Der Gempai-Krieg beginnt...

Japanische Geschichte - Teil 12

„Wie ein alter Baum, der keine Blüten mehr trägt; traurig war mein Leben, vorbestimmt keine Früchte zu tragen.“ (Abschiedsgedicht von Minamoto Yorimasa, 23. Juni 1180)

Der Weg zur Macht

Das Kaiserhaus besaß zwar schon längst keine Regierungsgewalt mehr; die Hofaristokratie unter Führung des Fujiwara-Clans hatte dem Kaiser schon zu Beginn des 12. Jh. den letzten Rest von Macht entwunden; doch galt der Kaiser durch seinen religiösen Status als direkter Nachfahre der Sonnengöttin immer noch als letzte Instanz der Autorität. Der reale Einfluß, der dem Kaiserhaus verblieben war, lag im wesentlichen beim In, dem Ex-Kaiser und seiner privaten und unabhängigen Regierungskammer. Es schien fast, als wollte sich der schwerfällige und ineffiziente Regierungapparat der Heian-Zeit aus reiner Trägheit weiterschleppen, doch das kurze Aufflackern von Gewalt in den Jahren 1156 und 1159, bei dem die gegnerischen Fraktionen des Hofes unklugerweise die Unterstützung verschiedener militärischer Führer anwarben, offenbarte plötzlich, daß die gesamte Struktur der Adelsherrschaft von der Wirklichkeit eingeholt war. Die Macht im Land lag auf einmal bei den Samurai, jenen verachteten, grobschlächtigen Kriegern, die von den Edelleuten jahrhundertelang als Lakeien benutzt wurden, um Bodenstreitigkeiten zu schlichten und die Ordnung im Land aufrechtzuerhalten. Obgleich die Militärführer bereit waren, dem Hof die äußeren Anzeichen der Würde zu belassen und den Kaiser als moralischen Ursprung politischer Macht anzuerkennen, konnte es keinen Zweifel geben, daß eine neue Ära der japanischen Geschichte herangebrochen war, in der die wichtigen Entscheidungen vom Schwertadel, den Buke, getroffen werden sollten, die als einzige die Macht hatten, sie auch durchzusetzen.

Die Frage, welcher der beiden mächtigsten Kriegerclans diese neue Herrschaft trägt, wurde nach den Ereignissen von 1159 zugunsten der Ise-Taira entschieden. Der Aufstieg der Taira zur führenden Macht Japans war dabei nicht unwesentlich der Gunst von Ex-Kaiser Goshirakawa zu verdanken. In den Jahren von 1160 bis 1180, die nach dem Sitz der Taira auch Rokuhara-jidai genannt werden, hatte Taira Kiyomori die Regierung unter Kontrolle gebracht und herrschte praktisch allein. Die Chronik Heike Monogatari befaßt sich in ihrem ersten Teil ausführlich mit dem Aufstieg der Taira und bietet einen eindrucksvollen Einblick in die Zeit des großen Wandels in Japan.

Taira Kiyomori war inzwischen so mächtig, daß er sogar seinem Lehnsherren, dem Ex-Kaiser Goshirakawa, ebenbürtig war. Und Kiyomori hatte keine Skrupel, dies im Vorfeld der Thronübernahme durch seinen Enkel zu beweisen und den Ex-Kaiser unter Arrest zu stellen. Jedoch mußte sich Kiyomori Vorhaltungen von seinem ältesten Sohn Shigemori machen lassen. In Hougen und Heiji Monogatari war Shigemori einer der führenden Krieger, doch in Heike Monogatari kleidet sich Shigemori stets in höfische Roben und ist auch in Sprache und Handeln weit mehr Höfling als Krieger. Als Kiyomori seine Rüstung anlegte, um Goshirakawa unter Arrest zu stellen, wird er von Shigemori mit religiösen Prinzipien ermahnt. Kiyomori würde sich mit seinen Handlungen gegenüber dem Shintou und der Sonnengöttin Amaterasu, der Schutzherrin Japans, versündigen. Außer-dem verstoße er gegen den buddhistischen Glauben, da er das Gelübte abgelegt hat und seit dem praktisch ein Mönch ist. Das konfuzianische Gesetz des ethischen Verhaltens werde ebenfalls verletzt: Ein Mensch hat vier Verpflichtungen in Leben; Himmel und Erde, seinen Herren, seine Eltern und sie Menschheit. Von all diesen Verpflichtungen ist die Loyalität gegenüber seinem Herren die wichtigste. Aus dem Bruch mit Goshirakawa, den Shigemori als den Herren der Taira versteht, könne nur Unglück erwachsen. Die Taira hatten außergewöhnliche Zuwendungen vom Kaiserhaus erhalten und wenn sie sich jetzt gegen den Ex-Kaiser stellen, würde das den Zorn von Amaterasu und Hachiman beschwören. Noch sei es nicht zu spät, so Shige-mori; die Aufdeckung des Shishigatani-Komplotts (1177) zeige, daß „das Glück der Taira noch nicht verbraucht sei“. Doch seine Worte verhallten unbeachtet. Laut Heike erhielt Shigemori, der mit der Fähigkeit ausgestattet war, in die Zukunft zu sehen, wenig später ein göttliches Zeichen. Die Botschaft der Göttern des Kumano-Schreines verlautete, daß das glückliche Schicksal der Taira innerhalb einer Generation aufgebraucht sein werde und sich nicht bei den Söhne und Enkeln von Kiyomori fortsetze. Shigemori wurde darauf hin krank und starb im Jahre 1179. Sein Tod stellt eine gewisse Wendung im Schicksal der Taira dar, wenn gleich es auf Kiyomori wenig Eindruck zu machen schien. Das Oberhaupt der Ise-Taira ging den letzten Schritt seines Weges zur ultimativen Macht und nahm 1180 mit seinem Enkel Antoku den Kaiserthron in Besitz.

