Forensische Archäologie gehört im Bereich der Altertumsforschung zu den jüngsten Zweigen dieser Studienrichtung und beschäftigt sich hauptsächlich mit der Ausgrabung und Untersuchung historischer Schlachtfelder und Gräbern von Kriegsopfer. Im speziellen Fall Japan geben diese Forschungen somit einen authentischen Einblick in die Geschichte der Samurai-Kriegsführung, der verwendeten Waffen und deren Auswirkung auf den menschlichen Organismus. Obwohl sich zahlreiche Überlieferungen der historischen Epochen eingehend mit diesen Aspekten beschäftigen, geben erst die archäologischen Feldstudien eine echte Vorstellung von vergangenen Feldzügen und Gefechten. Für Schüler der japanischen Kriegskünste sind diese Studien insofern interessant, da sie einen realen Einblick auf das Wirken und die Geschichte ihrer Kampfsysteme geben.
In modernen Zeiten, in denen Bujutsu und Budo nicht mehr Handwerkszeug von Militärs oder Kriegern sind und die Notwendigkeit und Gefahr der körperlichen Konfrontation auf dem Schlachtfeld nicht mehr gegeben ist, läßt vergessen, aus welchem Grund diese Künste entwickelt wurden. Die
Aussagen über die Wirkung der kriegerischen Techniken, die in modernen Dojo mit kampfunfähig, besiegen oder treffen bezeichnet werden, entsprechen eher der political correctness unserer Epoche und geben nur ein ungenügendes Bild über die tatsächlichen Resultate von Schnitten, Stichen, Schlägen oder Würfen auf den menschlichen Körper wieder. Außerdem gehen moderne Budoka in ihrem Verständnis vom Zweikampf meist vom Duellcharakter einer Konfrontation von zwei Partnern aus - die Techniken der Kriegskünste wurden jedoch meist für Menschen entwickelt, die sich zu Massen, in jedem Gelände, zu jeder Zeit und bei jedem Wetter trafen um politische oder religiöse Differenzen mit der Waffe zu klären. Auf dem Schlachtfeld reagierte ein Teil der Männer mit Panik, die anderen mit Blutrausch, Verwandte trafen sich um sich gegenseitig umzubringen, kriegserfahrene Greise standen halben Kindern in ihrem ersten Kampf gegenüber, Krieger fielen im Durcheinander von der Hand verbündeter Waffenträger...
Die folgende Betrachtung soll zeigen, was für Auswirkungen die unterschiedlichsten Techniken und Waffenformen im Ernstfall auf den Organismus hatten, welchen Gefahren die Bushi in Kriegszeiten des Mittelalters ausgesetzt waren und mit welchen Risiken sie rechnen hatten. Wer in den Kampf zog mußte Verwundung oder Tod einkalkulieren und viele der Männer kehrten nur als Krüppel heim. Daran hat sich in der Geschichte des Krieges in den letzten 2000 Jahren nicht viel geändert. Welche Spuren ein Dasein als Krieger hinterlassen kann, verdeutlicht das Leben des berühmten Generals des Takeda-Clans, Yamamoto Kansuke (1500 - 1561). Seine Laufbahn hatte ihn ein Auge und mehrere Finger gekostet, außerdem hinkte er auf einem Bein. Er starb, durch gegnerische Waffen schwer verwundet, im Alter von 61 Jahren in der Schlacht von Kawakajima durch Seppuku...
