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| Kyohachi
ryu Die Künste der Hauptstadt
Die 8 Schulen von
Kyoto Bis zur
Machtergreifung der Tokugawa im 17. Jhdt., und der damit verbundenen
Verlagerung des Regierungssitzes nach Edo (heute Tokyo), war Kyoto über
800 Jahre die Hauptstadt
Japans und bedeutendste Metropole für Kunst, Kultur, Religion
und politische Macht. Diese Ansammlung an
Macht und politischem Einfluss war natürlich stets Anziehungspunkt für
Menschen aller kulturellen und künstlerischen Bereiche und
Berufsgruppen. Das gleiche galt auch für Männer der Kriegskunst.
Zahlreiche Schüler der verschiedensten Schulen und Stile pilgerten
nach Kyoto um hier Erfahrungen im Kriegshandwerk zu sammeln oder ihr
Wissen und Können vor den Mächtigen des Reiches präsentieren zu können.
So gilt die Stadt noch heute als Schauplatz der berühmtesten Duelle
der japanischen Geschichte, wie etwa der Kampf zwischen Musashibo
Benkei und Minamoto Yoshitsune, die Vendetta
zwischen Miyamoto Musashi und der Yoshioka Fechtschule und viele
andere. Auf der anderen Seite war Kyoto seit langem ein Zentrum der
Schwertschmiedekunst (Yamashiro-Tradition), welche eine große Anzahl
Schmiede, Rüstungsbauer und eine ganze Reihe von Zulieferfirmen beschäftigte. So sprach man ab dem
17. Jhdt. von den 8 Schulen Kyotos (Kyohachi ryu) oder den 8
westlichen Stilen, die ihre Herkunft auf den Kurama-Tempel (Kuramahachi
ryu) bezogen und somit eng mit der Stadt Kyoto verbunden waren.
Kurama dera Der Kurama dera,
heute in 20 Minuten mit der S-Bahn von Kyoto aus zu erreichen , wurde
ca. 770 als spirituelles Zentrum der buddhistischen Tendai Sekte gegründet,
ebenso wie sich viele andere religiöse Richtungen in und um die alte
Kaiserstadt Kyoto ansiedelten. Im Mittelalter war er einer der großen
Stützpunkte der Kriegermönche (Sohei) um die Stadt Kyoto. Aber die
Besonderheit des Tempels, die ihn gegenüber anderen für die Kriegskünste
so interessant macht, ist die Verbindung zu zwei historischen Persönlichkeiten,
die längere Zeit im Tempel gelebt haben und für die Samurai späterer
Epochen zu Helden stilisiert wurden - Kiichi Hogen und Minamoto
Yoshitsune. Beide Männer lebten
in der Heian-Epoche (794 - 1185), deren Ende
vor allem durch die Machtkämpfe zwischen den Familien der Taira und
Minamoto (Hougen-Konflikt) geprägt waren (Yoshitsune war selbst ein
Abkömmling eines des besagten Clans). Die Legende
beschreibt Kiichi Hogen als einen führenden Strategen der Taira, der
nicht nur ein hervorragender Taktiker sondern auch ein begnadeter
Schwertkämpfer gewesen sein soll. Es ist überliefert, dass er während
der Heiji–Ära (1159 - 1160) in Ichiyo Horikawa, einem nordwestlich
des Kaiserpalastes in Kyoto gelegenem Viertel gelebt haben soll.
Einige Quellen beschreiben ihn auch als Wahrsager oder Medium, welcher
der Lehre des Inyo ho (Lehre von Yin und Yang) verbunden war und sich
verstärkt mit spirituellen und esoterischen Praktiken beschäftigte.
Angeblich pflegte er neben seinem Schaffen in Kyoto auch enge
Verbindungen zum Kurama-Tempel. Den Überlieferungen nach übertrug er
seine Kenntnisse im Umgang mit dem Schwert an 8 ausgesuchte Mönche
des Tempels, worauf sich die 8 Schulen von Kyoto (Kyohachi ryu) gründeten.