Neue, alte Feinde

Am Hof gab es eine Person, die auf Grund der neuen Situation mehr als nur verstimmt war: Kronprinz Mochihito. Mochihito, der zweite Sohn von Ex-Kaiser Goshirakawa, war bei der Thronfolge bereits zweimal übergangen worden und sah sich nach der unverfrorenen Übernahme des Kaiserhauses durch Taira im Zugzwang. Ein Prinz allein konnte nicht viel gegen die übermächtigen Taira aus-richten, doch am Hof gab es noch eine fast vergessene Gestalt aus früheren Tagen: Minamoto Yorimasa. Der alte Kriegerveteran; mittlerweile bereits 74 Jahre alt; war zwar aufgrund seines fortgeschrittenen Alters und seiner loyalen Haltung gegenüber dem Kaiserhaus ein höchst unwahrscheinlicher Rebell, doch er und seine Söhne mußten in den Jahren am Hof zahllose Peinigungen der Taira erdulden. Und so ergriff Yorimasa die Gelegenheit und versprach Mochihito bereitwillig die notwendige Unterstützung.

Wie schon 1160 beim Heiji-Vorfall wählte man einen Zeitpunkt für die Aktion, zu dem Kiyomori nicht in Kyoto weilte. Es war üblich, daß neu eingesetzte Kaiser zu den bedeutendsten religiösen Einrichtungen pilgerten, um den Beistand der Götter zu erbitten. Und so brach auch Kaiser Antoku, begleitet von seinem Großvater und großem Gefolge im vierten Monat des Jahres 1160 zu einer Pilgerfahrt auf. Üblicherweise hätten Nara und die Tempel auf dem Berg Hiei auf der Route gelegen, doch Antoku war ja nur eine Marionette und so ging die kaiserliche Reise zum Familientempel der Taira nach Itsukushima. Dieser Umstand gab Mochihito die Möglichkeit, sich auch die Unterstützung der Souhei (Kriegermönche) zu sichern.

Am 5. Mai 1160, kurz nach der Abreise des Kaisers, erließ Mochihito eine Proklamation, in der er die Taira als Feinde der Nation bezeichnete, die ihre Ämter zur persönlichen Bereicherung ausgenutzt und gegen die Unantastbarkeit von Kaiserhaus und religiösen Gesetzen verstoßen haben. Gleichzeitig rief er die Kriegerclans auf, ihn zu unterstützen. Doch die Taira erfuhren kurz nach Entsendung von dieser Proklamation und Kiyomori ließ die Residenz von Mochihito von seinen Truppen stürmen. Der Prinz war jedoch bereits in den Mii-dera geflüchtet.

