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Unter
schwarzer Flagge
Wako – Piraten vor Japans Küste
Eines
der unbeachteten Kapitel in der Geschichte der Krieger Japans ist der
Fakt der seefahrenden Samurai und ihr Leben als Seeräuber und
Piraten. Das Klischee, welches sich am ehesten mit dem Wort Samurai
verbindet, erinnert an Reiter mit prächtigen Rüstungen und langen Bögen,
nicht aber an Matrosen und kämpfende Seefahrer. Und doch spielten
diese Seeräuber eine einflussreiche Rolle in der Geschichte der
japanischen Inseln und in der Entwicklung der Kriegskünste und militärischen
Techniken.
Historischen
Studien zufolge bestand bereits seit frühester, geschichtlicher Zeit
eine enge Verbindung zwischen den alten Reichen Korea, China und
Japan. Diese Verbindung betraf nicht nur kulturellen Austausch und
Warentransport sondern auch die Übersiedlung von Bevölkerungsgruppen,
welche in Notzeiten ihr angestammtes Heimatgebiet verließ. In der
Heian- und Kamakura-Zeit betraf dies vor allem Familien vom
chinesischen Festland, welche in den Unruhen von Kriegen und dem
Wechsel von Dynastien auf die japanischen Inseln flohen. Diese
Menschen siedelten sich vor allem im südlichen Japan und in Küstennähe
an. Bedingt durch die bereits bestehende Landverteilung ergriffen sie
in ihrer neuen Heimat hauptsächlich Berufe welche nicht im
landwirtschaftlichen Bereich lag, sondern wurden Salzsieder, Fischer,
Seehändler und ähnliches. Sie bildeten bald einen Großteil der
armen, japanischen Küstenbevölkerung - die Vorfahren der Piraten.
Seit
der Heian-Zeit (794 - 1185) lagen die japanischen Inseln praktisch
gesehen fast unablässig in einer Reihe fortlaufender Kriege, die alle
Clans und Provinzen immer wieder in Kampfhandlungen verwickelte.
Insbesondere der Gempai-Krieg (1180 - 1185) und die damit verbundene
Bevölkerungsverarmung ließ das Piratenhandwerk für viele Küstenbewohner
der japanischen Inlandsee oder Kyushus zu einer echten Alternative
gegenüber ihrem herkömmlichen Gewerbe erscheinen. Die militärischen
Konflikte wirkten sich auch negativ auf die Kontrolle der
Handelsrouten und Bewachung von Speichern u.ä. aus, was die Aktionen
der Seeräuber erheblich erleichterte. Wahrscheinlich kann man aber in
dieser Zeit noch nicht von "professioneller Piraterie"
sprechen. Ein historischer Bericht über Taira Tadamori, der schon
1129 versuchte in der japanischen Inlandsee, Seto nakai, Schlupfwinkel
von Piraten auszuheben, verdeutlicht eher dass es sich um aufrührerische
Fischer handelte. Dies lässt vermuten, dass Seeräuberei in der
Heian-Periode wohl mehr als Reaktion und Protest der Küstenbewohner
auf zu hohe Besteuerung, Dürreperioden oder ähnliche Notsituationen
anzusehen ist, was einer Bauern-Revolte der Landbevölkerung
gleichkommen würde. Doch bereits im 13. Jhdt. schien Piraterie ein
recht lohnendes Geschäft geworden zu sein.
Eine
zweite große Welle an Piraten formte sich ab der ersten Hälfte des
14. Jhdt., welche vor allem an Chinas und Koreas Küste auf Raubzug
ging. Die Nambokucho Periode 1334 - 1392, die Japan in eine Reihe von
Erbschaftskriegen zwischen einem "südlichen" und einem
"nördlichen" Kaiserhaus stürzte, brachte seit dem
Gempai-Krieg zwischen den Minamoto und Taira erstmals wieder einen
Konflikt, der über weite Teile Japans und über einen längeren
Zeitraum ausgetragen wurde. Als Ashikaga Takauji, einer der führenden
Kriegsherren seiner Zeit, siegreich aus diesem Kampf hervorging und
das Reich erstmals wieder unter ein Herrscherhaus zwang um sich und
seine Nachfolger zu einer neuen Generation des Shogunats auszurufen,
wurden zahlreiche seiner ehemaligen Kriegsgegner ausgelöscht oder in
die Verbannung geschickt. Die Auflösung dieser Clans zog eine massive
Schwemme an herrenlosen Kriegern nach sich, die so ihre Arbeitgeber
und ihre Anstellung verloren hatten.