Fernwaffen
Ohne Frage war der Bogen die bedeutendste Waffe aller Zeiten für die japanischen Krieger. Bis zu den Mongoleneinfällen in Japan (1274 und 1281) bestanden praktisch gesehen alle Schlachten der Geschichte aus einer Ansammlung von Bogenduellen zwischen einzelnen Reitern. Und selbst nach der Einführung der Feuerwaffen bildeten die Bogenschützen eines der mächtigsten Kontingente japanischer Heere. Mit einer Reichweite von über 250 m, einer höheren Treffsicherheit und wesentlich kürzeren Nachladezeit als alle Feuerwaffen ihrer Zeit, blieb der Bogen noch bis ins 17. Jhdt. eine der wichtigsten Kriegswaffen Japans. Für den Einsatz im Feld verwendeten die Samurai eine Vielzahl von Pfeilen mit ganz speziellen Spitzen (Yajiri). Pfeilspitzen in Form von flachen, breiten und ausladenden Vogelschwänzen (Kurimata) oder mit Widerhaken rissen weite Wunden und verhakten sich im Fleisch. Wenn man den Treffer eines solchen Geschosses überlebte, brachte dessen Entfernung aus dem Körper meist eine weitere Verletzung gesunden Gewebes mit sich und führte zu starkem Blutverlust. Pfeile in der herkömmlichen Widerhakenform wurden Darmzerreißer (Watakuri) genannt allein der Name spricht für sich. Weitere Pfeilvarianten in dolchförmigen Klingen (Togari) und Schildbrecher (Tatewari) konnten Rüstungen durchschlagen und drangen durch die schmale Klinge weit in den Körper ein.
Aus den Bogenduellen berittener Samurai wird überliefert, daß die Krieger eine über der Knauf des Sattels gebeugte Position statt einer aufrechten Stellung bevorzugten, die einen größtmöglichen Schutz des Körpers durch die Helmvorderseite (Kabuto), die ausladenden Nackenprotektoren (Shikoro) sowie der großen Oberarmplatten (Sode) gewährleisteten. Trotz allem fanden Pfeile immer wieder ihr Ziel durch freie Stellen in der Panzerung oder im Bereich des Gesichts.
Der Heerführer Nitta Yoshisada starb, nachdem er durch einen Pfeil verletzt wurde, der ihm mitten in die Stirn traf. Das Geschoß tötete ihn zwar nicht, die Verwundung war jedoch so schwer, daß er die Schlacht nicht weiter fortführen konnte. Um seinen Feinden nicht kampflos in die Hände zu fallen setzte er seinem Leben durch Seppuku ein Ende."
Hokuriku Feldzug 1336
Auch andere historische Belege und Schädelfunde von alten Schlachtfeldern lassen den Schluß zu, daß Gesichtsverwundungen zu den häufigsten Verletzungen durch Geschosse zählten jedenfalls vor der Zeit der Feuerwaffen (die Stützung auf forensische Forschungen gibt leider keine Hinweise auf Treffer im Körperbereich, da Läsionen von Muskulatur und Organen nach 400 bis 800 Jahren schlecht nachzuweisen sind).
Sanada Yoshimasa traf die Kugel einer Arkebuse in die linke Seite, welche von der Burg aus abgefeuert wurde. Der Schuß warf ihn vom Pferd, worauf ihn sein Knappe und einige andere Gefolgsleute aufnehmen und hinter die eigenen Linien schaffen wollten. Doch Sanadas Brustpanzer, in Form der europäischen Rüstungen (Namban do), hatte die Kugel aufgehalten...
1614, Winterfeldzug Osaka
Ende des 16. Jhdt. kam eine neue Komponente auf den Schlachtfeldern zum tragen die Feuerwaffe. Die große, historische Bedeutung dieser neuen Waffengattung wird unter Militärhistorikern neuerer Zeit immer mehr angezweifelt. Bisher galt die Muskete (Teppo) als eines der Wunderwaffen des japanischen Mittelalters, mit dem selbst schlecht ausgebildete Fußsoldaten eine ernsthafte Gefahr für erfahrene Samurai werden konnten. Diese frühen Gewehre waren jedoch noch sehr anfällig auf Feuchtigkeit, hatten eine lange Nachladezeit, geringere Reichweiten als spätere Modelle und verursachten bei massenhaftem Einsatz, wobei sie erst effektiv wurde, einen Pulverqualm, der den Schützen jede Sicht auf das Ziel nahm.