Wie wenig Kiyomori vom Umfang der Verschwörung ahnte, wird aus seiner Reaktion ersichtlich: Er schickte Minamoto Yorimasa, um den Tempel anzugreifen und Mochihito zurückzubringen. Für Yorimasa war nun die Zeit gekommen, um Farbe zu bekennen. Er steckte sein Haus in Kyoto in Brand und begab sich mit 50 treuen Anhängern auf die Seite des Prinzen. Für die Aufständigen war es jetzt wichtig, durchzuhalten, bis die kaiserliche Proklamation eine Erhebung im Osten bewirkte. Das kleine Kontingent von Yorimasa war, wenn auch verstärkt durch die Mönche des Mii-dera, dem Gegner vollkommen unterlegen. Laut Heike Monogatari zogen die Taira 20’000 Mann für den Angriff auf den Tempel zusammen. Die einzige Hoffnung für Yorimasa war die Unterstützung der anderen Tempel, doch aus den früheren Konflikten ist ersichtlich, daß die Souhei als Verbündete nur zweifelhaften Wert besaßen. Dringende Botschaften wurden zum Enryaku-ji und Koufuku-ji in Nara gesandt, nur letzterer versprach Unterstützung.

Um aus der Defensivposition auszubrechen, schlug Yorimasa einen Nachtangriff auf das Hauptquartier der Taira in Rokuhara vor. Der Wind war kräftig und würde es erleichtern, das Gebäude in Brand zu setzen und in dem entstehenden Chaos hätte man vielleicht sogar Kiyomori gefangen nehmen können. Doch wieder einmal wurde der kühne Vorschlag eines Minamoto-Kriegers abgelehnt. Es wurde entschieden, den Mii-dera zu evakuieren und sich mit den Mönchen des Koufuku-ji zu treffen. Im Morgengrauen verließen Prinz Mochihito, Minamoto Yorimasa und ihr kleiner Verband, alles in allem kaum mehr als 300 Mann, den Mii-dera und zogen vom Berg Hiei in Richtung Nara. Die Hauptstraße von Kyoto nach Nara verläuft fast direkt nach Süden und überquert den Fluß Uji in einem Ort gleichen Namens. Die Brücke in Uji war von großer strategischer Bedeutung, da der Fluß einen natürlichen Stadtgraben für Kyoto bildete, der nur an zwei Stellen, in Uji und in Seta, trockenen Fußes passierbar war.

Als die Truppen der Minamoto Uji erreichten, war der Prinz völlig erschöpft, so daß entschieden wurde, eine Rast einzulegen. Am südlichen Ufer des Uji-gawa (auf der Nara-Seite) stand der Byoudou-in, zu dessen Bauwerken die außergewöhnlich schöne Phoenix-Halle gehörte. Sie war einst die Villa eines Fujiwara gewesen und später in einen Tempel umgewandelt worden. Der Byoudou-in wurde als Rastplatz des Prinzen auserkoren, während Yorimasa Späher aussendete, um den Fluß und die Straße nach Norden zu beobachten. Der alte Minamoto erwartete den Angriff der Taira und ließ als zusätzliche Schutzmaßnahme in der Mitte der Brücke ca. 20 Meter der hölzernen Beplankung entfernen. Danach wartete die kleine Gruppe auf die Truppen, die zuerst eintreffen würden, die verbündeten Mönche aus Nara oder die Samurai der Taira.

Die Schlacht von Uji

Als der nächste Morgen graute, standen die Krieger der Taira am Nordufer des Uji. Man konnte sie zwar von der Minamoto-Seite des Flußes aus nicht sehen, da ein dichter Morgennebel jede Sicht verhinderte, doch die Taira machten sich durch lautes Kriegsgeschrei bemerkbar. Als die Minamoto antworteten, griffen die Taira an. Ihre  Vorhut galoppierte geradewegs über die Brücke und geradewegs durch das Loch in deren Mitte. Als sich schließlich der Nebel lichtete, begann ein hef-tiges Bogenduell über den Fluß hinweg. Die Mönche erwiesen sich als ausgezeichnete Bogenschützen, die ihre Pfeile auch durch die hölzernen Schilde (Tate) schossen, die von den Taira errichtet worden waren. Minamoto Yorimasa nahm seinen Helm ab, um den Bogen leichter spannen zu können. Tief in seinem Herzen wußte er, das dieser Kampf wohl sein letzter sein würde.

