„Die herrschende Klasse sollte aus Kriegern bestehen, die alle miteinander durch persönliches Band verbunden sind - ein Band, so persönlich, daß der eine auf die Treue und Aufrichtigkeit des anderen schwören kann, selbst bis zum Tod.“ (Asakawa Kan’ichi)
Rückblick:
Teil 3: Die Macht des Kaisers
Der Tennou wurde durch die „Großen Reformen“ gestärkt. Er gewann Ansehen und Macht. Doch in nur kurzer Zeit wurde der Kaiser in den Schatten der Höflinge gedrängt.
Chronologie
ab 800 Einschränkung der kaiserlichen Macht durch die Fujiwara
Regenten (Sesso) und Gouverneure (Kampaku) führen die Regierung
833-967 Periode der Intrigen
Machtkämpfe unter den Höflingen um Einfluß am Kaiserhof
Kishin
Mit Taika-Reform und Taihou-Kodex wurde in Japan die Wehrpflicht eingeführt. Der Dienst beim Militär wurde zum festen Bestandteil der Steuerpflicht. Doch vor allem für die Bauern war dieses System eine schwere Bürde. Der Dienst als Soldat und der Umgang mit Waffen war für sie ungewohnt. Zudem waren sie der Willkür ihrer Kommandanten schutzlos ausgeliefert. Die Zwangslage der Rekruten wurde vielfach ausgenutzt, um z.B. Dienstzeiten willkürlich festzulegen. Ein Sprichwort aus jener Zeit sagt, daß „ein junger Mann, der zur Armee muß, sein Dorf erst mit weißem Haar wiedersehen wird“. Außerdem hing über jedem Schlachtfeld der Schatten des Todes. Viele Landeigner wollten ihre Steuern und vor allem die Wehrpflicht umgehen. Einige gaben dazu beim Steuereintreiber Namen von Frauen oder alten Männern an, um nicht zur Armee zu müssen. Andere verließen ihre Felder ganz und zogen in entferntere Gebiete. Diese Leute nannte man „Rounin“, wörtlich: „Wellen-Leute“, da sie nicht mehr offiziell erfaßbar waren und „in den Wellen der Gesellschaft trieben“. Später sollte auch andere Personengruppen unter diesem Begriff bekannt werden. Ein anderer Weg, die Steuern zu umgehen, bestand darin, das Land jemandem zu überlassen, der wenig oder keine Steuern zahlen mußte, zum Beispiel einem Kloster oder Adligen und es dann von diesem zurückzupachteten. Statt der Steuer an den Kaiser war dann nur noch ein jährlicher Tribut an den neuen Eigner zu zahlen. Diese Methode nannte man Kishin (Schenkung). Kishin wurde zwar schon in der Nara-Zeit unter Strafe gestellt, jedoch zeigte diese Maßnahme zu keiner Zeit einen Erfolg. Die Auswirkungen für den Kaiserhof waren mehr als dramatisch. Steuereinnahmen und Wehrpflichtsystem wurden zunehmend geschwächt. Doch das System der Wehrpflicht war ohnehin schwer zu verwalten und bei weitem nicht so effektiv wie erhofft: Die Pflichtsoldaten erwiesen sich als lausige Kämpfer! Der Krieg gegen die Emishi seit 780 verdeutlichte, daß die wenigen berittenen Eliteoffiziere die stärkste militärische Macht darstellten. 792 wurde die Wehrpflicht abgeschafft und die Armee auf der Basis von Freiwilligen umgestellt.