Speziell in den Küstengebieten der südlichen Hauptinseln Kyushu und
Shikoku und um die Inlandsee Seto nakai versuchten viele der dort ansässigen
herrenlosen Samurai nach einem Unterhalt, um ihre Familien zu ernähren.
Zeitgleich dazu zwang eine landesweite Hungersnot 1362 und mehrere Epidemien
in den 70er Jahren dieses Jahrhunderts, sowie ein vom
Ashikaga-Shogunat eingeführtes Steuersystem zur hohen Belastungen unter den Fischern dieser
Region, was zu einer verstärkten Armut unter der Küstenbevölkerung
führte. Das Ashikaga-Shogunat erwies sich schließlich jedoch als zu
schwach um die entlegenen Regionen der südlichen Küstengebiete unter
Kontrolle zu halten und aus den verarmten Bevölkerungsgruppen
ehemaliger Fischer und Landsamurai bildeten sich erste Gruppen, welche
der Piraterie gegenüber ihrem alten Beruf den Vorzug gaben. Die Küstenregionen
Chinas und Koreas boten mit ihrem ausgedehnten Küstenhandel und den
wohlhabenden Handelsstätten am Meer verlockende Ziele für die
bewaffnete Überfälle und Plünderungen. Alle Güter die in Japan so
sehnlichst begehrt wurden, zog die Seeräuber an; chinesische Medizin,
Porzellan und Lackwaren, aromatische Hölzer, Tiger- und
Leopardenfelle, Kupfer, Reis und natürlich Seide.
Ähnlich wie die Wikinger in Europa fielen die Japaner über die
unvorbereiteten Händler und Küstenstädte her, plünderten sie und
verschwanden wieder auf das offenen Meer Richtung Heimat. Innerhalb kürzester
Zeit wurden diese Piratengruppen zu einer wahren Plage für China und
das südöstliche Korea – man gab ihnen sogar einen eigenen Namen:
Bahan (Kriegsgötter – chinesische Lesung des Piratenbanners mit dem
Namen des jap. Gottes Hachiman ) oder Waegu (Eindringlinge aus dem Japan), was die Japaner dann
als „Wako“ übernahmen.
Die
Wako und Korea
Die
ersten historischen Belege einer japanischen Wako-Operation auf
koreanischem Boden stammt aus dem Jahr 1223, als Gruppen von
Piratenschiffen die Region Kumju (heute Gangseo) plünderte. Die
geringe militärische Stärke der koreanischen Staaten konnte der
Kraft der Wako kaum etwas entgegnen, welche in immer neuen Intervallen
die koreanische Küste besuchten und Küstenorte und Handelsschiffe überfielen.
Erst die Besetzung Koreas durch die Mongolen ließ diese Aktivitäten
etwas zurückgehen. Die starke militärische Präsenz der Besatzer
schien die Wako davor abzuschrecken, die Küstenorte zu plündern,
wahrscheinlich war das Risiko für eigene Verluste einfach zu hoch. Es
scheint jedoch fraglich zu sein was die koreanische Bevölkerung
vorzog - die Mongolen oder die Wako? Doch bereits 1350, mit dem
Zerfall der mongolischen Besatzungsmacht waren die japanischen Piraten
wieder zurück - und schlimmer als zuvor. Im Jahr 1373 brannten sie
sogar Hanyang (Seoul) nieder.
Die zweite Hälfte des 14. Jhdt. gilt als die Blütezeit der Wako in
Korea. Was anfangs mit gelegentlichen Plünderungen und Überfällen
begann, hatte sich zu einem wahren Krieg mit massiven Schlachten und
Belagerungen entwickelt. Für japanische Quellen mögen es noch
Piratenaktivitäten gewesen sein - für Korea hatte es die Ausmaße
eines japanisch-koreanischen Krieges angenommen.
Zu allem Unglück endeten die militärischen Bemühungen gegen die
Piraten in einem totalen Chaos. Der Ruf der Wako war so berüchtigt, dass
die Kapitäne der koreanischen Flotte 1351 die Flucht ergriffen, als
die japanischen Schiffe am Horizont auftauchten. Die Wako waren die
absoluten Herren der Gewässer um Korea.
