Eiserne Schmetterlinge
Japanische WurfwaffenBereits seit alters her waren Wurfgeschosse
Bestandteil der kriegerischen Ausrüstung in allen
Gesellschaftsformen und Erdteilen. Bekannt geworden sind
die Bolas Südamerikas, die Wurfmesser der Afrikaner oder
die Bumerangs der australischen Ureinwohner.
Auch in Japan hat diese Waffenform schon eine sehr lange
Tradition.
Bereits in den Analen der japanischer Frühgeschichte, dem
Kojiki (Shintoistische Mythen) und dem Nihon Shoki
(Japanische Berichte der Frühzeit), wird von der
Verwendung erster primitiver Wurfwaffen durch Krieger
berichtet. Die ältesten bekannten Geschosse waren, wie wahrscheinlich überall in der Welt, herkömmliche Steine
(Inji), welche in Japan durch spezielle Schleudern
(Honda) eine höhere Reichweite und höhere
Durchschlagskraft erhielten, als mit der Hand geworfene
Kiesel. Auch im antike Europa, dem vorderen Orient und
anderen Regionen der Welt war diese Art von Wurfwaffe
sehr verbreitet. Neben diesen Steinschleudern tauchte ein
Wurfpfeil (Uchi ne) als eine der ersten wirklichen
Wurfwaffen in Japan auf. Seine Verbreitung war sicher
sehr begrenzt, war seine Effektivität auf dem
Schlachtfeld wohl mehr als fraglich. Sein Einsatz lag
wohl eher in der Verteidigung von Haus und Hof und konnte
ebensogut von Frauen wie von Männern eingesetzt werden
(so auch sein Name Uchi ne - Innen Pfeil). Rein
äußerlich glich er in Länge und Aussehen einem sehr
starken, stabilen Pfeil, wie man ihn auch zum
Bogenschießen benutzt. Schaft, Pfeilspitze uns sogar aus
Holz gefertigte Federn bezeugten die eigentliche Herkunft
dieser Waffe. Man weiß ,
daß er teils mit einer Schnur eingesetzt wurde, die
Handgelenk des Werfers und Waffe verband, um
den Pfeil nach Gebrauch schneller wieder zurückzuholen.
Natürlich konnten sich diese kleinen Wurfgeschosse im
Kriegshandwerk nicht gegen Fernwaffen wie Pfeil und Bogen
durchsetzen.
Steinschleudern haben sich nur innerhalb des
gewöhnlichen Volkes bis ins hohe Mittelalter erhalten,
welche sie vor allem zur Vogeljagd einsetzten, wie man dies auf alten
japanischen Illustrationen beobachten kann.
Erst ab dem 17. Jhdt.
konnte sich eine neue Waffenform etablieren. Diese
Version der Wurfwaffen, welche im Westen vor allen durch
die Anhänger des Nin jutsu bekannt wurde, war der
Shuriken (Handschwert).
Die ersten Ryu, welche nun den Umgang mit den neuen,
eisernen Klingen trainierten stammten aus dem 14. Jhdt.
Dennoch, die eigentliche Blütezeit dieser Waffe begann
erst mit der friedlicheren Tokugawa-Epoche, als viele
Kampfstile vom Schlachtfeld zur Selbstverteidigung
wechselten. Ungepanzerte Gegner und der Einsatz vieler
kleinerer Waffenformen im alltäglichen Gebrauch
erleichterten dem Shuriken seine Verbreitung unter den
Kriegern. Viele große Schulen, wie die Katori shinto-,
die Kage- oder die Yagyu ryu führten die Techniken des
Klingenwerfens in ihr Repertoire ein. Trotzdem blieben
die Geheimnisse des Shuriken nur wenigen Ausübenden
offen. Da die Lehre der Wurfeisen innerhalb der Schulen
als Geheimlehre eingestuft wurde, blieb die Kentniss in
deren Umgang meist nur wenigen Schülern vorbehalten. Der
Vorteil dieser Waffe bestand vor allem beim Einsatz von Überraschungsangriffen, ihrem geringen Gewicht und damit
verbundenen, mit dem versteckten Tragen in der
Alltagskleidung. Der Träger dieser Waffe war primär
nicht als solcher zu erkennen. Allgemein trug man mehrere
dieser Klingen im Aufschlag der Kleidung oder im Obi
verborgen, es sind aber auch Varianten des Tragens im
verstärkten Rückenteil der Hakama (Koshiita)
überliefert Negishi ryu. Sogar im Kopfhaar sind Shuriken
verborgen worden, wie man es von einem Samurai namens
Katono Izu überliefert. Aus diesem Grund und der
Tatsache des schnellen Einsatzes auf Distanz geriet der
Shuriken, ebenso wie etwa die Kusari gama, in einen etwas
negativen Ruf. Das ungeschriebene Gesetz des
"ehrlichen", traditionellen Kampfes mit Speer,
Schwert und Bogen verleitete viele Bushi dazu, die
Effektivität dieser Waffe zu Gunsten Ruf und Ruhm zu
opfern.