Epoche der Intrigen
In Kyoto bestand kein Mangel an Freiwilligen für die Garde des Kaiser, aber vor allem in den östlichen und nördlichen Provinzen waren die Emishi immer noch ein Sicherheitsproblem. Der Sieg von Sakanoue no Tamuramaro im Jahre 801 konnte die Situation nur teilweise entschärfen. Die Emishi führten noch einige Jahrhunderte eine Art Guerilla-Krieg. Daneben gab es aber auch Rebellionen und Banditen zu bekämpfen. Der Hofadel verlor sich derweil in dem geruhsamen Leben am Kaiserhof und war immer weniger gewillt, Feinde zu bekämpfen oder Provinzen zu verwalten. Man war viel mehr mit Ränken und Intrigen um Posten und Ämter am Hof beschäftigt. Der Kaiser war zwar offiziell das Staatsoberhaupt, doch wirkliche Macht hatte er nicht mehr. Der Fujiwara-Clan hatte praktisch die Kontrolle über den gesamten Staatsapparat übernommen. An allen wichtigen Positionen hatte man Mitglieder der Familie Fujiwara untergebracht, auch im Bett des Kaisers. Das Gerangel um die Posten am Hof und die Intrigen müssen dabei so ablenkend gewesen sein, daß man die Veränderung im Lande wohl gar nicht wahrgenommen hat. Während des 9. Jh. wurde es für den Kaiserhof immer schwieriger, die Provinzverwaltung zu organisieren. Die Gouverneure (Kakushi) waren dabei das Hauptproblem. Kakushi wurden aus der Hofaristokratie bestimmt und erhielten umfassende Machtbefugnisse für die Provinzen. Neben der Verwaltung und der Steuereintreibung kam ihnen auch Polizei- und Justizfunktion zu. Doch schon in der Nara-Zeit tendierten die Provinzverwalter mehr zur Selbstbereicherung als zur Erfüllung ihrer Pflichten. Der Hof versuchte, die Gouverneure zu kontrollieren, indem man von ihnen „Ablöse-Papiere“ (Geyu) forderte. Diese Dokumente sollten die Gouverneure von ihren Nachfolgern erhalten, wenn in ihrer Provinz alles in Ordnung war, doch oft gab es Streit wegen dieser Papiere. Darum überwachten ab 797 Ablöse-Kontrolleure (Kageyushi) die korrekte Übergabe von Amt und Dokumenten. Jedoch erlaubte der Hof selbst die Korruption und den Mißbrauch des Gouverneuramtes. Zum einen wurde erlaubt, daß Kakushi nicht selbst in die Provinz gehen mußten, sondern Vertreter (Mokudai) schicken konnten. Andere Gouverneure erlaubten dem Vize-Gouverneur (Suke), oft ein Mann aus der Provinzaristokratie, die Verwaltungsgeschäfte zu führen. Das Amt des Kakushi konnte aber auch „erworben“ werden, indem die richtigen Stellen am Hof bezahlt wurden. Der prinzipielle Anreiz am Posten des Gouverneurs waren die Einkünfte. Doch zusätzlich zum offiziellen Einkommen konnten aber auch illegale Möglichkeiten zur Bereicherung fast ohne Risiko genutzt werden, z. B. eigenmächtige Erhöhung der Steuer oder Erpressung von Land. Diese neue Klasse der oberen Provinzverwaltung, die sich in dieser Weise auszeichnete, wurde Zuryou genannt. In den zeitgenössischen Aufzeichnungen werden diese Beamten als habgierige Ausbeuter beschrieben. Ein Sprichwort, daß den Landhunger der Zuryou beschreibt, sagt: „Ein hingefallener Zuryou hat beim Aufstehen Dreck in den Händen“. Beschwerden über die Zuryou gab es ständig. Auch der Hof bemängelte, daß die Provinzverwalter oft versäumten, die Steuern abzuliefern oder nur teilweise entrichteten. Die Provinzbevölkerung beklagte nicht selten, daß sie zu ungewollten Darlehen (Suiko) gezwungen wurden, zu unverschämten Konditionen; 50% oder mehr. Die gesellschaftliche Schicht direkt unter den Zuryou waren die lokalen Adelsfamilien. Aus diesen Familien stammten die berittenen Krieger, die seit Anbeginn der Zeit die zentrale Macht der Armee darstellten. Um ihr Land vor den Zuryou zu schützen, wurde es religiösen Institutionen oder hohen Hofadligen übereigneten. Die Zuryou bewirkten somit, daß bis zum späten 11. Jh. praktisch jeder Quadratmeter Land in Japan zu Großgrundbesitz wurde. Doch dies geschah nicht immer ruhig sondern vor dem Hintergrund von steigender Unordnung in den Provinzen. Bauern und Adel legten gleichermaßen Beschwerden beim Hof wegen der Zuryou ein, und man nahm auch gemeinsam die Waffen in die Hand. So gab es 857 einen Aufstand von 300 Bauern auf Tsushima, angeführt vom ansässigen Adel, bei dem der Gouverneur (der Zuryou), 10 seiner Anhänger und 6 Gardeoffiziere getötet wurden. 