Das Schwert des Bokuden
Kashima shinto ryu
Einige Kilometer nordöstlich von Tokyo, am Ufer des Pazifik, liegt die kleine Stadt Kashima (Präf. Ibaraki), die ihre Berühmtheit innerhalb Japans einzig und allein einem Shinto-Schrein und einer Anzahl von ehemaligen Einwohnern verdankt, welche heute zu den besten Schwertfechtern in der japanischen Geschichte gehören. Und noch in unserer Zeit ist dieser Ort bekannt für seine Tradition in den Kriegskünsten und als Heimat einiger der ältesten Kampfschulen des Inselreiches.
Eine dieser Schulen ist die Kashima shinto ryu des Schwertmeisters Tsukahara Bokuden (1489/90 1571) eines der größten Heiligen des Schwertes (Kengo), welche je in Japan hervorgebracht wurden.
Bokuden wurde unter dem Namen Yoshikawa Takamoto als Mitglied des Urabe Clans im Jahr 1489 in Kashima geboren und wurde in seiner Jugend von seinem Großvater Yoshikawa Kaga no nyudo in Fragen der Religion und des Schwertkampfes unterwiesen. Seine Familie bestritt seit Generationen offizielle Aufgaben innerhalb des Kashima Schreins, wozu neben shintoistischen Praktiken auch die Ausbildung in kriegerischen Disziplinen (speziell Schwertkampf) gehörte. In historischen Zeiten, als auf den japanischen Inseln noch verschiedene ethnische Gruppen um die Vorherrschaft kämpften, lag Kashima in der Nähe der nördlichen Grenze des Yamato-Gebietes, dem Stammland der heutigen Japaner. Verteidigungsbereitschaft war seit diesen Tagen (400 700) ein Selbstverständnis in der Ausbildung der Priester des Kashima jingu (Schreins) - die Nähe zum Feindesland und der Schutz des Heiligtums vor Plünderern und Räubern machte dies nötig. Der im Schrein praktizierte Fechtstil des Kashima no tachi (Schwert von Kashima) war in ganz Japan berühmt und gehört zu den ältesten überlieferten mythischen Fechtsystemen Japans.
Neben dem Schrein von Katori, welcher nur einige Kilometer entfernt liegt, war der Kashima jingu einer der bedeutendsten Wallfahrtsstätten der Krieger in der japanischen Geschichte. Take mikazuchi no kami, einer der beiden Shintogötter denen das Schwert geweiht war, hatte hier seine Wohnstätte.
In einem solchen Umfeld wuchs Tsukahara Bokuden nun in seiner Jugend auf. Er meisterte noch in seiner Teenager-Zeit die Techniken des Kashima no tachi und kam in den Genuß einer weiteren Fechtausbildung in der Katori shinto ryu, die durch seine Adoption in die Familie Tsukahara möglich wurde. Sein neuer Adoptivvater war Tsukahara Tosa no kami Yasutomo (deshalb auch der Namenswechsel von Yoshikawa zu Tsukahara), Herr einer kleinen Burg nördlich der Stadt Kashima, welcher einerseits den Lebensunterhalt des Jungen sicherstellen konnte und welcher darüber hinaus ein Schüler der Katori shinto ryu war, welche er an seinen Zögling weitergab (andere Quellen sprechen statt einer Adoption von einer Heirat in die Familie Tsukahara). So vereinten sich in Bokuden die zwei legendärsten Fechtsysteme des japanischen Mittelalters, die Kashima und die Katori Schule.