Langsam begannen die unerschrockensten Gemüter unter den Mönchen, die Brücke zu erklimmen, um sich im Zweikampf zu beweisen. Der erste war ein Mönch namens Tajima, der die Scheide seiner Naginata in den Fluß warf und allein auf die Brücke sprang. Dies machte ihn augenblicklich zu Ziel für alle Taira-Schützen und die Pfeile regneten auf ihn herab. Doch Tajima gelang es, den Geschossen auszuweichen, oder sie mit der Rüstung oder seiner Naginata, die er wild herumwirbelte, abzuwehren. Dies brachte ihm den Spitznamen „Tajima Pfeilköpfer“. Tajima wurde gefolgt von dem Mönch Jomyou, der mindestens 20 Taira mit Bogen, Naginata oder Dolch zur Strecke brachte. Hinter Jomyou stand Ichirai Hochi, der reichlich frustriert war, daß der schmale verbliebene Brückensteg blockierte war. So packte er den Mönch bei den Schultern und sprang über ihn hinweg an die Front. Dort kämpfte er tapfer, bis er fiel. Jomyou zog sich inzwischen zurück und zählte 63 Pfeile, die in seiner Rüstung wie Stacheln in einem Igel steckten.

Der Kampf an der zerstörten Brücke dauerte den ganzen Tag. Einige Krieger kämpften sich bis auf die feindliche Seite vor und kehrten mit eroberten Köpfen zurück, andere sprangen schwer verwundet in den Fluß. Es gab immer noch kein Zeichen von der Verstärkung der Minamoto aus Nara, doch ihr Widerstand war so heftig, daß die Kommandanten der Taira, Tomomori und Shigehira, beides Söhne von Kiyomori und ihr Onkel Tadanori über die Aufgabe der Posi-tion nachdachten. Man zog die Möglichkeit in Betracht, den Umweg von ca. 80 km über die Brücke von Seta zu nehmen. Ihre Idee wurde jedoch von dem 18-jährigen Samurai Ashikaga Tadatsuna verächtlich abgetan. Er befürwortete, den schnell fließenden Fluß direkt zu überqueren. Die 300 Samurai des Ashikaga-Kontingents folgten ihm und Tadatsuna gab ihnen laut Heike Monogatari folgenden Ratschlag: „Faßt euch bei den Händen und geht in einer Linie hinüber. Wenn der Kopf eures Pferdes untergeht, zieht ihn hoch. Wenn der Feind auf euch schießt, spannt ihr euren Bogen nicht. Haltet den Kopf unten und das Nackenstück aufrecht, doch nicht zu weit unten, sonst treffen die Pfeile in die Helm-krone.“ Die letzte Bemerkung verweißt auf „Tehen“, das Loch in der Spitze klassischer japanischer Helme.

Und so begaben sich die Ashikaga in den Fluß und überquerten ihn sicher. Tadatsuna hatte die Ehre, als erster das südliche Flußufer zu erreichen. Doch selbst in diesem Augenblick der Aufregung vergaß er nicht die Regeln des ehrenwerten Kampfes, sondern stand in seinen Steigbügeln auf und rief laut: „Ich bin Ashikaga no Tara Tadats-una aus Shimonotsuke, Nachfahre des berühmten Kriegers Tawara Toda Hidesato in der 10. Generation.“ Mit dem Ende seiner Rede gab er seinem Pferd die Sporen und stürmte mit seinen Kriegern bis zu den Toren des Byoudou-in. Das Azuma Kagami, eine zeitgenössische Chronik berichtet mit der Hervorhebung von eigenartigen Vorzügen über ihn mit: „Es wird in der Zukunft keinen Krieger wie Tadatsuna geben. Er übertraf alle anderen in drei Dingen: seiner körperlichen Kraft, die der von 100 Männern entspricht, seiner Stimme, die man noch einer Entfernung von 10 Ri (ca. 39 km) hören kann und seiner Zähne, die über ein Bu (ca. 3 cm) lang waren.“

Die Hauptstreitmacht der Taira war sichtlich beschämt wegen der Tapferkeit ihrer Verbündeten und so gab Taira Tadanori den Befehl, auch die restliche Armee überzusetzen. Für einen kurzen Augenblick bildete die Masse der Männer und Pferde einen Wall, der den gesamten Fluß aufstaute, bis der Druck des Wassers so groß wurde, daß die Masse auseinanderbrach und die Armee der Taira von den Fluten weggespült wurden. Die meisten von ihnen überstanden dies schadlos, da die Aufmerksamkeit der Minamoto durch den Angriff der Ashikaga gebunden war. Trotz dieser Widrigkeiten konnten sich die Taira kurz darauf sammeln und zum Großangriff auf den Byoudou-in übergehen.

Wie ein alter Baum...