884 wurde der Gouverneur der Iwami-Provinz vom mehr als 200 Bauern angegriffen. Die Kantou-Region war besonders betroffen von dem Verfall der Provinzverwaltung. Die Unordnung förderte besonders in den Provinzen Kouzuke, Musashi und Sagami Räuberbanden (Tou), die oft von mächtigen Männern der Region geführt wurden, manchmal sogar von Zuryou. Diese Banden waren in Netzwerken organisiert, die große Gebiete umfaßten und spezialisierten sich schnell auf die Steuergüter, die nach Kyoto transportiert wurden. Die Kantou-Region wurde weiterhin regelmäßig von Aufständen umgesiedelter Emishi (Fushuu) erschüttert. 875 erhoben sich die Fushuu in der Shimousa-Provinz, 883 hatten 1000 Soldaten große Schwierigkeiten, eine Fushuu-Rebellion in der Kazusa-Provinz unter Kontrolle zu bringen. Der Hof versuchte, das Problem mit den Emishi durch ein zusätzliches Amt in der nördlichen Provinzverwaltung zu lösen, das „Amt für die Wohlfahrt der Emishi“ (Kebiishichou).
Samurai
Trotz aller Sicherheitsprobleme entließ der Hof immer mehr Truppen in den Provinzen. Die Gründe waren mehr verwaltungstechnischer Natur, doch man kann den Höflingen in Kyoto auch ein gewisses Desinteresse bescheinigen. Die Sicherheit in den äußeren Provinzen ging mehr und mehr zu den großen Landeignern über. Diese Familien sind zumeist durch Kishin reich geworden und viele von ihnen waren Aristokraten, die den von den Fujiwara dominierten Kaiserhof verlassen hatten, um ihr Glück anderswo zu suchen. Mit dem Kishin hatten sich besondere Beziehungen unter Menschen entwikkelt. Die Bauern arbeiteten für die neuen Herren und diese beschützte ihrerseits die Bauern. An wichtigen Stellen wurden die Verbindungen auch durch Heiraten verstärkt. Die Loyalität der einzelnen Partner war stark und eine persönlich Angelegenheit. Über die Jahre entwickelte sich aus dieser Partnerschaft eine starke Herr/Diener-Beziehung (Shujuu). Wohin der Herr auch geht, der Diener wird ihm folgen. (Das Wort „Shujuu“ bedeutet dabei eigentlich „Vorgesetzter/Untergebener“ und ist nicht nur auf diese Verwendung begrenzt.)
Die Anhänger eines solchen Herren nannten sich selbst Samurai (von dem alten japanischen Wort „samurau“ - „dienen“). Das eigentliche Wort Samurai hat also keinerlei militärische Bedeutung, doch der Sinn dieses Wortes sollte sich noch mehrmals in der japanischen Geschichte ändern. Zunächst waren die Samurai größtenteils Bauern, doch wenn es nötig war, konnten sie ihre Interessen auch mit Waffen verteidigen. Bei den geschwächten Polizei- und Militärkräften der Provinzverwaltungen war dies auch des öfteren nötig. Es ist jedoch nicht ganz korrekt, den Aufstieg der Samurai nur als eine demokratische Bewegung von tapferen Bauern zu betrachten, die sich hinter einen Anführer stellen, um ihre Interessen zu verteidigen. Die mächtigen Landeigner, um die sich die neue Militärmacht scharte, waren fast ausnahmslos adlig, wenn nicht gar von kaiserlicher Abstammung. Diese interessante Tatsache liegt darin begründet, daß man diesen Adligen nicht zu Unrecht militärische Fähigkeiten und Führungsqualitäten zuschrieb. Diese Tatsache hatte besonders in jenen unsicheren Zeiten große Bedeutung.