In den folgenden Generationen sprach man in diesem Zusammenhang von
der Hogen ryu, Kiichi
ryu, Kurama ryu, Yoshioka ryu, Suwa ryu, Kyo ryu und der Yoshitsune
ryu (nach Honcho Bugei Shoden). Andere Texte, wie etwa das Bugei Ryuha
Daijiten führen hingegen eine Vielzahl weiterer Ryu, bzw.
Misch-Traditionen auf, welche sich auf Kiichi beziehen. Das Problem mit der
Systematisierung dieser 8 Schulen ist, dass die Gründung der
Stilrichtungen mit fast 300 Jahren vor den ersten großen Boom der unzähligen
Schulgründungen im 16. Jhdt. fällt und viele der beschriebenen Ryu
bereits zu Beginn der Tokugawa-Periode (1600 – 1867) schon wieder
ausgestorben waren bzw. es unklar ist, ob verschiedene Namen lediglich
als Bezeichnungen einer einzigen Kriegskunst zu sehen sind. Schon
allein beim Namen Kyohachi ryu gibt es die unterschiedlichsten
Deutungen. Einige Historiker geben ihn als eigenständiges Schulsystem
an, während andere darin eine Art „Methode“ sehen, welche
lediglich die Schulen in der Region um die alte Kaiserstadt Kyoto
beeinflusste (ähnlich dem Kashima no tachi in der Kanto-Region).
Selbst die Zahl „Acht“ im Schulnamen Kyo „hachi“ ryu und die
damit verbundenen 8 Mönche des Kurama dera sind eventuell nicht wörtlich
zu nehmen. Im Buddhismus und bevorzugt auch im Budo steht die Zahl
„Acht“ oft für Begriffe wie „umfassend“ oder „allseitig“,
was in diesem speziellen Fall bedeuten würde, dass Kyohachi ryu
einfach nur „die Schulen von Kyoto“ meint. Die zweite Person,
die nach Kiichi Hogen mit dem Kurama in Verbindung gebracht wird, ist
Minamoto Yoshitsune (1159 - 1189). Der Mann, Angehöriger des mächtigen
Minamoto-Clans, verbrachte seine Kindheit und Jugend im Kurama dera,
der ihm als Verbannungsort vom dominierenden Taira-Clan zugewiesen
wurde. Als er mit 15 Jahren
den Tempel verließ und neben anderen Familienmitgliedern den Kampf
gegen das rivalisierende Haus der Taira aufnahm, entwickelte er sich
zu einem der legendärsten Helden der japanischen Geschichte, dessen
Lebensgeschichte Stoff für unzählige Mythen und Märchen gab. Doch auch in anderen
Aspekten hat die Verbindungen von Hogen und Yoshitsune in die Legenden
Eingang gefunden. Noch heute sind in Japan Geschichten und Kabuki-Stücke
populär (Kiichi Hogen Sanryaku no Maki), welche zeigen, wie das
Wissen an den jungen Minamoto-Krieger übertragen wurde. Berühmt ist
z.B. die Geschichte um die Dame Joruri (Joruri hime Monogatari),
Tochter des Taira-Feldherren Kiichi Hogen, welche von Yoshitsune verführt
wird, um so mit erschlichenem Vertrauen an die geheimen Aufzeichnungen
des alten Generals zu gelangen. Angeblich soll es sich bei den
Aufzeichnungen um eine Serie von 6 Bücher strategischen Inhaltes
gehandelt haben. Hogen soll nach dem Verlust der Bücher seinem Leben
durch Selbstmord ein Ende gesetzt haben, da er nicht mit dem
Ehrverlust vor dem Taira-Clan, dem er verpflichtet war, leben konnte. Was wir ganz sicher
über die Schwertkunst des Kurama wissen, ist die Existenz der Schulen
Kurama ryu und Yoshioka ryu. Bei den anderen Schulen, wie etwa der
Yoshitsune ryu ist es fraglich, ob es sich um wirkliche Ryu im
klassischen Sinne als selbständiges Kampfsystem handelte oder ob
damit lediglich Minamoto Yoshitsunes militärisches Können
klassifiziert wurde. Bereits unter den Gelehrten der Tokugawa-Zeit
wurde über die historische Wahrheit der 8 Schulen von Kyoto heftig
gestritten.