In den Wirren des Kampfes floh Prinz Mochihito in Richtung Nara, während Yorimasa und seine Söhne die überwältigende Übermacht der Taira aufhielt. Nachdem der greise Krieger von einem Pfeil am Arm getroffen wurde, zog er sich zurück, während sein jüngster Sohn Kanetsuna eine Gruppe Taira-Krieger aufhielt, die Jagd auf den Kopf des alten Mannes machte. Ein Pfeil traf Kanetsuna unter dem Helm und auch sein Bruder Nakatsuna wurde tödlich verwundet, jedoch konnten sie die Taira lange genug aufhalten, so daß ihr Vater begehen konnte, was man die klassische Form von Seppuku nennt. Dies war zwar nicht das erste schriftlich erwähnte Seppuku der japanischen Geschichte, jedoch wurde der Selbstmord von Yorimasa mit so viel Würde ausgeführt, daß er als Vorbild für noblen Weg diente, den ein besiegter Krieger nimmt, um die Welt zu verlassen. Während seine Söhne die Tore verteidigten, schrieb Yorimasa ein Abschiedsgedicht auf die Rückseite seines Fächers. Danach stieß sich der 74-jährige seinen Dolch in den Bauch, schnitt ihn auf und starb. Ein treuer Verbündeter nahm seinen Kopf, beschwerte ihn mit Steinen und warf ihn in den Uji, wo ihn kein Trophäenjäger der Taira finden sollte. Sein Sohn Nakatsuna folgte ihm im kurz darauf im Seppuku.

Auch als in späteren Jahrhunderten der esoterische Buddhismus in Form des Zen starken Einfluß auf die Kriegerkaste ausübte, blieb der rituelle Selbstmord ein zentraler Inhalt des Kriegerdaseins. Im Buddhismus wird das Töten zwar abgelehnt, jedoch lehrte er die Ideen der Nicht-Existenz des Ich und der Selbstverleugnung zur Überwindung der Leiden, die aus den eigenen Begierden resultieren. Diese Lehre untermauerte so die Vorstellung vom Ethos der Samurai und half den Kriegern, physische Härten und selbst den Tod auf sich zu nehmen.

Das  Ende der Revolte

Nachdem die Helden der Minamoto aus dem Weg waren, stürmten die Taira durch den Byoudou-in und starteten die Verfolgung des Prinzen Mochihito. Sie holten ihn auf der Höhe eines Shintou-Schreines ein, vor dem der Anstifter des Komplotts im Pfeilha-gel starb. Nur ein paar Stunden später traf die Verstärkung der Minamoto, 7’000 Souhei vom Koufuku-ji ein, doch nachdem sie von dem schnellen Ende der Rebellion erfuhren, begaben sie sich wieder zurück zu ihren Tempeln. Die Taira zogen inzwischen im Triumph in Kyoto ein; mit sich die Köpfe von Prinz Mochihito und der Söhne von Yorimasa.

Die Schlacht am Uji, ausgetragen am 23. Juni 1180 markiert das plötzliche und dramatische Ende der ersten Phase des Gempai-Krieges. Noch bevor der Ruf des Prinzen die östlichen Provinzen erreichte, war Prinz Mochihito tot und die Rebellion, die er proklamiert hatte, niedergeschlagen.

Dieser Revolte folgte auch fast die Auslöschung der Kriegermönche als Institution. Kaum daß sich der Staub am Uji gelegt hatte, sann Kiyomori auf Rache. Im Herbst griff Taira Tomomori mit 10’000 Samurai den Mii-dera an. Die Mönche errichteten Barrieren aus Schilden und gefällten Bäumen und der Kampf dauerte den ganzen Tag, bis die Tempelanlage in Brand gesetzt wurde. Der Schaden war zwar nicht viel größer als bei den zahllosen Kämpfe zwischen den Tempeln, doch auch die Tempel von Nara sollten bestraft werden, da der Koufuku-ji und der Toudai-ji Unterstützungstruppen für Mochihito geschickt hatten. Kiyomori versuchte zuerst eine politische Allianz mit den Gakushou, den Lehrpriestern, in der Hoffnung, sie könnten die aufbrausenden Souhei unter Kontrolle halten. Doch es war bereits zu spät für Verhandlungen. Die Mönche antworteten auf Kiyomori’s Botschaft, in dem sie dem Boten mit Gewalt den Kopf rasierten, so daß dieser in Panik zurück nach Kyoto floh. Um die Beleidigung zu einer Kränkung zu steigern, machten die Souhei in Nara einen hölzernen Kopf, den sie den „Kopf von Kiyomori“ nannten und im Hof herumkickten. Kiyomori handelte noch immer mit Vorsicht und sandte 500 Mann mit der Order, keine Gewalt einzusetzen, selbst wenn provoziert. Die Mönche griffen die Gesandtschaft jedoch sofort an. Etwa 60 Mann fielen dem Kampf zum Opfer, deren Köpfe am Teich von Sarusawa, gegenüber dem südlichen Tor des Koufuku-ji zur Schau gestellt wurden.