Während der Regierungszeit des koreanischen Königs Kongmin
(1351-1374) wurden die Übergriffe so stark, dass für Korea ein ökonomischer
Kollaps drohte. Fast alle Schiffe mit Steuerladungen aus Reis, welche
man von den südlichen Gebieten Koreas auf dem Seeweg transportierte,
wurde von den Japanern aufgebracht. Der koreanische Hof unternahm
mehrere verzweifelte Versuche, diese Reis-Schiffe zu beschützen. 1358
wurden 6 chinesische Kriegsschiffe, welche man als Geleitflotte
angeheuert hatte, von den Wako versenkt. Ähnlich erging es einer
koreanischen Marineeinheit, welche man aus Veteranen von der
Nordgrenze gebildet hatte, welche auf 18 Kriegsschiffe verlegt wurden.
Diese Elitetruppe tappte vor der Küste der koreanischen Provinz
Cholla in die Falle der Wako. Hereingefallen auf eine vorgetäuschte
Flucht der Japaner, zerstreuten sich die koreanischen Kriegsschiffe um
die Verfolgung der Piraten aufzunehmen. Einzeln waren die
Eliteeinheiten jedoch ein leichtes Ziel für die Seeräuber - das
Resultat der Operation waren so letztendlich 16 versenkte koreanische
Kriegsschiffe.
Die
Maßnahmen, welche die koreanischen Staaten treffen mussten um mit den
Wako fertig zu werden, brachte 1373 ein Berater des Hofes, U Hyon Bo,
in folgendem Text zum Ausdruck:
"Kritiker
ermahnen uns, dass die Piraten die besseren Seeleute seien, als dass
man ihnen im Seekrieg beikommen könnte. Jeder weitere Bau von
Kriegsschiffen würde nur eine weitere Belastung der Bevölkerung nach
sich ziehen. Aber man kann die Wako nicht von Land aus bekämpfen! Der
Fakt liegt auf der Hand - die Vertreibung der Piraten und die Unterdrückung
des Terrors ist der sehnlichste Wunsch unseres Volkes. Die Kritiker
sollten eher an die Not der Menschen und die Bedrängung des Landes
denken. Die Seebefestigungen an den Mündungen der Flüsse So und Tong
richten fast nichts aus. Unsere Armeen stehen dort und müssen
tatenlos zusehen wie vor ihrer Nase die Piraten hin und her segeln.
Sie können nichts tun, wenn vor ihren Augen ein Schiff überfallen
wird, denn Angelegenheiten des Wassers kann man nur auf dem Wasser klären.
Also müssen wir Schiffe bauen, ausstatten und bewaffnen um den Wako
mit Macht die Zugänge zu unserem Land zu verwehren..."
Noch im
selben Jahr begann Korea mit dem Aufbau einer eigenen Kriegsmarine.
Choe Yong, der koreanische Heerführer forderte immer mehr Schiffe für
seine Flotte an, welche mit der Zeit auf 2000 Fahrzeuge aufgestockt
werden sollte. Eine der koreanischen Hoffnungen lag in einem neuen
Schiffstyp, welcher mit einer Art primitiver Kanonen ausgestattet war,
mit der man Brandgeschosse und Feuerpfeile verschießen konnte. Im
Jahr 1380 kam es dann zu einem ersten großen Kampf zwischen den
Japanern und Koreas neuer Flotte an der Mündung des Flusses Kum,
welche auch mit einem ersten Erfolg der Kriegsmarine endete. Doch die
Macht der Wako war damit nicht gebrochen. Über 40 Jahre später
unternahm Korea 1419 einen verzweifelten Versuch mittels einer enormen
Seekriegsflotte unter König Sejong (1418-1450) die Insel Tsushima vor
Japan anzugreifen, die allgemein als einer Hauptstützpunkte der Wako
in diesem Gebiet galt. Doch trotz alle dieser Unternehmungen stellten
die Piraten für weitere 150 Jahre eine fortwährende Gefahr für die
Küstenbezirke der koreanischen Halbinsel dar.
Die Wako und China
Die
Präsenz der Wako an der chinesischen Küstenregion wurde mit den
zunehmenden Überfällen so stark, dass das Land die erst 1342 eröffnete
Handelsbeziehung mit Japan im Jahr 1386 wieder kappte, da, wie
gefordert, von japanischer Seite nichts gegen die Piraten unternommen
wurde. Grund dafür war das langsame Erstarken der einzelnen
Provinzialfürsten gegenüber dem Shogunat, welche aus den Beutezügen
und Schmuggel der Wako eigenen Profit zogen, da sie über diese preisgünstig
die begehrten Güter des Festlandes wie Rohseide oder Seidenprodukte
beziehen konnten. Erst 1404 öffnete China wieder seine Häfen für
japanische Handelsschiffe, nachdem das Ashikaga-Shogunat unter
Ashikaga Yoshimitsu wiederholt eine Bekämpfung der Wako zugesichert
hatte. Die Anzahl der Schiffe war limitiert und zur Unterscheidung von
den Wako-Schiffen, mit einem eigenen Banner und einer speziellen
Lizenz (Kango) ausgestattet, wonach man diese Periode auch als
Kango-Handel bezeichnete. Das Banner der Wako war eine Fahne mit dem
Schriftzug des Japanischen Kriegsgottes Hachiman oder ein Wappen,
welches einen Strudel aus drei Wellen symbolisierte - das Tomoe mon.
