, ohne einen Moment des Zögerns seinem grausamen Ende entgegenzutreten; alles in allem absolut unglaubwürdig. Yoshinaka dagegen wird in seinem letzten Kapitel als Mensch, mit menschlicher Zerbrechlichkeit beschrieben. Indem er sich über das Gewicht seiner Rüstung beklagt, offenbart er seine eigene Ohnmacht und in seinem Wunsch, gemeinsam mit Kanehira zu sterben, zeigt er auf höchst menschliche Weise eine emotionale Verbundenheit, die weit über die einfache Verbindung zwischen Herr und Vasall hinausgeht. Der Tod von Yoshinaka ist wahrlich einer der traurigsten Momente der Heike, vor allem, weil Yoshinaka als eine reale Person voller Gefühle beschrieben wird.

Ein neuer Stern

Es scheint bezeichnend, daß der Mann, der Yoshinaka vernichtete, aus seiner eigenen Familie stammte: der Führer der Armee aus dem Osten war Minamoto no Yoshitsune, Cousin von Yoshinaka und Halbbruder von Yoritomo. Stand er bisher völlig im Dunkel der Geschichte, so wurde Yoshitsune durch seinen Sieg über Yoshinaka auf einen Schlag berühmt und sein weiterer Weg sollte ihn innerhalb weniger Jahre zur Legende werden lassen; eine Legende die bis heute tief in den Herzen jedes einzelnen Japaners verwurzelt ist.