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| Kumi uchi & Ju jutsu
(Teil 2) Nahkampf-Traditionen des alten Japan
Die
Fukuno Ryu wurde von Fukuno Shichirouemon Masakatsu, einem Ronin aus
Settsu (in der heutigen Hyogo-Präfektur), gegründet. Der herrenlose
Samurai lebte zeitweise in Otsu (in der heutigen Shiga-Präfektur) und
Awataguchi (heute ein Stadtteil von Kyoto), wo er seine Kunst
unterrichtete. Man sagte ihm herausragende Fähigkeiten im Kumiuchi
nach und später lernte er, als Schüler von Yagyu Sekishusai
Muneyoshi (1529-1606), dessen Yagyu Shinkage Ryu. Zu Beginn nannte
Fukuno sein System Fukuno Ryu, später dann Ryoi Shinto Ryu. Über die
Gründung der Ryoi Shinto Ryu gibt es verschiedene Theorien. Man nimmt
an, dass Fukuno im März des Jahres 1622 eine Schriftrolle namens „Ryoi
Shinto Yawara“ verfasste und seit dieser Zeit seine Schule Ryoi
Shinto Ryu nannte. Neben Miura Yojiuemon (Miura Ryu) und Isogai
Jiroemon (Kanshin Ryu) unterrichtete Fukuno auch Ibaraki Matazaemon
Toshifusa Sensai (Kito Ryu), Terada Heizaemon Sadayasu (Teishin Ryu)
und Nagahama Nizaemon (Shinto Yawara, auch bekannt als Nagahama Ryu). Im Jahre 1619
siedelte Chin Genpin (Ch’en
Yuan Ping, 1587-1671) von China nach Japan über. In seinem Heimatland
hatte er die Kampfkünste der Shaolin-Priester (jap. Shorin) ungefähr
ein Jahr lang studiert. 1625, damals war er 39 Jahre alt, ging er nach
Edo. Schon vorher hatte er Ishikawa Jozan kennengelernt, welcher mit
Fukuno Shichirouemon Masakatsu befreundet war. 1626 stellte Ishikawa
Jozan in Azabu (im heutigen Tokyo) Fukuno Chin Genpin vor. In den
Jahren 1626 bis 27 lernten dann Fukuno und zwei seiner Schüler,
Isogai Jiroemon und Miura Yojiuemon, chinesisches Chuang Fa
(Faust-Weg) von Genpin im buddhistischen Kloster Kokushoji.
In
China gab es viele hundert Stile des Kenpo, so die japanische
Aussprache des chinesischen Chuang Fa. Lediglich Bruchteile diverser
Schulen sind aus dem Süden Chinas nach Japan gebracht worden - keine
kompletten Systeme. Meist waren diese Teilstücke jedoch nicht
kompatibel zu den japanischen Bugei-ryuha (Kampfkunst-Schulen). Es
wurden trotzdem einige wenige Schulen von den chinesischen Kampfkünsten
beeinflusst. Besonders erwähnenswert sind hier die Koto Ryu und die
Gyokko Ryu. Diese beiden Schulen
nutzten jedoch nicht den Begriff Kenpo, um ihre Lehren zu beschreiben,
sondern Koppojutsu. Das Wesen dieses Systems bestand in einer über
das Normale hinausgehenden Kräftigung der Muskulatur durch Schlagübungen,
die dadurch in eine Art Panzer verwandelt wurde. Auch hier wurden, wie
in vielen andern Kumiuchi-Schulen, versteckte Waffen benutzt. Weitere
Begriffe, welche im Zusammenhang mit den Koppojutsu-Schulen verwendet
wurden, sind Kosshijutsu und Shitojutsu. Kosshijutsu beschreibt das
Angreifen der Muskeln des Gegners, wohingegen Shitojutsu das Nutzen
der Finger- und Fußspitzen zum Verletzen gegnerischen Kyusho
(Vitalpunkte) bezeichnet. Goho
ist eine chinesisch beeinflusste Kampfkunst, die mit dem Koppo eng
verwandt ist. Technisch gesehen stehen sich die beiden Systeme sehr
nahe. Goho wurde ergänzend zu einem Nahkampf-System entwickelt,
welches sich Ichi Jo Funi Ho nannte. Takenaga Hayato (Jikinyu)
begründete zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Yagyu Shingan Ryu. Er
studierte Shingan Ryu, Shindo Ryu, Shuza Ryu und Toda Ryu, bevor er
sein eigenes System gründete. Zudem lernte er auch Yagyu Shinkage Ryu
und bekam die hochangesehene Gokui (Geheimnisse der Kunst) von Yagyu
Muneori (1571-1646) überreicht. Außerdem erhielt er von Yagyu Jubei
die Erlaubnis, den Namen Yagyu in seinem eigenen Schulnamen verwenden
zu dürfen. Die Yagyu Shingan-Schule unterrichtet den bewaffneten und
gerüsteten, sowie den unbewaffneten und ungerüsteten Kampf. Der Schüler
lernt zuerst Suburi, Torite no Jutsu (Torikata Yawara), Totte no Jutsu,
Kogusoku Totte und Gyoi Dori. Erst danach beginnt das Studium der
klassischen Waffen. Laut Shimazu Kenji kann das Jujutsu der Yagyu
Shingan Ryu in vier Bereiche gegliedert werden:
Ippan Yawara (Bürger-Yawara), Ashigaru Yawara (Fußsoldaten-Yawara),
Bushi Yawara (Krieger-Yawara) und Taisho Yawara (General-Yawara).