Dieses Zeichen galt als das Symbol des japanischen Kriegsgottes
Hachiman und wurde seit alters her von den Bushi als militärisches
Emblem benutzt.
Doch
trotz der Zusicherungen des Shogunats konnte oder wollte die Piraterie
nicht eingedämmt werden. Als die Handelsbeziehungen 1411 von
japanischer Seite wieder abgebrochen wurden und nur noch der
Shimazu-Clan aus Kyushu einen eigenen kleinen Handel mit dem Festland
betrieb, nahm das Treiben der Wako wieder zu. Erst 1434 bemühte man
sich wieder um freundschaftliche Beziehungen zur chinesischen
Ming-Dynastie, welche mit begrenzten Ex- und Importen über den
Seehandel aufrechterhalten wurde. Bis dahin hatten sich die Wako
jedoch als unabhängige Macht in der Seeregion zwischen Japan, Korea
und China etabliert.
Moderne japanische Quellen geben an, dass inzwischen große Gruppen
von chinesischen und koreanischen Seeräubern die Wako ergänzten,
welche somit von einer japanischen zu einer internationalen
Gruppierung aufgestiegen wären. Die Historiker vertreten vier
verschiedene Theorien über die ethnische Zugehörigkeit der Piraten
in der Muromachi-Epoche: entweder es waren noch hauptsächlich
japanische Küstenbewohner, welche die Hauptgruppe der Seeräuber
bildeten oder es war eine Mischung aus Chinesen, Koreanern und
Japanern. Andere Forscher behaupten, die Piraten hätten sich zu einer
Gruppe ohne klare Nationalitätszugehörigkeit entwickelt, während
andere vor allem koreanische Seefahrer für die Raubzüge
verantwortlich machen (Tanaka). [Diese Aussage führt in heutiger Zeit
zu verstärkten Diskrepanzen zwischen dem koreanischen und japanischen
Behörden, wobei der Vorwurf Koreas lautet, Japan würde durch solche
Aussagen seine historische Schuld
gegenüber den Nachbarländern China und Korea herunterspielen.
Es wurden unter anderem darum ersucht diese Aussagen aus japanischen
Schulbüchern oder öffentlichen Texten zu entfernen]
Die
Hauptstützpunkte der Wako wurden die Inseln Tsushima, Goto und Iki
welche den japanischen Inseln vorgelagert waren und von wo aus sie
ihre Streifzüge an die Küsten des Festlandes starteten. Mehr noch,
sie terrorisierten nicht nur die Küstengebiete und kleine Dörfer,
sie wurden so stark, dass sie mit mächtigen Flotten von bis zu 20
Schiffen mit bis zu 2000 Männern große chinesische Seehäfen überfielen
und plünderten, wie z.B. Ningpo im Jahre 1523 oder Nanking 1552 und
1555. Eine der Gegenmaßnahmen der chinesischen Ming-Dynastie war es,
ihre Küstenstädte zu befestigen und mit kleinen Garnisonen
auszustatten.
Aber ohne Erfolg - im Jahr 1447 brandschatzte die Wako die Stadt Neiha,
wobei ihnen über hundert Soldaten und dreihundert Zivilisten zum
Opfer fielen. Als Beute brachten sie Waren mit nach Hause, welche
einen Wert von 4400 Koku Reis hatten - das Jahreseinkommen eines
Hatamoto.
Teilweise fühlten sie sich so sicher, dass sie auf den schiffbaren Flüssen
auf hunderte Kilometer ins Innenland vordrangen. Ohne Frage waren die
Wako in dieser Zeit kein einzelnes Phänomen sondern ein ernsthaftes
politisches Problem für die Küstenstaaten Ostasiens.
