Die Macht des Kaisers
Japanische Geschichte - Teil 3Unser Hof hat in der früheren Zeit
große Armeen ausgeschickt, die in den Provinzen viele
Barbaren vernichteten. Jedoch konnte man sie nie
endgültig besiegen. Dann wurde Sakanoue no Tamuramaro
nach Mutsu-Dewa geschickt und sein Ruhm erstrahlte über
viele Generationen. Er bezwang die Barbaren in allen
sechs Distrikten. Er schien die Wiedergeburt des Gottes
des Nördlichen Himmels zu sein, ein hervorragender
General, der seinesgleichen sucht. (aus Mutsu Waki)
Allgemeines Vorwort
Bei der Schreibung von japanischen Begriffen mit
lateinischen Buchstaben existiert leider kein festes
Regelwerk. Es gibt zwar mehrere Methoden, jedoch nehmen
alle mehr oder weniger sprachliche Anpassungen vor, um
das Lesen zu vereinfachen, oder einfach nur, um das
Erscheinungsbild der geschriebenen Wörter gefälliger zu
machen. Dabei wird anscheinend vergessen, daß man sich
dadurch nicht nur vom Original entfernt, sondern auch
zusätzliche Quellen für Fehler und Mißverständnisse
schafft.
Im Rahmen dieser Serie sollen darum japanische Wörter in
der originalen japanischen Schreibweise verbleiben. Als
Basis für die Übertragung der japanischen Silben in
lateinische Buchstaben dient das weitverbreitete
Hepburn-System.
Leider haben sich schon viele japanische Worte in anderer
Weise eingebürgert, so daß eine zusätzliche
Kennzeichnung nötig ist. Japanische Worte im
Originalzustand werden darum kursiv geschrieben (Bsp.:
Heian-Kyou). Diese Wörter kann man mit Hilfe der
Hepburn-Tafel direkt in Kana übertragen. Ein
eingebürgertes Wort japanischen Ursprungs, das u. U.
auch in der Schreibung verändert wurde, wird wie ein
einheimisches Wort behandelt (Bsp.: Kyoto).
Chronologie
645 Taika-Reform
702 Verkündung des Taihou-Kodex
710 Beginn der Nara-Periode
712-720 Sammlung der japanischen Chroniken und Mythen
(Nihongi, Fudoki, Kojiki)
784 Nagaoka wird Hauptstadt
794 Beginn der Heian-Periode
Aufblühen von Kunst und Kultur
801 Siege über die Emishi
Expansion des Reiches nach Norden bis zur Nordspitze von
Honshu
Heian-Periode (794-1184)
Der Einfluß der buddhistischen Priester war in der
Nara-Periode stark gewachsen. Der Kaiser versuchte dem
Druck der Tempel zu entfliehen und entschloß sich,
einige Kilometer nördlich von Nara eine neue Hauptstadt
zu errichten. Wieder diente Chan-an als Modell für den
Entwurf. Die Stadt wurde mit schachbrettartigem Grundriß
angelegt und war von Kirschbäumen und Trauerweiden
umgeben. Der Anblick war so schön und friedlich, daß
sie den Namen Heian-kyou bekam, Hauptstadt von Frieden
und Gelassenheit. Heian sollte über ein Jahrtausend der
Sitz des japanischen Kaisers bleiben, der heutige Name:
Kyoto.
Die Erkenntnisse der Nara-Zeit führten dazu, daß
Politik und Religion strikt getrennt wurden. Der Tennou
(Himmelskaiser) gewann so große Macht und genoß Ruhm
und Wohlstand. Kunst, Kultur und das höfische Leben
blühten auf. Die Einführung des japanischen
Schriftsystems brachte erste Blüten der Literatur und
Dichtkunst hervor. Genji Monogatari, eine der ersten
Erzählungen der Welt stammt aus dieser Zeit. Aus China
zurückkehrende Mönche gründeten zwei neue
buddhistische Schulen, Tendai und Shingon, die zu den
Hauptrichtungen des japanischen Buddhismus wurden.
Emishi
Doch die Priester waren nicht der einzige Grund für den
Umzug des Kaisers. Heian bot auch eine bessere Anbindung
an die östlichen und nördlichen Gebiete Japans. Seit
Mitte des 7. Jh. versuchte der Kaiser diese Gebiete unter
seine Kontrolle zu bringen. Im Norden, vor allem in den
späteren Provinzen Mutsu und Dewa lebten die Emishi.
Obwohl diese Menschen ethnisch auch Japaner waren, wurden
sie nicht als solche angesehen, sondern als Barbaren
bezeichnet. Selbst der Begriff Emishi hat eine eher
abwertende Bedeutung. Es ist anzunehmen, daß die
Lebensweise der Emishi wenig oder gar nicht vom
Buddhismus beeinflußt war und sie sich mehr der
Naturreligion des Shintou verbunden fühlten. Das mag den
kultivierten Japanern barbarisch erschienen sein.
