Kata-Bunkai im Karate
Bunkai
Anwendung klassischer Kata im Karate Traditionell wird Karate durch die drei Schwerpunkte Kihon, Kumite und Kata übermittelt. Während Kihon als Technikschulung und Kumite als Partnerübung betrachtet wird, sehen viele Karatebetreibenden die Kata als eine Art Kür oder Showteil und sie gerät als eigentliche Säule dieser Kampfkunst stark ins Hintertreffen.
Historisch gesehen war Kata über Jahrhunderte die einzige Möglichkeit den Charakter der Kampfkünste von Generation zu Generation weiter zu vererben. Im Mittelalter, als es noch keine schriftlichen Überlieferungen der einzelnen Techniken gab, war die Kata war Hauptbestandteil des täglichen Trainings. Sie nahm den überragenden Teil des Trainings ein, beinhaltete sie doch alle Formen der Technikschulung und Vorbereitung auf den realen Kampf. Unabhängig der Art der jeweiligen Schule oder Kampfkunst, ob Schwertfechten, Speerkampf oder eben Karate, bildete sie das Herz des betreffenden Systems. Erst nach dem 2. Weltkrieg führte man die Formen des freien Kampfes in das Karate-Training ein und die sich damit entwickelte Versportlichung der alten Künste zog eine allmähliche Zurückdrängung des ursprünglichen Sinnes der Kata nach sich und unterwarf sie modischen Zügen und paßte sie an das internationale Wettkampfsystem an (Synchron-Kata).
Als Gichin Funakoshi vor ca. 60 Jahren den Grundstein zu unserem heutigen Karate legte, blickte er auf eine Vielzahl von verschiedenen klassischen Kataformen zurück, die sich in den vergangenen Jahrhunderten entwickelt hatten. Die einzelnen Meister der Kunst formten ihre Erfahrungen in Technikkombinationen und gaben sie über Generationen hinweg an ihre Schüler und Nachfahren weiter - als Kata. Ebenso wie jeder Mensch als Individuum seine Eigenheiten, Talente und Vorzüge hat, wurden auch die Kata durch die Charakter der einzelnen Meister beeinflußt. So vermittelt jede Einzelne, der von Meister Funakoshi für das Shotokan ausgewählten Kata, dem Studenten einen unverzichtbaren Teil des Karate als Ganzes. Zusammengetragen aus den drei großen Hauptrichtungen des alten Karate, dem Shuri-, Naha- und dem Tomari Stil, bilden sie die Essenz der traditionellen Überlieferungen des waffenlosen Kampfes.
Doch das Studium dieser Formen geht weit über des Erlernen der einzelnen Techniken, dem korrekten Ablauf, Rhythmus und Atmung hinaus. Um das Wesen einer Kata wirklich zu verstehen, ist es unumgänglich die Bedeutung der einzelnen Formen zu erforschen, nachzuvollziehen, zu verstehen und diese auch zu trainieren - als Kata Bunkai.
Unabhängig ob Schüler- oder Fortgeschrittenen Kata, gibt es für die Ausführung des Bunkai einige grundlegende Regeln:
Kontrolle - man sollte die ausgewählten Applikationen stets so wählen, daß man die verschiedenen Bewegungen auch wirklich beherrscht. Ebenso, wie mit der Zeit die neu zu lernenden Kata in ihrem Schwierigkeitsgrad immer komplexer und schwieriger werden, wächst auch der Anspruch an des Bunkai. Während in den Schülerkata hauptsächlich Tsuki und Keri Schwerpunkt der Techniken sind, treten in den Fortgeschrittenen- und Meisterkata deutlicher Tsukami ( Griff- ), Tobi ( Sprung- )und Nage waza ( Wurftechniken ) in den Vordergrund. Man sollte zum Training stets realistische und effektive Interpretationen der Kata bevorzugen und keine exotischen Experimente machen. Mit wachsender Erfahrung empfiehlt sich für einzelne Bewegungsformen innerhalb einer Kata verschiedene Applikationen heraus zu arbeiten und sie in das Bunkai einzugliedern.