Das Ergebnis des Kishin waren neue soziale Verbände, viel größer als die antiken Clans. Viele verschiedene Familien wurden in diesen neuen Clans vereint. Die Anführer kamen aus der eigentlichen Kern-Familie, die Samurai waren ihre Vasallen. Die antiken Clan-Familien, die durch die Taika-Reform ihren Besitz verloren hatten, erschienen jetzt als Samurai-Clans.
Besonders die Kantou-Region bot ideale Vorraussetzungen für diese Entwicklung; 600 km von der Hauptstadt und den Hofaristokraten entfernt, viel fruchtbares Land und ab und zu Angriffe der Emishi, um die aufstrebenden Krieger wach zu halten.
In Kyoto muß man derweil völlig in Intrigen vertieft gewesen sein, um nicht die Gefahren zu erkennen, die der Aufstieg der Samurai brachte. Im Endeffekt überließ die Regierung die vollständige Polizei- und Militärgewalt in den Provinzen einer Handvoll enteigneter Aristokraten. Die Saat der Drachenzähne war aufgegangen und trieb reichlich Knospen.
Konfuzianismus
Der Konfuzianismus ist ebenso alt wie der Buddhismus und hat seinen Ursprung in China. Der Begründer war K'ung Fuzi, d. h. „Meister Kung“ (551 - 479 v.u.Z.). Dieser Name wurde später zu „Konfuzius“ latinisiert. Eigene schriftliche Zeugnisse sind nicht erhalten, alle Aufzeichnungen über ihn stammen von seinen Schülern.
Seine Lehre ist eine politische Philosophie, die auf moralischen Grundsätzen eine harmonische Gesellschaft anstrebt. Die Kultivierung der eigenen Person nach ethischen Maßstäben und die Verhältnisse in einer Familie stehen dabei im Mittelpunkt. Die fünf wichtigen Beziehungen sind: Meister und Schüler, Vater und Sohn, älterer Bruder und jüngerer Bruder, Ehemann und Ehefrau, Freund und Freund. Der Mensch ist grundsätzlich gut, wenn er zu sich selbst und zu innerer Harmonie findet. Durch sein Vorbild und Vertrauen könne ein Herrscher seine Untertanen lenken. Das Volk selbst ist in den Lehren nicht wichtig, es ist „wie Gras, das sich zur Erde neigt, wenn der Wind darüber weht“. Doch die Lehren des Konfuzius wurden zunächst als Bedrohung für die bestehende Ordnung angesehen, Schriften verbrannt und Gelehrte getötet. Erst im 2. Jh. v.u.Z. gewannen diese Ideen Bedeutung. Im neugegründeten chinesischen Zentralstaat wurde das Unterordnungsprinzip ausgebaut und mit dem Yin-Yang-Prinzip ein kosmische Weltbild eingeführt. So wurde der Konfuzianismus bis 1911 zur Staatsreligion in China.
Im 5. Jh. ist der Konfuzianismus zusammen mit dem Buddhismus nach Japan gekommen. Die wohl wichtigste Person bei der Integration der beiden Lehren in die japanische Gesellschaft war Shoutoku Taishi. Seine 17 Regierungsartikel sind zu großen Teilen aus chinesischen Klassikern abgeschrieben. Auch die Chroniken Japans enthalten lange Zitatpassagen aus konfuzianischen Werken. Man nahm jedoch keine Trennung zwischen Buddhismus und Konfuzianismus vor, so daß buddhistische Anschauung und konfuzianische Ideen miteinander verschmolzen. Die überwiegende Mehrheit der Japaner, die sich heute als Buddhisten bezeichnen, sind eigentlich Konfuzianer und schrecken z.B. davor zurück, der Welt zu entsagen. Die politische Zielsetzung des Konfuzius ist heute überholt, aber die humanistischen Aspekte seiner Philosophie sind weiterhin aktuell. Diese Ideen sind aus dem modernen Japan nicht mehr wegzudenken. Das gesellschaftliche Zusammenleben beruht praktisch auf diesen Lehren. Die ethischen Regeln bilden dabei nicht nur die Grundlage der japanischen Gesellschaft, sondern sorgen auch für Zusammenhalt untereinander. Außenstehende, die sich diesen Regeln (aus Unwissenheit oder Ignoranz) nicht unterordnen, werden von der Gemeinschaft nie akzeptiert. Und dies gilt besonders für Gaijin.