Yoshioka ryu Die Yoshioka ryu
machte vor allem in der zweiten Hälfte des 16. Jhdts. von sich reden,
als sie die Fechtlehrer der in Kyoto ansässigen Ashikaga Shogune
stellte und damit im Land sehr populär wurde. Der japanische
Schriftsteller Eiji Yoshikawa machte die Schule dann durch seinen
Roman „Musashi“ unsterblich, als er detailliert die Fehde zwischen
dem Yoshioka-Clan und dem Schwertmeister Miyamoto Musashi beschrieb. Gegründet wurde der
Stil einst in der ersten Hälfte der Temmon-Epoche (1532 - 1554) von
Yoshioka Kembo, einem aus Kyoto stammenden Färber, dessen Familie für
die Fabrikation eines einheitlichen dunkelblauen
Farbtons berühmt geworden war, der jederzeit in der gleichen
Nuance wieder hergestellt werden konnte (der nach Yoshioka Kembo
benannte dunkelblaue Kempo-zome). Kembo meisterte die Schwertkunst und
entwickelte seinen eigenen Stil, welchen er auf Kiichi Hogen zurückführte.
Er entwickelte darin so viel Geschick, dass er zum offiziellen
Ausbilder des 12. Ashikaga-Shogun Yoshiharu (reg. 1521
- 1545) in Kyoto berufen wurde, worauf sich der gute Ruf seiner
Fechtschule gründete. Allerdings fand Kembo
kein rühmliches Ende. Es heißt, dass er bei einer Noh-Aufführung, am
Hof des Shogun, von einem der Darsteller unbeabsichtigt mit einem Stock
verletzt wurde. Kembo verließ daraufhin zutiefst gedemütigt den
Spielort. Die Schmach für den Fechtlehrer des Shogun war zu groß,
sich als Waffenexperte nicht vor dem Ausrutscher eines Schauspielers
schützen zu können. So kehrte er nach kurzer Zeit wieder zurück und
tötete den Schauspieler vor den Augen aller Zuschauer mit einem
Schwert, welches er unter seinen Kleidern in den Palast geschmuggelt
hatte. Das Tragen und der Gebrauch von Waffen am Hof stand unter
Todesstrafe und Kembo wurde dementsprechend als Krimineller
betrachtet. Bevor man ihn im folgenden Tumult fassen konnte, erschlug er jedoch noch eine
Vielzahl der Wachen. Kembo wurde schließlich getötet, als sich im
Kampf seine Hakama löste und er über seine rutschende Hosen fiel. Dennoch legte er den
Grundstein für eine der bekanntesten Ken jutsu ryu von Kyoto welche
noch von seinen Kindern und Enkeln fortgeführt wurde – auch wenn
die Schule eine Zeit von 4 Generationen nicht überlebte. In diesem
Zusammenhang ist auch die Reputation Miyamoto Musashis zu sehen, denn
nur die Bedeutung der Yoshioka Familie als Fechtmeister des Shogun,
verhalfen ihm, nach den gewonnenen Duellen gegen die Mitglieder des
Clans, zu solch enormen Ansehen, dass er bereits zu Lebzeiten eine
Legende wurde. Kurama ryu Einige der aus Kurama
stammenden Schulen beeinflussten recht stark auch die heutigen
modernen Kampfkünste. Die Schule wird noch heute von seinen Nachfahren in der 17. Generation weitergeführt. Script: Ulf Lehmann
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