Trotzdem wurde in der ersten Zeit auf friedlicher Basis
kolonisiert, doch mit dem Jahr 780 begann der Krieg.
Seit der frühen Zeit stellten die Clans das Militär in
Japan. Man beugte sich zwar seit der Yamato-Zeit der
Autorität des Kaisers, blieb aber weitgehend autonom.
Mit der Taika-Reform verloren die Clans aber nicht nur
ihr Land, sondern auch ihre militärische Macht. Die
Reform stärkte den Kaiser und ermöglichte erstmals
große Armeen aus steuerlich erzwungenen Wehrpflichtigen.
Diese Einheiten (Gundan) wurden mit dem Taihou-Kodex nach
chinesischem Vorbild in Fußtruppen aus Wehrpflichtigen
und berittene Eliteoffiziere eingeteilt. Den Oberbefehl
hatte ein Gouverneur (Kokushi). Diese Armeen sollten den
Norden erobern. Doch trotz der Überlegenheit der
kaiserlichen Truppen schlug eine Expedition nach der
anderen fehl. Das Klima im Norden war hart und die
Versorgung mit Nachschub problematisch. Die Emishi
erwiesen sich zudem als kühne Kämpfer und
ausgezeichnete Bogenschützen. Die chinesische Art der
Kriegsführung war zu schwerfällig gegen die schnellen
und wendigen Reiter der Emishi. Ein Sieg konnte erst 801
durch Sakanoue no Tamuramaro errungen werden. Wenngleich
dieser Sieg nicht so umfassend war, wie die Chroniken
berichten, Sakanoue no Tamuramaro wurde dadurch zu Japans
größtem General vor dem Aufstieg der Samurai. Die
Erinnerung an ihn lebt heute in buddhistischen Tempeln
und Shintou-Schreinen überall in dem Gebiet, das früher
Mutsu-Dewa war. Der Legende nach sollen Heerführer, die
an seinem Grab beten, nicht verlieren können, und in
Zeiten der Gefahr für Japan soll seine letzte
Ruhestätte beben und donnern.
Verlust der Macht
Der Sieg gegen die Emishi vergrößerte das Kaiserreich
bis zur Nordspitze von Honshu, aber die Nachfahren der
Götter widmeten sich mehr Freizeit und Studien, weniger
den Regierungsgeschäften. Auch die Intrigen und Ränke
des Hofadels verdrängten den Kaiser weiter von der
eigentlichen Macht. Während des 8. und 9. Jh.
übernahmen die Fujiwara praktisch den gesamten Hof. Der
Tennou wurde zwar gottgleich verehrt, und selbst sein
Name wurde in kunstvolle Umschreibungen gehüllt - am
bekanntesten ist der Begriff Mikado -, doch er wurde
immer mehr zu einer Puppe im Machtspiel anderer. Es wurde
auch üblich, daß der Kaiser schon als junger Mann
abdankte, damit ein kindlicher Verwandter den Thron
bestieg. Es ist ersichtlich, daß solch ein kaiserliches
Kind vom Hofadel einfach zu manipulieren war. Seine
politische Autorität kann wahrlich nur minimal gewesen
sein.
Saat der Drachenzähne
Da die Kaiser und Ex-Kaiser polygam lebten und stattliche
Harems unterhielten, war die Zahl ihrer Nachkommen recht
groß. So hatte z.B. Kaiser Saga (regierte 809-823) 50
Kinder mit 23 Frauen. Das Kaiserhaus wurde darum
periodisch ausgelichtet. Man erkannte einigen Prinzen und
Prinzessinnen den Anspruch auf den Thron ab und gab ihnen
Familiennamen (die kaiserliche Familie hat keinen
Familiennamen). Sie wurden so zu normalen Adligen.
Eigentlich sollte dadurch die finanzielle Belastung der
kaiserlichen Familie verringert werden, jedoch war der
Druck der Fujiwara weit gewichtiger: Diese Auslichtungen
waren eine Möglichkeit für die Fujiwara, die
kaiserliche Familie zu manipulieren und sich selbst mehr
Einfluß zu verschaffen. Unliebsame Personen wurden
einfach aus der Erbfolge entfernt. Die Familiennamen der
Prinzen, die aus dem Kaiserhaus ausschieden, waren:
Tachibana, Ariwara, Minamoto und Taira. Diese Namen
wurden dabei mehrfach benutzt, somit gibt es verschiedene
Adelsgeschlechtern mit gleichem Namen, z.B. die
Saga-Minamoto und Murakami-Minamoto. Viele dieser
früheren Prinzen verließen taktvoll den Hof und suchten
ihr Glück in den Provinzen. Sie ließen sich weit weg
von Kyoto nieder, und viele heirateten in antike Clans
ein. Später wurde diese Politik auch Aussaat der
Drachenzähne genannt. Aus diesen Drachenzähnen sollten
in nur kurzer Zeit bewaffnete Männer wachsen.