Unabhängig davon waren die Teppo die ersten Waffen, deren Wirkung nicht allein von der Muskelkraft des Kriegers abhängig war, wie bei Schwertern oder Bögen. Die kinetische Energie einer Musketenkugel war so groß, daß sie auf kürzere Strecken jede Art von Rüstung durchschlagen konnte. Feldversuche mit einer japanischen Muskete eines Kalibers von 8mm haben ergeben, daß über 30 m Distanz alle der 5 abgefeuerten Kugeln ihr Ziel trafen, wobei sie noch 2 mm starke Eisenplatten und 48 mm starke Holzbohlen durchschlugen. Auf eine Distanz von 50 m verfehlten bereits 4 der 5 Geschosse das anvisierte Ziel und die Durchschlagskraft verringerte sich um die Hälfte. Dies reichte jedoch immer noch, um eine herkömmliche, japanische Rüstung zu knacken (nach Turnbull).
Speere und Schwerter
Ura Munekatsu führte den Angriff in eigener Person, so daß er für seine Feinde ein begehrtes Ziel darstellte. Zahlreiche Krieger stellten sich ihm entgegen, doch keiner konnte ihn bezwingen. Imi Danjo Saemon, ein General des Otomo-Clans, stellte sich ihm endlich entgegen und beide griffen mit ihren Speeren an. Imi zielte auf Uras Gesicht und stach ihm seine Lanze nahe der Nase mitten durch die Wange ins Gesicht. Im selben Augenblick gelang es dem schwerverletzten Ura Munekatsu seinem Feind den Speer in einen ungeschützten Teil seiner Rüstung zu stoßen...
Oktober 1561, Belagerung der Festung Moji
Schnittwunden von Klingenwaffen konnten, insofern sie nicht den Knochen durchdrungen hatten, während der Schlacht relativ schnell verbunden werden und versprachen eine hohe Heilungschance. Im Gegensatz dazu waren Stichverletzungen von Speeren oder Pfeilen tiefer, breiter und dementsprechend gefährlicher. Stichwunden im Körper, welche die Eingeweide trafen, führten meist zum Tode, auch wenn das Opfer den Kampf überlebte. Der Inhalt der Därme und Schmutz, der so in den Bauchinnenraum gelangte rief eine Sepsis hervor, deren Resultat eine unheilbare Peritonitis (Bauchfellentzündung) war. Treffer im Brustraum hatten fest die gleiche Wirkung. Diese Art von Vergiftung sowie Wundinfektion scheinen die größten Risikofaktoren für Kriegsverletzte in historischen Zeiten gewesen sein. Wie hoch die Verlustraten wegen mangelndem medizinischen Wissen unter den Kriegern war, die nach den Schlachten an ihren Verletzungen starben, ist nicht bekannt, doch ein Vergleich mit modernen Kriegen und einer Sterberate von 25% der Schwerverletzten läßt Schlimmes ahnen (3% Tote von 11% Verwundeten / Special Forces, Somalia 1993). Man kann sicher annehmen, daß in historischen Zeiten mindestens 50% der Schwerverletzten nach dem Kampf ihren Wunden erlagen.