Atemi-Techniken - anders als im Wettkampf gibt es in der Kata für Angriffsziele keine „Tabus“. Die Trefferflächen sind nicht auf bestimmte Stellen des Oberkörpers oder Kopfes beschränkt. Alle vitalen Punkte des menschlichen Körpers werden in der Kata in die Techniken mit einbezogen. Man sollte besonderen Wert auch auf Angriffsmöglichkeiten legen, welche normalerweise im regulären Training vernachlässigt werden, wie etwa das Knie, Fußspann, Genitalbereich, Augen, Gelenke oder Ähnliches. Kurioser weise sind eben diese Stellen die eigentlichen Schwachpunkte des menschlichen Körpers und man kann hier auch ohne starken, körperlichen Einsatz bei einem Gegner schon „beachtliche Erfolge“ erzielen.
Viele dieser Atemi-Punkte, vor allem im Gedan-Bereich, werden erfahrungsgemäß durch die Einstellung der Kämpfer auf das Wettkampftraining ungenügend gedeckt. Bunkai bietet hier die Möglichkeit mehr körperbetont zu denken, was eventuell auch Einfluß auf Bewegungsmuster und Kamae im Kampf hat (einige traditionelle Karatesysteme bevorzugen z.B. für den Freikampf eine Mischung aus Kokutsu- und Nekoashi Dachi).
Distanz - Karate war ursprünglich eine Selbstverteidigungs- und keine Kriegskunst, wie etwa das Schwertfechten oder das Bogenschießen. Dies hatte vor allem auf die Distanz (Maai) und das Verhalten zum Gegner einen nicht zu unterschätzenden Einfluß. Während im heutigen Karate über eine weitere Distanz, unter Schwerpunkt der schnellen Abstandsüberbrückung gekämpft wird, arbeitete man im traditionellen Karate verstärkt auf mittlere und nahe Distanz. Dies beinhaltete vor allem Angriffsformen des In-fights, wie Hiza geri, Fumi komi oder Empi uchi, Griffen und Hebeln, Würfen und Fegetechniken - Techniken wie sie alle Kata beinhalten. Besonders im Bunkai sollte man auf diese Manöver großen Wert legen, da sie häufig Schlüsselpositionen zum Verstehen der jeweiligen Form beinhalten. Man findet diese Techniken in direkter oder verschlüsselter Form in allen Kata, insbesondere aber in denen der fortgeschritteneren Stufen.
Zanshin - anders als im Kumite, wo man meist nur einen Partner als Widersacher hat sind die meisten Kata als Übungsformen gegen mehrere imaginäre Gegner aus verschiedenen Himmelsrichtungen ausgelegt. Frontal, aus rückwärtiger Richtung oder seitlich sind Angriffe zu erwarten und man muß dementsprechend reagieren. Die Aufmerksamkeit des Ausübenden richtet sich somit nicht nur in eine Richtung sondern um 360 Grad und auf mehrere Kontrahenten. Dies setzt ein anderes Sehen und eine umfassende Aufmerksamkeit nach allen Seiten voraus. Erst das ermöglicht ihm, auf Bewegungen der unterschiedlichsten Form zu reagieren und zudem noch die eigene Position so zu wählen, daß man selbst einen vorteilhafte Ausgangsstellung gegenüber den jeweiligen Gegnern innehält. Der Schwertmeister Miyamoto Musashi schrieb zu diesem Punkt: ... der Zweck ist, die Gegner, auch wenn sie von allen Seiten auf dich eindringen, in eine Richtung davon zu jagen. Greifen sie an, so beobachte die Situation genau und fechte zunächst gegen den, der dich zuerst angreift. Weiterhin empfiehlt Musashi die Positionen mehrere Gegner gegeneinander auszuspielen und sich selbst niemals in die Mitte mehrerer Feinde zu begeben, um seinen eigenen Rücken freizuhalten. In den Karate Kata ist ein solches Verhalten bereits durch das überlieferte Schrittdiagramm ( Embusen ) vorgegeben. Bei Richtungswechseln bewegt man sich stets so, daß man sich nie mit dem Rücken zum Katazentrum ( Gegner ) dreht und eventuelle Angreifer frontal oder seitlich von sich läßt. Weiterhin kennzeichnen die Finalbewegungen aller Kata eine Bereitschaftsstellung gegenüber den besiegten Feinden am Rande des Aktionsfeldes.