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Uchi
ne
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Die Japaner
entwickelten mit der Zeit eine Vielzahl von verschiedenen
Formen und Arten von Wurfeisen, Pfeilen oder Sternen. Die
meisten traditionellen Schulen spezialisierten sich
jedoch auf einige, wenige Formen von Shuriken, wobei im
allgemeinen Wurfklingen in Form von Pfeilen oder Spitzen
eindeutig der Vorzug gegeben wurde. Andere exotische
Varianten, wie man sie heute kennt und kaufen kann, z.B.
Sterne mit geflammten Klingen oder phantastischen Durchbrüchen entstammen eher dem Hirn eines modernen
Designers als dem Arsenal einer historischen Ryu.
Die Eigenschaften eines Shuriken war vornehmlich von
folgenden Fragen abhängig: "Auf welche Distanz muß
ich werfen, wie weit ist das Auftreffen einer Spitze
gewährleistet (bei Sternen), welche Möglichkeit habe
ich die Waffe zu greifen und zu werfen?" Daraus
resultierte endgültig die Entwicklung zu den heute
bekannten traditionellen Wurfklingen, egal ob als Pfeil
oder in Sternform in den verschiedensten Durchmessern und
Schliffarten. So ist die Trefferchance eines Achtseitigen Wurfeisens,
vor allem bei wechselnden Distanzen, deutlich höher als etwa bei
einem rotierenden Pfeil, welcher im unglücklichsten Fall auch mit der
Seite am Ziel aufschlagen kann.
Die gebräuchlichsten Arten waren :
| Shuriken |
(Handschwert)
Eisenpfeile oder Nadeln von durchschnittlich 9-12
cm Länge mit verschiedenen Querschnitten (die
Shirai ryu von Toro Yoshikane benutzt jedoch auch
Klingen von 25 cm Länge). Gebräuchlich waren
runde, 4-, 6- oder 8-kantige Formen, welche ein
oder beidseitig geschliffen waren. |
| Jyuji
shuriken |
(Kreuzförmiger
Shuriken), kreuzförmig miteinander verbundene,
an allen vier Seiten angeschliffenen Spitzen.
Diese Art war Bestandteil der Ausbildung in der
Yagyu ryu. Geworfen wurde diese Form vornehmlich
vertikal. |
| Tanto
gata shuriken |
(Dolchförmiger
Shuriken), in gerader Tanto-Klingenform, auch
mit Quaste zur Flugstabilisierung. z.B. Shosho
ryu |
| Happo
shuriken |
(Achtseitiger
Shuriken), ähnlich dem Jyuji shuriken aber mit
acht statt vier Spitzen. |
| Sha ken /
Kuruma ken |
(Radförmiges
Schwert) rechteckige Wurfscheibe mit vier teils
auch ausladenden Spitzen. |
| Hishi
gata shuriken |
(Rombusförmiger
Shuriken) identisch dem Sha ken nur in
rombenförmigen Stil. |
Letztere beiden Arten
sollen das Muster von Münzen als Vorbild haben. Mit
einem Loch in der Mitte versehen waren die ersten,
bekannten Varianten nicht quadratisch sondern in
Rombenform.
Auch von den am weitest verbreiteten Wurfspitzen gab es
mehrere Varianten:
Die Katori shinto ryu bevorzugte z.B. gerade Pfeile mit
achteckigem Durchmesser, ebenso die Jikishin- und Shindo
ryu, deren Klingen von der Form allerdings an Donnerkeile
erinnerten. Ein Shuriken dieser Machart besaß einen
natürlichen Schwerpunkt, was das gerade Werfen
wesentlich positiv beeinflußte und den Umgang mit dieser
Waffe so etwas unproblematischer machte. Gerade, dünne
Pfeile mit rundem Durchmesser waren wiederum
Besonderheiten der Itto und Shirai ryu. So pflegte jede
Kampfschule ihre eigenen Geheimnisse in Technik und
Herstellung der Shuriken.