Beispiele von Schädelfunden mittelalterlicher Schlachtfelder (Beispiele nicht von Japan)
Der linke Schädel weist einen Bruch im Gesichtsbereich auf, der von einer Hiebverletzung einer Klinge stammen könnte, der rechte Fund hat verschiedene Zertrümmerungen an der Schädeloberseite sowie Pfeilspitzen im Hinterkopf
Interessant wäre in diesem Zusammenhang ein Vergleich, wie hoch der Anteil der einzelnen Waffengattungen war, der die betreffenden Wunden verursachte. Es ist jedoch schwer Statistiken über historische Schlachten zu erstellen, da die überlieferten Quellen (der Sieger) meist sehr subjektiv beeinflußt waren. Eigene Verluste und gegnerische Erfolge wurden größtenteils heruntergespielt, dagegen wurden eigene Taten gern überzogen dargestellt. Eine bessere Grundlage für Studien dieser Art liefern die militärischen Aufstellungslisten der Clans, die Aufschluß darüber geben, welche Waffengattungen in welchen Stückzahlen eingesetzt wurden. So kann man Rückschlüsse ziehen, welche Waffen auf dem Schlachtfeld als besonders wirkungsvoll angesehen wurden und die damit verbundene Prozentzahl an Pfeil-, Schwert- oder Speerverletzungen abschätzen. Die Aufstellungslisten zeigen uns, daß vor allem Fernwaffen, wie Bögen oder Feuerwaffen, favorisiert wurden. Einheiten mit langschäftigen Speeren sollten vor allem die Schützen vor feindlicher Reiterei abschirmen oder einzelne Samurai attackieren, Schwerter wurden von allen Heeresabteilungen im Nahkampf eingesetzt. Am Beispiel des Date-Clans aus Nordjapan sieht man deutlich die Wichtung der unterschiedlichen Waffengattungen, welche sich von Clan zu Clan zwar unterschieden, vom Prinzip jedoch ähnlich blieben. So stellten die Date im Jahre 1600 ein Heer von 420 berittenen Samurai, 200 Bogenschützen, 1200 Arkebusenschützen und 850 Speerträgern auf. Diese Angaben decken sich in etwa mit den Ergebnissen forensischer Forschungen über die Verteilung von Verletzungen, welche auf den Schlachtfeldern von Sekigahara (1600) und Kamakura (1333), sowie historischen Quellen durchgeführt wurden. Ungeachtet aller Details stellt sich heraus, daß über 70% aller Verletzungen durch Geschosse (sowohl vor als auch nach der Einführung der Feuerwaffe) hervorgerufen wurden.
Durch das Tragen von Rüstungen minimiert sich die Wahrscheinlichkeit einer Verletzung an den gepanzerten Körperteilen um ein Vielfaches. Überlieferte Darstellungen von Schlachten, auf Wandschirmen und Bildrollen zeigen, daß selbst niedere Kriegerränge mit Brustpanzer (Do) und Hüftschutz (Kusazuri) ausgerüstet waren, die den Unterleib und die Vorderseite des Rumpfes mit den innenliegenden, lebenswichtigen Organen schützen sollten. Dennoch war eine Rüstung kein Garant dafür, unversehrt aus einem bewaffneten Konflikt hervorzugehen. In direkter Einwirkung, insbesondere bei unflexiblen Panzerungen wie Brustplatten oder Helmen, sind Handwaffen wie Schwerter oder Speere in der Lage die Rüstung zu durchdringen. Speziell am Schädel hinterlassen schwere Schläge gegen den Helm fatale Trauma durch die Einwirkung von Verdrängungsenergien. Durch direkte Gewalteinwirkung brechen oder zertrümmern auch Knochen von gepanzerten Körperteilen, was eine Verletzung oder Zerstörung von benachbarten Organen nach sich ziehen konnte.
Speziell die Kriegsschulen drillten ihre Angehörigen darauf, mit ihren Klingen die empfindlichen Teile der Rüstungen anzugreifen. Diese Bereiche - die ungeschützte Innenseite der Handgelenke, der Halsbereich zwischen Helm (Kabuto) und Brustpanzer (Do) sowie der freie Bauchbereich zwischen Harnisch und Oberschenkelschutz (Kusazuri) sind einerseits nur mit einer Lage dünner Schnüre überzogen, welche die verschiedenen Rüstungsteile zusammenhalten, und außerdem Lage wichtiger Schlagadern und Sehnen, welche durch Schnitte eher in Mitleidenschaft gezogen werden können, als durch Stichverletzungen von Pfeilen oder Speeren. Schock und Organversagen wegen hohen Blutverlustes waren die Auswirkungen, welche nach kürzester Zeit den Tod des Kriegers nach sich ziehen konnten.