Japanische Schrift
Japanisch gehört zu den agglutinierenden Sprachen. Das
sind Sprachen, in denen es für jede grammatikalische
Bedeutung Elemente gibt, die einfach aneinandergereiht
werden können. Auch Finnisch und Ungarisch gehören zu
dieser Sprachfamilie. Der eigentliche Ursprung der
japanischen Sprache ist aber noch weitgehend ungeklärt.
Die japanische Schrift ist dagegen weniger rätselhaft.
Es ist eine Mischung aus chinesischen Schriftzeichen
(Kanji) und japanischen Lautzeichen (Kana).
Die Schrift kam im 4. bis 6.Jh. aus China nach Japan.
Zuerst benutzte man nur diese chinesischen Zeichen, deren
Bedeutung und Lesung von den nordchinesischen Tang
übernommen wurde. In dieser Weise sind alle frühen
Schriften verfaßt, die Werke des Shoutoku Taishi ebenso
wie die Sammlungen der japanischen Chroniken und Mythen,
Nihongi, Fudoki und Kojiki. Darin wurde auch der
Machtanspruch des Tennou festgehalten. Er sah sich von
den Göttern durch das Himmelsmandat zum Herrscher
berufen. Diese Vorstellung vom Himmelskaiser stammt zwar
aus China, wurde jedoch schnell Bestandteil der
japanischen Mythen.
Doch diese einfache Übernahme der Schrift hatte auch
Nachteile. Die tonale chinesische Sprache kann eine
einzelne Silbe in sieben verschiedenen Arten betonen und
somit unterscheiden. Japanisch dagegen ist nicht tonal,
viele der Worte hatten für japanische Ohren eine
identische Aussprache. Zudem war es mit Kanji allein
nicht möglich, die echte japanische Sprache zu
schreiben. Mönche entwickelten im 8. Jh. auf der Basis
der chinesischen Schriftzeichen ein eigenes System, mit
dem man einzelne Silben schreiben konnte: Katakana und
Hiragana. Dazu wurden einige chinesische Schriftzeichen
bis auf wenige Striche vereinfacht. Damit konnte man nun
die Sprache direkt wiedergeben. Katakana war als Schrift
für Männer gedacht und hat ein eckiges, hartes
Aussehen. Frauen erhielten meist keine Ausbildung in
Kanji und fanden in den geschwungenen Zügen des Hiragana
ihre Schriftsprache. Bereits im Mittelalter gab es in
Japan Schriftstellerinnen und eine reichhaltige
Frauenliteratur. Werke wie Makura no Soushi
(Kopfkissenbuch) und Kagerou Nikki (Tagebuch einer
Eintagsfliege) sind noch immer sehr berühmt.
Heute wird Hiragana allgemein im Japanischen verwendet.
Katakana dient zur Schreibung ausländischer Wörter und
zur Betonung, ähnlich unserer Anführungszeichen.
Dennoch haben die Kanji, die chinesischen Schriftzeichen,
den wichtigsten Platz in der japanischen Schrift
behalten.
Während der Muromachi-Periode im 14. Jh. gab es erneut
gute Beziehungen zu China, diesmal jedoch zu den Sung aus
Südchina. Wieder wurden Schriftzeichen mit deren Lesung
übernommen und in die japanische Sprache integriert. Die
Südchinesen verwenden zwar auch Kanji, jedoch hatten sie
eine andere Aussprache für die Zeichen als die
Nordchinesen. Dadurch bekamen viele Kanji im Japanischen
neue Lesungen. Darin liegt nun die Schwierigkeit, die
alle Japanisch-Lernenden und auch die Japaner selbst
kennen. Es gibt insgesamt etwa 20 000 Kanji, von denen
knapp 2 000 in Japan gebräuchlich sind. Ein Kanji kann
jedoch je nach Zusammenhang verschieden gelesen werden.
Diese Lesungen teilt man dabei in On-Yomi (chinesische
Lesung) und Kun-Yomi (japanische Lesung) ein. Die
chinesischen Lesungen entsprechen dabei der nord- bzw.
südchinesischen Aussprache des Zeichen. Ein Kanji hat
somit in der Regel ein oder zwei On-Yomi, je nachdem, ob
es einmal oder zweimal aus China importiert wurde. Die
japanischen Lesungen sind eigene japanische Wörter, die
der jeweiligen Bedeutung des Zeichens entsprachen. Es
gibt Kanji, die keine japanische Lesungen besitzen,
andere hingegen haben mehr als zehn verschiedene. Hier
liegt wohl neben der Schwierigkeit auch der Reiz der
japanischen Sprache verborgen, die in ihrer Art
einzigartig auf der Welt ist.
Script:
Stephan Henker
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