Öfters nimmt man an, daß Wurfeisen ausschließlich
Waffen des Ninja-Arsenals wären, und weniger von Bushi
verwendet wurden. Die Kunst des Nin jutsu war aber nicht
nur die Lehre weniger, separater Geheimbünde. Nin jutsu, "die
Technik des Verborgenen", war im frühen Mittelalter vorrangig eine Methode der Spionage und der
Feindbeobachtung, ähnlich der Fernaufklärungseinheiten
moderner Armeen. In diesem Zusammenhang nahmen viele
traditionellen Kampfschulen, welche unter anderem auch
Taktik und Befestigungslehre unterrichteten Nin jutsu in
ihr Ausbildungsprogramm auf. Die Aufgabe einer Ryu
bestanden darin, die Bushi bestmöglich auf ihren Beruf
als Krieger vorzubereiten und das Training somit
weitgefächert und effektiv zu gestalten. Nin- und
Shuriken jutsu waren so unter den Kriegern durchaus
bekannte Systeme, auch wenn sie nie so verbreitet waren
wie der Schwertkampf oder das Bogenschießen.
| Shin gata shuriken |
(Nadelförmiger
Shuriken),
5 - 10mm Durchmesser und bis 18cm Länge, meist beidseitig spitz |
| Kugi gata shuriken |
(Nagelförmiger
Shuriken),
ähnlich dem Shin gata Form, jedoch
nur einseitig spitz |
| Hoko gata shuriken |
(Lanzenförmiger
Shuriken),
bis 20cm Länge, mit einer Spitze wie ein Speer |
| Matsuba gata shuriken |
(Kiefernadel Shuriken),
in Form einer "Krampe" |
Die Kunst des
Klingenwerfens enthielt mehrere wichtige Gesichtspunkte
und Trainingsmethoden, jeweils auf verschiedene
simulierte Situation einer Gefahrensituation
zugeschnitten. Eine Art, die Tojutsu Heiyo no Kata der
Negishi ryu war ein Übungsbeispiel, in dem die Bushi
Schwert und Shuriken gleichzeitig handhabten. Aus einer
eingenommenen Kampfstellung (Kamae) mit dem Schwert
wurden die Pfeile geworfen, ohne daß sich der Krieger
durch unkontrollierte Bewegungen mit der Klinge in eine
ungeschützte Situation begab. Bei jedem Wurf mußte er
seine Schwerthaltung verändern und ständig in
Bereitschaft sein, daß Schwert als eigentliche Waffe zu
benutzen. Eine andere Methode, das Haya uchi, umfaßte
das schnelle Werfen mehrerer Shuriken in kürzester Zeit.
Bis zu 5 Eisen mußte der Übende über eine Entfernung
von mehreren Metern ins Ziel bringen.
Hauptzielpunkte im
Shuriken jutsu waren vor allem Gesicht, Fußknöchel und Hände eines
Gegners, weshalb vor allem auf das gezielte Werfen
besonderer Wert gelegt wurde. Eine Theorie besagt, daß diese Zielpunkte
durch die Kleidung der Japaner in historischen Zeiten beeinflußt
wurden. Während Füße und Beine nur durch dünne Hakama oder Tabi
geschützt waren, war es durchaus üblich in kälteren Zeiten mehrere
Überkimono zu tragen. Der Einsatz der Wurfklingen
galt primär nicht dem Töten eines Gegners, sondern seiner
Einschränkung im Kampf durch Verletzungen an ungeschützten Körperteilen. Ein Rumpftreffer konnte
durch dicke Kleidung oder Panzerungen abgeschwächt oder
gar unwirksam werden, ein Treffer der Hände oder Füße
konnte jedoch verhindern, daß er seine Hauptwaffe voll
einsetzen konnte oder seine Beweglichkeit eingeschränkt
wurde - nun war man in der Lage seinen Gegner mit dem
Schwert zu töten. Der Effekt dieser Formen lag so mehr
in Ablenkungsmanövern, um den Feind dann mit den
eigentlichen großen Klingenwaffen, wie Schwert oder
Speer, zu überwältigen. (Saito - Negishi ryu)
Im Trainingsbetrieb galt
eine Scheibe aus weichem Holz oder besser noch aus einem
Stück alter Tatami, also Reisstroh, als Ziel. Die
Wurfdistanzen wurden je nach Stil und persönlicher Leistung gewählt. Im Shuriken jutsu gab es eigentlich
keine dogmatischen, genormten Waffen. Jeder Krieger
besaß eigene Wufpfeile, die auf seine Fähigkeiten,
Gewicht und Größe angepaßt waren. Einige Schulen sahen
im Umgang mit dem Shuriken sogar nur eine Übungsform, um
im Ernstfall auf dem Schlachtfeld ein Messer oder Ähnliches einzusetzen.