Auch gegen ungepanzerte Gegner sind Schnittwaffen wie Schwerter und Messer meist effektiver als Langwaffen, da fast jede Berührung mit der feindlichen Klinge zu Verletzungen führen kann. Wird die Waffe nicht durch eine Schutzkleidung oder eine Abwehrtechnik aufgehalten sind die Wirkungen auf den menschlichen Körper fatal. Japanische Schwerter, die für Schnitt- und nicht für Hiebtechniken ausgelegt sind, waren in der Lage Körperteile abzutrennen oder einen menschlichen Rumpf in zwei Teile zu schneiden. In historischen Zeiten wurden von Kriegern Schnittproben (Tameshigiri) an Leichen oder an zum Tode verurteilten Verbrechern vorgenommen um die Fertigkeit im Umgang mit der Waffe auszutesten (in dieser Tradition stehen auch heute noch die Schnittproben an Bambus und Reisstrohballen der Batto jutsu Schulen). Hochwertige Klingen sollen in der Hand eines geübten Mannes mehrere übereinandergelegte Körper mit einem einzigen Schnitt durchdringen können welche Wunden eine solche Waffe an einem ungepanzerten Kämpfer hinterläßt entbehrt jeder Vorstellungskraft. Ein Beispiel gibt ein Bericht der französischen Gesandtschaft in Yokohama aus dem Jahr 1863, welcher ausführlich den Tod eines französischen Leutnants beschreibt, der im Zusammenhang mit ausländerfeindlichen Aktionen von Samurai getötet wurde. Der Mann wurde mit Schwertern niedergehauen und schrecklich entstellt (wahrscheinlich waren aber nicht alle Verletzungen Kampfwunden und der Leichnam wurde nachträglich noch verstümmelt).
"Seinen rechter Arm fand man in einiger Entfernung von seinem Körper entfernt, wie er noch in den Zügel seines Pferdes verkrallt war. Des weiteren hatte er Schnittverletzungen über eine Seite des Gesichts, durch die Nase, eine dritte über das Kinn die Halsschlagader war bei einem Hieb nach der Kehle geöffnet und die Wirbelsäule in Höhe des Nackens durchtrennt worden. Sein linker Arm hing nur noch an einem Stücken Haut und die komplette linke Körperseite lag geöffnet bis zum Herzen...
Fernwaffen, wie Pfeile oder Musketenkugeln waren die häufigsten Ursachen für Verletzungen auf japanischen Schlachtfeldern
Waffenloser Kampf
„ Iso Mataemon befand sich, zusammen mit einem seiner Begleiter, auf einer Wanderschaft, als sie von einer Horde von Banditen angegriffen wurden. Die Übermacht war zu stark und obwohl Mataemon ein Fachmann im Kumiuchi (waffenloser Kampf in Rüstung) war, konnte er seine Griffe und Hebel nicht effektiv genug gegen so viele Angreifer einsetzen, so daß er sich auf Atemi (Schläge und Tritte) verlegen mußte. In diesem Augenblick erkannte er die Bedeutung dieser Techniken für die Anwendung gegen ungepanzerte Gegner und ihre Effiziens im täglichen Leben.“
Überlieferung der Tenjin shinyo ryu
Bei Verletzungen durch waffenlose Techniken muß man zwischen Schlägen und Tritten und Verletzungen durch den Sturz oder Bruch, hervorgerufen durch Würfe oder Hebeltechniken unterscheiden. Atemi hatten eher in Friedens- als in Kriegszeiten Bedeutung, da diese Angriffe vor allem gegen ungepanzerte Gegner effektiv waren. Mit dem Wissen um die Anatomie des Menschen und seiner verletzlichen Körperpunkte konnte man durch die Einwirkung der schockartigen Energieübertragung von Schlagtechniken innere Organe schädigen, Knochenfrakturen hervorrufen oder den Gegner durch die Überreizung von Nervenpunkten kampfunfähig machen.
