Töten auf Distanz
Pfeil und Bogen
Mit der Keule und dem Speer zusammen gehört der Bogen zu den ältesten Jagd- und Kriegsgeräten der Menschheit überhaupt. Er war die erste weitreichende Waffen, welche in ihrer Entwicklung bis in die Neuzeit kaum Veränderungen erfahren hat und welche sich als eigene Gattung innerhalb des Militärs am längsten von allen etablierte.
Wie in jedem anderen Land der Welt auch, gehörte der Bogen in Japan schon seit prähistorischen Zeiten zur Standardausrüstung der Krieger. Seit dieser Zeit bildete er nicht die einzige, wohl aber die wichtigste Fernwaffe überhaupt. Anders als bei Schwert oder Speer wurde Pfeil und Bogen jedoch nicht nachträglich von asiatischen Kontinent aus beeinflußt, so daß sich schon sehr früh auf den japanischen Inseln eigene Formen entwickelten.
Die ersten Vorfahren der jetzigen Japaner schienen den Bogen bei ihren Wanderungen vom asiatischen Kontinent mit auf die Inseln gebracht zu haben. Sie beeinflußten hauptsächlich die Form des ursprünglich geraden, japanischen Langbogens (Tarashi) und schufen die uns heute bekannte Form (Yumi).
So tauchten wahrscheinlich im 3. Jhdt die ersten typisch japanischen Bogenformen auf.
Diese Waffen waren nicht mehr symmetrisch aufgebaut, wie ihre Vorgänger, sondern ungleich schenkelig mit einem Verhältnis von 2 : 1. Das heißt, daß sich der Griff nicht mehr im Zentrum der Waffe befand sondern im unteren Drittel, was dem Bogen ein „kopflastiges“ Aussehen verlieh. Warum die neuen Bögen diese in der Welt einmalige und ungewöhnliche Form erhielten ist heute leider unklar. Einige historische Theorien sehen darin eine Angleichung des Langbogens an die bessere Handhabung zu Pferde.
Von der allgemeinen Technik des Schießens hat sich vom Mittelalter bis zur heutigen Zeit nicht viel geändert. Vorbereitung und Pfeil einlegen (Yugamae), führen des Bogens über dem Kopf (Uchiokoshi), ausziehen (Nobiai) und auslösen des Schusses (Hanare). Wie in jeder anderen Kriegskunst variierten die einzelnen Bewegungen und Rituale auch im Kyu jutsu innerhalb der verschiedenen Schulen und Systeme. Durch die parallele Stellung zur Schußlinie und nicht dahinter, wie bei Feuerwaffen, erforderte erfolgreiches Schießen ein sehr langes Training. Dafür befand sich auf fast jeder Burg oder befestigten Anwesen ein spezieller Schießplatz
(Motoba) für das Training der Angehörigen des jeweiligen Clans.
Die Bogenausrüstung der Bushi (Kyu sen) wurde neben Speeren und Schwertern an eigen vorgesehenen Plätzen in Arsenalen oder in Wohnräumen in Waffenständern aufbewahrt und stand den Kriegern im Ernstfall sofort zur Verfügung.
Die Kunst des Bogenschießens (Kyu jutsu) war in Japan das wirklich erste festgelegten Kampfsysteme, wie wir sie heute vom Fechten oder Ringen kennen. Bereits der legendäre Prinz Shotoku Taishi (574 - 622) gründete eine der ersten festgelegten Bogenschulen der Welt überhaupt, die nach ihm benannte Taishi ryu.
Sie war zwar eher als höfische Zeremonie denn als praktisches Kriegshandwerk zu sehen, aber bereits im 11. Jhdt. entstanden die ersten wirklich realen Kampfschulen, welche sich mit dem praktischen Bogenschießen in der Schlacht beschäftigten. Somit können sie als die ersten und ältesten, überlieferten Kriegssysteme Japans gelten.
Die Ogasawara-, Takeda- und die Heki ryu waren einige der Schulen (Ryu) dieser Art in der japanischen Geschichte überhaupt und haben sich teilweise mit ihrer Tradition bis in die Neuzeit behaupten können. Eine Vielzahl von verschiedenen Zweigen (Ryuha) gründet sich auf diese Schulen, welche sich vor allem auf die Spezialisierung einzelner Schießarten oder feiner Nuancen in der Ausführung der Technik unterscheiden. Die Krieger-Clans sicherten sich die Geheimnisse der einzelnen Ryu als Garantie für den Erfolg in der Schlacht und vermittelten die Traditionen innerhalb der Familien über viele Generationen. So war die Sekka ha Heki ryu die Hausschule des Todo-Clans, die Okura ha Heki ryu diente dem Maeda-Clan usw.