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Shuriken
oben: Hishi gata,
Kuruma, Happo gata, Jyuji
unten: Matsuba, Hoko, Shin gata, Kugi gata, Tanto gata, Shuriken |
Je nach Art
der Anwendung der Waffe unterschied man von Nageru
(werfen) und Uchi
(schlagen) im Sinne von angreifen, attackieren. Auf kurze
Distanzen konnte man Shuriken im direkten Wurf einsetzen,
hingegen bei größeren Entfernungen stellte ein
indirekter Wurf andere Ansprüche an Technik, Kamae und
Waffenwahl des Ausführenden. Je nach der gewählten
Distanz unterscheiden die Schulen zwischen Choku da / Jiki da (gerader Wurf),
Hanten da (1/2 Drehung), Ikkaiten da (eine Drehung) und Takaiten
da (mehrere Drehungen). Die übliche Wurfart war immer
der direkte Wurf, also ohne eine während des Fluges
rotierende Waffe. Allerdings hat dieser Stil den
"Nachteil", daß seine Effektivität an einer
Distanz von 5-6 m scheitert. Im Realfall war dies die grobe Grenze um
eine Wurfklinge wirkungsvoll einzusetzen. Doch letztendlich war dies
immer von der Kraft und Erfahrung des Werfenden
abhängig. Die Wurfarten waren sehr vielseitig. Abgesehen
von der Grundart des vertikalen Überkopfwurfes gab es
auch horizontale oder sogar akrobatische Unterhandwürfe.
Sogar aus Sitz und Kniepositionen sind Übungen für das
Klingenwerfen entwickelt wurden.
Neben der verschiedenen Wurfarten spielte auch die Simulation einer
realen Kampfsituation in der Ausbildung des Shuriken jutsu eine Rolle.
Einige Formen bezogen sich auf das werfen in unterschiedlichen Rhythmen.
Manji als einzelne Übungstechnik für Solowürfe und die Formen Toji
und Jikishi mit 2er und 3er Rhythmus für eher praktische Anwendungen.
Ähnliche praktische Hintergründe hatten Übungstechniken wie das
Torimai oder das In yo arasoi welche das Werfen aus der Bewegung oder
auf unterschiedliche Ziele simulierten.
Im Allgemeinen fand diese Waffe jedoch eher im Bereich der
Selbstverteidigung oder beim Einsatz von
Kommandounternehmen als auf dem realen Schlachtfeld
Verwendung. Einige Shuriken-Experten sprechen sogar davon, daß die
Eisenpfeile ursprünglich nur Übungsgeräte waren, welche den Krieger
vorbereiten sollten jede ihm zur Verfügung stehende Waffe als
Wurfgeschoß einzusetzen - vom "Eßstäbchen bis zum
Schwert". So konnte man die Schwertbeimesser Kozuka
und Kogai, mit welchen ab der Muromachi-Epoche die
Langschwerter ausgestattet wurden, als Wurfpfeile
einsetzen. Praktisch gab es keine Limits für die Wahl
der Waffe. Es sind Geschichten überliefert, daß die
Bushi fast alle Klingenwaffen, vom Dolch bis hin zum
Schwert, in kritischen Situationen in der Art des
Shuriken einsetzten, man denke nur an das Duell zwischen
Miyamoto Musashi und Baiken Shishido, welches Musashi
durch das Schleudern seines Kurzschwertes entschied. Doch wahrscheinlich
blieb die Technik des Klingenwerfens immer nur einzelnen
Individualisten vorbehalten.
Script: Ulf
Lehmann
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