Tsushima, der Hauptstützpunkt der Wako im japanischen Meer, blieb über
Jahrhunderte unangefochtenes Rückzugsgebiet der Piratenschiffe. Trotz
der Zusicherungen einer Bekämpfung der Piraten seitens des Shogunats
blieben die Wako dort relativ ungeschoren, einzig die koreanische
Flotte unter General Yi Chongmu (1419) und die chinesische
Tang-Dynastie unter Admiral Wa Shi (1558) unternahmen Versuche den Stützpunkt
auszulöschen. Doch diese militärischen Operationen zeigten keinen
langfristigen Erfolg.
Die
Wako und Ryukyu
Auch
in anderen Regionen hatten die Wako einen erheblichen Anteil an der
Entwicklung der Kriegstechniken. In der südlich von Japan gelegenen
Ryukyu Inselgruppe, welche in historischen Zeiten ein eigenes Königreich
bildete, berufen sich die Quellen des Ryukyu Kobudo (Alte Kriegskünste
der Ryukyu Inseln) und des waffenlosen Kampfes (Tode/Karate) oft
darauf, dass der Hauptgrund ihres Entstehens in der Notwendigkeit
bestand, sich gegen Übergriffe japanischer Seeräuber zur Wehr zu
setzen. Zahlreiche Alltagsgeräte, wie Sicheln, Ruder, Stöcke,
Dreschflegel o.ä. wurde von der Bevölkerung zu Waffen umfunktioniert
und bildet heute ein breites Spektrum einer eigenen Kampfform.
Dem
entgegen sprechen jedoch einige Historiker, dass es niemals eine
Invasion der Wako auf Ryukyu gegeben hätte. Von den jährlichen
Tribut-Schiffen des Königreiches, die ab 1429 (Sho Dynastie) das
Chinesische Festland mit Waren ansteuerten, ging nachweislich nicht
eines an die Seeräuber verloren. Im Gegenteil, zahlreiche Wako
brachten ab der Regierungszeit König Sattos, ab der zweiten Hälfte
des 14. Jhdt, koreanische Gefangene nach Okinawa, der Hauptinsel der
Ryukyu Insel, wo sie als billige Arbeitskräfte und als Geiseln
aufgekauft wurden (es gibt Hinweise dafür, dass die Nachfahren dieser
Gefangenen selbst sehr erfolgreiche Wako wurden). Eines der Unterkünfte
dieser Gefangenen konnte für Naha nachgewiesen werden. Als
Gegenleistung wurde den Wako erlaubt in Iheya und Izena, zwei kleinen
Inseln im Norden von Okinawa, Lebensmittel und Wasser aufzunehmen -
den einzig möglichen Stellen zwischen Südjapan und dem chinesischen
Festland die entsprechende Kapazitäten hatten. Diese gegenseitigen
Zugeständnisse könnten ein Hinweis sein, warum über 150 Jahre lang
die Tribut-Schiffe Okinawas an China (man schätzt ihre Gesamtzahl auf
über 400) unangetastet blieben (nach M. Kadena). Diese Fakten weisen
darauf hin, dass es seitens der Bevölkerung wahrscheinlich nie die
Notwendigkeit einer Bewaffnung gegenüber den Wako gegeben hat. Im
Gegenteil, die Fakten sprechen eher von einem Komplott oder geheimen
Abkommen des Reiches von Ryukyu mit den Wako, bzw. einer Fügung des
militärisch schwachen Königreiches gegenüber der aggressiven Stärke
der Piraten mit gegenseitigem Vorteil.
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See
Banner
Diese historische Flagge zeigt das Tomoe mon - das Banner
der Seekriegsschiffe und des Kango-Handels während der Muromachi-Zeit. In der späteren
Tokugawa-Periode wurde dieses Zeichen durch ein weißes Banner
mit rotem Kreis ersetzt - die Vorlage für die heutige
japanische Staatsflagge (Hino maru). |
Die
Suigun-Einheiten
Das
Entstehen der Suigun (Wasser-Militär) und der Wako verlief historisch
gesehen fast parallel. Insbesondere in der Seto nakai, der Inlandsee
zwischen Shikoku, Honshu und Kyushu, bildeten sich während der
Heian-Zeit erste Gruppen von plündernden Fischern und herrenlosen oder
verarmten Kriegern. Zahlreiche kleine Inseln, schwer schiffbare Gewässer
mit hoher Strömung und zahlreichen Untiefen machten es zum bevorzugten
Operationsgebiet dieser kleinen Piratengruppen. Um diese Region
weiterhin für den Seehandel und freie Passagen offen zu halten, wurden
Einheiten seegestützter Samurai (Suigun) gebildet, welche die die
Inlandsee überwachen sollten. Die meisten der Suigun standen im Dienst
des mächtigen Ouchi-Clans, einer Familie, welche weite Landstriche an
der Inlandsee kontrollierte.