Bis ins späte Mittelalter blieben Pfeil und Bogen die Hauptfernwaffen der Samurai, waren sie doch schneller zu laden und treffsicherer als die ersten in Japan bekannten Feuerwaffen. Anfangs übertrafen sie diese auch an Schußweite. Ihr Nachteil lag lediglich in der Durchschlagkraft auf kurze bis mittlere Distanz.
Verschiedene Geschichten berichten uns heute von vergangenen Helden und ihren Taten mit ihren großen Kriegsbögen. Diese Erzählungen geben einen Einblick das Leben der Bushi und ihrem Verhältnis zu Pfeil und Bogen. Natürlich wurden mit der Zeit verschiedene Aspekte dieser Überlieferungen glorifiziert aber noch heute gelten sie für die Anhänger des Kyu jutsu als Beweis ihrer langen Tradition.
Eine der bereits erwähnten Geschichten berichtet von der enormen Durchschlagkraft des japanischen Bogens.
Demnach sollte ein Gefolgsmann des frühen Kaisers Nintoku tenno (313 - 399 ), dem Befehl seines Herren folgend, einen koreanischen eisernen Schild auf seine Wehrhaftigkeit gegenüber japanischen Waffen testen. Nach einigem Überlegen nahm der Krieger seinen Langbogen und stellte den Schild auf den Platz einer alten Zielscheibe am Rande eines Schußfeldes. Zum Erstaunen aller anwesenden Höflinge gelang es ihm den Eisenschild mit einem einzigen Schuß zu durchschlagen. Auf diese Tat hin erhielt er den Kriegsnamen Ikuba (Ziel) und galt fortan als ein gefürchteter Bogenschütze.
Eine andere Erzählung erwähnt den Überfall auf eine Burg während der Kamakura-Zeit, bei der ebenfalls die hohe Durchschlagkraft eines japanischen Kriegsbogens beschrieben wird.
Einer der Insassen der Festung, Ogasawara Maguroku, eilte nur mit einem Bogen bewaffnet in einen der Wachtürme, öffnete eine der Schießscharten und schoß seinen Pfeil auf den Nächsten der anstürmenden Feinde mit den Worten: Hier werdet ihr eine Kostprobe meiner Kriegskunst zu spüren bekommen! Wo ist euer General ich möchte ihm einen meiner Pfeile schenken! Sein Geschoß schlug in den Helm des anvisierten Reiters ein und warf ihn vom Pferd. Der Pfeil war glatt durch eisernen Helm und Schädel gegangen und war erst am Nackenschutz wieder herausgekommen.
Wahrheit oder Legende - jedenfalls hatte die eigentümliche Form japanischer Bögen keinen negativen Einfluß auf deren Durchschlagskraft oder Schußweite. Eine weitere Geschichte, welche vor allem die beiden besagten Aspekte veranschaulicht geht bis ins frühe 14. Jhdt, in die Nanbokucho-Periode, zurück.
Ein General des damals sehr bedeutenden Heerführers Nitta Yoshisada (1301 - 1338), mit Namen Shigeuji, leitete zu dieser Zeit die Belagerung einer Befestigungsanlage der Krieger Ashikaga Takauji's (1305 - 1358) während der Schlacht von Hyogo. Der General, welcher schon seit längerer Zeit vergeblich versuchte die Burg zu nehmen, wurde von den sich in Sicherheit wiegenden Burgtruppen verhöhnt. Sie glaubten sich in genügender Entfernung vor Nitta's Bogenschützen und forderten sie lachend zum Kampf heraus. Doch statt einer Erwiderung legte der General nur einen Pfeil auf seinen Bogen und schoß einen der Prahler über eine Entfernung von 360 m aus dem Turmfried. Die weiteste Entfernung, die je mit einem japanischen Bogen erzielt wurde soll bei ca. 450 Metern liegen.