Verschlüsselte Techniken - traditionell wurden in vielen Schulen die eigentlichen Technikkombinationen innerhalb der Kata verschlüsselt, also geheimgehalten. Nur die eingewiesenen Schüler verstanden die Bedeutung der verschiedenen Bewegungen innerhalb der Übungsformen. Das bekannteste Beispiel im Shotokan ist wohl der Sankaku Tobi in der Kata Meikyo. Der Schwertmeister Otake beschreibt das Motiv der verschlüsselten Techniken seiner Schule (Katori Shinto Ryu) wie folgt: „...ein zufälliger Beobachter sieht, aber erkennt nicht die ausgeführten Bewegungen. Der wahre Sinn von Angriff und Abwehr und das Zusammenspiel der Manöver bleibt ihm verborgen.“
Viele der ursprünglichen Bedeutungen sind im Laufe der Zeit verlorengegangen und wurden durch Neue ersetzt. Ebenso wie bei einem freien Bunkai-Training jeder Karateka seine eigenen Interpretationen der verschiedenen Elemente bevorzugt waren die Auslegungen seit jeher verschieden - einzig die Katabewegung blieb die selbe. Die Bedeutung einzelner Techniken entspricht in der Kata auch nicht immer ihrer herkömmlichen Bestimmung. So ist es nicht unüblich im Bunkai die „nebensächliche“ Hikite Bewegung einer Technik als Griff- und Zugbewegung einzusetzen um einen Gegner unter Kontrolle zu halten. Abwehrbewegungen werden zu Angriffen und ursprüngliche Offensivmanöver zu Blocktechniken. Tsuki und Uchibewegungen werden zu Schub- oder Stoßtechniken, wie man es etwa vom Sumo kennt. In Verbindung mit Körpereinsatz und Griff- oder Zugmanövern werden aus Wendungen oder Abwehren wirkungsvolle Wurf- oder Hebeltechniken. Die Fülle der Möglichkeiten ist unerschöpflich - die in den Lehrbüchern beschriebenen Anwendungsformen und Applikationen der einzelnen Karate Kata können immer nur Empfehlungen sein. Eigene Überlegungen und Erfahrungen sind somit unerläßlich.
Heute es gibt verschiedene Methoden um eine Kata praktisch zu demonstrieren. Eine Form des Bunkai ist die Ausführung der Kata, bei der Techniken, Stellungen und Bewegungen weitestgehend nicht verändert werden sollte, sondern nur die Auslegung individuell gestaltet wird.
Bei der zweiten Art des Bunkai, eine mehr für fortgeschrittene Schüler geeignete Übungsform, handelt es sich um eine frei interpretierte Katadarlegung mit stark kämpferischen Charakter, Suri ashi Bewegungen, Kamae Haltung etc. Das ursprüngliche Embusen der Kata verwischt und die Körperhaltung und Bewegungen des Kämpfers passen sich seinen Gegnern an. Die ursprüngliche Statik der Kataform weicht einer natürlichen Dynamik und der Karateka läßt die Kata wirklich „leben“.
Als eines der schönsten mir persönlich bekannten Beispiele dieser Variante möchte ich auf das Bunkai von Hayashi Sensei in dem Film „Budo - art of killing“ verweisen.
Bei Berücksichtigung der oben empfohlenen Punkte erübrigt sich automatisch die in vielen Vereinen separat trainierte Karate-Selbstverteidigung (was Karate ja nun einmal schon ist) und man erkennt deutlich die Verbindungen zu anderen waffenlosen Kampfsystemen, wie dem Jiu jutsu oder dem Aiki jutsu und hebt es über die Grenzen einer tretenden und schlagenden Kunst hinaus.
Außerdem vermittelt es uns die Traditionen und Erfahrungen der Meister der vergangenen Jahrhunderte indem es einen Bogen über die Zeit schlägt und das Karate als moderne aber auch als klassische, sich ständig entwickelnde Kunst erscheinen läßt.