Während der Gempai-Kriege (1180 - 1185) zwischen den führenden
Familien der Taira und Minamoto spielten diese See-Einheiten eine erste
historische Rolle.
Die Taira, geführt von Taira Munemori, befanden sich auf dem Weg zur
Kaiserstadt Kyoto, als sie von ihrem Kriegsgegner Minamoto Yoshitsune
bei Dan no ura zum Kampf gestellt wurden (1185). Dan no ura befindet
sich an der Meerenge von Shimonoseki, zwischen den japanischen
Hauptinseln Kyushu und Honshu. Das Heer der Taira, welche sich darauf
vorbereitete nach Honshu überzusetzen wurde hier in eine der berühmtesten
Seeschlachten der japanischen Geschichte verwickelt, aus welcher die
Minamoto schließlich siegreich hervorging. Einen nicht unwesentlichen
Anteil an diesem Sieg hatten die Krieger der Suigun-Einheiten der Ouchi,
welche auf Seiten der Minamoto kämpften. Sie hatten ausreichende
Erfahrung im Seekrieg, kannten das Gewässer und waren vorzügliche
Seefahrer. Als Anerkennung für diese Unterstützung ernannte der
Minamoto-Clan die Suigun nach Kriegsende zu offiziellen Wachen der
Region um die Inlandsee. Dieses Privileg beinhaltete die Eintreibung von
Zöllen und Schutzgeldern von Handelsschiffen und Häfen, was den Suigun
schließlich zu finanzieller Unabhängigkeit verhalf. Einige
unbedeutende Familien, wie z.B.. die Murakami, stiegen so zu einflussreichen
Kriegsherren auf und weiteten ihr Einflussgebiet über die komplette
Inlandsee mit ihren bedeutenden Handelshäfen Osaka wie Sakai aus.
Murakami
Takayoshi (1533-1604) war der wohl bekannteste Vertreter der Murakami
suigun, welche die Seto-Inlandsee kontrollierten. Seine Ahnen sollen
selbst Wako gewesen sein, welche ab ca. 1550 unter dem Fürstenhaus Mori
segelten. Takayoshi gewann die Seeschlacht von Miyajima 1555 (nahe
Hiroshima) gegen die Truppen von Sue Harukata, worauf er zum
Befehlshaber der Mori-Flotte ernannt wurde. 1576 besiegte er sogar die
Seestreitkräfte von Oda Nobunaga bei Kizawaguchi bevor er von ihnen in
einer zweiten Schlacht (1578) geschlagen wurde. Obwohl die Murakami
offiziell dem Mori-Clan von Chugoku als Lehnsmänner unterstellt waren,
agierten sie innerhalb der Seto-Inlandsee auf eigene Faust ohne äußere
Kontrolle. Sie errichteten auf den Insel Inoshima, Nojima und 8 weiteren
feste Stützpunkte und Burgen und kontrollierten so die Gewässer
zwischen Shikoku und Honshu mit den Haupthandelswegen über die Straße
von Mekari und den Onomichi-Kanal.
Mit der Zeit unterschied sich ihr Verhalten gegenüber den
Handelsschiffen jedoch kaum mehr von dem der Wako, vor denen sie diese
ursprünglich beschützen sollten - die Methoden der Suigun-Clans würde
man heute wohl eher als Schutzgeld-Erpressung bezeichnen. Selbständig
eröffnete Handelsrouten bis nach China brachten den Murakami enorme
Gewinne, die wohl nicht immer aus den Verkauf von Waren stammten. Was
also in Japan ein "Suigun" war, konnte in China ganz schnell
zum "Wako" werden...
So
ist das Verhalten und die Bedeutung der Suigun historisch gesehen recht
zwiespältig. Einerseits peinigten sie die Handelshäuser und Nachbarländer,
auf der anderen Seite leisteten sie aber auch aktiven Kriegsdienst für
ihre Herren und ihr Land. Während der Mongoleninvasionen 1274 und 1281
in der Hakada-Bucht waren es vor allem Suigun und Wako aus Kyushu und
der Inlandsee, welche die kleinen, wendigen Boote steuerten, die die großen
Truppentransporter der Invasoren angriffen. Ihr Geschick und Wissen um
Navigation, Wellen und Strömung ermöglichte es die feindlichen Verbände
hinzuhalten und den Samurai gegnerische Schiffe zu entern, bevor diese
von mächtigen Stürmen über Nacht versenkt wurden.