Mit 17 Jahren zog Bokuden das erste mal auf Kriegerwallfahrt (Musha shugyo). Hierbei sollte er Selbständigkeit lernen und Entbehrungen auf sich nehmen, was ihm in seiner künftigen Aufgabe als Samurai vorteilhaft wäre. Außerdem hatte er die Möglichkeit sich mit Schülern anderer Ryu (Schulen) im Duell zu messen und so seine Techniken zu vervollkommnen. Zurück in seiner Heimatprovinz (heute Ibaraki) trat er in den Dienst des lokalen Daimyo und konnte sich in den folgenden Jahren in einer Vielzahl von Kämpfen auszeichnen. Japan befand sich zu Bokudens Lebzeiten in einer der blutigsten Epochen seiner Geschichte (Sengoku jidai). Bürgerkriege und Provinzkämpfe einzelner Fürsten forderten große Opfer an Menschen und Material. So soll Bokuden an 37 größeren Schlachten teilgenommen haben, von denen er 212 Köpfe von getöteten Feinden als Trophäe mitbrachte. Einige davon waren höhere Befehlshaber des Gegners, was ihm zusätzliche Ehren einbrachte. Im Gegenzug dazu wurde er lediglich 6 mal durch feindliche Pfeilen verletzt, was letzt endlich alles dazu beitrug seinen Ruf als Krieger und Meister in den Kampfkünsten zu festigen und ihn bereits zu Lebzeiten zur legende werden zu lassen. Es gibt nur wenige legendäre Schwertkämpfer, deren Ruf sich auf eine solche Anzahl von realen kriegerischen Auseinandersetzungen stützt. Meist bezogen sich die Kriegsschulen auf Gründer, die ihre praktischen Erfahrungen in verschiedenen Duellen mit anderen Meistern erworben hatten und durch deren Bezwingung ihre Technik legitimierten. Bokuden absolvierte 19 Duelle mit realen Klingen, aus denen er siegreich hervor ging.
Mit 37 Jahren, so die Legende, zog sich Bokuden für 1000 Tage in den Kashima Schrein zurück, um zu beten und sich in den Kriegskünsten zu vervollkommnen. Hier legte er dann auch den Grundstein eines neuen Fechtsystems (1530), welches er in Anlehnung an die von ihm gelernten Schulen (Kashima no tachi und Katori shinto ryu) Shinto ryu nannte. Der neue Name Shinto bedeutet soviel wie neuer Hieb, während es in der Katori shinto ryu alsgöttlicher Weg gelesen wird. Später wurde der Name zu Kashima shinto ryu ergänzt um noch eindeutiger auf die beiden Urformen seiner neuen Schule hinzuweisen. Die Übersetzung des Schulnamens könnte also sinngemäß heißen: Die neue Schwerttechnik von Kashima.
In der Praxis werden noch heute in der Kashima shinto ryu die 5 klassischen Hauptwaffenformen des Mittelalters gelehrt, welche auch in anderen Koryu (alten Systemen) einen festen Platz haben. Das sind Daito (Langschwert), Bo (Stock), Yari (Speer), Naginata (Schwertlanze) und Kodachi (Kurzschwert).
Die Kashima shinto ryu versteht sich als eine ausgesprochene Schwertschule. Jedes Training beginnt und endet mit dem Fechttraining - so lernt man wie das Schwert gegen alle anderen Arten von Waffen eingesetzt werden kann, die im klassischen Japan in Kriegszeiten verwendet wurden. Diese Ausbildungsmethode steht im Gegensatz zu vielen anderen japanischen Systemen, die verschiedene Waffenformen studieren um primär einen Schwertkämpfer zu besiegen und erst sekundär gegen andere Waffen vorzugehen. In den Kashima ryu Kata (Übungsformen) ist der Schwertkämpfer stets die dominierende Seite gegenüber den anderen Waffen. So lernt man zuerst die Techniken (Kata) des Schwertes und wird erst danach in Naginata und Speer unterrichtet.