Damit war das Maß voll und Kiyomori befahl einen Großangriff auf Nara. Das Kommando bekam Taira Shigehira. In Nara erkannte man die drohende Gefahr und ca. 7’000 Mönche, jung und alt, Souhei und Gakushou, bereiteten sich auf den Angriff vor. Auf den Wegen wurden Löcher gegraben und Palisaden errichtet, während die Bogenschützen hinter hölzernen Schilden warteten. Am 19. Dezember 1180 kam es zur Schlacht. Die meisten Mönche kämpften zu Fuß und die berittenen Krieger der Taira griffen sie wiederholt an, doch der verbissene Widerstand der Mönche hielt sie bis zum Abend auf. Die Mönche wurden dabei besonders von einem Souhei namens Yogaku inspiriert, ein Mann von enormer Stärke, der zwei Rüstungen übereinander trug. Da zu Nachteinbruch keine Entscheidung gefallen war, entschied Taira Shigehira, die tödlichste Waffe aus dem Arsenal der Samurai einzusetzen: Feuer. Der Nutzen dieser Waffe wird schon in früheren Schlachten ersichtlich, wenn gleich der Umgang mit Feuer ein ziemliches gefährliches Geschäft war. Shigehira hat dies zweifellos bedacht, als er anordnete, einige Hütten in Brand zu setzen. Gegen 5 Uhr Morgens kam Wind auf und die Flammen sprangen durch den ganzen Tempel-komplex, von Wohnhaus zu Pagode, von Pagode zu Glockenturm. Heike Monogatari berichtet: „Die, die zu alt waren, um zu fliehen, die Kinder und Mädchen brachten sich im obersten Stockwerk des Daibutsu-den (die Halle des Großen Buddha) in Sicherheit und zogen die Leiter hoch, damit der Feind ihnen nicht folgen konnte. Doch die Flammen erreichten sie zuerst und ein großes Schreien und Wehklagen erhob sich, das selbst nicht durch die Sünder übertroffen werden kann, die in den Flammen von Tapana, Pratapana und Avitchi, den heißesten der Acht heißen Höllen, brennen.“

Der Koufuku-ji brannte bis auf die Grundmauern ab, ebenso der Toudai-ji, der „Große Tempel des Ostens“, Stolz von Kaiser Shomu vier Jahrhunderte zuvor. Auch die große Buddhastatue, vor der sich der Kaiser verneigt hatte, fiel den Flammen zum Opfer: „...die kolossale Statue des Vairochana Buddha aus Kupfer und Gold, deren Kopf sich in den Wolken befand ... zerfloß in der Hitze, so daß die Verziehrungen herabfielen und der Körper zu einer unförmigen Masse zusammenschmolz....“.

Alles in allem starben 3’500 Menschen in den Flammen. Nur der Shousou-in, das ehemalige Lagerhaus von Kaiser Shomu blieb verschont und ist bis heute erhalten geblieben. Die Köpfe von 1’000 getöteten Mönchen wurden nach Kyoto gebracht und zur Schau gestellt. Noch Monate nach diesem Vorfall gab es in ganz Nara keine Priester, die wichtige Zeremonien durchführen konnten.

Des Glückes Ausklang

Die Vorhersagen von Shigemori schienen sich zu bewahrheiten, denn auch der Clan der Taira mußte einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen. Taira Kiyomori, das Oberhaupt des Clans, lag im Sterben. Doch noch auf dem Totenbett war er unerbittlich. Er verlor keine Worte über Schicksal oder Karma, oder äußerte den Wunsch, in Amida’s reinem Land wiedergeboren zu werden, sondern er dachte nur daran, einen Fehler seiner Vergangenheit zu korrigieren: „Vollzieht keine buddhistischen Rituale, wenn ich tot bin. Schlagt nur Yoritomo den Kopf ab und legt ihn vor mein Grab. Das ist der beste Dienst, den ihr mir erweisen könnt.“ Und so starb Taira Kiyomori am 20. März 1181.  Um seine letzten Worte zu verstehen, muß man einige Ereignisse rekapitulieren, die sich 1180 im Osten, weit weg von Kyoto, zugetragen haben.