Noch heute gibt es im Kyu jutsu eine historische Tradition, bei der sich ein Schütze 24 Stunden lang einem ununterbrochenen Schußtest unterziehen muß. Er soll versuchen ein Ziel über eine Distanz von ca. 120 m zu treffen. Das Handicap dieses Tests besteht darin, daß er, abgesehen von der enormen Entfernung auf der Veranda eines alten Tempelgebäudes in Kyoto durchgeführt wird. Dieses betreffende Haus, die legendären Sanjusangendo Halle, ist schon seit dem Mittelalter Austragungsort dieses berühmten Bogenturniers. Dachkonstruktion und Seitenwände der Veranda behindern zudem noch die Schußbahn, was das Ausführen der Techniken erheblich erschwert. Im Jahre 1686 stellte der Krieger Wada Daihachi den beurkundeten Rekord von 8133 Treffern bei 13.053 Schüssen auf, was einem Durchschnitt von 9 Pfeilen pro Minute entsprechen würde.
Einen anderen Rekord in Treffsicherheit stellte ein Krieger namens Naso no Yoichi während der Gempei kriege im 12. Jhdt auf.
Er war Gefolgsmann des Minamoto Clans und kämpfte für ihn gegen die Truppen der Taira. Ebenso wie der General Shigeuji stellte er sich einer Herausforderung des Gegners, welcher sich auf Booten vor der Küste während der Schlacht von Dan no ura zusammengezogen hatte. Eine Hofdame des Taira Clans hatte zuvor ihren Fächer als Glücksbringer an einem der Schiffsmasten befestigen lassen. Naso no Yoichi trieb nun sein Pferd in die See und vollbrachte den Geniestreich, den schaukelnden Glücksbringer des Feindes vom Mast zu schießen. Mit dieser Tat dürfte er den Kampfgeist des Feindes um erhebliches geschmälert und den eigenen Truppen ein günstiges Omen auf den Ausgang der Schlacht geliefert haben.
Im Gedenken an diese Geschichte gibt es noch im heutigen Kyu do (Weg des Bogens) ein Schießspiel namens Ogi no mato (Fächerziel), wobei man anstatt der üblichen Strohscheibe einen Fächer zum Ziel bestimmt.
Auch bei religiösen Zeremonien und im Sport hatte der Bogen seit jeher seinen festen Platz. Historische Formen, wie das Yabusame (Zielschießen im vollen Galopp) oder das Hundejagen (Inuoi) sind uns bereits aus dem frühen Mittelalter überliefert. Hierfür verwendete man eigene Pfeile und Bögen, welche nicht unbedingt mit den sonstigen Kriegswaffen identisch waren.
Von ihrem Hauptcharakter unterschied man beim Bogenschießen in zwei verschiedene Formen, das Bushakei / Uchi muki (Schießen zu Fuß) und das Kishakei / To muki (Schießen zu Pferde).
Seit jeher begannen Auseinandersetzung zwischen japanischen Rittern mit den traditionellen Bogenduellen zu Pferde (Ya awase). Diese Duelle wurden nicht nur bei persönlichen Auseinandersetzungen sondern auch auf dem Schlachtfeld individuell ausgetragen und waren so stets direkte Attacken und nicht mit dem Sperrfeuer der Infanterie zu vergleichen. Der Gebrauch des Bogens entschied bis ins 14. Jhdt, also dem frühen Mittelalter, hauptsächlich über den Ausgang eines Kampfes, Schwerter kamen erst bei Verlust aller Pfeile zum Einsatz. Bis dahin war der Bogen eine privilegierte Ritterwaffe und ihr Ansehen so hoch, daß der viel zitierte Bushi do
(Kriegerkodex) in dieser Zeit noch Kyuba no michi (Weg von Bogen und Pferd) genannt wurde. Diese ungeschriebenen Regeln des Verhaltens von Kriegern in der Öffentlichkeit und ihre Eingliederung in die Gesellschaft erhoben Loyalität mit all ihren verbundenen Eigenschaften wie Ehre, Gerechtigkeit, Wahrheit und Treue zum Ideal aller Bushi. Aspekte also, die unter dem Begriff „Ritterlichkeit“ in jeder höher Kulturform zum Grundsatz des militärischen Adels gehörten. Die historische Elite Japans und Träger dieser Ideale waren nun einmal die Ritter, die Samurai. Die praktische Realität dieses Kodexes darf jedoch angezweifelt werden, insbesondere auf den Umgang mit Leuten außerhalb des Standes der Kriegerkaste. Unabhängig davon bezeichnet der Name Kyuba no michi jedoch deutlich die Bedeutung der Bogenwaffen zu dieser Zeit als allgemeines Symbol für die Bushi. Erst im hohen Mittelalter lief der Speer und dann das Schwert dem Bogen den ersten Rang unter den Kriegswaffen ab.