Später wurden auch die Truppentransporte der Koreainvasion von 1592 -
1598 unter Toyotomi Hideyoshi fast ausschließlich von Suigun- und
Wako-Schiffen durchgeführt, welche die Samuraiheere von Japan nach Südost-Korea
brachten und die logistische Unterstützung mit Waffen und Nachschub
sicherstellten. Als besondere Auszeichnung für ihre Leistungen auf den
Feldzügen belohnte Hideyoshi 650 Seemänner außerhalb des
Samurai-Standes mit einem eigenen kleinen Lehen von 250 Koku auf ihren
Heimatinseln in der Seto-Inlandsee und einen ihrer Führer mit dem
Status eines Landadligen. So etwas hatte es bis dahin in der japanischen
Geschichte nicht gegeben und zeigt, wie sehr man sich der Leistung der
Suigun und Wako verpflichtet fühlte.
Doch mit Toyotomi Hideyoshi und seinem Nachfolger Oda Nobunaga wurde
auch die Selbständigkeit der Suigun extrem eingeschränkt. Die strengen
Edikte der Herrscher, dass nur Angehörige der Samurai-Kaste Schwerter
tragen durften, griff tief in die Unabhängigkeit und der See-Krieger
ein, die sich aus einem großen Prozentsatz ehemaliger Fischer
rekrutierten. Das Verbot entwaffnete praktisch einen Großteil der
Suigun-Einheiten und beschnitt somit extrem deren Kampfbereitschaft.
Einige Jahre später, mit der Errichtung des Tokugawa-Shogunats 1603,
wurden die selbständigen Kriegsflotten endgültig aufgelöst und durch
eine einheitliche Marine unter Kontrolle des Shogunats abgelöst.
Wako als Krieger
Der
Begriff "Wako" wurde ursprünglich von der Küstenbevölkerung
des Kontinents für die japanischen Krieger gebraucht, die unter
verschiedenen Gründen die Küsten Chinas und Koreas ansteuerten. Dies
konnten natürlich Raubzüge und Schmuggelgeschäfte sein, bald übernahm
man den Namen aber für alle Schiffe mit bewaffneter Mannschaft, also
auch reguläre Handelsschiffe (indes kann man annehmen, dass der
Unterschied zwischen Handelsgeschäft und Piraterie von den seefahrenden
Kriegern nicht so eng gesehen wurde).
Viele der Wako, stellten ihre Erfahrung im Seekrieg und der Navigation
auch in den Dienst bedeutender Fürstenhäuser, wo sie es als offizielle
Kriegsmarine oft zu Ruhm und Reichtum brachten. Die bekannten
Suigun-Familien (Seekrieger), wie die die Murakami suigun des Mori-Clans
(Seto nakai) oder die Kuki suigun des Hauses Nobunaga (Kumano nada),
gingen sämtlich aus ehemalige Piraten hervor.
Wie bereits beschrieben, schienen die Wako von japanischer Seite keinen
ernsthaften Repressalien ausgesetzt gewesen zu sein, im Gegenteil - es
scheint, als arbeiteten Herrscherhäuser und Wako teilweise recht eng
zusammen, bzw. man machte keinen Unterschied zwischen Kriegsmarine und
Seeräuberei (solange es sich um chinesische und koreanische Ziele
handelte). Hinweise dafür bieten historische Ereignisse, wie z.B. die
Einsatzbereitschaft der Wako bei der Invasion der Mongolen (1274 und
1281), die Unterstützung der japanischen Korea-Invasion unter Toyotomi
Hideyoshi (1592 - 1598) oder die militärischen Kampagnen in der
Inlandsee unter Führung des Mori-Clans (2. Hälfte 16. Jhdt.).
Die Piraten und die Suigun-Einheiten waren ohne Zweifel die erfahrensten
Navigatoren und Segler, die Japan zu dieser Zeit aufbieten konnte. Dazu
hatten sie als Einzige ausreichende Sachkenntnis in der Seekriegsführung
und konnten im militärischen Handwerk auf hoher See auf eigene
Erfahrungen zurückblicken. Diese Tatsachen ließ sie teilweise eigene
Techniken und Verhaltensweisen entwickeln, die das Überleben in
Seegefechten garantierten und dem Leben auf dem Wasser angepasst war.