Diese Gliederung des Curriculums bezieht sich auf die sozialen
Schichten der damaligen Zeit. Ein
weiterer Begriff, der in Edo-Zeiten verwendet wurde, um den Nahkampf
zu beschreiben, war Taijutsu (Körperkunst). Eine der bedeutendsten
Schulen des Taijutsu war die Nagao Ryu. Sie wurde im frühen 17. Jahrhundert
von Nagao Kanmotsu Tameaki gegründet. Kanmotsu war ein Meister des
Schwertes und hatte Erfahrungen in der Itto Ryu und der Yagyu Shinkage
Ryu gesammelt. Die Nagao Ryu lehrte ursprünglich
schlachtfeldorientierte Nahkampftechniken (Kassen Kumiuchi); später
jedoch, nach der Befriedung Japans, Selbstverteidigung (Goshinjutsu).
Die Schüler der Nagao Ryu waren bekannt für ihre Fähigkeiten im
Umgang mit den Kakushibuki. Spezialitäten dieser Schule waren Yojutsu,
die Kunst mit dem Bankokuchoki/Tekkan-zu, einer besondern Form des
Schlagrings, umzugehen, sowie Injutsu, die Kunst, das Tsuka Gashira (Griffende)
des eigenen Schwertes gegen den Gegner einzusetzen. Der Begriff Jujutsu
wurde das erste Mal um das Jahr 1630 benutzt, um die Lehren von
Sekiguchi Ujimune Jushin zu beschreiben. Jujutsu entwickelte sich aus
dem Wort Yawara (-jutsu). Eine
der wohl bekanntesten Theorien über die Entstehung des Begriffes
Jujutsu ist folgende: Das Schriftzeichen „ju“ ist vermutlich aus
einer Passage des chinesischen Militär-Klassikers San-Lue (jap. San
Ryaku) entnommen. Die Passage heißt „ju yoku sei go“ oder dem
Sinne nach „das Weiche siegt über das Harte“. Daraus entstand die
Idee, dass das Schwächere dem Stärkeren nicht widerstehen, sondern
durch Nachgiebigkeit siegen soll.
Die
Kito Midare Ryu (Midare Kito Ryu) wurde im Dezember des Jahres 1637
von Ibaragi Matazaemon Toshifusa Sensai entwickelt.
Ibaragi war ein niederer Samurai und studierte die Kampfkünste unter
Yagyu Muneori und Zen unter Meister Takuan. Durch seine gute Beziehung
zur Yagyu-Familie lernte er Fukuno Masakatsu, den Gründer der Ryoi
Shinto Ryu, kennen. Die
beiden trainierten miteinander und tauschten ihre langjährigen
Erfahrungen untereinander aus. So war die Kito Midare-Schule lediglich
Ibaragis Interpretation der Ryoi
Shinto Ryu. Jedoch wurden von ihm, zu den Yawara-Techniken, auch Yoroi
Kumiuchi, Iaijutsu (Schwertziehen), Jinkama (Schlachtfeld-Sichel) und
Bowaza (Stocktechniken) hinzugefügt. Terada Kanemon Masashige
(1616-74) modifizierte das System und nannte es Kito Ryu Heiho Yoroi
Kumiuchi. Seit dieser Zeit beschreibt man das System einfach mit dem
Term „Kito Ryu“. „Ju
no ri“, das Prinzip der Nachgiebigkeit, wurzelt tief in dem Konzept
der Geschmeidigkeit und Flexibilität. Es wurde sowohl im
physikalischen wie auch im psychischen Kontext von den Bugeisha
(Kampfkünstlern) verstanden. Das Nutzen von „ju“ ermöglichte dem
Ausführenden in jeder Situation, körperlich und geistig, flexibel
und geschmeidig zu reagieren. Die
Blütezeit der Jujutsu-Schulen war, wie oben schon erwähnt, die
Edo-Periode (1603-1868). In dieser Zeit verlegten sich die Kämpfe vom
Schlachtfeld mehr und mehr in den Bereich des Selbstschutzes und der
Verteidigung von Herrn und Gut. Damit änderten sich auch die
Curricula in vielerlei Hinsicht. Ein
weiterer wichtiger Zweig im Stammbaum der Kumiuchi-Schulen ist die
bekannte Yoshin Ryu von Akiyama Shirobei Yoshitoki. Weniger bekannt
hingegen ist, dass es mindestens zwei Yoshin Ryu gab. Die eine Yoshin
Ryu von Akiyama und die andere von Miura Yoshin. Die letztgenannte ist
die ältere von beiden und wird deshalb auch manchmal als Yoshin Koryu
oder Miura Ryu bezeichnet. Zu
Beginn des 19. Jahrhunderts gründete Iso Mataemon (1787-1863) die
bekannte Tenjin Shinyo Ryu. Dabei handelte es sich um eine Synthese
der Yoshin-Tradition nach Akiyama und der Shinno Shindo Ryu. 124
Techniken und 28 Methoden der Wiederbelebung (Kappo) bilden das
Curriculum der Schule. Die Adepten Mataemons waren bekannt für ihre
kraftvollen Schläge und markanten Würgetechniken. Die Tenjin Shinyo
Ryu war bemerkenswerterweise eine der wenigen Jujutsu-Traditionen,
welche u.a. von Frauen geleitet wurden. Die erste war Miyamoto
Tominosuke, eine Frau mit Männernamen. Nach ihrem Tod übernahm ihr
Mann Miyamoto Hanzo das Dojo. Die zweite Frau, die Shihan der Tenjin
Shinyo Ryu wurde, ist Tobari Kazu. Weitere wichtige Meister der Ryuha
sind Kobuta Toshihiro (Menkyo Kaiden) und Shibata Koichi. Script: David Bender |
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