Eine Version des Kishakei (Schießen zu Pferd) wird noch heute in Form des Yabusame und des Kasagake (Hutschießen) zelebriert. Die ersten dokumentierten Wettkämpfe dieser Art sind bereits für das Jahr 1187 in Kamakura dokumentiert. Dabei versuchten Reiter im vollen Galopp drei auf einem Court aufgestellte Scheiben zu treffen. Der Schütze mußte seine Pfeile schnellst möglichst ins Ziel zu setzen - für den Einsatz in Kriegszeiten kamen hier die Fähigkeiten des gezielten Schießens im vollen Galopp und des schnellen Pfeilwechsels zu Gute.
Die Ogasawara- und die Takeda ryu bilden die Zentren dieser Kunst, welche auf die historischen Jagdschießübungen der Kamakura-Zeit zurückgeht.
Versionen des Bushakei (Schießen zu Fuß) war in historischer Zeit eher ein Bestandteil der Ashigaru (Fußvolk) als der adligen Ritterschaft. Der Bogen, vordem hauptsächlich eine Waffe der Bushi, fand ab der Muromachi-Epoche auch verstärkt Einsatz bei im Verband kämpfenden Soldaten des unteren Standes. Mehrere Formen des organisierten Schießens wurden geübt und die Bogenschützen konnten so massiv und erfolgreich gegen feindliche Kampfverbände eingesetzt werden. In dieser Art des Schießen unterschied man verschiedene Varianten der Anwendung in der Schlacht nach den Bewegungsformen der einzelnen Truppenverbände oder der Bestimmung des Einsatzes. Eine dieser Methoden war das Verschießen von Sperrfeuer welches von den Kriegern vor allem zu Beginn der feindlichen Auseinandersetzungen eingesetzt wurde. Diese Kazu ya (Vielzahl von Pfeilen) genannte Schießform übte man meist von sicherer Position hinter Schilden (Tate) oder Brustwehren aus.
Dort, vor gegnerischen Pfeilen selbst in Sicherheit, konnte man die feindlichen Linien mit einer Unzahl von Geschossen eindecken. Zu diesem Zweck kniete man ab, nahm alle nötigen Pfeile bereits aus dem Köcher und platzierte sie griffbereit auf dem Oberschenkel. Von dieser Position aus konnte man bequem die Form des Schnellschießens eröffnen.
Die Schießform des Sperrfeuers lernten die Japaner erst später durch die Mongolen kennen.
Eine andere Variante des Bushakei bezeichnete man als Koshi ya (Pfeile von der Hüfte). Der Name bezieht sich bei dieser Form auf die vom Hüftköcher (Ebira) gezogenen Pfeile, welche im schnellen Lauf gezielt auf Gegner mittlerer Distanz abgeschossen wurden.
Diese Technik geht angeblich auf eine Taktik des Shimazu Clans der Provinz Satsuma in Südjapan zurück. Die Verbände der Bogenschützen fungierten bei dieser Form wie eine perfekt abgestimmte Maschinerie. Während die erste Reihe der Schützen ihre Pfeile kniend abfeuerte, spannte die zweite Reihe bereits im Laufen ihre Bögen während die Dritte schon wieder neue Pfeile einlegte. Die Schützen an den Seiten des Verbandes deckten mit ihren Schüssen die Seiten, damit der Verband nicht durch Flankenangriffe aufgerieben wurde. Diese Form des Schießens wurde meist als Eröffnung für nachfolgende Speerträger oder die berittenen Bushi eingesetzt. Diese sollten nun wiederum die nur mit Bögen bewaffneten Ashigaru ablösen und decken.
Außer ihren Fernwaffen gehörten üblicherweise nur noch die Schwerter zur Ausrüstung dieser Art von Fußsoldaten. Es soll jedoch auch üblich gewesen sein, den Bogen in der Art einer Lanze beim Aufeinandertreffen mit dem Feind einzusetzen. Inwiefern dies aber den allgemeinen Gepflogenheiten entsprach ist fraglich, ist es doch abzusehen wie sehr ein guter Bogen unter der Verwendung als Stoßwaffe leiden würde.
Andere Schießformen, wie etwa das Enteki (Weitschießen) gehen historisch wohl auf das Versenden von Pfeilnachrichten oder das verschießen von Brandpfeilen (Hi ya) gegen Befestigungen und Burgen zurück