In der Schlacht waren die Krieger jedoch durch eine Rüstung geschützt, welche nur wenige Stellen offen ließ, die erfolgreich mit Atemi attackiert werden konnten. Aus diesem Grund bevorzugte die Vielzahl der japanischen Ryu eher Griff- und Wurftechniken, die auch gegen gepanzerte Krieger wirkungsvoll waren. Die Würfe und Hebel der waffenlosen Kampfsysteme waren darauf ausgerichtet einen Gegner so zu Boden zu bringen, daß dem Opfer eine Wirbelsäulenfraktur oder Gelenkverletzungen beigefügt wurde, die zumindest die Kampfunfähigkeit nach sich zogen. Hebel und Griffe wurden vorzugsweise gegen Gelenke eingesetzt, welche natürliche Schwachstellen des Körpers darstellen. Vor allem Nacken-, Ellenbogen-, Hand-, Knie- oder Schultergelenk waren bevorzugte Angriffspunkte. Der Bruch eines Gelenkes setzt das betreffende Körperglied außer Kraft, dazu kann der Schmerz zu Schock und Kampfunfähigkeit führen. Ein so verletzter Krieger konnten dann leichter mit Dolch oder Schwert getötet werden.
Die Gefahr der Verletzungen durch Knochenfrakturen (und damit verbundenen inneren Blutungen etc.) war aber nicht nur auf dem Schlachtfeld gegeben. Duelle zwischen Schwertschülern, welche besonders in der Tokugawa-Zeit (ab 1600) vorwiegend mit Bokuto (Holzschwertern) ausgetragen wurden, konnten auch wie reale Klingen töten oder lebensgefährlich verletzen. Diese Schwerter konnten zwar nicht schneiden, jedoch ohne Probleme Schädel oder Knochen brechen. Einer der bekanntesten Opfer dieser Waffen war Yagyu Yoshikatsu, der älteste Sohn von Yagyu Munenori, der auf Grund einer Übungsverletzung mit dem Bokuto zum Krüppel wurde (andere Quellen sprechen von Kriegsverletzungen) und so die Erbfolge der Yagyu shinkage ryu, der Familienschule, nicht an ihn, sondern seinen jüngeren Bruder überging. Andere historische Duelle, wie z.B. der legendäre Zweikampf zwischen Miyamoto Musashi und Sasaki Kojiro, stehen als Beispiel für tödliche Verwundungen mit dem Holzschwert.
Das Feld der Ehre
Als die Krieger des Bakufu einen erneuten, gewaltigen Angriff auf die Befestigung von Akasaka (1331) unternahmen, kappten die Verteidiger die Seile, welche die Baumstämme hielten, die auf der befestigten Anhöhe zu dicken Palisaden zusammengefügt waren. Die herabstürzenden Bohlen und Pfosten erschlugen und verletzten viele der Angreifer. Wer nicht von den Hölzern getroffen wurde, fiel den Felsbrocken und Steinen zum Opfer, welche die Verteidiger auf die anstürmenden Truppen warfen ... bei weiteren Attacken schüttete man kochendes Wasser auf die Angreifer, die durch schwere Brandverletzungen zur Aufgabe gezwungen wurden.
Belagerungskriege unterlagen anderen strategischen und technischen Wesenszügen als offene Feldschlachten, da sich die Verteidiger meist in der Sicherheit befestigter Anlagen oder Burgen befanden, die ganz spezifische Verteidigungsformen ermöglichten. Vor allem Fernwaffen oder eben, wie oben beschrieben, Steine, Hölzer, heißes Wasser und Feuer kamen bei solchen Konflikten zum Einsatz, welche in offenen Feldschlachten kaum Bedeutung hatten. Beim Sturm auf eine Befestigung mußte man damit rechnen, von herabfallenden Felsen getroffen, Körperteile abgerissen oder zertrümmert oder gar erschlagen zu werden. Hier konnten, von nur wenigen Geschossen, viele Männer ihr Leben verlieren.
...40 bis 50 Felsblöcke regneten auf die Angreifer, als diese die Mauern der Befestigung Chihaya (1333) erreichten. Über 300 Männer wurden sofort getötet und weitere 500 Samurai zogen sich halb tot, halb lebend zurück...