Wie in allen Koryu (alten Schulen) unterrichtet auch die Kashima shinto ryu hauptsächlich durch das Training der Kata (Formen). Die meisten davon sind so alt, daß sie noch auf Bokuden zurückgehen. In der Kashima shinto ryu werden diese Kata in verschiedene Serien eingeteilt. Die erste nennt sich Omote tachi ju ni (12 Haupt-Schwertübungen). Diese Übungen werden paarweise und mit dem Bokuto (Holzschwert) ausgeführt. Die nächsten zwei Serien der Mittelstufe heißen Hichijo no tachi und Kasumi no tachi mit jeweils 7 Kata. Diese Formen werden nicht mit dem Holzschwert sondern mit dem Fukuro shinai geübt, einer Schwertattrappe aus Bambusleisten welche mit Leder ummantelt ist und das Verletzungsrisiko im Training stark herabsetzt. Diese Übungswaffe ist auch in anderen Schwertschulen zu finden, wie z.B. in der Maniwa nen ryu, Kashima shin ryu, Shinkage ryu oder anderen. Die letzten und höchsten Schwertserien der Ryu werden Ma no tachi (3 Kata), Iika no tachi (10 Kata) und To mo no tachi (12 Kata) genannt.
Auf der Lehrstufe des Kasumi no tachi werden die Schülern in den ersten Techniken von Stock (Bo) und Speer (Yari) unterwiesen. Später wird dies um das Studium der Naginata und des Kodachi (Kurzschwert) ergänzt. (Batto jutsu mit 26 Kata, Bo jutsu mit 8 Kata, So jutsu und Naginata jutsu mit verschiedenen Klingen und 30 Kata)
Bokudens neue Schule und die damit verbundenen philosophischen und spirituellen Werte wurde bereits zu seinen Lebzeiten eine der bekanntesten Fechtsysteme Japans. Weitere Reisen brachten Bokuden nach Ise wo er Lehrer des Fürsten Tomonori Kitabatake wurde und bis nach Kyoto, in die damalige Hauptstadt, wo er einflußreiche Fürsten wie die Minister Hosokawa im Schwertkampf unterrichtete und sogar den Shogun Ashikaga Yoshiteru und Ashikaga Yoshiaki als Fechtlehrer diente die größte weltliche Ehre, die einem Schwertmeister widerfahren konnte.
Andere bekannte Schüler Bokudens gründeten auf den Grundlagen seiner Lehren später ihre eigenen Fechtsysteme.
Somit etablierte sich die Kashima shinto ryu als eine der fundamentalsten Kampfschulen Japans, welche maßgeblich andere Ryu (vor allem in Langwaffenbereich), wie die Tendo ryu (Naginata jutsu), Bokuden ryu oder die Honma ryu (Sojutsu) beeinflußte.
Die Schule ist noch heute in der Stadt Kashima beheimatet und wie vor 500 Jahren eng mit dem Schrein Kashima jingu verbunden. Bokudens direkte Nachfahren führten die Tradition der Ryu bis heute in der 65. Generation weiter, eine der wenigen ununterbrochenen Linien innerhalb einer Familie in den japanischer Kriegskünste. Eine Eigenart der Ryu ist, daß Tsukahara Bokuden nicht als Stilgründer im eigentlichen Sinne angesehen wird sondern eher als Initiator des Systems, welches auf den Techniken des Kashima no tachi beruhte. Die Überlieferungen nennen einen Krieger und Angehörigen des Kashima Schreins namens Kuninazu no Mahito als Stammvater, welcher bereits Jahrhunderte eher durch die Götter in den Geheimnissen des Schwertkampfes unterwiesen wurde. Die Familie Yoshikawa, welche bereits seit dem 10. Jhdt. im Kashima jingu diente, übermittelte das Kashima no tachi als Familientradition (wie auch die anderen im Schrein angesiedelten Familien), aber erst in Bokudens Zeit wurde das System als standardisierte Form mit eigener Ryu festgelegt. Die Familie Yoshikawa, Bokudens Nachfahren, besitzt heute noch ein kleines Dojo (Übungshalle) in Kashima.
Vom Ort und der Gemeinde wurde Bokuden, als einem der bedeutendsten Söhne der Stadt, vor dem lokalen Bahnhof eine Statue und ein Park mit seinem Namen ein schönes Denkmal gesetzt, um ihn zu ehren. Ein bleibendes Denkmal für die Ewigkeit ist jedoch ohne Frage sein Erbe und seine Hinterlassenschaft - die Kashima shinto ryu.