Einer dieser Fakten betraf das tragen von Rüstungen an Bord von
Schiffen, welcher von den Krieger auf das Mindestmaß eines Helmes und
des Brustpanzers beschränkt wurde. Die großen Schulterprotektoren,
Oberschenkel- und Schienbeinschützer wurden an Deck nicht angelegt, da
man eine Alternative finden musste, die dem Körper einerseits genügend
Schutz gegen feindliche Geschosse und Klingen bieten konnte, auf der
anderen Seite aber auch nicht bei Entermanövern, schwerem Seegang oder
sogar beim Schwimmen hinderlich war. Spezielle Techniken des Verhaltens
im Wasser, was sowohl Schwimmen, Tauchen, Kämpfen, Schießen und
logistische Aufgaben umfasste, ging ebenfalls auf Initiativen der Wako
zurück, ehe es als Sui jutsu (Wassertechniken) von vielen Clans für
die Ausbildung ihrer Krieger übernommen wurde.
Das
Ende der Wako
Ab
der zweiten Hälfte des 16. Jhdt. eröffnete Japan im großen Maßstab
den Seehandel mit dem asiatischen Kontinent. 1551 wurde der vom
japanischen Shogunat limitierte Handel zu China aufgehoben und ein reger
Austausch an Handelsgütern fand zwischen beiden Staaten statt, der
schließlich bis Südostasien ausgeweitet wurden. Diese Reisen wurden an
spezielle Lizenzen gebunden, die eine lohnenswerte Einnahmequelle für
das Shogunat darstellten. "Goshuin" oder "Shuinsen"
(Rotes Siegel) genannt, wurden sie jeweils nur für eine einzelne Überfahrt
ausgegeben und erklärten es zum offiziellen Unternehmen, womit es sich
von den Operationen der Piraten unterscheiden sollten. Unabhängig davon
waren aber auch diese Shuinsen-Schiffe mit bewaffneten Mannschaften aus
Samurai ausgestattet, welche in der Tradition der Wako segelten.
Einige der reichsten und einflussreichsten Kaufmanns-Familien Japans,
wie z.B. Chaya oder Suminokura, ansässig in Kyoto, initiierten diese
Fahrten und statteten sie aus. Sie ließen von Sakai (bei Osaka) aus
Schiffe zu allen Häfen des asiatischen Kontinents segeln, was die
Region um Osaka zum bedeutendsten japanischen Handelszentrum seiner Zeit
werden ließ. Fast alle vom Adel so sehnsüchtig erwarteten Waren wie
Chinesische Bücher, Rohseide und Seidenartikel wurde hier umgeschlagen
und nahm seinen Weg über ganz Japan. Die Shuinsen-Handelsschiffe
segelten schließlich bis hinunter nach Luzon (Philippinen), westlich
bis Quanzhou in China und über Hainan bis Vietnam. Einer der
wichtigsten japanischen Exportartikel dieser Epoche waren Waffen, Rüstungen
- und Menschen. Die Qualität japanischer Schwerter und Lanzen wurde in
ganz Ostasien geschätzt und die Kampferfahrung der Samurai hatten einen
guten Ruf. So ließen sich zahlreiche Wako und Ronin (herrenlose
Samurai) auf dem Kontinent nieder und boten ihre Dienste als Söldner
an, errichteten eigene Siedlungen oder ließen sich in eigenen
Stadtvierteln nieder. Als Beispiel sei hier nur Akyab in Myanmar (Burma)
oder Yodaya genannt, wo Samurai als Söldner im dortige Königshaus
dienten (ca. 1600).
Andere Wakogruppen gingen in den neuen Marineeinheiten des Shogunats auf
oder gingen wieder der Tätigkeit ihrer Ahnen, der Fischerei nach.
Diese Fakten
und das Erstarken der Zentralregierung in Japan unter dem neuen
Tokugawa-Shogunat ab 1603, die eine strenge Kontrolle über das Land ausübte,
führte im frühen 17. Jhdt. schließlich zur Auflösung der Wako. Das
neue Herrscherhaus setzte einer Generationen dauernden Zeit unablässiger
Bürgerkriege und anhaltender Schlachten ein endgültiges Ende, was
schließlich zur Wandlung der Samurai von einer Kriegerkaste zu einem
Beamtenapparat führen sollte. Somit bedeutete die mit dem
Tokugawa-Shogunat beginnende 300-jährige "Friedensperiode"
sowohl für die alten Krieger auf dem Land als auch für die Krieger auf
dem Wasser des Ende ihrer Zeit...
Script: Ulf Lehmann
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