Eine weitere Gefahr der Verletzungen in Kriegszeiten waren natürlich Unfälle ganz profaner Natur, die nun einmal entstanden, wenn Massen von Menschen, Tieren und Waffen auf engem Raum agierten. Nach Einführung der Feuerwaffen dürften unvorhergesehen, gelöste Schüsse, Freundfeuer (auf eigene Leute) sowie die berüchtigten Rohrkrepierer (Zerstörung der Muskete durch die eigene Ladung) wohl zu den meisten Unfällen in den eigenen Reihen geführt haben. Nicht umsonst resultiert der in heutigen Armeen praktizierte Waffendrill auf der massenhaften Einführung von Feuerwaffen in den Armeen, um solche Arten von Unfällen zu vermeiden. Im Gegensatz dazu konnte man bei Hieb- und Stichwaffen annehmen, daß durch sie hervorgerufene Verletzungen größtenteils wirklichen Tötungsabsichten entsprangen. Heere auf der Flucht oder in Unordnung bilden ebenfalls eine Gefahrenquelle, da hierbei verschiedene Waffengattungen ineinander geraten konnten und die Ashigaru (Fußsoldaten) das Risiko eingingen, von der eigenen Kavallerie überrannt zu werden. Doch diese ganzen Punkte bilden eher die Ausnahme bei Verletzungen oder Todesfällen in den Schlachten der japanischen Geschichte.
Pferde scheuen im allgemeinen davor, Menschen absichtlich umzurennen, wenn die Möglichkeit besteht ihnen auszuweichen zu können. Ein Pferd ist also primär nicht als Waffe einsetzbar um feindliche Krieger zu töten oder zu verletzen. Dennoch ist der psychologische Aspekt eines Kavallerieangriffes nicht zu unterschätzen. Und im Handgemenge, wenn es zum Nahkampf zwischen Reitern und Fußsoldaten kam, war nicht auszuschließen, daß Pferde auf am Boden liegende Verwundete oder Gestürzte traten und so Frakturen oder schwere Prellungen bei den Getroffenen hinterließen. Ein besonders spektakuläres Beispiel für Verletzungen durch Tiere ist die Schlacht vom Kurikara Pass während der Gempei-Kriege im Jahr 1183.
„Kiso Yoshinaka, ein führender General der Minamoto-Armee, ließ über den Pass eine Herde Rinder treiben, denen man Fackeln an die Hörner gebunden hatte. Das über die schmale Gebirgsstraße nachrückende, feindliche Heer des Taira-Clans wurde von den panischen Tieren überrannt, wobei viele Krieger von den Rindern oder den eigenen Kameraden niedergetrampelt wurden oder beim Sturz vom Pass ihr Leben verloren. Die Verletzten wurden dann von den Kriegern der nachrückenden Minamoto niedergemetzelt.“
Kriegsverletzte sind prinzipiell, sofern sie nicht in der Lage sind sich selbständig vom Schlachtfeld zu retten, auf die Hilfe ihrer eigenen Leute oder ihrer Bundesgenossen angewiesen. Höhere Samurai hatten für diesen Notfall ihre Genin Gefolgsleute niederen Ranges, welche ihrem Herren Feuerschutz, Kampfunterstützung und medizinische Hilfe zu gewähren hatte. Verwundete Krieger niederer Ränge oder versprengte Samurai, die unfähig waren das Kampfgebiet zu verlassen, liefen im Gegensatz dazu in Gefahr nach der Schlacht von den Siegern getötet zu werden oder in die Hände von Plünderern zu fallen.
Während der Schlacht von Yamazaki im Jahr 1582 wurden die Truppen von Akechi Mitsuhide aufgerieben und der Rest seiner Männer versprengt. Akechi, schwer verletzt, wollte sich selbst in ein nahe gelegenes Dorf in Sicherheit bringen, doch er wurde von den Bauern, welche Waffen und Rüstungsteile von den Toten stehlen wollten, abgefangen. Sie zerrten ihn in ein Bambusdickicht und erschlugen ihn dort, um an sein Eigentum zu kommen. Ein ziemlich unrühmliches Ende für einen der bekanntesten Heerführer seiner Zeit...